Nichts mit Medien. Aber mit Menschen.

Ich gehe keinem fancy Job nach. Ich bin nicht in der Werbebranche und mache auch nichts mit Social Media. Ich arbeite mit Menschen in schwierigen Situationen. Denn ganz ehrlich: Wer soll es denn sonst machen, wenn alle nur noch Werbetexter oder Freelancer werden wollen?

 

Tag ein, Tag aus beschäftige ich mich mit den Problemen anderer Menschen. Ich höre die großen und kleinen Sorgen, halte sprichwörtlich die Hand, wenn die Welt gerade zu wenig verstanden wird und das mühsam aufgebaute Kartenhaus zusammenbricht.

Ich habe in den letzten zehn Jahren viele große und kleine Menschen weinen sehen. Ich habe getröstet, aufgebaut, aber auch mal ernste Worte gesprochen. Ich habe meine Hilfe angeboten, manchmal meine Hilfe auch aufgedrängt. Denn manchmal blieb meinem Gegenüber keine andere Möglichkeit.

Ich habe weinend in meinem Büro oder im Auto gesessen, wenn ein Termin besonders schlimm war. Ich habe auch schon weinend in den Armen meines Mannes gelegen, weil die Last des „Immer-eine-Lösung-findens und Immer-Schuld-seins“ zu schwer auf meinen Schultern und vor allem auf meinem Herzen lastete. 

Ich habe Kinder gesehen, die verdreckt, verwahrlost, misshandelt und vor allem ungeschützt waren. Ich habe ihre kleinen Händchen in meiner Hand gehalten und versucht, ihnen die Angst zu nehmen vor mir, der fremden Frau, die sie jetzt woanders hinbringt. Ich habe nicht nur eine schlaflose Nacht gehabt, weil ich mir Sorgen machen musste, ob die überforderten Eltern das Baby vielleicht schütteln. Ich habe ein Schüttelbaby erlebt, das kerngesund war und danach nicht mehr. Ein Baby, das nie ein erwachsener Mensch werden wird, weil seine Eltern in der Überforderungssituation durchgedreht sind. 

Ich habe so viel Elend gesehen und dieses Elend hat so tiefe Narben auf meiner Seele hinterlassen, dass es mir manchmal schwer fällt, zu verstehen, warum ich meinen Job trotzdem mache. Natürlich könnte ich etwas anderes tun, etwas Leichteres, mit weniger Verantwortung.

Aber dann sehe ich mich um und denke: „Wenn alle so denken wie ich… Wer soll es denn sonst machen?“ 

Wir wollen alle nur noch Jobs machen, die uns ein gewissen Prestige bringen. Wenn ich erzähle, was ich mache, kriege ich meistens nur ein „Also das könnte ich ja nicht“ zurück. Lieber noch wäre mir ein „Hey, Danke, dass Du Dich um die kümmerst, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Danke dass Du für die Kinder da bist und Sorge dafür trägst, dass wenigstens ein kleiner Teil doch noch ein gutes Leben haben kann, fernab von Gewalt und Missbrauch“. 

Aber das zählt nicht mehr viel. „Sich kümmern“ ist scheinbar nicht mehr viel wert. Zumindest nicht so viel wie „Was mit Medien“ – und das finde ich ernsthaft schade.

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