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Scheitern ist kein Makel. Scheitern ist Magie.

Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft, die Versagen und Hinfallen nur in Verbindung mit dem Aufstieg akzeptiert. Das Scheitern verkommt zu einem Anhängsel des Erfolges, für sich allein ist es tabu. Dabei sollten wir über’s Scheitern genau dann sprechen, wenn kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Wir dürfen hinfallen, und wir werden wegen unseres Scheiterns wieder aufstehen und zu echter Größe wachsen. Denn das ist der Teil unserer Geschichte, in dem Magie entsteht. Ein Plädoyer für mehr Un-Perfektion.

 

Vor ein paar Wochen habe ich einen Artikel über mein momentanes Scheitern verfasst, ihn ins Netz gestellt – und kurz danach wieder rausgenommen. Aus Angst, was mein Eingeständnis des Versagens mit meiner Reputation und meiner Außenwahrnehmung macht. Vor allem bei meinen (potentiellen) Auftraggebern. Schließlich gilt es, Haltung zu bewahren. Experte zu sein, Profi, alles im Griff zu haben oder zumindest so zu tun und niemals seine Schwachstellen zu offenbaren. Was macht denn das für einen Eindruck.

Das Thema ist mir aber nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und der Impuls, den ich vor zweieinhalb Jahren schon dazu hatte, als ich ausgebrannt von meinem letzten erfolgreichen Job auf einer thailändischen Insel saß und nur noch aufs Meer starren konnte, war wieder da. Und hartnäckiger als zuvor. Courage, Empathie und Verletzlichkeit gehören zu den Grundpfeilern meines Wertesystems. Ich glaube an das Echte in all seiner ehrlichen, ungeschönten und manchmal dreckigen Un-Perfektheit. Ich möchte eigentlich in keiner Gesellschaft leben, in der das Prinzip des Gewinners gilt, Scheitern als Schwäche angesehen wird und der Selbstwert über diese beiden Parameter definiert wird, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass wir alle ein wenig gnädiger miteinander und uns selbst umgehen. Ich habe gemerkt, dass ich meine essentiellsten Prinzipien verrate, wenn ich unter den Konventionen der Erfolgsgesellschaft einknicke. Die Wahrheit ist, ich scheitere gerade.

Scheitern ist keine Endstation

Während ich also an dem Artikel rumschraubte, weil ich ihn nicht aufgeben wollte, ist mir aufgegangen, dass ich Scheitern für mich eigentlich ganz anders definiere, als wir das so im Alltagsgebrauch oft tun – nämlich nicht als Endstation, an der man beschämt seine Träume begräbt und sich klein und geschlagen dahin begibt, wo man hergekommen ist. Ich bin im tiefsten Herzen eigentlich ein totaler Optimist. Auch wenn ich am Boden liege und mein egogesteuerter Kopf denkt, es geht nie, nie, nie wieder bergauf. Wenn mir mein Mindfuck entgegenweint, dass ich nichts bin und auch nichts kann, wissen meine Seele und mein Herz ganz genau, dass wir das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht haben. Hach, so schlau die beiden sind!

Scheitern per Definition heißt schlicht Misserfolg – also das, was ich da gerade tue, hat nicht den gewünschten Erfolg oder eben auch einfach gar keinen Erfolg. Das ist aber nicht das Ende des Weges, sondern ein wunderbarer Hinweis, dass man irgendwas justieren sollte – meistens den Weg zum Ziel, zur Vision, zum Traum, vielleicht manchmal auch die Vision selbst, wenn sie dann doch nicht so ganz den ureigenen Bedürfnissen und Werten entspricht. Scheitern zeigt uns einfach nur, dass wir auf dem bisherigen Weg nicht weiterkommen. Und da wir Menschen ja immer nur dann bereit sind, unserer inneren Stimme zuzuhören und was zu lernen, wenn es richtig weh tut, kommt das Scheitern eben auch mit solch unschönen Gefühlen wie Angst, Schmerz, Scham, Verzweiflung, Wut, Schuld, dem ganzen Repertoire, das einen schreien oder weinen lassen möchte.

Zu uns Menschen gehört das Hinfallen ebenso wie das Aufstehen. Aber wir leben in einer Gesellschaft, die das Fallen erst akzeptiert, nachdem man aufgestanden, sich den Staub vom Superheldencape geklopft und weitergemacht hat als wenn nichts gewesen wäre. Ich kann aber scheitern und verzweifeln und mich klein fühlen, und trotzdem stark sein im Moment des Misserfolgs. Wir wachsen mit unseren Krisen, und darum ist Erfolg auch Scheitern.

