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Mein Tanzbereich – Dein Tanzbereich

Etikette ist kein Schmuckstück, Knigge ist keine Krankheit. Wie wir mit wenigen Dingen unsere Mitmenschen verblüffen und ein wenig glücklicher machen können.

 

An einem sonnigen Herbsttag war ich in meiner Mittagspause auf der Suche nach einem Brötchen. Ich wollte die Zeit nutzen, im Sonnenschein dem Büroalltag kurz zu entkommen. Mit guter Laune startete ich meinen Weg in Richtung Bäckerei. Doch bereits nach 200m wurde ich von einer jungen Frau angerempelt. Ich entschuldigte mich, doch die Dame hatte mich gar nicht registriert, sondern tippte auf ihrem Smartphone weiter herum. Achselzuckend setzte ich meinen Weg fort.

Im Eingang der Bäckerei wurde ich von einem älteren Herrn umgerannt, der mich an maulte, ich solle nicht im Weg stehen. Dabei wollte ich ihm nur die Tür aufhalten. Ich stellte mich an das vermeintliche Ende der Schlage und wurde prompt von einer älteren Dame in die Schranken gewiesen, ich solle mich nicht vordrängeln. Entgeistert entschuldigte ich mich und stellte mich etwas abseits hinter eine Gruppe Schüler. Nachdem ich an der Reihe war und die Verkäuferin anlächelte, sah die mich nur an. Ich bat um ein belegtes Brötchen und verabschiedete mich mit einem freundlichen „Einen schönen Tag“ bei ihr. Eine Erwiderung erhielt ich nicht.

Mein Tanzbereich – Dein Tanzbereich

Meine Eltern habe mir beigebracht, dass ich auf andere Menschen Rücksicht nehmen soll, älteren Menschen meinen Platz in der vollen Bahn anbieten soll und Müttern mit Kinderwagen beim Ein- und Aussteigen in selbige helfen soll. Ein wichtiger Punkt war aber auch bei Seite zu treten, wenn es an einer Stelle eng ist, um andere Menschen nicht unnötig anzurempeln.

Eine Filmpassage beschreibt das ganz schön: „Das ist mein Tanzbereich und das ist Dein Tanzbereich. Ich komme nicht in Deinen und Du nicht in meinen.“. Besser kann man ein Miteinander wohl kaum beschreiben. Obwohl zusammen gibt es doch natürliche Grenzen. Es fühlt sich nicht richtig an, anderen Menschen bis auf wenige Zentimeter nah zu kommen. Insbesondere wenn man diese nicht kennt. Und doch scheint das Verhalten völlig normal geworden zu sein. Ich persönlich möchte keinen Unbekannten so nah an mich heranlassen und will dieses beklemmende Gefühl auch keinem anderen geben. Die wenigsten Menschen scheinen jedoch dieses natürliche Hindernis zu verspüren und rempeln, schubsen und schieben was das Zeug hält.

Etikette ist kein Schmuckstück, Knigge ist keine Krankheit

Im gesellschaftlichen Miteinander ist es sinnvoll, sich an gewisse Spielregel zu halten. Auch wenn einige angestaubt wirken, haben sie dennoch heute Relevanz. Erstaunlich finde ich die Reaktionen anderer, wenn ich mich beispielsweise entschuldige, jemanden zu nahe gekommen zu sein. Oder wenn ich meinen Kaufwunsch in Form einer Bitte äußere und das mit einem Lächeln: hier ernte ich oft verständnislose Blicke. Es gibt aber auch tolle Erlebnisse. Als eine Verkäuferin mir das Kompliment gemacht hat, es sei ihr eine Freude gewesen, mich als Kundin zu haben, da ich so freundlich und höflich mit ihr umgegangen bin, hat sie mich glücklich gemacht.

Mit einem Lächeln, Bitte und Danke sowie ein wenig Rücksicht kann man anderen offenbar den Alltag versüßen. Wie schön, dass das noch geht. Viele sagen jetzt sicher, dass jeder zumindest die Tageszeit als auch Bitte und Danke sagt. Achten Sie mal drauf, wie wenige Leute das tatsächlich noch machen.

Im Zeitalter der Smartphones fällt es auf, dass keiner mehr etwas von seiner Umwelt und seinen Mitmenschen mitbekommt. Im Firmenumfeld ist das genauso spürbar. Ob im Meeting oder Kundentermin, mindestens 2 Smartphones liegen auf dem Tisch. Dabei geht es doch in solchen Terminen um die Menschen und deren direkten Austausch, oder? Ich persönlich empfinde es als unhöflich und respektlos, wenn mein Gesprächspartner während eines Meetings mit seinem Smartphone beschäftigt ist. In solchen Situationen habe ich des Öfteren das Meeting beendet und darauf verwiesen, dass wir den Termin nachholen, wenn er tatsächlich Zeit für mich hat. Solche Äußerungen rufen Verblüffung hervor, sind aber tatsächlich heilsam.

Gewisse Umgangsformen verhelfen uns nicht nur, sich bei unterschiedlichen Gelegenheiten richtig zu verhalten. Sie geben uns auch die Sicherheit, mit  Menschen umgehen zu können. Viele junge Leute haben (aus unterschiedlichen Gründen) oft gar keine Vorstellung von Etikette oder warum es sinnvoll sein kann, sich so ein „Schmuckstück“ anzueignen. Sie stoßen mit ihrem flapsigen Verhalten auf Widerstände und wundern sich, dass sie nicht ernst genommen werden. Ein unhöfliches Auftreten wird als störend und unreif empfunden, was den gegenteiligen Effekt erzielt, als der, der vom Unhöflichen eigentlich bezweckt wird. Höflichkeit kann entkräftend wirken, wenn man sich nicht durch andere irritieren lässt. Sie bietet keine Angriffsfläche und man selbst bleibt distanziert.

Und seien wir mal ehrlich: ein netter respektvoller Umgang ist doch entspannter als sich gegenseitig anzublaffen. Es fühlt sich besser an und macht Lust darauf, die Mitmenschen doch näher an sich ran zu lassen.

In meinem eigene Interesse werde ich (auch wenn mich der ein oder andere belächelt) weiter anderen den Vortritt lassen, bitten und danken und versuchen, mein Gegenüber so zu behandeln, wie ich mich gerne behandelt fühlen würde. Dann klappt das auch mit dem gemeinsamen Tanz, ohne in den Tanzbereich anderer einzudringen.

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