Foto: Rocket Internet

Oliver Samwer: Der aggressivste Mann im Internet

Oliver Samwer und seine Brüder wollen sich mit den Börsengängen von Rocket Internet und Zalando ein Denkmal setzen. Das Risiko tragen andere.

Oliver Samwer gilt als der Internetunternehmer und Investor in Deutschland. Astrid Maier und Angela Maier haben sich für unseren Partner Manager Magazin Online intensiv mit den Samwer-Brüdern, Rocket Internet und den Börsenplänen auseinandergesetzt.

Was hat Oliver Samwer mit Bill Gates gemeinsam?

Rocket Internet war gerade mal ein Jahr alt, als Oliver Samwer (40) seinen wichtigsten Führungskräften ein Rätsel aufgab. Was, so wollte der Gründer wissen, hätten der reichste Mann Amerikas, der reichste Chinese und er, Oliver Samwer, gemeinsam? Die Lösung lieferte Samwer gleich mit. Microsoft-Erfinder Bill Gates, Multiunternehmer Li Ka-Shing und er, sie alle besäßen jetzt Aktien von Facebook, erklärte Samwer

Die Begebenheit verbreitete sich schnell bei Rocket Internet, auch wenn die Neuigkeit für die Mitarbeiter begrenzten Wert besaß. Samwer hatte die zu dem Zeitpunkt noch nicht an der Börse gelisteten Facebook-Papiere für sich selbst und seine Brüder gekauft. Rocket Internet, das Investmentvehikel mit angeschlossener Startup-Werkstatt, hatte er umgangen. Und doch war in Berlin spätestens von da an allen klar, wohin die Reise gehen sollte: ab, hinauf, in den Internetolymp, in die Sphären der Superreichen und Mächtigen.

Jetzt nimmt Oliver Samwer Anlauf, seine Mission zu vollenden. Im Herbst will Deutschlands wichtigster Internetunternehmer Rocket Internet an die Börse bringen, ebenso wie den Onlinemodehändler Zalando, das ehemalige Küken aus der Rocket-Brut, das am schnellsten zu einem Masthuhn gepäppelt wurde. Geht alles glatt, könnte ein IPO folgen für den Möbel-Shopping-Klub Westwing, ein weiteres Produkt der ohne Unterlass laufenden Start-up-Fließbänder in Berlin. Und dann?

Samwers forcieren spektakulärste Sturzgeburt

Eins, zwei, drei Internetbörsengänge! Milliardenbewertungen! Das gab es schon lange nicht mehr in Deutschland. Es ist eine spektakuläre Sturzgeburt, die die Samwers hier forcieren. Oliver und seine Brüder Alexander (39) und Marc (43) sehen ihre Chance gekommen, sich das aus ihrer Sicht verdiente Denkmal zu setzen – jetzt, da der Technologiemarkt boomt, der Dax trotz des jüngsten Rücksetzers die Marke von 10.000 Zählern im Blick behält, die Welt mit billigem Geld überschüttet wird. Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht sie?

Gelingt der Wurf, wird Oliver Samwer, der seit Anfang Juli auch Vorstandsvorsitzender der Rocket Internet AG ist, zum digitalen Übervater auf dem Kontinent. Wird es eine Missgeburt, droht mit ihm die gesamte Branche wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. „Die Börsengänge der Samwers sind der heilige Gral für die deutsche Tech-Wirtschaft“, sagt einer der profiliertesten Investoren im Lande.

Der Mann möchte lieber anonym bleiben. Er will seine geschäftlichen Beziehungen zu den Brüdern nicht gefährden. Das verschworene Trio gilt als schwierig, bisweilen als furchterregend.

Mit diktatorischem Duktus

Die Samwers prägen die deutsche Digitalwirtschaft, seit sie 1999 ihre erste Internetfirma, den Ebay-Klon Alando, gründeten und innerhalb von 100 Tagen für rund 50 Millionen US-Dollar an das Original verkauften. Vielerorts werden sie verehrt für ihre Chuzpe, US-Startups, deren Geschäftsmodell sich bewährt hat, nachzubauen und schnell global auszurollen.