„Beinahe alles kann zwei verschiedene Dinge zur selben Zeit sein“ 

sagt die Schriftstellerin Cheryl Strayed in einem Interview. „Die besten Dinge in meinem Leben sind gleichzeitig unglaublich schwer – Mutter sein, Ehefrau sein, Schriftstellerin sein.“

Sobald wir Großes wagen, macht sich das Scheitern mit uns auf den Weg, um uns an irgendeinem Punkt zu überrumpeln – ob wir nun Eltern werden, ein Unternehmen gründen, eine neue Karriererichtung einschlagen. Irgendwann bauen wir Mist, kommen ins Straucheln oder bleiben stecken. Wenn wir gewohntes Terrain verlassen, und uns in das uns Unbekannte begeben, werden wir Fehler machen und Hinfallen.

Der blinde Fleck

Unser Scheitern ist unausweichlich. Aber niemand spricht, außer vielleicht mit seinem Therapeuten oder der besten Freundin, über das Tal, wenn man gerade wirklich bauchnabeltief drinsteckt in der Scheiße. Wenn man keine Ahnung hat, ob man da jemals raus kommt und man am liebsten wieder nach Hause gehen möchte – also dahin zurück, wo man sich auskennt.

Wenn wir vom Scheitern sprechen, tun wir das erst nach dem Wiederaufstieg, wir glorifizieren den Erfolg und machen das Versagen zum tabuisierten Nebenschauspieler, als ob es ein Makel wäre. Das füttert aber nur unseren Anspruch auf Perfektion, die nichts weiter ist als die Angst, so unvollkommen wie wir nun mal sind, abgelehnt zu werden. Wir alle fallen. Aber keiner redet darüber, wenn er noch am Boden liegt. Dabei täte uns ein wenig Gesellschaft da unten doch so gut. Schon wieder hilft ein „ich auch“.

Mal Hand aufs Herz – wie viele von uns haben schon wenigstens einmal gedacht „Ich kann das alles nicht. Ich fahre gerade alles an die Wand.“ Spätestens dann, wenn der dritte Monat ohne Aufträge anbricht, man ein Projekt versaut, sein zweites Staatsexamen nicht bestanden hat, einem gekündigt wurde, die Beziehung gerade in die Brüche geht oder man beim Anblick der Jahresbilanz des eigenen Ladens erstmal ein Glas Schnaps braucht angesichts des ganzen Rot auf dem Papier.

Wir alle kennen diese Stimme des Zweifels an unseren Visionen und Träumen – und vor allem an uns selbst. Der innere Kritiker ist der unbarmherzigste, der gnadenloseste. Der, der uns wirklich in die Knie zu zwingen vermag. Wie hilfreich wäre da jemand, dem es auch so geht, um ihn zu überstimmen und zu merken, man ist nicht allein. Man ist kein Totalversager, an dem alle vorbeiziehen. Scheitern, Versagen, Hinfallen – das gehört dazu und hat die gleiche Daseinsberechtigung wie der Erfolg.

Wer Großes wagt, scheitert auch

Meine Selbständigkeit begann generalstabsmäßig geplant und ziemlich solide – mit ein paar guten Kunden, handfester Expertise aus meinem alten Beraterjob und vor allem mit sehr viel Idealismus und dem unbändigen Drang nach Freiheit.

Mein Problem war aber von Anfang an, dass ich überhaupt nicht so recht wusste, wie ich das, was mich antreibt, meine Visionen, in konkrete Geld einbringende Arbeit übersetzen sollte. Also startete ich eigentlich genau da, wo ich hergekommen war – in meinem alten Marketingjob, als Freelancer. Ich wollte aber mehr. Ich war gefrustet und unglücklich, weil ich wieder im gleichen Hamsterrad gelandet war, nur eben ohne die Bequemlichkeit der Festanstellung.

Also machte ich, was man eigentlich nur tun sollte, wenn man ein gewisses finanzielles Polster oder zumindest einen Day Job hat, der einen über Wasser hält – ich fing von vorne an. Bei null. Gründen ist ein Prozess, das geht mal langsam, mal schnell, mal steckt man völlig fest, dreht sich im Kreis. Man kann den Prozess nicht erzwingen, man kann sich nur hingeben. Das mit der Hingabe ist aber so eine Sache, wenn man existenziellen Druck hat und nicht weiß, wie man die nächste Miete bezahlen soll. Weil man auch einfach ein paar Dinge falsch angegangen ist.

