Foto: Alexandra Klein

Offener Bericht über meinen Weg aus der Depression

Ich war immer gut darin, alles mit mir selbst auszumachen.
Das ging bislang gut, irgendwie.

Auch als die Trennung von meinem Exfreund wirklich ätzend verlief und seine Neue auch noch eine ‚Freundin‘ und Kollegin war …
selbst das habe ich weggesteckt.

Die nächsten 3 Jahre leckte ich meine Wunden und genoss seit langem mein Single-Dasein. Tja, und im Mai 2014 ging es los.

 

Diese Trennung war im Jahr 2011. Danach war ich ziemlich lange Single und zwar aus Überzeugung. 2014 hatte ich erstmals wieder das Gefühl, dass ein Mann mein Leben bereichern könnte. Eines war allerdings für mich Voraussetzung: Es durfte niemand aus der Firma sein und ich wollte auch nicht auf irgendwelche skurrilen Single-Partys. 

Also meldete ich mich bei Parship an. Einige absurde Erlebnisse später, ca. im Mai 2014, lernte ich Bernd kennen. Ich war eigentlich wegen dem niedlichen Labrador auf ihn endgültig aufmerksam geworden. Das war dann auch der Aufhänger für unser erstes Treffen. Wir gingen nämlich mit dem Hund in Siegburg spazieren. Nach wenigen Tagen waren wir zusammen. 

Er hatte eine 23 Jahre alte Tochter, die in München wohnte, mit der er allerdings nur sporadisch in Kontakt trat. Als er dann ein Firmenevent in München hatte, fragte ich, ob er denn seine Tochter besuchen gehen wolle. Da hatte er nicht mal drüber nachgedacht. Aber er machte direkt Nägel mit Köpfen und verabredete sich mit seiner Tochter. 

Er fuhr den Montag nach unserem WM-Titel nach München und kam Mittwochs Abends zurück. Er war angeblich langsam zurückgefahren. Durchschnittlich nur 220 km/h. Es war zwar schmeichelnd, dass er so schnell zu mir wollte, aber ich machte ihm ein wenig Vorwürfe, dass er mit seiner Gesundheit so leichtfertig umgehen würde (Stichwort: Kaffee, RedBull).

Das Schicksal ist ein unfaires Miststück

An diesem Abend taten wir Dinge, die man frisch verknallt tut. Wir redeten dann ein wenig und plötzlich verstand ich nicht mehr, was Bernd sagte. Er redete urplötzlich total undeutlich, als wäre er betrunken und würde nuscheln. Als ich mich zu ihm umdrehte, hatte ich das Gefühl, seine rechte Gesichtshälfte würde hängen. Ich bekam Panik. 

Ich sagte, er habe einen Schlaganfall und ich würde jetzt den Notarzt rufen. Das wollte er auf keinen Fall und nuschelte sehr laut: Nein, kein Arzt. Alles gut. Aspirin. 

Ich muss dazu sagen, dass Bernd medizinisch sehr bewandert war und auch in dem Bereich arbeitete. Er hatte viel Erfahrung mit Reha-Patienten, auch Schlaganfallpatienten. Also holte ich ihm ein Aspirin aus seiner Tasche und löste es schnell in einem Glas auf. Ich schrie ihn an, er würde jetzt das Aspirin von mir erhalten und wenn das nicht SOFORT helfen würde, würde ich endgültig den Notarzt rufen.

Gott sei Dank war er nicht in der Lage, zu trinken, also wurde das meiste von dem Aspirin verschüttet. Das war nämlich bedauerlicherweise nicht die richtige Entscheidung. Da es aber ja nicht SOFORT half, rief ich jetzt den Notarzt. Diese waren innerhalb weniger Minuten bei mir. 

Auf einmal standen 4 Männer zusätzlich in meinem Schlafzimmer und fingen an, ihn für den Transport vorzubereiten. Zu dem Zeitpunkt war es ca. 23.30 Uhr. Das Ganze hatte weniger als eine halbe Stunde gedauert. Bernd war zu dem Zeitpunkt noch ansprechbar und konnte dem Arzt versichern, dass er keine Allergien habe und in seiner Familie auch keine Vorerkrankungen herrschten. 

Gut, das er das selbst beantworten konnte, wir waren nicht mal zwei Monate zusammen und das Thema Patientenverfügung und Krankheiten in der Familie war nicht angesprochen worden. 