Zugleich werden sie wegen ihrer ruppigen Geschäftsmethoden gefürchtet. Denn in der Regel sind es die Samwers, die gut an ihren Exits verdienen. Häufig müssen jene, die nach ihnen kommen, das Chaos aufräumen. So war es beim Klingeltonvermarkter Jamba, bei der Onlinespielewerkstatt Bigpoint oder auch beim Couponservice Groupon.

Im Silicon Valley, dem Gravitationszentrum der Branche, sind die Samwers wegen ihrer Kopiermasche geradezu geächtet. Paul Graham, Gründer des namhaften Accelerators Y Combinator, scherzte neulich, er würde gern ein besonders viel Geld verschlingendes, aber sinnloses Jungunternehmen gründen, nur damit die Samwers es kopieren und daran zugrunde gehen.

Danach sieht es derzeit nicht aus. Die Samwers breiten sich mit der Effektivität eines Eliteeinsatzkommandos über den Globus aus. 75 Start-ups steuert die Rocket-Internet-Zentrale von Berlin aus. Das Imperium reicht von Uruguay über Nigeria bis nach Indonesien.

Die Klon-Könige: Rocket Internet steuert 75 Startups

Der Kopf und mehr noch die Faust der Unternehmung ist der mittlere Bruder des Dreiergespanns, Oliver. Ein kleiner, drahtiger Typ, der seine Lässigkeit schnell verlieren kann. Er hat sich selbst einmal als „aggressivsten Mann im Internet“ bezeichnet. Oliver steuert den Laden, sammelt das Geld ein, peitscht seine Truppen mit oftmals diktatorischem Duktus voran.

In der globalen Tech-Szene wurde er berühmt, als eine seiner E-Mails an einen US-Blog durchsickerte, in dem er seine Angestellten zum „Blitzkrieg“ aufputschte: „The only thing is that the time for the blitzkrieg must be chosen wisely, so each country tells me with blood when it is time. i am ready – anytime!“

Seit Monaten schon treibt Oliver den Börsengang von Rocket Internet voran. J.P. Morgan, Morgan Stanley und das Hamburger Bankhaus Berenberg sollen für die Platzierung in Frankfurt sorgen. Geplant ist, zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Euro einzunehmen für einen Minderheitsanteil von gut 20 Prozent, bei einer Bewertung von drei bis fünf Milliarden Euro. Seit Mitte des Jahres werden zudem institutionelle Investoren wie Pimco und Lazard angesprochen. Die Aktienkäufer werden wohl hauptsächlich aus den USA und Großbritannien kommen.

Ein weiterer Schritt in Richtung Börsengang gelang vergangene Woche: Samwer gewann einen großen externen Investor hinzu. Der philippinische Telekom-Konzern Philippine Long Distance Telephone schießt 330 Millionen Euro frisches Eigenkapital in die Rocket-Holding und erhält dafür zehn Prozent. Damit wäre Rocket Internet 3,3 Milliarden Euro wert. Damit sei eine „Grundlinie“ beim Preis eingezogen, frohlockte man in der Berliner Zentrale.

Samwers, Kinnevik aus Schweden und russische Access wollen Kasse machen

Eine Option ist, vor dem eigentlichen Börsengang einen Pre-IPO durchzuführen. So erhielten die Inhaber schon vorab eine Ausschüttung, die das Unternehmen über Kredite finanzieren würde. Weil die Altaktionäre – die Samwers, die schwedische Kinnevik-Holding und die Access Industries des gebürtigen Russen Len Blavatnik – ihren Einsatz so schon zu einem Teil vor dem Börsengang rausholen würden, könnten sie danach noch länger an Bord bleiben. Die Folge wäre allerdings, sollte man sich auf diese Variante einigen, dass der IPO nur wenig Geld für neues Wachstum einbringt.

