Foto: gratisography.com

Muss die deutsche Sprache weiblicher werden?

Lann Hornscheidt will mit „Professx“ angesprochen werden – und löst einen absurden Shitstorm aus. Wie könnte eine schöne gendergerechte Sprache aussehen?

 

Gigantisches Bashing auf Facebook

Lann Hornscheidt hat eine Professur an der Humboldt-Universität in Berlin. Und zwar für Gender Studies und Sprachanalyse. Auf der Internetseite des Fachbereichs steht ein Hinweis, den man wahlweise befremdlich, provokativ, unfreiwillig komisch oder beknackt finden kann (falls man ihn nicht hilfreich findet): „Wollen Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen? Achten Sie bitte darauf, Anreden wie ‚Sehr geehrtx Profx. Lann Hornscheidt‘ zu verwenden. Bitte vermeiden Sie alle zweigendernden Ansprachen wie ‚Herr ___‘, ‚Frau ___‘, ‚Lieber ___‘, oder ‚Liebe ___‘.“

Lann Hornscheidt fühlt sich weder als Mann noch als Frau und möchte, dass sich dieser Umstand auch in der Ansprache widerspiegelt. Ein Screenshot mit diesem Hinweis wurde hundertfach bei Facebook gepostet, und der Shitstorm, der über Hornscheidt hinwegfegte, war monumental. Ulf Poschardt, Journalist bei der „Welt“, postete den Screenshot ebenfalls und kommentierte mit „wysiwyg“ – „what you see is what you get“, was, so darf man mutmaßen, einen Zusammenhang zwischen Hornscheidts Aussehen und Hornscheidts Arbeit herstellen sollte. Die entsetzt-genervt-aggressiven Kommentare unter Poschardts Post zu diesem „Genderwahnsinn“, darunter viele von Journalistenkollegen, griff wiederum Antonia Baum auf, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – sie fragte sich, woher eigentlich diese Melange aus Hass und Polemik herrührt.

Geschlechtergerechte Sprache oder generisches Maskulinum?

Bei dem ganzen Drunter und Drüber des gegenseitigen Bashings ging fast ein bisschen unter, was womöglich die interessantere Frage sein könnte: Gibt es denn eine geschlechtergerechte Sprache, die sich gut anhört? Im Alltag nimmt die Mehrheit es hin, wenn im Großen und Ganzen das so genannte „generische Maskulinum“ benutzt wird, also die männliche Bezeichnung, die automatisch auch Frauen meint („Studenten“). Auch bei EDITION F kam die Diskussion immer wieder auf. Doch muss man wirklich immer von Studentinnen und Studenten schreiben?

Die geschlechtergerechte Sprache hat aber durchaus ihre Nischen –  in der Politik schon lange („Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“), an Universitäten, die sich der geschlechtergerechten Sprache verpflichtet haben („Studierende“ statt Studenten,  „Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen“).

Umständlich, hässlich, ruiniert den Lesefluss

Wenn man sich ein bisschen in Hornscheidts Forschung und Ideen zur geschlechtergerechten Sprache einliest und es sich einfach machen möchte, dann gibt es überall Anknüpfungspunkte, um sich zu echauffieren über Steuergelder, die Genderfuzzis an Universitäten mit absurdem Schwachsinn verballern. (Poschardt legte auf Facebook nach und empfahl den Artikel eines Kollegen, der eine Übersicht darüber gab, an welchem Blödsinn an den Genderfakultäten in Deutschland gebastelt wird –  immerhin mit dem Hinweis, dass nicht alles Quatsch und Voodoo sei – das Aussterben der Hausfrau und die Tatsache, dass es Väter gibt, die Elternzeit nehmen, sei durchaus schon ein Verdienst.)

Jedenfalls finde auch ich alle bisherigen Angebote für eine geschlechtergerechte Sprache inakzeptabel: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? MitarbeiterInnen? Mitarbeiter_innen? Mitarbeiter/innen? Mitarbeitx? Alles umständlich und hässlich, ruiniert außerdem den Lesefluss. Auch die so genannte „a-Regelung“ scheint mir nicht die Lösung zu sein, beispielhaft nachzulesen in Hornscheidts Leitfaden zu einem genderneutralen Sprachgebrauch – wenn man will, kann man das durchaus als ein komödiantisches Juwel lesen: „Mitarbeita“, Plural: “Mitarbeitas“; Beispiel im Leitfaden: „Unsa Lautsprecha ist permanent auf Demos unterwegs. Ea erfreut sich hoher Beliebtheit.“

Geschlechterklischees werden durch Sprache verfestigt

Das kann man alles doof oder lustig finden. Aber damit sich etwas ändert, muss es Vordenker geben, die vorpreschen, auch mit Ideen, die der passiven, mit allem möglichen anderen Quatsch beschäftigten, trägen Masse wahlweise absurd oder inakzeptabel vorkommen.

Damit sich irgendwann Formulierungen etablieren, die für die Mehrheit akzeptabel sind – oder ein Gewöhnungseffekt eingetreten und der Mainstream zufrieden  ist.

Deutsch ist eine Männersprache

Die deutsche Linguistin und Feministin Luise F. Pusch stellte schon 1984 in „Das Deutsche als Männersprache“ fest, dass sich in der deutschen Sprache die gesellschaftliche Ungleichstellung von Mann und Frau zeigen würde. „Gleichheitswahn“ nennen das Kritiker, in der Regel Männer. Ich selbst habe mich immer angesprochen gefühlt, wenn von Studenten die Rede war. (Spricht das für meine Gelassenheit? Abgestumpftheit? Mangelndes Problembewusstsein?)

Wenn es allerdings in die andere Richtung geht, wünsche ich mir durchaus Differenzierungen: Immer wenn ich irgendwo von „Erzieherinnen“ lese, die händeringend in Kitas gesucht werden, rege ich mich auf, weil damit weiterhin unterstellt wird, der Job sei nur Frauenkram . Ich finde also auch, dass Sprache gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen sollte, trotz meines Friedens mit dem generischen Maskulinum.

Neue Ideen statt Polemik

Im Gespräch mit Antonia Baum weist Lann Hornscheidt darauf hin, dass der „Professx“-Vorschlag eben auch nur ein Vorschlag und andere Ideen erwünscht seien, Hornscheidt teilt durchaus Kritikpunkte, etwa, dass „Professx“ nicht schön aussieht.

Wie wäre es also statt der ganzen Polemik zur Abwechslung mit neuen Ideen? Hier schon mal der Beitrag meines dreijährigen Sohnes: Nachdem er lange die Existenz von Frauen bei den Piraten geleugnet hatte, hat er mittlerweile den Begriff der Piratenbraut eingeführt. Professorenbraut? Wahrscheinlich eher nicht. Weiter brainstormen. Eure Meinungen dazu interessieren uns natürlich sehr.

Der Sprachleitfaden von Lann Hornscheidt und Kollegen findet sich hier.

Zum Welt-Artikel: GenderInnen-Wahn geht es hier.

Zum Artikel von Antonia Baum in der FAS geht es hier.

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