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Jetzt mal alle connecten, bitte

Warum sich Seminare zum Thema Führungsstil wie eine Sektenzusammenkunft anfühlen können.

 

Haus, Pool und Porsche

Ich überlege, eine Sekte zu gründen. Ich denke, der Markt ist reif dafür. Kürzlich war ich in einer angesehenen Bildungseinrichtung, um etwas über neuen, kooperativen Führungsstil zu lernen. Die Referenten: Unternehmensberater und Teamentwickler einer Beratungsfirma, wir waren so zwischen 40 bis 60 Teilnehmer. Zu Beginn wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Das hatte mir vorher keiner gesagt, aber gut – interaktive Elemente – man will ja kein Spielverderber sein.

Als nächstes spricht ein ehemaliger Executive einer bekannten Unternehmensberatung vor unserer Gruppe. Er berichtet, dass er, nachdem er endlich Haus, Pool und Porsche sein Eigen nennen konnte, urplötzlich und zu seinem großen Erstaunen (Haus, Pool, Porsche) von seiner Frau verlassen worden war. Sie brauche etwas fürs Herz, hatte sie gesagt und war gegangen. Er kam ins Grübeln. Es müsse doch mehr im Leben geben als materielle Werte, Zielerreichung und Zahlen. Etwas Sinnvolles. Werte wollte er schaffen. Allein in seinem großen Haus suchte er nach Antworten und fand schlussendlich – eben jene Firma, die Workshops über den neuen kooperativen Führungsstil abhält . Das war der Moment der Erleuchtung für den Herrn.

Und jetzt: Connecten!

Die Referenten der Firma predigten einen neuen Führungsstil. Kräfte freisetzen durch „Connectedness“. Der Mann besuchte eine Academy der Firma und führte von da an sein Team so, wie es ihm beigebracht worden war. Bei der Arbeit durfte jeder sein, der er war. Kein Verstellen mehr. Kein sich promoten vorm Chef, kein Überspielen von Schwächen, kein Selfmarketingsprech. Stattdessen pflegte man eine Kultur der Offenheit, der Menschlichkeit. Man wusste um die Probleme des anderen, jeder öffnete sich und durfte sich auch mit seinen Hobbys einbringen, Fehler machen und schwach sein. Und die anderen hielten ihn in den schwachen Momenten. Das Team entwickelte eine ungeheure Kraft und Arbeit brachte auf einmal Freude.

Man kennt das aus den USA: Teenage Mums berichten der Kirchengemeinde von ihrem harten Schicksal (und weinen ein bisschen dabei), bevor sie den anderen Minderjährigen der Kirchengemeinde zurufen: „Girls, don´t you make that same mistake. Don´t have sex before marriage“…. und dann applaudieren alle, wischen sich auch eine Träne weg und fühlen sich in ihren heimlichen Erinnerungen an vorehelichen Sex „verbunden“.  Die Teilnehmer der Veranstaltung neulich konnten definitiv auch gut mit dem Erlebnisbericht „connecten“. Sie hingen an den Lippen des verlassenen Managers.

Und am Ende: Der Weltfrieden

Dann war seine Kollegin an der Reihe. Asymmetrische Frisuren, sagte meine Begleitung später, seien ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Ich fand es eigentlich ganz schick. Die asymmetrische Frisurenträgerin war eine große, rothaarige, imposante Erscheinung und hatte wohl einige NLP-Ausbildungen gemacht. Jedenfalls klang ihr Vortrag so, als wolle sie mit Sprache und ihren Handinnenflächen Gehirne steuern. Wenn das Manipulation gewesen sein soll, war das aber OK, weil es ja um die Nächstenliebe ging – anders als bei der bösen Werbung, die dieselben Techniken verwendet. Es war ihr eine Herzensangelegenheit, das Konzept der Firma in die Welt hinauszutragen. Was, fragte sie, würde wohl passieren, wenn Teams connecten würden, sich einander öffnen, intensive Begegnung erfahren, wenn zwei in sich connectete Teams connecten würden, wenn ganze Firmen connecten würden und Firmen mit Firmen. Wenig später war sie beim Weltfrieden und einer Welt ohne Neid und Ellenbogen. Sie weinte fast (siehe Teenage Mums).

Als wir uns dann in einer Übung vor Ort direkt mal connecten sollten, indem jeder drei Minuten von sich erzählen und dann wertschätzendes Feedback von den anderen erhalten sollte, bin ich gegangen. Gruppentherapie will ich lieber mal bei den Anonymen Alkoholikern machen. Ich erhoffe mir da etwas reifere Menschen. Aber nochmal zur Idee mit der Sektengründung. Die Zeit ist perfekt. Für die Sehnsucht nach Sinn kaufen die Leute alles im Moment. Und wer´s ihnen erzählt, ist auch egal. 

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