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Weltoffenes Deutschland? Im neuen Bundestag haben nur 8 Prozent der Abgeordneten Migrationsgeschichte

Der neu gewählte Bundestag wird insgesamt größer, ihm mangelt es jedoch an Vielfalt. Der Frauenanteil ist stark gesunken und auch Menschen mit Wurzeln in anderen Ländern sind weiterhin unterrepräsentiert.

 

Bundestag ohne Vielfalt

Nein, moderner und offener wird Deutschland gerade nicht, das spiegelt sich insbesondere auf der politischen Ebene wieder, denn über zehn Prozent der Deutschen, je nach Region sogar deutlich mehr, wählten eine Partei, die weit zurück in die Vergangenheit möchte. Während Deutschland aber de facto vielfältiger wird, da zum Beispiel immer mehr Menschen in neuen Familienmodellen leben, ihre sexuelle Orientierung oder Identität seltener verstecken und Menschen einwandern oder nach einer Flucht sich hier ein Zuhause aufbauen, spiegelt sich dieser gesellschaftliche Wandel in der Zusammensetzung des Bundestags so nicht wieder.

Der Mediendienst Integration hat recherchiert, dass im 19. Deutschen Bundestag nur etwa acht Prozent der Abgeordneten einen Migrationshintergrund haben. 2017 lebten in Deutschland hingegen rund 18,6 Millionen Menschen, die Wurzeln in anderen Ländern haben. Das entspricht rund 22,5 Prozent. Menschen mit Migrationshintergrund werden also im neuen Bundestag, der nach dem vorläufigen Wahlergebnis 709 Abgeordnete haben wird, weiterhin unterrepräsentiert sein. Nach den Recherchen des Mediendienstes haben nur 57 Abgeordnete einen Migrationshintergrund.

Die Vielfalt ist in den einzelnen Fraktionen stark unterschiedlich:

  • Die Linke hat mit 18,8 Prozent den höchsten Anteil an Abgeordneten mit
    Migrationshintergrund
  • bei sind es Grünen 14,9 Prozent 
  • in der SPD sind es 9,8 Prozent
  • bei der AfD liegt der Anteil bei 7,5 Prozent
  • bei der FDP sind es 6,3 Prozent
  • mit 2,9 Prozent in der CDU/CSU-Fraktion sind hier anteilig die wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund vertreten

Nur ein Afrodeutscher in den Bundestag gewählt

Die Auswertungen des Mediendienstes haben ergeben, dass über ein Drittel der Abgeordneten mit Migrationshintergrund Wurzeln in Ländern der Europäischen Union hat. Es gibt 14 Parlamentarier mit einer türkischen Migrationsgeschichte. Mit Karamba Diaby sitzt weiterhin nur ein Afrodeutscher im Bundestag. 

Dennoch sind die mageren acht Prozent auch ein kleiner Erfolg. 2013 lag der Anteil der Abgeordneten mit Migrationsgeschichte noch bei 5,9 Prozent und hat sich somit leicht verbessert.

Frauenanteil der Abgeordneten schrumpft

Rückläufig ist jedoch der Anteil von Frauen im Bundestag. Erstmals seit 1972 sank der Anteil weiblicher Abgeordneter und liegt nun mit 30,7 Prozent auf dem Niveau von 1998-2002, wo 30,9 Prozent Frauen im Bundestag vertreten waren. In der vorausgegangenen Legislatur lag er bei 36,5 Prozent.

Im neuen Bundestag werden mehr als doppelt so viele Männer sitzen wie Frauen. Er spiegelt damit nicht einmal ansatzweise die gesellschaftliche Realität wieder. Dr. Anja Nordmann, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates, sagte im Interview mit EDITION F: „Die Geschlechterquote im neuen Bundestag ist desaströs. Sie wirft uns auf das Jahr 2002 zurück, dabei waren wir eigentlich in einer ganz anderen Richtung unterwegs.“

Sowohl der Frauenanteil im Bundestag als auch die mögliche Jamaika-Koalition würden Auswirkungen auf die Geschlechterpolitik der nächsten vier Jahre haben, erwartet Nordmann: „In Sachen Entgeltgleichheit, Geschlechterquote und Ehegattensplitting befürchten wir Stillstand, wenn nicht gar Rückschritte. Auch Themen wie Familienarbeitszeit und Gewaltschutz haben aktuell wenig Perspektive.“

Ihre Aufforderung: „Wir brauchen eine starke Zivilgesellschaft, wir brauchen Frauen, die an der Basis sagen, was anders sein muss“ lässt sich auch auf die Themen von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte übertragen. Einer Institution, der es so stark an Vielfalt mangelt wie dem Bundestag, werden wichtige Perspektiven fehlen, um eine inklusive Politik zu machen, die an vielen Stellen in der Gesellschaft Verbesserungen schaffen kann.

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