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Missbrauch in der katholischen Kirche: Wurden Nonnen zu Abtreibungen gezwungen?

Immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche werden offengelegt. Aktuell rücken dabei die sexualisierten und spirituellen Missbräuche an Nonnen in den Vordergrund. Und damit auch, wie scheinheilig die Kirche mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch umgeht.

 

Ist die Haltung der Kirche zu Abtreibungen wirklich eindeutig?

Wie steht die katholische Kirche zu Schwangerschaftsabbrüchen? Im Oktober 2018 ließ Papst Franziskus diesbezüglich rhetorisch eigentlich keinen Raum für Unsicherheiten. Er sagte während einer Predigt auf dem Petersplatz in Rom: „Aber wie kann eine Handlung, die unschuldiges Leben beseitigt, therapeutisch, zivilisiert und menschlich sein?“ Und weiter: „Ist es richtig, ein menschliches Leben zu beseitigen, um ein Problem zu lösen?“ Zudem setzte er in seiner Predigt Schwangerschaftsabbrüche mit Morden gleich, etwas, das ihn etwa mit den „Lebensschützer*innen“ eint, den Aktivist*innen, die Personen, die öffentlich über ihre Abtreibungen sprechen oder Ärzt*innen wie Kristina Hänel, die sie vornehmen und sich für die sich für die Abschaffung von 219a einsetzen, immer wieder angreifen, diffamieren und bedrängen.

Die Wertung des Papstes mag kaum jemanden wirklich überrascht haben. So gilt Franziskus zwar als progressiv, die Haltung der katholischen Kirche zu Abbrüchen ist jedoch nicht liberaler geworden. Doch sollte sie nicht auch hier moderner werden? Denn muss nicht gerade von einer Institution, die sich der Seelsorge verschrieben hat, durchaus verlangt werden können, dass sie sich auch für den seelischen Schutz von Frauen bzw. schwangeren Personen verantwortlich fühlt? Denn diese Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer für einen Abbruch  entschieden haben oder entscheiden mussten – sind eben auch oft in (emotionalen) Notlagen, die einen Beistand erfordern, der auch durch Seelsorger*innen erfolgen könnte. 

Aber ist das Verhältnis der Kirche zum Thema Abtreibungen nun wirklich so eindeutig, wie die Haltung des Papstes suggeriert? Wie nun immer mehr Berichte von missbrauchten Nonnen ergeben, die öffentlich werden, ist sie es nicht. Denn es gab offensichtlich immer wieder Nonnen, die selbst eine Schwangerschaft abbrechen mussten: Abtreibungen, die die Kirche gebilligt oder zumindest durch ihr Schweigen mitgetragen haben soll. Dabei handelt es sich um Abbrüche nach Vergewaltigungen durch Priester und Bischöfe.

Wurden Nonnen zu Abtreibungen gezwungen?

Anfang Februar äußerte sich Papst Franziskus erstmals öffentlich zu den Missbrauchsfällen von Nonnen. So heißt es etwa in einer Arte-Dokumentation, die Anfang März 2019 dazu ausgestrahlt wird, dass diese Übergriffe von Ordensschwestern überall auf der Welt bereits seit 20 Jahren angeprangert werden und nun zu den zahlreichen Missbrauchsfällen von Kindern, die bereits vor Jahren zu einer Krise der katholischen Kirche führten, hinzukommen. Vom Missbrauchsgipfel des Vatikans in Rom vor wenigen Tagen, bei dem das Thema endlich nicht nur den notwendigen Raum und einen ehrlichen Umgang bekommen sollte, erhofften sich Kirchenmitglieder, Missbrauchsopfer und die Öffentlichkeit auch konkrete Vorschläge und Maßnahmen zu Aufarbeitung und Wiedergutmachung. Zu Letzterem kam es nicht. Noch immer lässt sich kein echter Wille der katholischen Kirche erkennen, die Missbräuche als strukturelles Versagen anzuerkennen, für das man sich konsequent verantworten muss. Noch immer scheint es vor allem so, als würde man sich wünschen, all das ließe sich weiter vertuschen und würde wieder vergessen werden.

Die ehemalige Ordensschwester Doris Reisinger kommentierte den Gipfel  beim Deutschlandfunk so: „Das ist für mich das endgültige Zeichen, dass dieser Papst nicht verstanden hat, in welcher Krise die Kirche steckt, was Missbrauch damit
zu tun hat.“ Auch Reisinger hatte einen Priester wegen Vergewaltigung angezeigt. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt. Sie hat zwei Bücher über ihre Erfahrungen und den Missbrauch geschrieben, das erste erschien 2014, in dem sie auch von anderen Nonnen berichtet, die in Klostern missbraucht worden seien. In einem Interview dazu sagte sie, dass es auch Nonnen gäbe, die bei „erzwungenen, nicht professionell vorgenommenen Abtreibungen gestorben sind.“ Und weiter: „Es gibt Schwestern, die schwanger geworden sind und nun mit Kindern auf der Straße sitzen“.

Ihren Anteil daran, dass die sexuellen Missbräuche an Nonnen bis hin zu Sex-Sklaverei, nun endlich an die Öffentlichkeit kommen, hat auch Lucetta Scaraffia, Chefredakteurin der „Woman Church World“, dem Frauenmagazin des Vatikans. Sie legte Missbrauchsfälle in der Februarausgabe des Magazins offen. Die Berichte beinhalten ebenfalls, dass Nonnen nicht nur Kinder austragen haben sollen, die durch Vergewaltigungen entstanden seien und für die die Priester später keiner Vaterschaft anerkennen wollten, sie seien teilweise auch dazu gezwungen worden, Abbrüche durchzuführen. 

All das soll geschehen sein innerhalb einer Institution, die Frauen für (selbstgewählte) Schwangerschaftsabbrüche eindeutig verurteilt und die, vielmehr noch, Abbrüche als Sünde wertet. Einer Institution, die sich für Seelsorge zuständig fühlt und die als moralische Instanz agiert, während Vertreter*innen dieser, so berichten es Schwestern in der „Woman Church World“ Opfer jahrelang unter Druck gesetzt haben sollen, zu schweigen. Ein auferlegtes Schweigen, das sicherlich auch einmal mehr die Frage danach beantwortet, was Frauen in der Kirche wert sind.

Die katholische Kirche hat es hier mit Fällen von sexualisiertem und spirituellem Missbrauch in einem Ausmaß zu tun, das sich, davon ist zumindest nach der bisherigen Entwicklung auszugehen, über die nächsten Jahre und vielleicht Jahrzehnte erst noch der Öffentlichkeit zeigen wird. Für die katholische Kirche muss es nun endlich darum gehen, einen ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit und einen respektvollen Umgang mit den zahlreichen Opfern zu finden. Wenn die Kirche wirklich glaubhaft verhindern will, dass es nicht mehr zu Missbräuchen kommen kann, muss sie auch anerkennen, dass sich nichts ändern kann, solange sich die (Macht-)Strukturen innerhalb Kirche nicht verändern.

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