Eine Frau, von hinten zu sehen, geht über eine Brücke in Richtung Wald.
Foto: Jake Melara/Unsplash

„Der Schwangerschaftsabbruch war die beste Entscheidung meines Lebens“

Kira Smailus hat ihre ungewollte Schwangerschaft abgebrochen – und uns von dieser Erfahrung erzählt. Ein Protokoll. 

Hinweis: In dem Text wird der Ablauf eines medikamentös eingeleiteten Abbruchs geschildert.

In Deutschland wird es Schwangeren durch die geltende Gesetzgebung noch immer erschwert, einen Abbruch vornehmen zu lassen. Da Ärzt*innen zwar mittlerweile darüber informieren dürfen, dass sie den Eingriff anbieten, nicht aber weitere Informationen zur Verfügung stellen dürfen, haben wir hier die wichtigsten Informationen zusammengetragen. 

Und wir haben mit einer Person gesprochen, die eine ungewollte Schwangerschaft abgebrochen und uns von dieser Erfahrung erzählt hat:

Angsteinflößende Abtreibungsgegner*innen

„Ich war in der sechsten Woche, als ich feststellte, dass ich schwanger bin. Als ich mir sicher war, dass ich die Schwangerschaft abbrechen möchte, habe ich erstmal gegoogelt und mir Artikel durchgelesen. Viele Texte stammten von Seiten von Abtreibungsgegner*innen. Ich weiß zwar, dass die Dinge, die dort geschrieben werden, nicht stimmen – angsteinflößend war es aber trotzdem.

Bei der Suche bin ich auch auf Beratungsstellen gestoßen. Um einen Abbruch machen lassen zu können, müssen Schwangere zu einer Pflichtberatung. Ich habe mich für Profamilia entschieden. Ich war damals bei meiner Mutter auf dem Dorf in Nordrhein-Westfalen, wo es auch viele kirchliche Einrichtungen gab, zu denen ich nicht wollte. Profamilia hingegen ist 30 Kilometer vom Wohnort meiner Mutter entfernt. Auf den Beratungstermin musste ich vier Tage lang warten.

„Bei meinem Berater habe ich mich gut aufgehoben gefühlt – er hat nicht über mich geurteilt und ich musste mich auch nicht rechtfertigen. Das hat mir die Nervosität genommen.“

Das Beratungsgespräch habe ich dann als sehr positiv empfunden. Der Berater, mit dem ich gesprochen habe, ist Sozialarbeiter und Psychologe und verhielt sich sehr verständnisvoll und lieb. Ich habe mich wirklich gut aufgehoben gefühlt – er hat weder über mich geurteilt noch musste ich mich rechtfertigen. Das hat mir die Nervosität genommen.

Mein Entschluss stand schon fest

Ich sagte zu Beginn des Gesprächs, dass ich zwar dankbar bin für die Informationen, die ich dort bekomme, mein Entschluss, das Kind nicht zu bekommen, aber feststeht. Das hat der Berater gemerkt und akzeptiert, weshalb das Gespräch dann nur zehn Minuten gedauert hat. Er hat dann eine Beratungsbescheinigung unterschrieben und mir mitgegeben. Danach musste ich drei Tage warten, bis ich den Abbruch überhaupt durchführen lassen durfte, so ist die Gesetzeslage. Die Warterei war schrecklich.

Für den Abbruch habe ich bei meiner Krankenkasse eine Kostenübernahme beantragt. Zu dem Zeitpunkt war das für mich zum Glück noch möglich, da ich erst im Monat zuvor angefangen hatte zu arbeiten und deshalb nur ein halbes Monatsgehalt bekommen habe. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich den Abbruch selbst bezahlen müssen.

Mit dem Berater von der Krankenkasse konnte ich alles per E-Mail klären. Das Formular zur Kostenübernahme war dann innerhalb eines Tages da. Der Sachbearbeiter hat sich wirklich für mich eingesetzt, weil er wusste, wie knapp die Zeit ist.

Irgendwann drängte die Zeit

Die Suche nach einer Praxis, die den Abbruch vornimmt, war kompliziert. Zur Beratung war ich in Nordrhein-Westfalen. Der Berater hat auf meinem Ausweis gesehen, dass ich in Berlin wohne und mir geraten, den Abbruch dort durchführen zu lassen, da es im Landkreis meiner Mutter nur einen einzigen Arzt gibt, der Abbrüche durchführt. Der wäre 60 Kilometer entfernt gewesen. Leider konnte mir der Berater keine Liste mit Berliner Praxen empfehlen und hat mir geraten, mich in Berlin nochmal bei Profamilia zu melden.

Als ich wieder zurück in Berlin war, habe ich festgestellt, dass meine Frauenärztin im Urlaub ist und mich deshalb eigenständig auf die Suche gemacht. Ich habe etliche Praxen durchtelefoniert. Die, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, wollten keine Neupatient*innen aufnehmen. Das war schon krass, weil die Zeit wirklich drängte.

Irgendwann habe ich auf einer Seite, ich glaube des Berliner Senats, eine Liste mit Ärzt*innen gefunden, die Abbrüche durchführen. Die Liste habe ich durchtelefoniert, hatte beim siebten Anruf Glück und konnte am übernächsten Tag vorbeikommen. Der ganze Prozess war wirklich stressig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich für den medikamentösen Abbruch nur noch eine Woche Zeit und mir war klar, dass ich diesen Embryo nicht mehr in mir tragen möchte. Es fühlte sich an, als trage ich einen Fremdkörper in mir. In der Praxis habe ich dann vier Stunden im Wartezimmer gesessen, bis der Abbruch durchgeführt wurde.

