Foto: unsplash – Megan Murray

Wie mein Mann einmal versuchte in Italien als Einheimischer durchzugehen

Unsere Autorin berichtet von ihrem Italien-Urlaub und einem Mann, der alles versucht, um nicht als Tourist erkannt zu werden.

 

Urlaubsszenen einer Ehe

Neulich waren wir im Urlaub. Auf einer schönen italienischen Insel. Es war heiß und die Grillen zirpten. Nur die Wohnung die wir gemietet hatten war… sagen wir mal … etwas spartanisch eingerichtet. Vor allem fehlte es an einem zweiten Topf. Wenn man in einem Haushalt lebt, in dem der eine Teil zum Frühstück gerne warme Milch trinkt (mein Mann und die Kinder), der andere aber (ich) Tee trinkt, braucht man definitiv zwei Töpfe. Natürlich könnte man auch eine Art Topfkrieg beginnen, also den Wecker auf fünf Uhr morgens stellen, damit man als erstes am Topf ist. Den Topf verstecken, so dass nur man selbst ihn findet oder auch sich nachts Catsuits anziehen, wie Grace Kelly in „Über den Dächern von Nizza“, dann über Dächer klettern, nachts in Häuser einbrechen und Töpfe klauen. Weil das aber für zwei erwachsene Menschen irgendwie albern ist, beschlossen wir, einen Haushaltsladen aufzusuchen. Keine große Sache, dachte ich, zumal mein Mann im Gegensatz zu mir sehr gut Italienisch spricht und das Auffinden eines Haushaltsladens damit kein großes Problem darstellen sollte. Vorausgesetzt man fragt danach. Tat er aber nicht. Dabei waren wir sogar in einem Café gewesen. Er hatte nach einem Cappuccino gefragt. Aber nicht nach einem Haushaltsgeschäft.

„Ich kann doch den Kellner nicht nach einem Haushaltsgeschäft fragen. 

“Warum nicht?“

„Weil das so touristisch wirkt.“

„Wir sind Touristen!“ sagte ich. Was aber meinen Mann nicht überzeugte. 

„Ein italienischer Mann würde nie in einem Café nach einem Laden fragen.“

„Vor allem nicht nach einem Haushaltsladen, richtig?“

„Absolut richtig!“ antwortete mein Mann. „Man muss sich doch den Sitten des Landes anpassen“, sagte er.

„Großartig“, sagte ich und stellte mir vor, wie, wenn wir jemals nach Abu Dhabi reisen sollten, er, nur um nicht aufzufallen, sich zwei, drei zusätzliche Ehefrauen besorgen würde. Unterdessen war es 11.00 Uhr. Es hatte nicht mehr 40, sondern 42 Grad im Schatten. Die Grillen zirpten immer lauter. Mein Mann trank einen Cappuccino („Schmeckt der nicht unglaublich mild hier in Süditalien?“) und sprach mit dem Kellner kurz über das Wetter. Nur der zweite Topf war noch nicht gekauft. Wir gingen zu einem Fischmarkt, einen Fisch kaufen. Als ich auf die zwei Fische zeigte, wollte der Mann sie uns für 20 Euro verkaufen. Dann kam mein Mann, sagte etwas auf Italienisch. Plötzlich kostete der Fisch nur noch 10 Euro.

„Da siehst du mal!“ flüsterte mir mein Mann triumphierend zu. „Er hat mich für einen Italiener gehalten, deshalb hat er den Touristenpreis wieder korrigiert.“

„Großartig“ sagte ich wieder. „Aber kannst du ihn bitte fragen, wo hier auf dieser Insel der Haushaltsladen ist?“

„Bist du verrückt“ sagte mein Mann, „damit oute ich mich ja wieder als Tourist. Außerdem will er dann wieder seine 20 Euro.“

Ich seufzte. Der zweite Topf rückte in immer größere Ferne. Mir wurde heiß, dabei schwitze ohnehin immer so leicht. Nicht auszudenken wie verschwitzt ich erst in dem Catsuit sein würde, in dem ich heute Abend über die Dächer dieser Insel hüpfen müsste. Ich würde auf meinem eigenen Schweiß ausrutschen und mir ein Bein brechen. Aber Hauptsache, mein Mann geht als Italiener durch und blamiert sich nicht als deutsche Memme, die Haushaltsläden sucht.

Als wir an einem Friseurladen vorbeikamen, sagte mein Mann dass er dringend einen Haarschnitt bräuchte. Den Topf könnten wir immer noch kaufen. Es war unterdessen 50 Grad. Ich war schweißgebadet und das Zirpen der Grillen war unerträglich. Der Friseursalon lockte zumindest mit einer Klimaanlage. Wir gingen hinein. Der Friseur hatte eine weiße Schürze an und einen weißen Schnauzbart, Ein bisschen so wie Magnum aus der Fernsehserie in den 80ern, der mit einem schicken Ferrari herumfuhr und Frauen aufriss. Mein Mann deutete auf seine Haare.

„Solo un po“ sagte er zu Magnum. Dieser nickte ernst und bedeutete mir, mich in die Ecke zu setzen. Ich begann zu schlottern. Die Klima-Anlage war auf Minus 30 gestellt. Magnum sah mich streng an. Im Friseursalon waren nur Männer. Männer, die noch nie in ihrem Leben einen Haushaltsladen betreten hatten. Männer, die noch nicht einmal wussten dass es so etwas gab. Männer die alle in Abu Dhabi mehrere Ehefrauen hatten. In diesem Moment wurde mir klar, dass – wenn das so weiterging – ich nie im Leben meinen zweiten Topf bekommen würde. Mein Mann würde sich zunehmend in einen süditalienischen Macho verwandeln und ich würde am Ende dieses Urlaubs ein hilfloses Weibchen geworden sein, das am Straßenrand steht und auf schnauzbärtige Männer in Ferraris wartet. Ich musste etwas tun. Stolz erhob ich mich.

„Bisogno di un Geschäft. Per un Topf!“ sagte ich mit erhobenem Kopf. Hier war nicht nur eine Frau die einen Topf suchte, hier war eine Frau, die um ihre Würde kämpfte. Ich machte mit meiner Hand Drehbewegungen, als würde ich in einem Topf etwas umrühren. Doch die anwesenden Männer sahen mich nur verständnislos an.

„Dove e il Topfgeschäft?“ schrie ich.

Magnum sah meinen Mann mitleidig an. Ich sah meinen Mann an. Mein Mann sah mich an. Dann verließ ich den Friseursalon. Ich ging nach Hause. Die Kinder wollten heisse Schokolade. Ich wollte einen Tee. Es war zum Verrücktwerden.

Nach zwei Stunden kam er endlich wieder nach Hause. In seiner Hand hielt er zwar keinen Topf, aber immerhin eine Bratpfanne. Dafür hatte er viel zu kurz geschnittenes Haar. „Etwas andere gab es in dem Geschäft nicht!“ sagte er.

Manchmal ist mein Mann ein wahrer Held.

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