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Postfaktisches Zeitalter

Schon gehört? Postfaktisch ist das Wort 2016.
Und was heißt das eigentlich?

Von Emotionen, Fake News und gefühlten Wahrheiten.

 

Die GfdS (Gesellschaft der deutschen Sprache) hat am 9. Dezember das Wort des Jahres bekannt gegeben. Dabei stehen „nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität bei der Wahl im Vordergrund“ (http://gfds.de/wort-des-jahres-2016) Und auch DAS Wörterbuch der Welt, das Oxford English Dictionary,  hat post truth zum Wort des Jahres gewählt.

Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.

Oder anders ausgedrückt: Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse und
Darstellungen werden schlichtweg ignoriert oder als falsch angenommen. Die Tatsachen entsprechen einfach nicht der gefühlten Wahrheit. Und eigene Gefühle können doch nicht täuschen. Einfach, weil sie das eigene Weltbild zerstören würden. Wenn eine große Masse an Menschen Fakten als Lüge darstellt, dann haben sie wohl recht. Denn die Mehrheit hat immer recht! Wenn nur genügend Menschen eine Lüge teilen, wird sie zur Wahrheit? Mit vielen Menschen zusammen wird daraus also ein (politisch)-kulturelles Phänomen.

Da werden Bilder und Videos auf Facebook geteilt, ohne nach dem Kontext zu fragen, Politiker*innen werden beliebige Zitate in den Mund gelegt und alle schreien am Ende: Ich hab’s ja gewusst!

Fake News ist hier das Stichwort. Wir abonnieren und liken nur die Dinge und Menschen, die man eh schon gut findet. Der Rest wird einem vorenthalten, oder vielmehr enthält man sich alles andere selbst vor, sollte man sich nicht die Mühe machen, aktiv über den Tellerrand hinaus zuschauen. Auf den Seiten der Gegner*innen den letzten newsletter nachlesen. Quellenangaben einfordern. Oder sich Ort und Datum des Videos anschauen. Und so wird das, was ich sehe und höre und lese zur Wahrheit, zu meiner Wahrheit, denn von der anderen Seite habe ich ja nie etwas gehört. Sie existiert damit quasi gar nicht. Und wenn doch, kann ich kann notfalls das immer und allgemein-gültige Argument raushauen: Außerdem war das schon immer so! Filter bubble olé. 

Aber woher kam der Ausdruck denn so plötzlich?

Ganz neu ist er nicht. In unserem multimedialen Zeitalter hat er allerdings eine neue (andere) Dimension erreicht. Schon 2004 veröffentlichte Ralph Keyes das Buch „The Post-Truth Era“. Keyes schreibt über Unehrlichkeit und Täuschung. Ja war Politik denn früher immer ehrlich und nie faktenbefreit? Hat zufällig noch jemand diese näselnde Stimme im Ohr die da sagt, dass niemand die Absicht hat eine Mauer zu errichten? Wollten wir nicht alle glauben, dass die Renten sicher sind?

Politik die mit Gefühlen gemacht wurde, gab es schon immer. Wir alle sind fasziniert von Leuten, die gute Reden schwingen können und nur durch ihr Charisma und/oder ihr dominantes Reden beeindrucken und Applaus ernten. Politiker*Innen müssen vor Allem eins sein: Sympathisch und menschlich. Nah am Volk. Weil wir alle lieber mit dem Herzen als mit dem Kopf denken möchten. In diesem Jahr aber schaffte der Begriff es dann zu außerordentlicher Berühmtheit in Zusammenhang mit dem Brexit und der Präsidentschaftswahl von Donald Trump. Der US-amerikanische Wahlkampf war dabei schon immer mehr von Emotionen als von Fakten gesteuert, hat aber mit Trump einen neuen Höhepunkt erreicht. Jenny Friedrich-Freksa schreibt dazu auf Zeit Online (http://www.zeit.de/kultur/2016-08/populismus-emotionen-politik-brexit-donald-trump-attentate-10nach8):

„Die neuen Populisten […] wollen keine Köpfe und auch keine Herzen erreichen. Sie zielen auf tieferliegende Gefühlsschichten, auf dumpfe, unbewusste Bauchgefühle, jene Schichten, in denen Wut, Frust, Überforderung und Verletzlichkeit zuhause sind.“

Man gewinnt Menschen und Stimmen also nicht durch Fakten, sondern mit dem Aufgreifen derer Emotionen. Da wird schon mal der Klimawandel geleugnet. Oder die Herkunft Obamas in Frage gestellt. Oder die Arbeitslosenzahlen nach oben gedreht. Es werden Probleme und Fakten geschafften, die keine sind. Dramaturgie für‘s Volk, damit man heldenhaft Lösungen präsentieren kann. Jubel. Applaus. 

Ich lasse doch Tatsachen nicht meine Meinung beeinflussen – oder auch: Sind wir nicht alle ein bisschen postfaktisch?

In kleinen Dingen funktioniert das auch ganz gut. Auch wenn wir das in unserem kleine privaten Rahmen wohl nicht als postfaktische Wahrheit deklarieren würden. Da erzählt uns ein Freund M., dass X seine Frau Y betrügt und wir antworten kopfschüttelnd mit: Das glaube ich nicht. X doch nicht. Weil es unsere tief in Herz und Hirn verankerte, mühsam erworbene Ansicht von X zerstört. Die Wahrheit können wir erstmal nicht verarbeiten. Und vielleicht braucht es noch 4 weitere Freund*innen, die uns die Wahrheit erst bestätigen. Aber nur eine, die uns zustimmt mit: Nee, das glaub ich auch nicht, da irrt sich M.

Sich selbst in Frage zu stellen ist meistens dann doch schwieriger als andere, denn wer will seine/ihre Gefühle schon durch Tatsachen verwirrt wissen.

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