Nach außen wird eine andere Geschichte verkauft. Sie handelt davon, dass Rocket Internet Kapital einsammeln will, um seine Expansion zu beschleunigen. Die Zahl der Start-ups soll auf 150, vielleicht sogar 250 vervielfacht werden. Eine einmalige Chance, an der fortschreitenden Digitalisierung der Weltwirtschaft mitzuverdienen! Das mag ein Ziel sein, die ganze Wahrheit ist es nicht. Die Samwers wollen an die Börse, bevor die Tech-Blase in den USA platzt und auch der Dax wieder einknickt. Vor allem die Geschäftspartner drängen auf den Börsengang, mit Großinvestor Kinnevik an der Spitze.

Rasch an die Börse – bevor die Tech-Blase in den USA platzt

Kinneviks Verwaltungsratschefin Cristina Stenbeck (36), wichtigste Investorin von Rocket Internet, will endlich den Beweis erbracht haben, dass die Samwers nicht nur schnell und teuer Firmen hochziehen können, sondern auch nachhaltige Werte schaffen. 1,2 Milliarden Euro hat Stenbecks Beteiligungsholding in Rocket Internet investiert; der größte Teil davon steckt in Zalando. Mit Ausnahme der knapp 110 Millionen Euro Groupon-Dividende hat sie von ihrem Geld kaum etwas wiedergesehen. Einen ersten Warnhinweis darauf, dass ihre Wette auch verloren gehen könnte, bekam sie im Februar: Am Tag, an dem Zalando für das Geschäftsjahr 2013 Zahlen unterhalb der Erwartungen bekannt gab, brach Kinneviks Aktienkurs um zwölf Prozent ein.

Seit einem Jahr schon mühen sich die Schweden, die Kontrolle über ihre Samwer-Beteiligungen zurückzugewinnen. Seit August 2013 ist Kinnevik der größte Anteilseigner bei Zalando. Im Frühjahr 2014 installierte Stenbeck den durchsetzungsstarken Ex-Goldman-Sachs-Banker Lorenzo Grabau anstelle der langjährigen Kinnevik-Chefin Mia Brunell Livfors. Um Zalando kümmert sich Stenbeck als Aufsichtsratschefin nun selbst.

Immer mehr Geld in immer neue Startups

Zudem investieren die Schweden zunehmend bei anderen Partnern, die ihr Geld nicht ganz so schnell verbrennen, etwa dem Rocket-Konkurrenten Naspers aus Südafrika. Denn mit der Samwer-Methode, immer mehr Geld in immer mehr Start-ups zu pumpen, ist Kinnevik an die Grenzen der eigenen Handlungsfähigkeit gelangt. Gerade mal 120 Millionen Euro hat Kinnevik noch flüssig in der Bilanz, sehr wenig im Verhältnis zum gesamten 7,4 Milliarden Euro schweren Beteiligungsportfolio, das viele defizitäre E-Commerce-Start-ups einschließt, die womöglich weiteres Geld benötigen. Große neue Investments sind da kaum noch drin.

In den beiden ersten Quartalen musste die börsennotierte Kinnevik-Holding die Bewertungsmultiplikatoren für zahlreiche Rocket-Ableger sowie für Zalando zurücknehmen, viele der kleineren Startups verlieren schon seit mehreren Quartalen an Wert. Setzt sich dieser Trend fort, müsste Kinnevik Verluste und einen weiteren Absturz des Aktienkurses befürchten. Stenbecks offensichtliche Schlussfolgerung: nichts wie raus.

Die Erbin will sich freikämpfen. Sie hängt am Haken, seit Oliver sie 2008 auf einer Hochzeit köderte und Stenbeck im Jahr darauf erstmals in Rocket investierte. Die Brüder haben eine klare Arbeitsteilung. Der jüngste, Alexander, kümmert sich um Zalando, Marc war mal für die Beteiligung an Groupon zuständig, Oliver steuert alles von oben.

