Foto: Henrique Félix – unsplash

Wenn „Clean Eating“ krank macht

„Clean Eating“ ist Trend, eine ausgewogene Ernährung empfehlenswert. Doch wer gesundes Essen zu ernst nimmt, kann krank werden. In der Fachwelt bezeichnet man diese Essstörung als Orthorexie.

 

„Clean Eating“ trifft Schönheitswahn

Die Frage, die mir von Freunden, Bekannten und Bloggern am häufigsten gestellt wird, ist: „Hat sich deine Ernährung durch das Studium eigentlich verändert?“

Und meine Antwort lautet: Ja! Aber wahrscheinlich anders als ihr denkt: Ich bin lockerer geworden. Ich ernähre mich weniger dogmatisch und denke noch weniger über mein Essen nach als noch vor ein paar Jahren. Ich studiere Ernährungswissenschaften.

Der folgende Beitrag ist sehr persönlich. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, um mich selbst so reflektieren zu können, wie ich es jetzt tue. 

Mit weit mehr als 25 Millionen Instagramfotos unter dem Hashtag #cleaneating und einer breiten medialen Aufmerksamkeit hat wohl schon jeder einmal vom Trend „Clean Eating“ gehört. Die Vollwerternährung 2.0 begeistert vor allem gesundheitsbewusste Menschen und Weltverbesserer. Viele „Clean Eater“ sind vegan.

Doch auch jede Menge Teenager begeistern sich zunehmend für die Diät, die reinere Haut, glänzende Haare, besseren Schlaf und einen inneren „Glow“ verspricht. Junge Frauenmagazine und die sozialen Medien bewerben Zucker als Gift, Mehl als Magenkleber und raffinierte Fette als Energie- und Zellfresser – nur wer auf Clean Eating umsteigt, schafft den Weg raus aus dem Teufelskreis aus Zuckerhigh und Fresskoma, wird endlich ausgeglichen und findet zu sich selbst.

Throwback Mai 2014

Ich stehe vor einem Straßenladen in Bali. Seit knapp fünf Monaten versuche ich nun schon, komplett auf Zucker zu verzichten. Auch Weißmehl esse ich nur noch selten. Die Regel „Iss nichts, was mehr als 5 Zutaten hat“ setze ich um – im neuseeländischen Supermarkt weiß ich genau, was ich kaufen kann und was nicht.

Doch jetzt stehe in Bali, wo das Essengehen zur Kultur gehört. Wo nur wenige Familien selbst eine Küche besitzen und deshalb ihre Mahlzeiten an den Straßenläden zu sich nehmen. Wo es keine Zutatenliste gibt und die Luft verdächtig nach Frittierfett riecht. Und wo alles so verdammt lecker und exotisch aussieht.

Ich stehe nach einer geschlagenen Stunde Suche weinend vor meinem Freund. Ich kann nicht mehr. Der Laden, in dem es laut Trip Advisor rohe Smoothies geben soll, hat zu. Bis auf eine naturbelassende Kokosnuss habe ich bisher nichts gegessen. Jetzt fange ich an, an mir zu zweifeln.

Sollte meine gewählte Ernährungsform wirklich mein Leben diktieren? Sollte sie mir wirklich verbieten, lokale Spezialitäten auszuprobieren, nur weil sie nicht clean sind?

Ein Supermarkt voll Lebensmittel – und du suchst trotzdem nach etwas Essbarem

(Bild: Jonathan Niederhoffer – unsplash)

Clean Eater kochen fast immer selbst. Die Zutaten sind frisch, die Gerichte kreativ und lecker. Das Kochen macht Spaß und das Essen auch – so lange man weiß, was drin ist.

Sobald es allerdings ans Auswärtsessen geht, wird es schwierig. Das Restaurant wählt man lieber selbst aus, um sicher zu gehen, etwas „Cleanes“ bestellen zu können. Zur Geburtstagsfeier bringt man lieber den eigenen Kuchen mit, ohne Weißmehl und  raffinierten Zucker. Im Ausland googelt man sich die Finger wund, um das nächste vegane oder zumindest halbwegs gesunde Lokal ausfindig zu machen. Denn noch haben sich nicht alle auf die Clean Eater eingestellt.

„Wer sich nach den Grundsätzen von Clean Eating ernähren will, stößt beim Einkaufen auf sehr viele Produkte, die er gemäß dem Konzept nicht essen darf. Selbst in Bio-Supermärkten und Reformhäusern gibt es Convenience-Lebensmittel und verarbeitete Produkte wie Brotaufstriche, Müslimischungen oder Nudelsaucen im Glas, und auch Bio-Lebensmittel enthalten oftmals Zusatzstoffe […]“ 

Ernährungsumschau, 07.07.2015

So wird oftmals schon der Gang zum Supermarkt zur Herausforderung – bis man schließlich genau weiß, was man noch essen kann und auf immer mehr Lebensmittel verzichtet.

