Foto: Ricarda Messner

Ricarda Messner: „Ein bisschen Größenwahnsinn gehört zum Gründen dazu“

Mit 26 wurde Ricarda Messner als eines der größten Talente Deutschlands ausgezeichnet. Wir haben die Herausgeberin des Flaneur-Magazins nach dem Geheimnis ihres Erfolgs gefragt.

 

Ich bin einfach kein ‚In the Box’- Typ“

2013 gründet Ricarda Messner das Flaneur-Magazin. Ein Jahr darauf folgte die Gründung ihres eigenen Verlags, editionmessner. Mit diesem Erfolg im Alter von 26 Jahren zählt Ricarda zu den Forbes 30 under 30. Wir haben mit ihr über ihre Selbstständigkeit, das Reisen und ihre Ideen gesprochen. 

Wie war es für dich, als du
erfahren hast, dass „Forbes“ dich für die Liste der größten Talente unter 30 ausgewählt hat?

„Ich
wurde vor einiger Zeit von einem Journalisten kontaktiert, der mir mitteilte,
dass ich in der Vorauswahl war. An dem Tag, an dem die Liste dann
veröffentlicht werden sollte, habe ich mir eine der älteren Listen angesehen
und war mir sicher, dass man mich wohl kaum gewählt hatte. 

Ich dachte, dass
nur Leute, die bereits finanziell gut im Geschäft sind, es wirklich letztlich auf die
Liste schaffen. Als ich dann meinen Namen und das Foto sah, war ich wirklich
überrascht und habe erst einmal überlegt, ob ich die Nachricht überhaupt teilen
soll. Ich glaube, ich muss noch lernen, wie ich diese positive Aufmerksamkeit
für mich und meine Arbeit nutzen kann.“

Gibt es Dinge, die
du gerne im Vorfeld gewusst hättest, bevor du dich mit 23 selbstständig gemacht
hast?

Die
größte Herausforderung
war und ist es für mich, mir einen geregelten
Arbeitsalltag zu schaffen. Manchmal stehe ich morgens um acht Uhr auf und merke,
dass ich so viel Energie habe, dass ich alle Mails und Anrufe beantworten
werde. An solchen Tagen ist alles möglich. Dann wiederum gibt es Tage, an denen
ich bis zwölf Uhr im Bett liege und Serien schaue –  das ist dann einfach so. Da
besteht wenig Hoffnung, dass ich eine Anzeige verkaufe. Manchmal gibt es
natürlich Deadlines, die ich einhalten muss, aber ich glaube, als Selbstständige
muss man akzeptieren, dass es nicht immer rundlaufen kann.

In
einer besonders enthusiastischen Phase habe ich mir ein Büro gemietet, um dort zu
arbeiten. Damals wollte ich die Arbeit an ‚Flaneur’ auf ein professionelleres Level bringen. Dadurch, dass wir im Team so viel unterwegs sind,
habe ich aber gemerkt, dass es das eigentlich nicht braucht. Ich bin einfach kein ‚In the Box’- Typ und das passt auch nicht zu der Idee des Magazins.“

Wohin lässt du die
Magazine denn liefern, wenn es kein Büro oder einen festen Lagerort gibt?

„Die
Magazine lagere ich in meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern (lacht).“

Bekommst du manchmal
überraschte Reaktionen darauf, dass du noch jung und bereits so erfolgreich
bist?

„Da
die mediale Resonanz rund um meine Person von Anfang an da war, gab es selten
einen Überraschungseffekt meinen Kunden gegenüber. Ich beschäftige mich
allerdings sehr viel mit Themen rund um Frauen und Karriere und stelle immer
wieder fest, dass die meisten meiner Ansprechpartner, egal in welchem Zusammenhang, männlich sind. 

Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich mir meiner Wirkung bewusst wurde und verstanden habe, dass ich die Unterstützung von meinen Geschäftspartnern aufgrund meiner Arbeit bekomme – und nicht, weil ich eine junge Frau bin.

Woher kommt der Erfolg,
den du mit deinem Magazin feierst?

„Das
Wichtigste, um erfolgreich zu sein, ist ein gutes Selbstvertrauen. Wenn du der
Meinung bist, dass du eine gute Idee hast, dann springt der Enthusiasmus, den
du ausstrahlst, auch auf andere über. Ich persönlich treffe so gut wie all meine
Entscheidungen aus dem Bauch heraus. 

Als ich die Idee zu ‚Flaneur’ hatte, war es auch so. Ich
wusste nicht ganz genau, was es wird, aber ich war mir sicher, dass es etwas Gutes
wird. Ein bisschen Größenwahnsinn gehört auch immer mit dazu. Ich glaube, das
ist ganz gesund. Wenn du nicht in deiner Fantasie träumen kannst, macht ja
alles keinen Spaß. Und natürlich braucht es ein gutes Team.
 Mit meinen Redakteuren Fabian und Grashina sowie den Grafikern von studio yukiko hatte ich riesiges Glück. Gemeinsam haben wir das Magazin zu dem
gemacht, was es ist.

In jeder Ausgabe von
‚Flaneur’ stehen eine internationale Stadt und eine Straße dort im Vordergrund.
Wie bist du auf diese Idee gekommen?

„Ich
komme aus Berlin und habe nie verstanden, warum andere, Zugezogene, so euphorisch
durch die Straßen meiner Heimatstadt laufen. Ich habe mich immer gefragt, was sie
sehen, was ich nicht sehe. Schließlich war ich eine Zeit lang in New York. Dort
war dann für mich alles neu und groß. Als ich zurück nach Berlin kam, habe ich
mir gesagt: Das ist nun meine Chance, Berlin noch einmal neu zu entdecken. 
Ich
bin also durch die Straßen gelaufen und habe begonnen, analog zu fotografieren.
Dadurch habe ich die Dinge teilweise ganz anders wahrgenommen als zuvor. 

