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Ich bin eine von den Frauen, die ihren Körper nicht mögen

Mein Körper und ich sind keine Freunde. Auch, weil mir viele Medien suggerieren, dass ich nicht schön bin – und so streite ich mich weiterhin mit mir selbst und möchte doch so gern Selbstliebe lernen und an meine Töchter vermitteln. Wie bekomme ich das hin?

 

Können mein Körper und ich noch Freunde werden?

Heute habe ich endlich die Dokumentation „Embrace“ gesehen. Ich habe mich seit Wochen davor gescheut, obwohl ich weiß wie wichtig das Thema ist, aber ich bin betroffen. Ich bin eine von den Frauen, die ihren Körper nicht mögen. Ich versuche wirklich seit vielen Jahren mit meinem Körper Frieden zu schließen der schon immer etwas zu dick, zu moppelig, zu breit gewesen ist.

Als Kind schmierte mir meine Oma immer nur dünn Butter auf den Toast, ich war nämlich schon zu kräftig. Als Kind war ich immer die schlechteste in Sport, ich war eben dicker als der Rest. Dieses Bild ist in mir geblieben und Butter versuche ich auch tunlichst zu vermeiden, seit jeher.

Bereits als Jugendliche war ich gefühlt immer die Dickste im Freundeskreis und war froh wenn ich mal jemanden traf der ähnlich gebaut war wie ich, damit ich mich nicht so einsam fühlte. Zu meinem Abiball trug ich das gleiche Kleid wie zur Beerdigung meiner Oma. Ich hatte nicht die Energie, Kleider anprobieren zu gehen, die dann doch für Mädchen gemacht waren, denen ich nicht entsprach – also entschied ich mich für bunt, für extravagant, für das Verstecken im Rampenlicht.

In der Schulzeit hörte ich nie von jemandem, dass ich hübsch sei. „Interessant, bunt, lustig, mit Ausstrahlung usw…“ das hörte ich oft, aber hübsch? Dieses Wort sagte keiner zu mir und das verletzte mich. Diese Erfahrung blieb kleben an mir, wie die Suche nach Schönheit.

Dann wurde ich arm aber sexy

In meiner Lehrzeit war ich dann plötzlich recht schlank, es lag daran, dass ich kein Geld für Essen hatte und einfach nur noch Reis mit Ketchup aß. Ich hatte das Gefühl endlich begehrt zu werden und spürte das auch. Gleichzeitig war ich viel krank, anfällig für Infekte und hatte Krämpfe aufgrund vom Magnesium Mangel. „Arm aber sexy“, der Spruch prägte diese Jahre.

Dann traf ich meinen Mann und er kochte das erste Mal richtig für mich. Er sorgte dafür, dass ich mich richtig ernährte und er nannte mich nicht nur hübsch, sondern auch schön, klug und sexy. Nachdem ich all die Jahre darauf hingearbeitet hatte, dass das eine Masse an Menschen sagen würde, fühlte es plötzlich so richtig an, dass es eigentlich nur die richtige Person hatte sagen müssen.

Seit dieser Zeit ist mein Gewicht immer mal wieder weniger und mal mehr. Generell gibt es aber einige Dinge die sich anscheinend nicht mehr verändern können, dazu gehören meine Falten und meine Kurven, sie werden wohl bleiben, trotz Sport und reinem Salatbuffet am Abend seit Wochen.

Inzwischen weiß  ich jedoch was mein Körper leisten kann. Er hat drei Kinder geboren und zig durchwachte Nächte durchlebt. Er hat Berge bestiegen, Flüsse durchschwommen und Partys gefeiert. Er wird nicht immer gut von mir behandelt, ich hätte ihn gern schmaler, schöner und angepasster – aber vielleicht kann ich das einfach nicht, dieses angepasst sein.

Sich selbst anzunehmen, ist ein schwieriger Prozess

Ich vertrage es inzwischen besser, wenn mir Leute sagen, dass ich eine tolle Ausstrahlung habe und einen tollen Stil. Zufrieden bin aber trotzdem nicht und es wäre auch gelogen das zu behaupten. Meine Brüste sitzen nicht mehr da wo sie eigentlich hingehören, mein Po passt in kaum eine Hose, meine Arme sagen beim Winken „Hallo und Tschüss“ und meine Tattoos waren mal Sterne und sind nun Sternschnuppen geworden.

Filme wie Embrace oder Blogs wie Journelle legen den Finger auf meine ganz persönliche Wunde. Sie zeigen mir wie sehr ich noch am Anfang der Akzeptanz meines eigenen Körpers stehe und wie viel ich noch zu lernen und auch aufzuarbeiten habe. Laut vielen Medien bin ich nicht schön, nicht begehrenswert, dabei möchte auch als schön wahrgenommen werden, es ist hart mit sich selbst so zerstritten zu sein.

Ich will meinen Kindern beibringen, Körpervielfalt zu feiern

Ich weiß längst, dass ich netter zu mir und meinem Körper sein müsste, ihn nicht als notwendiges Übel empfinden sollte, denn er und ich wir sind ein Team, eine Verbindung auf Lebenszeit. Ich möchte mit meinen Kindern lernen, Körpervielfalt zu feiern und muss aufhören, einem Bild hinterher zu rennen, das ich noch nie erfüllt habe und auch nicht mehr erfüllen werde. Ein inneres Bild von „sei perfekt, seit super, sei in Form, sei Mainstream“, was mir in den Medien vorgegaukelt wird und was die Schaufensterpuppen dann verfestigen.

Der Gang in die XXL Abteilungen, ab Gr. 42, in einem Kaufhaus fällt mir schon immer schwer, auch fühle ich mich beschämt, wenn ich bei King Louie die Strumpfhosen nicht über meinen Hintern bekomme und kaufe inzwischen nur noch Marken, bei denen ich weiß was passt und was über meine Brüste geht.

Ich versuche an mir zu arbeiten, an meinem Selbstbild. Wenn man mir inzwischen Komplimente macht, so hole ich tief Luft und bedanke mich statt abzuwinken. Ich musste das erst lernen, dieses Annehmen. Ich nehme es mit in mein Innerstes nehmen, wo es hoffentlich wachsen kann und mir dabei hilft, die Message „Liebe deinen Körper, denn er ist der einzige den du hast“ zu säen und weiterzutragen – an meine Kinder, an mein Herz.

Der erste Schritt ist nun getan, ich habe mich endlich getraut und den Embrace-Film gesehen (und habe ein bisschen geweint) und dann habe ich diesen Text hier geschrieben – und das ist vielleicht der Anfang einer neuen, einer anderen Geschichte.

Alu Kitzerow

Dieser Text ist zuerst bei grossekoepfe.de erschienen. Wir freuen uns, dass wir ihn auch hier veröffentlichen dürfen.

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