Orthorexie – Der Zwang, gesund zu essen

Wenn die Angst vor ungesundem, krankmachenden Inhaltsstoffen so stark zunimmt, dass es nur noch ausgewählte Lebensmittel auf den Speiseplan schaffen, wird es krankhaft. Den Zwang, gesund zu Essen nennt man Orthorexie – abgeleitet von dem griechischen Wort Ortho, was korrekt bedeutet. Sie ist eine Form der Essstörungen.

Orthorektikern ist es egal, wie viel sie essen – was zählt, ist die Qualität des Lebensmittels. Häufig werden „gesunde“ Lebensmittel idealisiert, „ungesunde“ verteufelt – es entsteht eine Angst, sich und seinem Körper etwas Falsches, nicht Gesund- bzw. Krankmachendes zuzuführen.

Pommes werden beispielsweise nicht vom Speiseplan gestrichen, weil sie so viele Kalorien haben, sondern weil gesättigte Fettsäuren die Arterien verstopfen und freie Radikale die Zellen schädigen sollen.

Das ständige Reflektieren seines eigenen Essverhaltens ist sehr anstrengend und zehrt aus – den Geist und den Körper. Dennoch nehmen Orthorektiker das selbst gar nicht so wahr, im Gegenteil: Sie sind davon überzeugt, sich selbst nur Gutes zu tun. Gesundes Essen ist vorbildlich,  die Recherche interessant und sich sein Essen selbst vorzubereiten macht Spaß.

Auch ich fühlte mich in meiner absolut „cleanen“ Zeit stark, schön und sehr gesund. Als ich merkte, dass ich immer dünner wurde, meine Gedanken nicht aufhörten, um Essen zu kreisen und ich nicht einen einzigen Industriekeks mehr herunterbekam, ohne davon ein schlechtes Gewissen zu bekommen, zog ich die Reißleine. Ich stand am Rand einer Orthorexie und habe das erst heute erkannt.

Ab wann wird gesundes Essen krankhaft? Wie erkenne ich eine Essstörung?

Das Gefährliche an einer Orthorexie ist, dass wir gar nicht genau merken, dass wir eine Krankheit haben. Wir fühlen uns gut, haben die volle Kontrolle über unseren Speiseplan, haben Spaß am Kochen und zuckerfreiem Backen.Wie  erkenne ich also, dass das, was ich tue, krankhaft ist?

Es ist eine Gratwanderung – wo hört eine ausgewogene Ernährung auf und wo fängt zwanghaftes Gesund-Essen an? Es ist nicht leicht, eine Orthorexie zu diagnostizieren, in Deutschland wird das auch kaum gemacht. Magersucht und Bulimie sind bekannt, die sogenannten „aytpische Essstörungen“ weniger. Am wichtigsten ist es, auf sich selbst aufzupassen und immer mal wieder zu hinterfragen: Warum verzichte ich  gerade auf diesen Schokoriegel? Weil ich ihn einfach nicht möchte oder weil ich Angst davor habe, dass er nicht gut für mich sein könnte

Orthorexie – eine Art Essstörung, aber keine anerkannte Krankheit


(Bild: Xochi Romero – unsplash)

Es könnte ein schlechter Witz sein: Geht ein Mädchen zum Arzt und fragt ihn: „Ich bin total gesund, habe aber Panikattacken, wenn mein Weizengras alle ist und werde nervös, weil ich meinen zweiten Smoothie am Tag noch nicht getrunken habe. Bin ich krank?“

Was soll ein Arzt dazu sagen? Die Orthorexie als solche ist leider noch kein anerkanntes Krankheitsbild. Gerade weil bisher nicht genau definiert ist, was eine Orthorexie genau ausmacht, wird sie selten diagnostiziert. Ein krankhaftes Essverhalten wird meist erst dann vom Arzt richtig wahrgenommen, wenn eine andere Essstörung (z.B. eine Bulimie) hinzukommt. Es kam aber auch schon vor, dass Ärzte das zwanghafte Bedürfnis, sich gesund zu ernähren erkannten – und es dann als Anorexia nervosa einstufen, weil es die Orthorexie als Diagnose so noch nicht gibt.

Mediziner streiten sich, ob die Orthorexie überhaupt als Krankheit bezeichnet werden kann – ich jedoch bin davon überzeugt, dass die Orthorexie als Essstörung genauso ernstgenommen werden sollte, wie jede andere Form des zwanghaften Essens auch.