Er wurde zunächst in die Stroke Unit nach Troisdorf Sieglar gefahren. Ich wurde gefragt, ob ich mitfahren möchte, das verneinte ich allerdings. Ich war glasklar und konzentriert. Fragt mich nicht, warum. Der Arzt kontrollierte mich kurz und teilte dann den Sanitätern mit, dass mit mir alles gut sei und ich ohne Probleme selbst fahren könne. 

Als ich in Sieglar ankam, druckste man etwas merkwürdig herum, bis ich leicht hysterisch wurde. Die Schwester holte dann den Arzt und der verriet mir dann, dass bei der Untersuchung eine Hirnblutung festgestellt worden war und er deshalb direkt in die Uniklinik nach Köln transportiert worden sei.

Lange Rede… ich musste in der Nacht noch seine Tochter wecken und darüber informieren, was passiert war. Ein ätzender Anruf. Die hat dann ihre Großeltern ebenso noch nachts informiert. Allerdings zunächst hat sie in der Uniklinik angerufen und gefragt, wie es ihrem Vater geht. Der wurde dann in der Nacht noch operiert. Er war bereits während der Fahrt nicht mehr ansprechbar. 

Am nächsten Morgen fuhr ich in die Uniklinik und lernte nicht nur seine Eltern, sondern am späteren Nachmittag dann auch seine Tochter und ihren damaligen Freund kennen. Boah, beim nächsten Mann darf es gerne etwas weniger dramatisch sein. 

Die Eltern waren bezaubernd, sie hatten bereits von mir gehört und wussten, wie verliebt Bernd und ich waren und mit der Tochter hatte ich mich schon vor diesem Drama telefonisch wirklich gut verstanden. 

Sie war mir ja auch dankbar, das sie ihren Vater noch  gesehen hatte. Ihr Freund flog übrigens an dem Donnerstag nach Afghanistan und auch das war noch ein zusätzlicher Stressfaktor für sie.

Und das Schicksal lacht sich ins Fäustchen. 

Die nächsten Monate fuhr ich jeden Tag in die Uniklinik. Auch weil er tatsächlich auf mich zu reagieren schien. Ich nahm zu Hause Musik für ihn auf und las aus Büchern vor, die er toll fand, und das Alles durfte ich dann in Abstimmung mit den großartigen Pflegern an den Geräten über seinem Kopf aufhängen. So hörte er meine Stimme noch für mindestens eine Stunde und bekam entweder Musik, Hörbücher oder aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen. Gewundert hat mich, dass ich die erste war, die auf so eine Idee gekommen war. 

In der Folgezeit dokumentierte ich brav die jeweiligen Zustände, auch welche Medikation und in welcher Höhe und außerdem Blutdruck, Herzfrequenz und und und. Zum einen konnte ich seine Tochter, die dann ja nach zwei Wochen zurück nach München musste, auf dem Laufenden halten und ich wusste, wenn Bernd wieder aufwachen würde, wäre er total interessiert an diesen ganzen Werten. Er stand halt auf Statistiken. 

Also passiert war das Ganze am 16.07. auf den 17.07.2014. Es war abartig, mit was für Horrorszenen wir uns noch rumplagen mussten. Wir nahmen alles mit, unter anderem eine Thrombose, die fast den Unterleib erreicht hätte. 

Des Weiteren musste bereits nach ein oder zwei Tagen der Schädel aufgeschnitten werden, damit der Hirndruck keine Folgeschäden verursacht. Das bedeutet, dass sie ein Stück der Schädelplatte heraussägen. Dieses Stück Schädelplatte wird dann eingefroren. Zumindest in Köln. In Aachen pflanzt man dieses Stück Schädel dem Patienten in die Bauchdecke. Da war mir Einfrieren ja schon sympathischer. 

Was wirklich schlimm war, war die Tatsache, dass niemand irgendetwas sagen wollte. Und egal, was wir herausfanden, alles wurde ins Positive von uns gedreht. Wir machten uns vor allem damit Mut, dass es doch Schicksal sein musste, dass ihm das genau bei mir passiert sei. 

Seine Lebensgefährtin war ein Jahr zuvor gestorben, weil der Krankenwagen nach Rheinbrohl zuviel Zeit benötigte. Und bei mir war innerhalb kürzester Zeit alles in die Wege geleitet. Man ergreift halt jeden Strohhalm. 

