Foto: Donnie Ray Jones I Flickr I CC BY 2.0

Social Freezing: Fremdbestimmung oder Unterstützung?

Apple und Facebook übernehmen für Mitarbeiterinnen die Kosten, ihre Eizellen einzufrieren. Das ist auch ein familienfreundliches Signal.

 

Sollen Mitarbeiterinnen Kinderwünsche aufschieben?

Für Apple und Facebook ist die aktuelle Berichterstattung um die Kostenübernahme für „Social Egg Freezing“ ein PR-Desaster. Laut eines NBC-Berichts in 2014 übernehmen die Unternehmen für Angestellte die Kosten für das Einfrieren von Eizellen. Den Unternehmen wird unterstellt, sie wollten ihre Mitarbeiterinnen in die Richtung lenken, Kinderwünsche zurückzustellen und zwischen den Lebenjahren von 30 und 40 kinderfrei zu bleiben und ihrer Karriere zur Verfügung zu stehen. Bei Facebook wird ein neues Baby jedoch sogar belohnt. Als familienfreundliche Maßnahmen gibt das Unternehmen auf seiner Karriere-Seite an: „We offer paid parental leave, help with daycare and adoption fees and $4,000 “baby cash” for your new arrival.“ 

Man kann die Entscheidung, ihre Angestellten bei späten Kinderwünschen zu unterstützen, auch anders interpretieren als Mitarbeiterinnen möglichst lange kinderlos zu halten. Unternehmen schaffen auf diese Art mehr Wahlfreiheit für diejenigen Frauen, die in jüngerem Alter noch nicht sicher sind, ob sie überhaupt einmal Kinder wollen, die noch auf den passenden Partner warten, und sogar für diejenigen, die krank sind oder es einmal werden.

Denn: Das Einfrieren von Eizellen wurde zunächst für Krebserkrankte entwickelt, deren Eizellen bei einer Chemotherapie Schaden nehmen, und die nach ihrer Genesung irgendwann ein Kind bekommen möchten. Die Kosten für das Einfrieren von Eizellen werden in Deutschland jedoch auch für Krebspatientinnen nicht übernommen. Wenn sie es sich leisten können, müssen sie es privat tragen. Aktuell liegen die Kosten bei etwa 3.000 Euro plus Gebühren für die Lagerung. Möchte eine Frau dann mit Hilfe ihrer eingefrorenen Eizellen schwanger werden, ist es in Deutschland ratsam, dass sie mit einem Mann verheiratet ist. Nur dann übernehmen Krankenkassen 50 Prozent der Kosten. Wer sich entschieden hat, nicht zu heiraten oder mit einer Frau zusammenzuleben, steht erneut vor Kosten, die kaum zu bewältigen sind.

Unternehmen übernehmen Kassenleistungen

Bevor die Gesundheitsreform die Kostenübernahme für künstliche Befruchtung für verheiratete Paare um die Hälfte reduzierte, wurden in Deutschland wesentlich mehr Kinder durch diese medizinische Unterstützung geboren, wie Kristina Walden für uns schon ausführlich aufgeschrieben hat. In den USA springen nun Unternehmen ein, wo Krankenversicherungen keine Leistungen erbringen. Wenn eine Firma ihren Angestellten die Übernahme von Gesundheitskosten anbietet, wird sie zu einem attraktiveren Arbeitgeber. Vereinzelt bieten US-Unternehmen daher schon an, Fertility-Screenings und anschließende Behandlungen wie die künstliche Befruchtung zu übernehmen. Dabei ist das “Social Freezing“ nur eine Leistung unter vielen. Welche Gesundheitsleistungen die Benefits von Apple und Facebook umfassen, wird von den Unternehmen aktuell nicht kommentiert, beide sollen den Mitarbeiterinnen aber so genannten „Fertility Benefits“ bieten, die verschiedene Dinge umfassen.

An der Haltung derartige Gesundheitsleistungen zu übernehmen, ist nicht nur bemerkenswert, dass Unternehmen aktiv unerfüllte Kinderwünsche ihrer Mitarbeiter unterstützen. Sie signalisiert auch Sensibilität für etwas, das häufig als Tabuthema behandelt wird. Betroffene sprechen selten darüber, wenn sie Probleme haben schwanger zu werden – erst recht nicht mit dem Arbeitgeber. Für die häufigen gynäkologischen Behandlungstermine werden Ausreden erfunden, Mitarbeiterinnen gehen durch ihr regelmäßiges Fehlen ein Risiko ein oder nehmen Urlaub für Arztbesuche.

Fruchtbarkeitsbehandlungen für Angestellte zu bezahlen, schafft also auch eine neue Kommunikationskultur, in der ein mit Scham oder Trauer besetztes Thema als etwas behandelt wird, das zum Alltag gehört – sogar zum beruflichen. Diese Haltung ist an erster Stelle menschlich, und danach ebenso ein Investment in die Firma. Kinderwunschbehandlungen sind für Betroffene oft eine psychische und finanzielle Belastung – wer hier als Arbeitgeber Verständnis zeigt und sogar unterstützt, bekommt Vertrauen und Loyalität zurück.

Unterstützung zu jedem Zeitpunkt

Bietet eine Firma lediglich Social Freezing an, wäre es in der Tat ein falsches Signal an ihre Mitarbeiterinnen. Ein moderner Arbeitgeber sollte Frauen und Männer an jedem Punkt ihrer Karriere dabei unterstützen, ihre Wünsche bezüglich des Familienlebens umzusetzen. Das ist weder von den Familien privat, noch vom Staat allein zu schaffen.

Der Staat jedoch versagt aktuell in Deutschland, Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch ausreichend zu unterstützen. Für diese Legislatur zeichnet sich keine Verbesserung ab. Wenn auch hier deutsche Unternehmen einspringen, um die medizinische Unterstützung beim Kinderkriegen möglich zu machen, ist das vor allem ein Armutszeugnis für die Familienpolitik. Denn wenn Deutschland kinderfreundlicher werden will und mehr Babys geboren werden sollen, muss das Erfüllen von Kinderwünschen für alle Menschen leichter gemacht werden: für unverheiratete und lesbische Paare, für finanziell Schwächere und auch mit dem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare.

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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