„Der Moment, in dem ich die Tablette in der Hand hielt und wusste, dass es vorbei ist, wenn ich die jetzt nehme, war krass. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass ich das Kind nicht haben will und trotzdem war es eine sehr emotionale Angelegenheit für mich.“

Ich habe mich auf den Termin vorbereitet, indem ich mir Artikel und Erfahrungsberichte durchgelesen habe, damit ich weiß, was auf mich zukommt. Beim Termin selbst war mein Freund dabei. Die erste Tablette habe ich im Beisein der Gynäkologin eingenommen, mein Freund saß neben mir.

Bei der Ärztin habe ich mich wohlgefühlt. Sie war sehr verständnisvoll und hat mir gut zugeredet, als ich weinen musste. Der Moment, in dem ich die Tablette in der Hand hielt und wusste, dass es vorbei ist, wenn ich die jetzt nehme, war krass. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass ich das Kind nicht haben will und trotzdem war es eine sehr emotionale Angelegenheit für mich. Die Ärztin hatte dafür sehr viel Verständnis und hat mich dann auch in den Arm genommen.

Auch als ich zwei Tage später die zweite Tablette bei mir zu Hause genommen habe, war mein Freund dabei.

Ich wollte den Abbruch zu Hause machen

Ich habe mich für den medikamentösen Abbruch entschieden, weil es mir lieber war, einfach die Tablette zu nehmen und einen natürlichen Abgang zu haben, wie bei einer Fehlgeburt. Mir war auch wichtig, das im Privaten zu Hause zu machen, wo ich mich wohlfühle.

Aber der Abgang, als dann alles rauskam, war krass. Zwei Stunden nachdem ich die zweite Tablette genommen hatte, haben die Krämpfe und Schmerzen begonnen. Diese waren sehr viel schlimmer als bei meiner Periode. Eigentlich fast, als hätte ich Wehen. Ich habe dann Schmerzmittel genommen, damit ich es aushalten kann. Mir war auch ein bisschen übel, übergeben musste ich mich zum Glück nicht. Als ich gemerkt habe, dass unten etwas aus mir herauskommt, bin ich schnell zur Toilette gelaufen. Dort habe ich gemerkt, wie das Schwangerschaftsgewebe ins Klo fiel. Danach waren die Krämpfe weg. Nur die Blutungen haben noch einige Tage angedauert.

„Damals dachte ich, ich würde es bereuen, aber heute weiß ich, dass dem nicht so ist. Der Abbruch war die beste Entscheidung meines Lebens und ich würde sie niemals rückgängig machen.“

Auch wenn mir die Entscheidung für den Abbruch vorher nicht schwergefallen ist, hatte ich danach daran zu knabbern. Mein Hormonhaushalt war durch die Schwangerschaftshormone total durcheinander, in den Wochen nach dem Abbruch hatte ich damit zu kämpfen und habe viel geweint. Das lag teilweise sicher auch daran, dass ich bereits vor der Schwangerschaft psychische Probleme hatte. Ich hatte Glück, dass mein Freund, meine Mitbewohnerin und meine Freund*innen in dieser Zeit für mich da waren – das hat die Sache erträglicher gemacht.

Damals dachte ich, ich würde es bereuen, aber heute weiß ich, dass dem nicht so ist. Der Abbruch war die beste Entscheidung meines Lebens und ich würde sie niemals rückgängig machen, sondern mich immer wieder dafür entscheiden. Ich bin so froh, dass ich keine Mutter geworden bin.

Schlimm fand ich, dass ich so lange auf die für den Abbruch nötigen Termine warten musste. Ich glaube, dass diese Beratungsregelung nicht für jede schwangere Person das Richtige ist. Wenn man sich wirklich sicher ist, ist das eine Tortur.

In Foren wurde ich als Mörderin beschimpft

Auch die Stigmatisierung durch Abtreibungsgegner*innen ist krass. Ich wurde in Foren, in denen Menschen Erfahrungen austauschen können, als Mörderin beschimpft. Diese Kommentare haben mir psychisch mehr zugesetzt als alles andere.

Mittlerweile bin ich selbst viel auf den Seiten von Abtreibungsgegner*innen unterwegs und versuche, ihren Auffassungen durch das Teilen meiner eigenen Erfahrungen und Fakten etwas entgegenzusetzen. Häufig wird behauptet, dass ein Großteil der Personen, die einen Abbruch hatten, ihn später bereuen. Dann verweise ich zum Beispiel auf die Turnaway-Studie, die das Gegenteil belegt. Einfach nur, um schwangeren Personen, die dort landen zu zeigen: ‚Hey, da gibt’s auch andere Menschen und die unterstützen dich!‘“


Im Interview mit zwei Beraterinnen von Profamilia lest ihr, wie eine Schwangerschaftskonfliktberatung abläuft.

Schwangerschaftskonfliktberatungen bieten u.a. folgende Stellen an: Profamilia, Arbeiterwohlfahrt

Was ihr über Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland wissen solltet, haben wir hier für euch zusammengefasst.

Der Verein „Doctors for Choice“ setzt sich für körperliche Selbstbestimmung ein und informiert über die Rechtslage und Methoden des Schwangerschaftsabbruchs.

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Lee (Lee/they) ist Politik- und Kommunikationswissenschaftler*in und arbeitet wissenschaftlich wie journalistisch zu politischer Bildung, queerer Sexualaufklärung, sexualisierter Gewalt, sozialen Medien und Queerfeminismus. Ehrenamtlich ist Lee Vorsitzende*r des NotAnObject e.V., der eine Plattform für Betroffene sexualisierter und queerfeindlicher Gewalt bietet.

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