Foto: - selbst geschossen -

#metoo #ididittoo als Mittel zur Sichtbarkeit. Der erste Schritt zur Machtauflösung.

Damit sich die Machtverhältnisse ändern, braucht es mehr als den hashtag #metoo. In den sozialen Medien fand dieser hashtag als Emanzipierungsaufruf ausgelöst durch die sexuellen Missbrauchsvorwürfe über den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein statt. Viele kopierten den selben Satz darunter, ursprünglich von der Schauspielerin Alyssa Milano:

„If all the women who have been sexually harassed, assaulted, or abused wrote ‚Me too.‘ as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem.“

 

Mich hat dieser hashtag erst genervt. Genau dieser Umstand, bringt mich dazu meine Sicht zu äußern, denn ich will es nicht müde sein über die alltägliche sexuelle Gewalt gegenüber Frauen – gegenüber mir selber – aber auch gegenüber Kindern, Teenager*innen, LGTB Menschen und selten auch gegenüber Hetero-Männern nachzudenken. Ich möchte meine Wut zurück, denn nur Wut verändert. Gerade beim sensiblen Thema sexuellen Missbrauch braucht es Stimmen, die persönliche Erfahrungen schildern, die psychologische wie gesellschaftliche Komponenten aufzeigen. Das ist deshalb so wichtig, weil die Machtausübung, die sich durch sexuellen Missbrauch ausdrückt zwar ein Individuum trifft, aber dieses bis zu einem gewissen Grad austauschbar ist. #metoo in der reinen Quantität mag die Verbreitung sexuellen Missbrauchs ausdrücken, wird aber gleichzeitig zu einer Plattitüde, die die Vielfältigkeit ausspart und dadurch nie an die Wurzeln des Problems heranreicht. So droht #metoo zu einer Art Verallgemeinerung zu werden und jede Verallgemeinerung trägt in sich ein Element des Missbrauchs, denn die Würde der*s Einzelnen wird dem Bild der Allgemeinheit geopfert.

Früher habe ich gedacht, mir passiert das nicht, dass ich sexuell missbraucht werde. Aber nicht wie ich dachte, dass ich keinen Unfall erleide, sondern weil ich meinte, ich sei nicht hübsch genug. Ich weiß nicht wie lange ich das gedacht habe, als kleines Mädchen bis Mitte 20 etwa. Ich dachte nur niedliche Mädchen
mit goldenen Locken, so wie meine Cousine, werden vergewaltigt. (In meiner
Familie wurde niemand sexuell missbraucht.)
Ich habe mich trotzdem relativ früh mit sexuellem Missbrauch auseinandergesetzt. Im Grundschulalter.
In meiner Fantasie kannte ich fast diesen geheimen Wunsch auch missbraucht zu werden. Als wäre dies die Anerkennung attraktiv zu sein, vielleicht sogar die
überhaupt weiblich zu sein. Das ist dann genau die Schiene, du willst es doch
auch.

Ich habe lange gebraucht um dahinter zu kommen, wie ich solche Gedanken haben konnte. Gründe dafür waren mein geringes Selbstbewusstsein und ein niedriges Selbstwertgefühl. Zudem hatte und habe ich die Tendenz alles aus meiner Umwelt extrem stark aufzunehmen. Emphatische Anteile, durch die es mir schwer fällt zwischen meinen Grenzen und denen meiner Mitmenschen zu unterscheiden. Aber, ich habe auch narzisstische Anteile, die einem Aufmerksamkeitsdefizit, fehlendem Verständnis entspringen und Machtspiele zumindest in der Vergangenheit hervorbrachten.

NEIN, ICH WILL DAS NICHT. Und ich wünschte jeder*m wäre es möglich im entscheidenden Augenblick diesen Satz laut und deutlich auszusprechen. Ich wünschte so etwas wie die körperliche oder psychische Reaktion der Schockstarre gäbe es nicht.

Schließlich kam ich doch in Kontakt mit Missbrauch, dieser alltäglichen nicht ‚so schlimmen’ Gewalt oder ich konnte durch Glück Schlimmerem entgehen.