Mit Charme und Penetranz

Gemeinsam haben die Brüder während eines Segeltörns an Bord eines Schiffes auf dem Vierwaldstätter See einen Pakt geschlossen: Sie wollten ein Unternehmen gründen. Da waren sie zwölf, 14 und 16 Jahre alt. Seitdem ordnet sich alles diesem Ziel unter. Olivers Anspruch: „Es gibt weltweit nur drei Internetfirmen. Amazon, Alibaba und uns.“ Geschätzt bis zu drei Milliarden Euro hat er in den vergangenen vier Jahren eingesammelt, damit spielt er in der Liga der größten Venture Capitalists der Welt wie etwa die US-Firma Sequoia.

Samwers Methode: eine Mischung aus Charme und Penetranz. In den Anfangsjahren kampierte er im Auto vor dem Büro eines US-Investors, der ihn nicht empfangen wollte, bis der Mann endlich nachgab. Heute zählt er etwa den deutschen Holtzbrinck-Verlag, den indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, den Luxusmilliardär François-Henri Pinault, die US-Investmentbank J.P. Morgan sowie einen kanadischen Lehrerpensionsfonds zu seinen Geldgebern. Wie ein Getriebener hat der Raketenmann die Reichen dieser Welt abtelefoniert und angeschrieben. Bei dieser Kaltakquise stellt er sich vor als Oliver Samwer, der gemeinsam mit seinen zwei Brüdern Seriengründer sei und „die größte Internet-Venture-Gruppe der Welt“ führt.

Der unbedingte Wille, gewinnen zu wollen, war früh ausgeprägt. Als kleiner Junge habe er Seeschlachten immer für sich entschieden, weil er die meisten Kanonen auf sein Piratenspielzeugschiff lud, erzählte er mal. Mochten die anderen schneller sein, bessere Strategien haben, Oliver ballerte sie einfach alle weg. Heute macht er genau das mit Rocket Internet.

Industrielle Startup-Produktion – gesteuert vom Großraum in Berlin

Ein Lieferbote karrt zur Mittagszeit in Klarsichtfolie eingepackte belegte Brote an abgewetzten Sofas von Ikea vorbei, im Großraum sitzen rund 60 Mitarbeiter dicht gedrängt nebeneinander. Mit pompösem Firlefanz, wie er zurzeit bei den Start-ups im Silicon Valley grassiert, lenken sie sich bei Rocket Internet in der Johannisstraße 20 in Berlin gar nicht erst ab. Man muss schließlich neue Milliardenmärkte aufbauen, und zwar schnell.

Und das funktioniert so: Die PR-Frau vor dem Computer ganz rechts kommt aus Indien, der Suchmaschinenoptimierer aus Italien, dazwischen sitzen Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Zusammen arbeiten sie daran, Carmudi und Lamudi, einen Automarktplatz und ein Immobilienportal, zeitgleich hochzuziehen in Ländern wie Pakistan und Nigeria – alles gesteuert aus diesem Großraum in Berlin.

Nach 100 Tagen steht das Grundgerüst, dann werden Einsatzteams in die Länder entsandt, die die wenigen Lokalkräfte der ersten Stunde unterstützen. Derweil wird das Baby bei IT, Marketing und Finanzen weiter von der Mutter betreut. Nach weiteren 100 Tagen zieht das Kleinkind endgültig aus. Der Chef ist oft ein Deutscher, der sich bereits in einem anderen Projekt bewährt hat.

Geschätzte 50 Millionen Euro Verlust pro Monat

Niemand hat diese industrielle Start-up-Produktion derart perfektioniert wie die Samwers. In guten Zeiten schaffen sie es, bis zu 16 neue Seiten pro Monat ans Netz anzuschließen. Betrieben wird diese Maschinerie von einer 15.000-köpfigen Armee von ehemaligen McKinsey-Beratern, jungen Investmentbankern und anderen Ehrgeizigen, die Rocket weltweit rekrutiert hat. Den Generalstab bilden 300 Leute, die allesamt in Berlin sitzen.