Jetzt mache ich Nebenjobs, schlafe nomadisierend mal auf dieser, mal auf jener Couch und denke mindestens einmal am Tag darüber nach, alles hinzuschmeißen, wieder in die fremdbestimmte Vollzeit-Mühle zu gehen, und meine Träume und Visionen an den Nagel zu hängen. Von Idealismus kann man nicht mal bei Aldi einkaufen. An manchen Tagen ist ziemlich tote Hose. Nicht nur im Geldbeutel, auch im Selbstwertgefühl. Ich und mein Business stecken seit Monaten in einem Transformationsprozess mit aktuell absolut ungewissem Ausgang.

Ich bin gerade am Tiefpunkt meines Weges zu mehr beruflicher und persönlicher Freiheit.

Ich bin da, worüber die meisten nur reden, wenn sie erfolgreich durchgekommen sind – im Tal der absoluten Dunkelheit. Und manchmal weiß ich nicht, ob ich noch für die Freiheit kämpfe oder ob ich gerade mein Leben an die Wand fahre.

Jeder, der etwas neues in die Welt bringen will, hat Ideale. Und dann holen einen die Wirklichkeit und die eigenen Grenzen ein. Jeder kommt mit der ein oder anderen Sache mal an den Punkt, an dem man einfach alles hinschmeißen will.

Ich möchte manchmal nur laut „F*ck it!“ schreien. Visionen my ass. Geld regiert die Welt.

Ein Held auf Reisen – in den Abgrund

Wir alle kennen „The Hero’s Journey“, die Heldenreise – wenn nicht als Konzept des Mythologie-Professors Joseph Campbell, dann zumindest als Plotstruktur von ungezählten Märchen und Geschichten. Denn, so Campbells Analyse, die einzelnen Situationen, die ein Held auf seiner Abenteuerreise durchlebt, folgen dem gleichen Grundmuster. Vereinfacht heruntergebrochen sieht das so aus:

  1. Held folgt Berufung und macht sich auf ins Abenteuer.
  2. Held stößt an seine Grenzen, Abenteuer droht Held zu überwältigen, Held scheitert. Ausweglose Situation ist eigentlich eine Prüfung.
  3. Held überwindet innere Hürden (oder macht sie sich zum Freund, je nach spiritueller Sichtweise), Held steigt geläutert aus Asche empor, Held bringt seine neuen Erkenntnisse in die Welt, Held verändert Welt zum Besseren.

Der ultimative Weg in die Freiheit.

Von „König Drosselbart“ bis Pixars „Toy Story“ und George Lucas’ „Star Wars“ funktioniert jede gute Geschichte nach diesem Schema. Auch die der realen Helden – charismatische Persönlichkeiten, erfolgreiche Unternehmer, Schriftsteller, Abenteurer inspirieren mit ihrer persönlichen Heldenreise ein Millionenpublikum und machen Mut, dem eigenen Ruf zu folgen. Diese Helden sind nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen zu ihrem Erfolg gekommen. Sie sind durch Ängste, Verluste, Burnouts, Krankheiten und andere lebenseinschneidende Rückschläge gegangen, haben sich durchgekämpft und durch-geheilt, an ihren Visionen festgehalten und ernten nun die wohlverdienten Lorbeeren für ihren Erfolg.

Und alle so „Oh!“ und „Ah!“

„You can’t skip day two“

Wir glorifizieren den Aufstieg durch das schon überstandene Scheitern. Wir vernachlässigen aber völlig den Prozess vom Moment des Hinfallens bis zu dem Moment, in dem wir uns wieder aufrichten. Wir lassen den kompletten Mittelteil einfach aus. Der, auf den es eigentlich ankommt, weil es ohne den keine Weiterentwicklung, keine Grenzerweiterung und damit auch keinen echten Erfolg gibt. Er verkommt zur Randerscheinung.

Fallen ist nicht glorreich. Man wird dreckig. Es tut weh. Manchmal zerbricht es einen. Manchmal fängt man eben wieder bei null an. Fallen schickt einen tief hinein in den Sumpf aus Angst, Scham, Verzweiflung, Mutlosigkeit. All die Gefühle, über die man lieber gar nicht redet, und wenn, dann bitte nur aus der Distanz der heldenhaften Überwindung.