Schließlich habe ich immer mehr Leuten von meiner Idee erzählt und verschiedene
Künstler gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, etwas für die erste Ausgabe
beizusteuern. Ein Musiker hat dann beispielsweise aus all den Geräuschen, die
er auf der Straße wahrnahm, die wir für die erste Ausgabe in Leipzig ausgesucht
hatten, eine Melodie komponiert, deren Noten wir im Heft abgedruckt haben.“

Wonach entscheiden du
und dein Team, welche Stadt zum Thema der nächsten Ausgabe wird?

„Wir
haben eine größenwahnsinnige Wunschliste an Orten, die wir gerne einmal sehen
würden. Meistens entscheidet sich allerdings spontan, wohin wir reisen,
beispielsweise wenn  wir das Gefühl
haben, dass eine Stadt aufgrund ihrer gesellschaftlichen Ereignisse sehr
einseitig in den Massenmedien dargestellt wird. Das war beispielsweise in Athen
der Fall. Durch die Medien hatten wir ein bestimmtes Bild im Kopf, aber als wir
selbst dort waren, haben wir erst gesehen, wie modern die Architektur ist und
wer die Menschen sind, die dort leben. Auf unseren Reisen bleiben wir dann etwa
zwei Monate vor Ort und laufen sehr lange durch die jeweilige Stadt – bis wir
schließlich sicher sind, welches unsere Straße ist.

Häufig
geschieht diese Entscheidung intuitiv. Die Straße muss sich besonders anfühlen
– das kann entweder ein positives oder negatives Gefühl sein. In Leipzig haben
Fabian und Grashina sich sehr unwohl auf der Straße gefühlt, die wir für unsere
Ausgabe gewählt haben, weil dort selbst tagsüber kaum jemand zu sehen war. Bei
der Recherche im Archiv haben sie dann herausgefunden, dass es aber genau dort einmal
eine große Jugendkultur gab und die Straße voller Leben war. Auf die Erlebnisse,
die wir mit der Straße verbinden, baut sich dann der Ton der gesamten
Publikation auf.“

Wie schafft ihr es, neben den Produktionskosten des Magazins, die vielen Reisen zu finanzieren?

Für das Magazin haben wir klassische Anzeigenkunden, durch die wir einige der Kosten decken können. Außerdem bekommen wir auf unseren Reisen häufig die Unterstützung lokaler Kulturinstitutionen angeboten. Manchmal unterstützen uns auch die Airlines, mit denen wir in die jeweiligen Orte reisen. Die Unterkunft für die jeweilige Stadt buchen wir in den meisten Fällen einfach über airbnb.

Wie hast du dein Team
gefunden?

„Wir
 fünf haben Anfang 2013 über verschiedene
Bekannte zueinander gefunden. Vorher kannten wir uns gar nicht. Die Art, auf
die wir uns gefunden haben ist auch symbolisch für die Art, wie die Ausgaben
unseres Magazins entstehen. Per Zufall, praktisch nach einem Schneeballprinzip, lernen wir stets durch unsere gemeinsamen Kontakte die Mitarbeiter vor Ort in der jeweiligen Stadt kennen. 

Heute sind wir eine Flaneur-Familie, aber es
macht sicher einen Unterschied, ob man den Schritt in die Selbstständigkeit mit
seinen Freunden oder völlig Fremden geht. Eine eindeutige Hierarchie gibt es bei uns nicht, auch wenn ich als Herausgeberin, in finanzieller Hinsicht, das größte Risiko trage.“
 

Liegt es dir, Dinge zu
organisieren und ein Team zu leiten?

„Ich war ehrlich gesagt
nie darauf erpicht, ein Projekt ganz alleine zu leiten. Ich würde auch nicht
behaupten, dass ich eine klassische Führungsmentalität besitze. In unseren
Teambesprechungen versuche ich immer, diplomatisch an Dinge heranzugehen. Schließich schaffen wir das Magazin gemeinsam.
Fabian und Grashina leiten die Chefredaktion, studio yukiko das
Design. Gewisse Aufgabenbereiche sind somit verteilt, obwohl wir intern einen sehr
kollaborativen Austausch pflegen.

Manchmal ist es aber wirklich nicht einfach für mich, keinen festen Partner an der Seite zu haben. Die Grafiker sind ein Team, ebenso wie Fabian und Grashina. Da fühle ich mich schon
manchmal etwas einsam. Gerade zu Beginn unserer Arbeit habe ich mir oft gewünscht,
ich hätte jemanden an meiner Seite, mit dem ich mich austauschen und beraten
könnte. Ich musste vieles mit mir allein ausmachen.“

Welche Ziele hast du für die Zukunft?

„Ich habe mich nun über
zwei Jahre ausschließlich  mit ‚Flaneur’ auseinandergesetzt und fange
jetzt langsam mit anderen, kleinen Projekten für die ‚editionmessner’ an. Gerade
mache ich beispielsweise ein Projekt, ähnlich euren #WomeninBusiness, nämlich eine eigene Xerox-Serie, unter anderem zum Thema
‚Businessfrauen in der Stock-Fotografie’. Immer wenn mich ein Thema beschäftigt, mache ich einen Entwurf für ein kleines Heft und gehe damit zum Copy-Shop. Mein
Motto bei editionmessner lautet: ‚Publishing Dreams’. Es fühlt sich einfach gut
an, die Ideen in meinem Kopf zu verwirklichen. 

Ich helfe aber auch gerne dabei,
anderen ihre Träume zu erfüllen. Wenn du offen bist und hinter deiner Idee
stehst, dann passieren großartige Dinge.“

– In eigener Sache – 

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