Ich hatte Schiss, was ist, wenn alles gut wird, aber er bleibt ein Pflegefall, was ist, wenn er mich nicht erkennt. Was ist, wenn er nicht wieder wach wird und im Koma bleibt. Oder wenn sein Hirn nachhaltig geschädigt ist. Erneut gehen lernen wäre für ihn okay gewesen. Aber wenn sein Sprachzentrum beschädigt gewesen wäre, das hätte er nicht akzeptieren können. 

Zu Beginn der Odyssee versuchte man, ihn in Tiefschlaf zu versetzen, das erwies sich schwieriger als erwartet. Er blieb total unruhig und wollte nicht tief schlafen. Im Nachhinein muss ich sagen, vielleicht wäre alles tatsächlich gut gegangen, wenn er einfach schnell und wirklich tief geschlafen hätte. Aber wer weiß das schon. 

Er wurde dann erneut operiert, weil das Gebilde, was wohl schon lange in seinem vorderen Hirnbereich gewachsen war, eine tickende Zeitbombe war. Bei der 1. Operation in der Nacht war die Blutung viel zu stark, so das die Ärzte nicht alle betroffenen Stellen entfernen konnten. 

Vor der OP bekamen wir noch mal die ganzen schlimmen Dinge erläutert, die alle passieren könnten. Er könnte z. B. einen Schlaganfall erleiden, das bei mir war ja eine Hirnblutung. Aber durch die Angiographie bzw. die OP (ich weiß es nicht mehr genau), könnte ganz viel Furchtbares geschehen. 

Es kam dann noch schlimmer, er hatte nicht einen Schlaganfall, sondern ganz viele kleine Schlaganfälle. Daher war die OP erneut nicht zu Ende geführt worden. 

Positiv war allerdings, obwohl die Ärzte sich das nicht erklären konnten, dass irgendetwas bei der OP geschehen war, was trotz der Schlaganfälle die letzten Blutungen (an die sie ja wegen der Schlaganfälle gar nicht herangekommen waren) gestoppt hatte. 

Wir also wieder voll im Positiv-Modus. Alles wird gut, das ist Schicksal und ein Zeichen, er ist ein Kämpfer. 

Tja, und jetzt kam die Zeit des Wartens. Er schlief übrigens mittlerweile sehr tief, dennoch behaupteten alle, dass er auf mich besonders reagieren würde. 

Da bin ich mir gar nicht sicher, was ich allerdings tun konnte, war, die gesamte Abteilung ständig mit Süßigkeiten, selbst gebackenen Kuchen und allem Anderen zu verwöhnen. Ich dachte, wenn ich nett zu den Pflegern und Schwestern bin, dann sind die nett zu Bernd. 

Zuerst wollte er nicht einschlafen, jetzt wurde er partout nicht wieder wach. Patienten kamen und gingen, die Medikamente wurden immer geringer dosiert, aber nichts passierte. 

Er kam dann im September in die Reha-Klinik nach Bonn-Bad-Godesberg. Mir persönlich wäre ja Köln lieber gewesen, dann hätte ich ihn in der Mittagspause besuchen können. Aber gut, so fuhr ich nach der Arbeit – nicht mehr jeden Tag – noch nach Bad Godesberg. Und das war für mich schlimmer als in der Uniklinik. Er wurde nicht wach, lag immer verkrampfter mit Spasmen im Bett und ich hätte jedes Mal heulen können. 

Er bekam dann eine Lungenentzündung, hatte Liegebrand, der so schlimm wurde, dass er auch noch operiert werden musste. Dann bekam er natürlich auch noch einen Krankenhauskeim. Wo wir gerade mal dran waren. Ich konnte echt nicht mehr. 

Er starb dann am 17.01.2015. Es war genau 6 Monate her, dass er aus meinem Bett gefallen war. Und er ist einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. So als habe er entschieden, dass 6 Monate Überlebenskampf genug seien. 

Als mich seine Tochter anrief und mir mitteilte, dass er gestorben sei, war ich total zerrissen. Ich war unendlich traurig, für seine Eltern und für seine Tochter und seinen Hund, den ich zu dem Zeitpunkt bereits seit August bei mir hatte und auch für mich. Aber andererseits war ich auch froh, weil ich aus der Nummer nie ohne schlechtes Gewissen raus gekommen wäre. Dabei hat niemand je von mir irgendetwas erwartet oder so. Aber für mich war mein Weg der Richtige. 