Brené Brown, eine meiner Heldinnen erster Visionsstunde sozusagen, beschreibt in ihrem Buch „Rising Strong“ eine Erkenntnis, die sie nach einem Vortrag bei Pixar und einer Unterhaltung mit dessen Chef, Ed Catmull, hatte: jeder Gruppenprozess in ihrer eigenen Arbeit, jede Bildung eines neuen Teams, jede Entwicklung einer Story bei Pixar, glich demselben Prozess: Der Mittelteil, Tag zwei bei einem Dreitageprozess, ist einfach zum Kotzen. Egal, wer beteiligt ist, egal wie viel Erfahrung zusammenkommt. „Day two still sucks.“

Der chaotische Mittelteil, „the messy middle“, ist der „unverhandelbare Teil eines jeden Prozesses“, an dem man „in der Dunkelheit“ ist, an dem die Tür hinter einem schon zu ist, die Anfangseuphorie vorbei, aber an dem man auch das Licht am Ende des Tunnels noch nicht sehen kann. Wie bei Campbell’s Konzept der Heldenreise, auf der dieser durch die Unterwelt muss, um sich wirklich weiterzuentwickeln. Der Mittelteil ist scheiße, aber es geht nicht ohne.

„The middle is messy, but it’s also where the magic happens.“ – Brené Brown, Rising Strong

Aber sowohl in den Heldengeschichten auf der Leinwand, als auch in denen des realen Lebens, in Teams, Prozessen, Entwicklungen, ist der Mittelteil nicht nur der chaotische, dunkle Part, sondern auch der, in dem sich die Magie entwickelt.

Es wird Zeit, dass wir das Scheitern Scheitern sein lassen – und es als wichtigen Teil anerkennen, nicht nur als eine Vorstufe zum glorreichen Sieg.

Manchmal hilft es, einem Helden zu begegnen, dem es genauso geht. Ohne Geld, ohne Plan, mit dem Rücken an der Wand und im Dunkeln. Der unsere Hand nimmt und sagt „Du bist nicht allein“. Ja, es macht Mut, von Leuten zu lesen und zu hören, die es in Teil Drei geschafft haben. Aber sie sind schon erfolgreich, sie sind raus aus dem Sumpf an Versagensgefühlen. Ich stecke ja noch drin, und ich weiß nicht, wie meine Geschichte ausgeht, manchmal verzweifle ich und weiß nicht, wie ich den Tag, die Woche, den Monat überstehen soll.

Vor kurzem hatte ich ein Coaching mit einer Unternehmensberaterin, weil ich nicht mehr weiterkam. Mal abgesehen von konkreten Lösungsansätzen hat mir vor allem moralisch eines geholfen: „Du bist damit nicht allein. Bei allen hakt es an der ein oder anderen Stelle. Manche, die nach außen wahnsinnig erfolgreich wirken, haben im Kern ihres Business riesige Baustellen. Das ist völlig normal.“

Du bist nicht allein. Das ist normal. Du darfst hinfallen. Und es gibt Hilfe.

Aber wenn man meint, nach außen perfekt sein und alles im Griff haben zu müssen, erscheint die Hürde, um Hilfe zu bitten, manchmal unüberwindlich. Denn im Sumpf des Scheiterns zu sitzen, passt nicht zu unserer erfolgsgetriebenen Gesellschaft.

Krisen schenken uns so unendlich viel Weisheit, wir sollten sie nicht als versteckenswertes Anhängsel des Erfolges sehen, sondern sie dankbar als Notwendigkeit annehmen und umarmen.

„What we accomplish is built on what we failed at, what we tried out, what we hope to do better someday.“ – Cheryl Strayed

Was wir erreichen, baut auf dem auf, worin wir gescheitert sind, was wir ausprobiert haben, was wir hoffen eines Tages besser zu machen. Nicht trotz des Scheiterns. Sondern wegen. Scheitern ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Es hilft uns, durch Nichterreichen eines in den Kopf gesetzten Weges oder Zieles uns neu zu justieren.

Was meine Reputation anbelangt – nein, ich werde mich trotz existentiellen Drucks nicht unter Wert verkaufen. Und für mein sich gerade neu entwickelndes Feld wird es unendlich hilfreich sein, dass ich da bin wo ich eben gerade bin. Ich weiß, wie es sich im Dunkeln anfühlt, ohne Licht am Horizont. Ich weiß, wovon ich rede. Eigentlich will ich die Welt retten. Wie ein echter Superheld. Bis ich wieder aufgestanden und mein Cape vom Staub befreit habe, teile ich die Reise mit denen, die einen Gefährten gerade gut gebrauchen können. Nicht allein zu sein ist manchmal alles, was es benötigt.

Willkommen zu „day two“.

Willkommen zu „the messy middle“.

This is where the magic happens.

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