Foto: Unsplash | Pan Xiaozhen

Du könntest alles richtig machen, der Hass würde bleiben – warum sich anzupassen Hatespeech nicht stoppen wird

Darf eine SPD-Politikerin eine Rolex tragen? Das ist die falsche Frage, wenn man sich damit beschäftigt, warum Sawsan Chebli immer wieder verbalen Hass-Angriffen ausgesetzt ist.

 

Der Hass kommt sowieso

Es ist egal, was Frauen tun, sie werden immer Hass und Häme abbekommen, solange anderen ihre Art zu leben nicht passt. Solange es anderen nicht passt, dass sie in der Öffentlichkeit stehen, eine eigene Meinung haben. Dass sie sich wehren, wenn jemand sie sexistisch oder rassistisch behandelt. Dass sie nicht schweigen und sich nicht vorschreiben lassen, wie sie damit umgehen wollen, wenn sie auf bestimmte Merkmale reduziert werden. Sie entscheiden es selbst, sie bleiben sichtbar und nicht leise – und allein das macht sie zur Zielscheibe von Hass. Sawsan Chebli teilt diese Erfahrungen mit vielen anderen.

Es geht bei den aktuellen Angriffen auf die Berliner Politikerin nicht darum, dass sie eine teure Uhr am Handgelenk trägt oder ob Politiker*innen, gerade solche mit einem SPD-Parteibuch, Statussymbole wie eine Rolex besitzen und zeigen sollten. Denn es ist egal, was Sawsan Chebli macht, sie bekommt unabhängig von dem, was sie in ihrer Funktion als Staatssekretärin tut, seit langem Hass-Nachrichten und Diffamierungen über alle nur denkbaren Kanäle; ihre Uhr, die sie auf einem Foto trägt, das 2014 aufgenommen wurde, ist nur ein weiterer Anlass, der den Menschen, die ihre Wut auf die 40-jährige Berlinerin projizieren, neues Futter bietet, sie anzugreifen.

Wie anpassen, wenn alles an dir Kritik auslöst?

An den verbalen Angriffen auf Sawsan Chebli wird zudem deutlich, wie der Hass eskaliert, wenn eine Person mehrere Merkmale in sich vereint, die schon für sich genommen oft Vorurteile und Feindseligkeit auslösen: Sie ist eine Frau, sie ist Muslimin und will sich darauf nicht reduzieren lassen, sie ist nicht weiß, ihre Eltern stammen nicht aus Deutschland und haben hier Asyl suchten, sie steht als jüngere, attraktive Frau in der politischen Öffentlichkeit und bezieht Stellung zu gesellschaftlichen Themen. Sie ist beruflich erfolgreich. Für die meisten Menschen reicht eines dieser Merkmale aus, um in ihrem Leben Diskriminierung zu erfahren, auf der Straße beschimpft und bespuckt zu werden, Hass-Nachrichten, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen zu bekommen.

Dass Sawsan Chebli so ist, wie sie ist, und einen beruflichen Weg in der Politik und Öffentlichkeit gewählt hat, bietet also nicht nur eine, sondern gleich viele Angriffsflächen. Für die, die sie hassen, ist ihre Person eine vielfache Provokation. Alles an ihr ist falsch, und nichts von dem, was über sie gesagt und geschrieben wird, würde es besser machen: Wäre sie doch nicht Muslima! Wäre sie doch nicht so schön! Würde sie doch ihre Meinung für sich behalten! Hätte sie doch einen weniger öffentlichen Beruf gewählt! Hätte sie doch keine Rolex!

Doch um diese Dinge geht es nicht. Sawsan Chebli kann nichts richtig machen, damit der Hass weniger wird. Sie kann ihn nur punktuell ausblenden, indem sie zum Beispiel, wie sie am Montag beim Diskussionforum „Fa­ke News, Ha­te Speech und Bots – Her­aus­for­de­run­gen für De­mo­kra­tie und Rechts­staat?“ im Bundesrat sagte, ihren Facebook-Account deaktiviert, weil die Hass-Nachrichten nicht mehr zu bewältigen waren.

Wenn marginalisierte Menschen etwas von Sawsan Chebli und dem, was sie erfährt, lernen können, dann ist es, dass es niemals die Lösung sein wird, sich anzupassen. Die Ablehnung und der Hass, den sie und viele andere erfahren, wird sich nicht durch Anpassung in Luft auflösen. Auch so genannte „integrierte“ Menschen werden rassistisch beschimpft. Die Kritik an der Rolex von Sawsan Chebli ist eine Episode von vielen, sie wird das wissen. Da kommt noch viel mehr. Wer hassen will, findet Gründe. 

Schweigen hilft nicht gegen Hass

Doch genau dieses Wissen kann Menschen, die Hass erfahren – sei es punktuell oder kontinuierlich und konzertiert – ein Stück weit freier machen. Denn sobald man begriffen hat, dass es egal ist, wie man sich verhält, kann man das kraftraubende Grübeln darüber, was man anders machen könnte, ein Stück zu Seite schieben. Zwar macht es die Drohungen und Beschimpfungen nicht weniger schlimm – nein, die gehen an die Substanz, sie können krank machen, sie bringen zu viele zum Schweigen – doch es hilft dabei zu sehen, dass es nicht in der eigenen Hand liegt, sie zu stoppen. 

So erfahren auch andere Nutzer*innen auf Twitter, dass sie ebenfalls mit Hass-Nachrichten überzogen werden, sobald sie sich mit Sawsan Chebli solidarisch zeigen. Ich habe also die Wahl: Ich zeige einer Person, die angegriffen wird, dass ich auf ihrer Seite bin – oder ich schweige, um mich selbst vor dem Hass zu schützen. Der Tag auf Twitter, das Abendessen mit der Familie, ein Date … mögen dann für mich persönlich entspannter sein, doch vermutlich werden die Hass-Botschaften schlicht an andere Menschen geschickt. Zu schweigen, um keine Angriffsfläche zu bieten, hält den Hass nicht klein. 

Sich zu verbiegen, hält den Hass nicht klein. 

Bleib also bei dir, bleib du selbst, wenn du Hass erfährst. Gerade dann. Sich gegen den Druck und die Erwartungen anderer zu stellen, sich zu zeigen wie man ist, hilft schließlich auch anderen dabei, dem Druck nicht nachzugeben. Sie können dann ebenfalls aufhören, zu versuchen, sich mit viel Zeitaufwand und Anstrengung in die Erwartungsmuster zu pressen, die ihnen versprechen, auf möglichst wenig Widerstände zu treffen. Das gelingt zum einen ohnehin selten, zum anderen verlieren wir bei diesen Anpassungen in der Regel viel zu viel und lassen uns auf ein Tauschgeschäft ein, das uns einen vergifteten Apfel zurückgibt.

Die Autorin und Aktivistin Kübra Gümüşay formulierte es im Gespräch auf dem Female Future Force Day so: „Das Radikalste, was marginalisierte Menschen, zum Beispiel junge schwarze Frauen, in dieser Gesellschaft tun können, ist, die Träume, die sie haben, trotz allem zu verwirklichen und sie selbst zu sein.“

Der Hass wird nicht aufhören, wenn Frauen sich entlang der Forderungen, wie sie zu sein haben, verbiegen.

Die Antworten darauf, wie der Hass verschwinden kann, müssen wir bei denjenigen suchen, die ihn Tag für Tag auf andere richten. Sie müssen sich verändern. Es wird Zeit.

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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