Ich weiß noch, dass ich dachte, okay, dann kann es ab jetzt ja wieder bergauf gehen. 

Die Beerdigung folgte und hätte ihm verdammt gut gefallen. Sie spielten sogar in der katholischen Kirche unser Lied (Ich lass‘ für Dich das Licht an von Revolverheld) und seine ganzen Kollegen waren mit Trauerflor am schwarzen Audi A8 (ich denke, es waren 8 Fahrzeuge) in Kolonne von Siegen nach Rheinbrohl gefahren. Wenn er das gesehen hätte… 

………………………………………….

Tja, die Zeit verstrich und was ich seitdem konsequent durchgezogen habe, ist die Tatsache, dass ich den Kontakt zu seiner Tochter und seinen Eltern abgebrochen habe. Das Gute ist, das meine Mutter weiter den Kontakt hält und sie auch Verständnis haben, dass mich ein Wiedersehen mit ihnen nur an eine fürchterliche Zeit erinnern würde.

Nach ca. einem dreiviertel Jahr raffte ich langsam, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich war morgens noch müder als sonst, ich konnte mich kaum zu etwas aufraffen. Das einzige was ich auf die Reihe bekam, war mein Job und der Hund. 

Anrufe von meinem Vater oder meiner Mutter stressten mich total, andere Freunde wissen, dass ich nicht gerne telefoniere und kommunizierten eh nur über WhatsApp mit mir. Ich blockierte alles. Es war so, als würde mich meine normale Arbeit nicht mehr nur 100% kosten, sondern 120%. Ich war also Abends völlig fertig, ging eine Stunde mit dem Hund spazieren, dann aß ich eine Kleinigkeit, schaute etwas fern und ging ins Bett. Tag für Tag… 

Ich hatte an nichts mehr Freude. Zu nichts konnte ich mich aufraffen, ich hatte Schwierigkeiten, ins Bett zu gehen und ich hatte Schwierigkeiten wieder aufzustehen. Ich hatte Schwierigkeiten, meine Gedanken zusammenzuhalten und mich zu fokussieren. Es war fast unmöglich für mich, damals pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. 

Am gravierendsten wurde mir die fehlende Lebensfreude bewusst, als ich ein neues Auto bekam. Das wurde 2 Tage früher geliefert. Ja, eigentlich ein Grund zur Freude. Mich stresste es jedoch nur, es war ein Termin, der nicht geplant war und ich musste meinen Zeitplan (der aus NICHTS bestanden hatte), quasi umwerfen. Ich hoffe, man merkt den Sarkasmus in meinen Worten. Denn es gab nichts, wobei man mich gestört hätte. 

So nach und nach wurde mir also bewusst, dass irgendetwas nicht stimmte und zwar schon einige Monate lang. 

Die Odyssee bis zur Reha –
von Erkenntnis bis Enttäuschung und Wut 

Ich ging zu meiner Hausärztin und beriet mich mit ihr. Sie musste die Standard-Prozedur mit mir durchgehen. Also Klärung, dass ich weder Schilddrüsenprobleme habe, noch Herz-Probleme etc. Da ich zwei Jahre meine Blutdrucktabletten nicht genommen hatte, hatte sie Sorge, dass mein Herz gelitten haben könnte, aber es war alles gut. Heute nehme ich natürlich wieder regelmäßig meine Tabletten. 

Ich machte mich dann schlau über die Krankenkasse und auch über die Rentenversicherung. Leider ist es in Deutschland so, dass sich niemand für präventive Maßnahmen interessiert. Solange ich nicht im Job ausfalle oder hohe Kosten bei einem Psychologen verursache, bin ich für die Krankenkasse nicht so richtig interessant. 

Es war auch so, dass ich eine Reha-Maßnahme erst beantragen kann, wenn diese von einem Psychologen verordnet wird oder aber wenn ich bereits längere Zeit aufgrund des gleichen Krankheitsbildes ausfalle und auch aus der Lohnfortzahlung raus bin. 