Die Raketen, wie sie sich selbst nennen, sind extrem leistungsbereit. Sie haben Dafiti, die Zalando-Schwester in Brasilien, in Rekordzeit hochgezogen; Lamoda in Russland oder den Amazon-Klon Linio in Lateinamerika aufgebaut. Die E-Commerce-Außenposten besetzen Märkte, die von der US-Konkurrenz nicht beachtet wurden. Dieser Eroberungsfeldzug geht natürlich ins Geld. Schätzungen zufolge häuft Rocket 50 Millionen Euro Verlust pro Monat an.

Der Anti-Oliver

Alexander Kudlich (34), derzeit einer der Geschäftsführer der Rocket Internet GmbH, sagt: „Wir minimieren das Geschäftsmodell-, das Finanzierungs- und das Umsetzungsrisiko.“ Kudlich trägt am Handgelenk zwei Lederarmbänder in fröhlichem Orangerot und Türkis. Will man von seinem engen Büro aus auf die Terrasse, muss man sich schon mal an einem Team vorbeidrängeln, das im noch engeren Besprechungsraum an einer neuen Startup-Idee werkelt. Vermutlich ist es diese jungenhafte Bescheidenheit, die ihn in der Szene so beliebt macht. Kudlich ist der Anti-Oliver.

Rocket habe nach der E-Commerce-Phase eine neue Stufe gezündet, erklärt er. Jetzt gelte es, Marktplätze wie die Taxi-App Easy Taxi in Lateinamerika oder den Lieferservice HelloFood in Afrika und Asien auszurollen, dazu digitale Finanzdienstleistungen, Fin-Tech genannt, derzeit ein besonders heißes Thema. Im Venture-Business gilt das Gesetz, dass von zehn Gründungen nur eine reüssiert. „Unsere Erfolgsquote ist genau umgekehrt“, sagt Kudlich.

Rocket Internet ist eine Blackbox

Starke Worte – und doch gibt es für den geplanten IPO keine Benchmark. Denn Rocket Internet ist eine Blackbox, was zur publizitätssüchtigen Börse eigentlich nicht passt. Hinter Rocket verbirgt sich eine Schachtel aus Holdings und Untergesellschaften. Die Holdings heißen Bigfoot I und Bigfoot II (Onlinemodehändler), Africa Internet Holding oder Big Commerce (Amazon-Klone). Bis zu 1000 Untereinheiten seien darunter aufgehängt, sagt ein Insider. Sein Fazit: Mit dem Gebilde könne man nur in Frankfurt an die Börse, „dort sind die Publizitätspflichten am geringsten“.

Das undurchsichtige Firmenkonstrukt hat schon in der Vergangenheit manch potenten Privatinvestor abgeschreckt, sich zu beteiligen. Nur Oliver selbst und Sascha Leske, sein Justiziar von der Kanzlei Noerr, sowie sein engster Vertrauter bei Rocket, Arnt Jeschke (43), haben wohl einigermaßen den Durchblick. Hinter ihnen fällt die Wissenskurve steil ab.

So gerät öfter mal was durcheinander – selbst bei einfachsten betriebswirtschaftliche Kenngrößen wie dem Umsatz. Noch im Juni lautete Rocket Internets offizielle Auskunft, alle Rocket-Startups zusammen erlösten drei Milliarden Euro im Jahr. Die Zahl kam Branchenkennern schon damals viel zu hoch vor. Und tatsächlich: Der Neu-Eigentümer von den Philippinen decouvrierte in seiner Pressemitteilung, dass die Startups 2013 gerade einmal 700 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet hatten.

Komplexes Innenleben – ein Abbild des Gründers

Rocket Internet ist im Grunde ein Abbild des Innenlebens von Oliver Samwer. Facettenreich, verschachtelt, kompliziert – und unberechenbar. Ziel ist, immer die Kontrolle zu behalten, Macht zu festigen, um andere im Griff zu haben. Heute noch freundlich, kann Oliver morgen zum Tyrannen werden, der in seinem Glaskubus notiert, wer vor ein Uhr nachts nach Hause geht. So ist es beim globalen Ausbau von Groupon geschehen.