Das erste Mal, dass ich mich erinnern kann war im Grundschulalter. Ich fahre Fahrrad in der Straße, in der unser Mietshaus steht. Wir wohnten als Familie in einer ansonsten neureichen Gegend. Ein Mann wollte, dass ich in sein Auto steige, um ihm zu zeigen wo der Flaschencontainer ist. Ich habe das nicht gemacht, weil dieser fast in Sichtweite war und ich ihm den schon gezeigt hatte. 

Die schlimmste Situation, eine dumme Geschichte aus meinem Backpackerleben in Australien. Für die ich mich sehr lange geschämt habe, dabei habe ich nichts
gemacht außer, dass ich mit 20 etwas unvernünftig war, zu einer vermeintlichen Party mitzufahren. Die Konstellation der Menschen – es waren nur Männer – war schwierig, aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Aus Entfernungsgründen kam es dazu, dass ich dort meinte übernachten zu müssen. Nachdem sich ein 30 Jahre älterer fremder Mann zu mir ins Bett legte und angefangen hat mich anzufassen, bin ich geflohen und habe eine Nacht, ohne meine Wertsachen auf der Straße verbracht. Am nächsten Tag habe ich mir meine Sachen geholt, aber ich habe ihm nicht wirklich meine Meinung gesagt.

Zweitschlimmste Situation meine Freundin weckt mich in einem Hostel-Mehrbettzimmer, weil sich während ich schlafe ein fremder Typ neben mir einen runterholt. Zehn Jahre später erzähle ich das meinem damaligen Freund, der das nur lustig findet.

Nachdem mir jemand K.-o.-Tropfen auf einer Wohnheimparty in mein Glas geschüttet hatte bin ich im Winter gestürzt, hätte beinahe meine Wohnung nicht gefunden und hatte einen kurzen Filmriss. Am nächsten Morgen hatte ich glücklicherweise kein dreckiges Gefühl, wie das ansonsten beschrieben wird, nach einem Missbrauch unter Drogeneinfluss.

Meine Cousine und ich landen in einem spanischen Dorf im Nirgendwo. Zum Glück hat uns der Typ überhaupt noch rausgelassen. Selber schuld, weil wir getrampt sind. Das Geld was wir sparen wollten ging für das dortige Hotelzimmer drauf.

Neulich regte sich eine Freundin von mir auf als uns Typen hinterherhupten. Sie sagte, sie nerve dieses ständige Gezische und Gepfeife – ich habe darauf erwidert mittlerweile Anfang 30 nehme ich das als Kompliment. In zehn spätestens fünfzehn Jahren pfeift uns keiner mehr hinterher. Aber, es gab eine Zeit in der ich mir manchmal gewünscht habe ein Kopftuch zu tragen. Beide Reaktionen können nicht die sein, die etwas verändern.

Klar, kenne ich auch noch ganz andere Geschichten von Missbrauch, in denen Menschen aus dem direkten Umfeld verwickelt sind. Geschichten, in denen auch Frauen mitspielen und zu ihrem schuldigen Partner halten. Mir wurde auch selber einmal vorgeworfen von einer Frau, dass ich sie missbraucht habe. Viele waren parteiisch und hielten zumindest aus meinem Umfeld den Vorwurf für übertrieben. Ich nicht, ich kannte mein Gefühl dabei, das sich am Machtmissbrauch kurzzeitig aufgegeilt hat. Abgesehen davon, dass die Stimme des Opfers zählt.

Deshalb #metoo, aber auch #ididittoo. Ich bin dafür persönliche Erfahrungen zu teilen und tabuisierte Themen zu untersuchen, wie der Vorstellung Frauen ständen insgeheim auf eine Vergewaltigung. Und wenn, dass einige Frauen tun, dann warum? Außerdem wollen lange nicht alle Fantasien realisiert oder können mit gegenseitigem Einverständnis als Spiel umgesetzt werden. Ich bin dafür die Struktur von Opfer- und Täterbildern genauer zu hinterfragen. Ich war als Frau Täterin und zwar genau mit dem Machtspiel im Kopf, dass ich als bisexuelle Frau mir eben auch meine Macht holen kann, genau wie ‚die Männer’. Um mit den pathetischen Worten Jimi Hendrixs zu schließen: „Wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht überwindet, erst dann wird es Frieden geben.“ Bis dahin müssen wir uns alle wehren, aufmerksam sein und Bewusstsein schaffen.

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