Insgesamt war ich dann 2,5 Monate krank geschrieben, in dieser Zeit habe ich weiterhin versucht, mein Leben wieder selbst in den Griff zu bekommen. So bin ich nun einmal, ich werde niemals still abwarten, bis mir jemand hilft, sondern immer versuchen, die Dinge selbst anzugehen, die man nun einmal selbst machen kann. Also habe ich recherchiert und gelesen und ausprobiert. Hier ein kleiner Auszug meiner verzweifelten Versuche: 

  1. Atmen im Wald
  2. Spaziergänge in der Natur (das war einfach mit Hund)
  3. Spaziergang mit Ohrstöpseln und Musik und/oder Podcasts
  4. Spaziergang ohne Einfluss von Musik oder sonstiger Beschallung, sondern nur mit der Konzentration auf die Natur um mich herum 
  5. Yoga
  6. progressive Muskelentspannung
  7. Pro-/Contra-Listen und vieles mehr. 

Je mehr ich mich in dieses Thema eingelesen habe, desto sicherer war ich, dass ich eine Depression habe. Am Anfang fand ich das gar nicht so klar und es war mir suspekt, dass ich keine ‚echten‘ Beschwerden hatte. Und dabei ist das total der falsche Ansatz. Man hat ja Beschwerden, zwar keine körperlich sichtbaren, aber dennoch: Der Verlust der Lebensfreude war für mich dramatisch und zusätzlich strengt alles unglaublich an. Das Einzige, was ich die ganze Zeit einigermaßen gut hinbekommen habe, war mein Job. Aber auf Kosten meiner eigenen Kraft. Ich funktionierte irgendwie und mir kam zugute, dass ich zu der Zeit im technischen Support arbeitete, wo ich bereits über 7 Jahre gewesen war. Mir fiel also die Arbeit relativ leicht und so konnte ich mich durchhangeln.

Wie quälend für mich das Aufstehen war, wie schlimm es jedes Mal war, wenn ich z. B. einen Arzttermin hatte oder gar einen frühen Termin im Büro, das alles setzte mich zum einen noch mehr unter Druck. Und weil ich mir selbst ja nicht verzeihen konnte, dass ich nicht richtig funktionierte, machte ich mir den ganzen Weg über Vorwürfe. Ich habe mich sehr häufig in der Zeit beschimpft und die Worte ‚Nutzlos, zu nix zu gebrauchen, dämliche Kuh … waren häufig zu hören. 

Man fühlt sich wertlos, kritisiert an sich selbst am meisten herum und kann es dennoch nicht ändern. 

Die Kraft, die mich damals mein Tag gekostet hat, führte dazu, dass ich menschlich im Privatleben zum Eremit wurde, ich ertrug einfach keine weitere Kommunikation oder gar der Gedanke, irgendjemand könnte sich mir treffen wollen oder irgendetwas anderes erwarten. 

Ich bekam in der Zeit übrigens lange Haare, weil mir alles egal war, auch meine Frisur. Ich hatte keine Freude an Klamotten, wollte keine Schuhe kaufen und auch Geschenke zum Geburtstag oder Weihnachten konnten mich nicht erfreuen. Im Gegenteil, die Frage: Was wünschst Du Dir? führte direkt wieder zu Atemnot, weil ich das Gefühl zu der Zeit gehasst habe, wenn irgendjemand etwas von mir wollte. Und ein Geschenk zu benennen, war eine schier unmögliche Forderung. Ich war nicht in der Lage, über so etwas nachzudenken. 

Warum ich das so deutlich und umfangreich schreibe, ist, weil das alles klassische Indizien sind, die eine Depression begleiten. 

………………………………………….

Nachdem ja durch die ganzen Untersuchungen klar war, dass es keine anderen Ursachen für meinen ‚Zustand‘ gab, stellte ich einen Antrag auf Rehabilitation bei der Rentenversicherung. Ich füllte brav jedes Zettelchen und Hinweisblätter und was nicht alles aus. Ich sendete den Antrag mit einem Anschreiben raus und hörte wochenlang erst mal nix. Als ich dann endlich die Antwort bekam, war ich extrem enttäuscht. Das war nämlich ein ‚Antrag abgelehnt‘. 

Obwohl man mich bereits gewarnt hatte, dass die Rentenversicherung häufig erst mal alles ablehnt, fühlte ich mich persönlich angegriffen. 