Ausgebootete pflastern seinen Weg, nicht selten ehemals enge Freunde. Samwer führt ein knauseriges Regime, das eher an die Krämermentalität eines Schwaben vom Schlage Anton Schleckers erinnert als an das von US-Tech-Magnaten, die selbst ihre Portiers mit reichlich Aktienpaketen entlohnen.

Studienfreund Thorsten Bohg etwa, der die Vergleichsplattform TopTarif in Deutschland aufbaute, wurde von Oliver beim internationalen Roll-out umgangen. Zalando-Mitgründer Robert Gentz hingegen wurde mit Anteilen an den globalen Onlineablegern bedacht, er ist erfolgreicher. Wenn’s ums Geschäft geht, spielt Freundschaft bei den Samwers keine Rolle.

Zalando – Goldgrube für die Brüder

Ihren persönlichen Reichtum hat kaum ein Unternehmen so gemehrt wie Zalando. Bis heute haben die Brüder bereits rund 500 Millionen Euro kassiert, indem sie Anteile weiterreichten, etwa an Kinnevik. Rocket Internet ist seit vergangenem Jahr nicht mehr an Zalando beteiligt, die Samwers halten noch 17 Prozent über ihren European Founders Fund.

Beim anstehenden Börsengang des Modehändlers hoffen die Beteiligten auf eine Bewertung zwischen vier und fünf Milliarden Euro. Allen voran Investor Kinnevik, der Zalando mit einem Wert von 3,9 Milliarden Euro in seinen Büchern stehen hat. Gesteht die Börse weniger zu, müsste Kinnevik abwerten.

Lange Zeit hatte Oliver Samwer nichts vom E-Commerce-Geschäftsmodell gehalten. Zu niedrig erschienen ihm die Renditen. Erst Zalandos Wachstum brachte ihn auf die Idee, die Welt mit Handelsablegern zu überziehen. Vor sechs Jahren gegründet, hat sich Zalando in 15 europäischen Ländern ausgebreitet. 2013 wurden 1,8 Milliarden Euro erlöst.

Doch die Verluste wuchsen bisher mit. Im ersten Quartal konnte die negative Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr kaum verbessert werden. Im zweiten Quartal behauptete Zalando von sich zwar, operativ erstmals mit Gewinn abgeschlossen zu haben. Doch wie nachhaltig ist das?

Zalando muss erst noch beweisen, dass man langfristig profitabel ist

Fakt ist: Der Modehändler muss erst noch beweisen, dass er langfristig profitabel ist. „Ich kann in der bisherigen Historie der Samwers keine einzige langfristige Erfolgsgeschichte erkennen, also ein Unternehmen, das nachhaltig Gewinne schreibt“, sagt Reiner Braun, Professor für Entrepreneurial Finance an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.

Bei Zalando flachte das Wachstum 2013 zudem ab – ein Knock-out-Kriterium in der Welt der vielversprechendsten Start-ups. International kann der Modeversender kaum noch wachsen, in Russland, Indien oder Brasilien halten Schwestern den Markt besetzt.

Doch dieses Problem lässt sich lösen: Gelingt der Börsengang, will Zalando mit dem Geld Schwestern einfach aufkaufen – oder sich an ihnen beteiligen, wenn sie selbst an die Börse gehen. Die Investoren könnten so doppelt Kasse machen, die Risiken würden an die nachfolgenden Anleger durchgereicht. Am liebsten würde Rocket so viele Start-ups wie möglich aufs Parkett bringen, in Australien etwa wird an einem IPO des Lebensmittellieferservice HelloFresh gearbeitet.

Doch dass die Samwers nicht immer halten, was sie versprechen, zeigt Dafiti. Der brasilianische Zalando-Klon wächst schneller noch als das Original in den Anfangsjahren. Potenziellen Investoren versprachen die Brüder in hochgejazzten Präsentationen noch Anfang 2013, Dafiti werde im März 2014 profitabel sein. Davon ist die Firma heute weit entfernt.

