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Mehr als eine Inspiration

Uns war vollkommen klar: Auch wenn wir Kinder kriegen, bleiben wir gleichberechtigt. Wir teilen alles halbe-halbe – Arbeitszeit, Erziehungszeit, Haushalt, Zeit mit dem Kind…

 

Uns war vollkommen klar: Auch wenn wir Kinder kriegen, bleiben wir gleichberechtigt. Wir teilen alles halbe-halbe – Arbeitszeit, Erziehungszeit, Haushalt, Zeit mit dem Kind… Das sollte ja wohl kein Problem sein in der heutigen Zeit, bei zwei Akademikern, die sich der Geschlechterfallen bewusst sind und schon ausgibig über das Thema diskutiert haben. Soweit die Theorie.

Die Praxis war um einiges komplizierter. Denn in der Realität reicht es nicht, gleichberechtigt zusammen leben zu wollen. In der Realität ist es ein täglicher Kampf. Ein Kampf gegen gesellschaftliche Strukturen, ein Kampf gegen das soziale Umfeld, ein Kampf gegen die eigenen, tief verinnerlichten Werte.

Fangen wir am Anfang an. Unser Sohn war geboren. Wir hatten beide keine oder kaum Erfahrung mit Säuglingen. Aber ich war die Mutter dieses kleinen Wurms, also habe ich einfach losgelegt und probiert, ausprobiert was funktioniert und was nicht, wie ich den kleinen Schreihals beruhigt kriege, welcher Tagsablauf der entspannteste ist. Ich habe rum experimentiert. Manchmal hat es funktioniert, manchmal nicht, mit der Zeit wusste ich, wie es geht. Mein Mann hat nicht experimentiert, mein Mann hat geguckt und gefragt. Geguckt, was ich mache, gefragt, wie ich es mache und alle guten Ratschläge dankbar angenommen und umgesetzt. Es hat funktioniert und wir fanden es beide super. Alles gleichberechtigt, jeder investiert gleich viel Zeit, jeder macht das gleiche.

Aber ist dem einen oder anderen was aufgefallen? Richtig, die Verantwortung, zu wissen, was das richtige ist, lag bei mir! Das war unser Fallstrick, der uns einem wirklich gleichberechtigten Miteinander im Wege stand. Nun könnte man sagen, ist doch schnuppe, wenn ich doch die richtige Intuition habe, sollen wir doch beide davon profitieren. Haben wir auch gedacht.

Aber soll ich euch was sagen, es kostet Kraft. Es kostet unglaublich viel Kraft immer zu wissen, was für alle das richtige ist. Es kostet Zeit, alles zu organisieren, auszuprobieren, nachzulesen und zu hinterfragen. Und gleichberechtigt ist es nicht. Denn ich, die Mutter, bleibe die letzte Instanz, ich muss wissen, wie es geht, ich trage die Verantwortung. Der Vater bleibt in so einer Konstellation der engagierte, talentierte und allzeit einsetzbare Praktikant. Das war es nicht, was wir wollten.

Genau genommen bleibt es doch in den meisten Fällen klassisch, mit dem Unterschied, dass die Mütter schon nach einem Jahr wieder arbeiten und die Kinder in der Krippe sind. Die Rollenaufteilung hat sich aber in den wenigsten Fällen geändert. Die Verantwortung für die Kinder und den Haushalt, die Doppelbelastung bleibt bei den Frauen. Natürlich machen Väter heute mehr mit ihren Kindern, als zu der Zeit, als wir noch Kinder waren. Aber das ändert nichts an der Zuständigkeit. Sehr schön auf den Punkt gebracht übrigens bei Antje Schrupp. Es gibt außerdem noch eine interessante Studie zu dem Thema: Die widersprüchliche Modernisierung der elterlichen Arbeitsteilung.

Dieses Problem löst sich nicht, mit einem weiteren Ausbau der Krippenbetreuung, nicht mit noch mehr Druck, dass Frauen arbeiten und trotz Familie Karriere machen sollen. Frei nach dem Motto – “So und so viel Prozent der Mütter arbeiten und machen trotz Kinder Karriere, damit ist die Gleichberechtigung bewiesen.” Das reicht nicht. Auf die Weise bleibt Gleichberechtigung eine Illusion. Und es ist auch nicht zweckmäßig, beide Debatten zu entkoppeln, und zu denken, nun stellen wir erstmal sicher, dass wir genau so viel Karriere machen können, wie die Männer und die Zuständigkeitsdebatte bei Kind und Haushalt führen wir später oder hoffen sogar, dass sie sich von alleine erledigt. Sie wird sich nicht von alleine erledigen. Und um so mehr wir in der Arbeitswelt gleichberechtigt sind, um so schwerer wird es werden, die Gleichberechtigungsdebatte zuhause zu führen, denn es wird immer schwerer zu “beweisen”, dass wir trotz allem öberflächlichen Schein kein gleichberechtigtes Miteinander erreicht haben.

Das Denken, in dem Frauen immer noch die letzte Instanz sind, muss sich dringend ändern. Ein Denken, in dem Frauen sich mit einem permanent schlechtem Gewissen rumschlagen. Den Kindern gegenüber, für die sie nicht genug Zeit haben, dem Partner gegenüber, dem sie keine tolle, attraktive, aufmerksame, aufregende Ehefrau sind, dem Arbeitgeber gegenüber, dessen Erwartungen sie nicht erfüllen, den Kollegen gegenüber, denen sie schon wieder Aufgaben aufbrummen mussten, die sie selbst nicht geschafft haben, den Freundinnen gegenüber, weil sie sie schon wieder nicht zurück gerufen haben, ja selbst dem Haushalt gegenüber, den sie nicht schaffen.

Ich bin ein bisschen vom Thema abgekommen. Wo war ich? Genau, gleichberechtigt zusammen zu leben ist – zumindest mit Kindern – schwerer, als wir dachten und mit jedem Kind wurde es schwerer!

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