Alle behaupteten ständig, die nächsten 20 Jahre meine Arbeitskraft sichern zu wollen. Das sei unglaublich wichtig und ich bin ja nicht doof. Ich verstehe, warum das sogar für mich wichtig ist. Aber warum hilft denn dann keiner. Ich war so sauer. 

Und ich wollte unbedingt in eine Reha, weil mich Termine zu dem Zeitpunkt unglaublich gestresst haben. Wie oft ich wegen einem Arztbesuch morgens gebrochen habe, habe ich verdrängt, aber das waren tatsächlich richtig körperliche Auswirkungen. Und wenn ich nur daran dachte, dass ich von der Arbeit einmal in der Woche zu einem Psychologen fahren muss, wahrscheinlich im Berufsverkehr, brhh. Nein, danke. 

Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, habe ich alle meine Wut in dem Moment in einen handschriftlichen Brief geballert. Ich war sehr deutlich, wie unfair das ist und wie enttäuscht ich bin und was ich nicht alles darein geschrieben habe. Ich erröte jetzt noch, weil ich sehr direkt war. 

Aber ein paar Wochen später kam die Genehmigung für die Reha. Ob das jetzt an meiner Empörung lag oder ob sie einfach dem Widerspruch nachgegeben haben, es ist mir egal. 

Fakt ist, ich hatte meine Zusage und kurze Zeit später bekam ich Post von der Vogelsbergklinik. 

Man fühlt sich wie in einer geschützten Blase 

Ich war sehr aufgeregt, als ich zur Klinik fuhr. Dort angekommen befindet man sich sofort in einem Mühlrad. Man hat ständig Veranstaltungen, Einzeltherapie, Aqua-Jogging (gerne um 07.10 Uhr), dann wird Wert darauf gelegt, dass man zu den Mahlzeiten tatsächlich erscheint und die sind ja zu für mich merkwürdigen Zeiten. Also ich finde sie merkwürdig. 12 Uhr Mittagessen ist mir zu früh und 18 Uhr Abendessen passte mir zwar prima, aber ich hatte ständig Sorge, dass ich später am Abend verhungern könnte. 

Alles in allem war es aber gut. Ich ließ mich auf das Essen ein und auf alles andere halt auch. Und das war gut so. Man lernt sofort viele Menschen kennen, zum einen die, mit denen man am Tisch beim Essen sitzt und zum anderen die, die z. B. in der gleichen Bezugsgruppe sind. 

Man hat auch mal zwischendurch Freizeit und da man ja ein Zimmer hat, kann man sich mal zum Lesen zurückziehen oder ähnliches. 

Ich habe die Zeit genossen. Leider fängt erst ab Woche 4 die richtig effektive Zeit an, so das ich zum Ende hin Panik bekam, dass die Zeit nicht ausreicht. 

Ich startete die Kur mit einem Depressionswert von 27. Das wurde bei der computergestützten Eingangsdiagnostik festgestellt. Dabei handelt es sich um eine mittelschwere depressive Episode. 

Kurz vor dem Ende der Reha machte ich dann die Ausgangsdiagnostik und man bescheinigte mir einen Wert von 12. Das ist somit nur noch eine sehr leichte Depression und kein Grund zur Beunruhigung. 

Als ich nach Hause fuhr, also quasi die ‚geschützte Blase‘ verlassen musste, hatte ich dennoch totale Angst, dass zu Hause alles wieder im Alltagstrott versinken würde. 

Aber das war glücklicherweise nicht so. Ich fühle mich wieder richtig gut und weiß heute, dass der Weg, den ich gegangen bin für mich der perfekte und richtige Weg war. 

Es war mir wichtig, diese Geschichte zu teilen, die mir jedes Mal, wenn ich sie mir durchlese, viel zu lang vorkommt. Aber mir hätten diese Worte geholfen. Der Weg ist natürlich nicht für jeden richtig. Wenn Ihr keine Probleme mit Terminen habt, dann sucht Euch einfach einen Psychologen. Klärt mit Eurer Krankenkasse, wie vorzugehen ist. 

Alexandra Klein 

PS: Wenn es für Euch machbar ist, geht so offen wie möglich mit dem Thema um. Ich habe so viele Menschen getroffen, die sich mir ebenso mit einer Depression offenbarten, nachdem ich munter von meiner Depression begonnen habe, zu erzählen, das hätte ich bei so vielen Menschen niemals vermutet. 

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