Die Marktlücke, US-Erfolgsmodelle global zu exportieren, schließt sich

Und fortan kommen auf die Samwers deutlich härtere Zeiten zu. Die Marktlücke, US-Erfolgsmodelle in den Rest der Welt zu exportieren, schließt sich. Silicon-Valley-Hotshots wie das Unterkünfteportal Airbnb oder der Fahrservice Uber haben heute selbst den Anspruch, global zu sein. So ist Samwers Airbnb-Klon Wimdu ein Nischenplayer geblieben.

Kommt mit Rocket Internet also ein Papier auf den Markt, das mehr auf Fantasie als auf Substanz basiert? Die Präsentationen von Oliver Samwer, Kudlich und der Rocket-Mannschaft bei Kinneviks Berliner Investorentag im Mai erinnern jedenfalls stark an die Jahrtausendwende, als die letzte Tech-Blase platzte: Hunderte bunter Charts, großspurige „Mission Statements“ voller Absolutismen („Wir kreieren die weltgrößte Internetplattform außerhalb Chinas und der USA“) und beeindruckende Zahlen zu Markenbekanntheit und Klickraten bekamen die Zuhörer da zu sehen.

„Aktien, die man nicht analysieren kann“

Aufgepumpt wurde das Zahlenwerk mit einer schwindelerregenden Prognose, wonach die Webbranche in den Rocket-Ländern auf einen potenziellen Börsenwert von 1.600 bis 1.800 Milliarden Euro komme.

Wer in Berlin hingegen auf harte Zahlen und Fakten hoffte, wurde enttäuscht. „Concept Stock“ nennt man die künftige Rocket-Aktie im Fachjargon, „das sind Aktien, die man nicht analysieren kann“, erklärt der Manager eines großen Publikumsfonds. Ein Grund, dass weder in den USA noch hierzulande ein größerer Inkubator an der Börse gehandelt werde.

Die Banken laufen sich heiß

Auf mehr Durchblick sollten die Anleger nicht hoffen. Rockets Kennzahlen würden lediglich aggregiert nach verschiedenen Geschäftsfeldern ausgewiesen, wo genau Gewinne oder Verluste anfallen, bleibt im Dunkeln. Ein Inkubator sei nur etwas für spezialisierte, sehr erfahrene Investoren, warnt Bob Lilja, Gründer und Chef der gleichnamigen IPO-Beratung.

Früher wäre ein solcher Börsengang ein sicheres Indiz für eine Blase gewesen. Das wissen auch Rockets Investmentbanker. Für die Samwer-Brutstätte trommeln sie deshalb mit einer leicht modifizierten Story. Rocket Internet sei viel mehr als nur ein „normaler“ Inkubator. Sowohl die samwersche Methode, bewiesene Geschäftsmodelle auszurollen, als auch deren technologische Plattform seien einzigartig.

Passende Hebammen für die Sturzgeburt

Für seine Sturzgeburt hat sich Oliver Samwer jedenfalls passende Hebammen ausgesucht: Berenberg gilt als die aggressivste Privatbank Deutschlands, und die US-Häuser Morgan Stanley und J.P. Morgan halfen schon Facebook und Twitter in die Börsenwelt.

Dabei griffen sie auch zu fragwürdigen Mitteln. Bei Facebook informierten die Banker kurz vor der Erstnotiz ihre Großkunden, dass die Geschäftsentwicklung hinter den Erwartungen zurückbleibe. Kleinanleger erfuhren von alldem nichts. Prompt stürzte die zu Höchstpreisen platzierte Aktie erst einmal ab.

Für Oliver Samwer geht es vor allem darum, zu siegen. Er will endlich in einem Atemzug genannt werden mit einem Titanen wie Mark Zuckerberg (Facebook). Er meint es ernst, wenn er sagt: „Ich werde sterben, um zu gewinnen.“

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