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Mutter im Baum – Wie man die Aufmerksamkeit seiner Familie zurückgewinnt

Unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld liebt ihre Familie. Wirklich. Nur manchmal wünscht sie sich etwas mehr Aufmerksamkeit. Sie ist schließlich noch nicht unsichtbar.

 

Wenn eine ruft und keiner kommt

Es ist Montagabend. Seit einer Viertelstunde stehe ich vor dem gedeckten Tisch und rufe nach dem Rest der Familie. Das Problem ist, es kommt niemand. Das ist nicht das erste Mal dass das passiert. Ich rufe fast täglich nach Familienmitgliedern – ohne dass eine Reaktion kommt. Vor allem wenn ich ihnen sage, dass sie Klavier spielen oder Englischvokabeln lernen sollen, ist es als sei ich gar nicht da. Als hätte meine Stimme keinen Klang. Selbst wenn ich neben ihnen stehe. Natürlich dachte ich zunächst, es läge daran dass sie mich bewusst ignorieren, unterdessen aber glaube ich dass es an mir liegen muss. Es gibt keinen Zweifel: Ich bin dabei zu einem Gespenst zu werden.

Das Hühnchen, das  verloren auf dem Tisch steht, ist unterdessen bestimmt kalt geworden. Mein Hals schmerzt. Wenn ich sie noch mal rufe, werde ich heiser. Nicht dass das jemand bemerken würde. In diesem Moment springt die Katze ist auf den Tisch. Sie versucht, das Hühnerbein abzureißen.

„Lass das!“, sage ich.

„Wenn eh niemand kommt, kann ich doch was davon haben, oder?“, sagt die Katze.

Ich sehe die Katze an. Irgendwie hat sie recht.

„Ok“, sage ich. „Aber nur ein kleines Stückchen“

„Danke“, sagt sie und beißt in das Hühnerbein.

„Du solltest nicht so traurig sein“, sagt sie. „Unsichtbarkeit hat auch seine Vorzüge.“

„Welche denn?“

„Man kann sich besser von hinten an Mäuse heranschleichen.“

„Ich jage keine Mäuse“, sage ich.

„Solltest du aber“, sagt die Katze. „Macht irre Spaß und hält einen jung. Du bist ohnehin viel zu unsportlich. Wann bist du das letzte Mal auf einen Baum geklettert?“ Ich überlege. Weiß aber keine Antwort.

„Na siehst du. Du solltest dringend damit anfangen“, sagt die Katze.

„Ich kann nicht auf Bäume klettern. Ich muss auf meine Kinder aufpassen.“

„Unsinn, nimm dir ein Beispiel an uns. Wir Katzen machen da nicht so einen Bohei drum. Nach drei Monaten müssen sie raus und sich ihr eigenes Territorium suchen.“ Die Katze setzt sich und fängt an sich zu lecken.

„Im Grunde ist der Mensch genauso wie wir. Ein Einzeltier. Wer nur für die anderen lebt, löst sich einfach irgendwann auf.“

„Du hast recht“ sage ich. „Ich sollte mehr an mich denken.“

„Mach einfach das, wozu du Lust hast. Hör auf Rücksicht zu nehmen!“

„Yeah“ sage ich.

Irgendwer will immer was

In diesem Moment kommt der Hund herein. „Ich möchte jetzt Gassi gehen“ sagt er. „Außerdem hätte ich auch gerne etwas vom Hühnchen. Das sieht lecker aus“

„Tut mir leid“ sage ich. Das ist für meinen Mann und die Kinder.“ Der Hund sieht vorwurfsvoll die Katze an. „Das ist ungerecht, Sie hatte auch etwas.“

„Ok“, sage ich. “Aber nur ein bisschen.“

„Danke“ sagt der Hund. „Und was ist mit Gassi?“

„Frag dein Herrchen, ich will jetzt erst mal auf den Baum“

„Im Ernst?“ sagt der Hund. „Warum denn das?“

„Weil ich Lust dazu habe. Ab heute nehme ich keine Rücksicht mehr!“

„Hat dir die Katze diesen Schwachsinn beigebracht?“ Die Katze faucht beleidigt.

Lieber einsam als unsichtbar

„Der Mensch ist im Grunde genauso wie wir Hunde. Ein Gruppentier. Wer immer nur an sich selbst denkt, ist irgendwann alt und einsam“.

„Lieber alt und einsam als unsichtbar,“ sage ich und gehe in den Garten. Nach kurzer Zeit bin ich oben auf der Buche. „Was zum Teufel machst du auf der Buche?“ ruft mein Mann, der in den Garten gekommen ist um mich zu suchen. „Ab heute nehme ich keine Rücksicht mehr!“ sage ich. „Die Kinder müssen sich ihr eigenes Territorium suchen“

„Aha, und was ist mit dem Essen? Warum hast du uns nicht gerufen? Der Hund und die Katze haben alles aufgegessen!“

„Ich habe euch gerufen, aber ihr habt mich nicht gehört“ sage ich.

„He, Papa“ sagt meine jüngste Tochter. „Was macht die Mama auf dem Baum?“

„Ich weiß es nicht“ sagt mein Mann.

„Soll ich vielleicht heute abend etwas für uns kochen?“ fragt mein Mann.

„Ist mir egal,“ sage ich. „Für mich jedenfalls nicht. Ich jag mir heute mein Essen selbst“

Die gefürchtetste Göttin von allen

Die Katze kommt und setzt sich neben mich. „Yeah!“ sagt sie. Ich fange an zu schnurren. Jetzt kommt der Hund. „Das Ganze ist lächerlich“ sagt er. „Komm wieder runter. Du bist die Mutter. Du herrscht über den Oikos.“

„Den Oikos?“

„Ja“ sagt der Hund der früher einmal einem Philosophieprofessor gehört hat. „So nannten die alten Griechen das Zuhause.“

„Sagten die alten Griechen auch dass die Herrin des Oikos unsichtbar sein sollte?“ faucht die Katze.

„Unsinn. Die Herrin des Oikos war hoch angesehen. Und gefürchtet. Sie hatte eine große Macht. Ihre Schutzgöttin war Hestis, die Göttin des Herdes und des Feuers.“

„Was ist jetzt?“ ruft mein Mann von unten. „Soll ich jetzt Pizza bestellen oder nicht?“

„Platon behauptet, dass der Name Hestia „Wahrhaftes Sein“  bedeutet“ sagt der Hund.

„Ja und?“ sagt die Katze und gähnt.

„Versteht ihr denn nicht: in jeder Hausfrau steckt die Göttin Hestis, sie weiß alles, sie herrscht über alles! Sie ist die größte Gottheit von allen!“

„Aber was nutzt mir das, wenn ich unsichtbar bin!“ schreie ich.

„Natürlich bist du unsichtbar!“ sagt der Hund. „Alle Götter sind unsichtbar!“ Dann fängt er an zu jaulen.

„Komm runter“ rufen die Kinder. „Wir haben Hunger!“

„Schatz, bitte!“ sagt mein Mann.

Die Katze springt vom Ast herunter.

„Der reine Affenzirkus ist das hier!“ murrt sie. Ich sitze auf dem Baum und sehe nach unten zu meinem Mann und den hungrigen Kindern. Dann steige ich wieder herab und gehe seufzend in die Küche. Ich bin eine Göttin, denke ich. Auch wenn ihr es nicht wisst.


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