Woran unterscheidet sich die Orthorexie von anderen Essstörungen?

Bekannte und anerkannte Essstörungen befassen sich mi Gesamtkalorienzahl, die ein Mensch am Tag aufnimmt, nicht aber mit der Zusammensetzung des Essens. Bei der Orthorexie hingegen ist den Betroffenen die Menge des Essens egal: Was zählt, ist die Qualität des Lebensmittels.

Geprägt wurde der Begriff 1997 von Steven Bratmann, einem amerikanischen Arzt. Seither werden die Symptome einer Orthorexie immer wieder kontrovers diskutiert. Ist Orthorexie eine richtige Essstörung oder ein durch die Medien geprägter Begriff? Sind sich (zu) gesund ernährende Menschen wirklich krank? Wie kann man ihnen helfen? Es fehlt an Daten, der Forschungsbedarf ist hoch.

Wie erkenne ich Orthorexie?

Die folgenden Fragen können euch helfen, herauszufinden, wie gesund eure Beziehung zum Essen noch ist.

Diese Fragen hat der Arzt Dr. Steven Bratmann entwickelt. Er hält eine Orthorexie für möglich, wenn ihr mindestens vier Fragen mit Ja beantworten könnt.

•   Denkst du mehr als drei Stunden am Tag über deine Ernährung nach?

•   Planst du deine Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?

•   Ist dir der ernährungsphysiologische Wert deiner Mahlzeit wichtiger als die Freude am Essen?

•   Hat die Steigerung der angenommenen Lebensmittelqualität zu einer Minderung deiner Lebensqualität geführt?

•   Bist du in letzter Zeit strenger mit dir selbst geworden?

•   Verzichtest du auf Lebensmittel, die du früher gerne gegessen hast, um dich nun „richtig“ zu ernähren?

•   Steigert sich dein Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?

•   Schaust du auf andere herab, die dies nicht tun?

•   Fühlst du dich schuldig, wenn du von deiner Diät abweichst?

•   Bist du durch deine Essensgewohnheiten sozial isoliert?

•   Wenn du dich gesund ernährst, fühlst du dich dann glücklich, dass du alles unter Kontrolle hast?

Die folgenden Fragen möchte ich noch hinzufügen, da ich sie für die Symptomatik einer Orthorexie wichtig finde:

   Fühlst du dich gestresst, wenn du in einen Supermarkt gehst? Nimmt das Level an Stress zu, wenn andere Menschen bei deinem Einkauf dabei sind?

•   Versetzt es dich in Unruhe, wenn du deine Ernährung nicht nach Plan durchführen kannst?

•   Bist du bereit wesentlich mehr Geld für gesünderes Essen auszugeben?

•   Hast du das Gefühl, dass deine Laune dein Essverhalten beeinflusst und umgekehrt?

•   Kontrollierst du jedes deiner Nahrungsmittel auf deren Nährwerte?

Zu guter Letzt: Ist eine Orthorexie gefährlich?


(Bild: Xochi Romero – unsplash)

Eine Orthorexie wird dann gefährlich, wenn es den Betroffenen schwer fällt, ihre „gesunden“ Lebensmittel zu beziehen. Wer plötzlich an Geldnot leidet, durch einen Ortswechsel mit einer anderen/geringeren Auswahl konfrontiert ist oder aus einem anderen Grund nicht mehr in der Lage ist, das zu essen, was er/sie für „gesund“ und richtig hält, fängt an zu verzichten. Plötzlich reduziert sich der Speiseplan auf nur die wenigen „gesunden“ Lebensmittel, die gerade noch zur Verfügung stehen – ein Nährstoffmangel und Kaloriendefizit kann schnell die Folge sein.

Auch wenn eine zweite Essstörung hinzukommt, sollte den Betroffenen schnellstens geholfen werden. Wer neben Nährstoffen auch noch Kalorien zählt und eingrenzt, verfällt schnell in einen ernstzunehmenden Hungerzustand.

Wer lediglich obsessiv auf die Qualität seiner Nahrungsmittel achtet, wird im Zweifel am schnellsten mit einer sozialen Isolation konfrontiert werden. Das ist nicht schön, auf keinen Fall ein gesunder Lebensstil, aber auch nicht lebensgefährlich. Dass Orthorektiker schnell in eine Depression fallen können, ist allerdings nicht auszuschließen.


Ihr habt noch Fragen zum Thema? Ich freue mich über eure Mails, Nachrichten und Kommentare. Erreichen könnt ihr mich über das Kontaktformular auf www.emiliestreats.de oder über meine Social-Media-Kanäle.


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