Foto: lasshelfen-online

Wie in der Corona-Krise Solidarität im Netz entsteht

In Zeiten des sich weiter ausbreitenden Corona-Virus finden im Netz Helfende und Hilfesuchende zusammen. Andere stellen die passenden Tools dafür zur Verfügung. Wie in der Krise eine neue digitale Solidarität entsteht.

Sprunghaftes Wachstum

Der Begriff „exponentielles Wachstum“ ist momentan keiner, der besonders beliebt ist. Und doch: Wird dieser nicht auf Viren angewendet, kann das sprunghafte Wachstum in anderen Bereichen durchaus etwas Gutes sein – bei Ideen zum Beispiel. Und eben jene explodierten bei Richard Karsten und seinen befreundeten Menschen aus Halle/Saale in den letzten beiden Wochen geradezu.

Sie hätten vor ihren Bildschirmen gesessen, erzählt der 25-Jährige, und überlegt, was es in der Corona-Krise gerade brauche, damit Menschen einander helfen könnten. „Ich hatte tagsüber beim Rumsurfen etwas über den Hashtag #NachbarschaftsChallenge gelesen und fand das ziemlich gut. Da lag die Idee dann sehr nah, den Leuten Tools zur Verfügung zu stellen, mit denen sich die gegenseitige Hilfe gut organisieren lässt.“

Unkomplizierte Hilfe

Als Web-Entwickler seien ihm digitale Lösungen naturgemäß sehr nah. Zu besagtem exponentiellen Wachstum der Ideen sei es dann beim abendlichen Mate gekommen.

Schon einen Tag später stand das Konzept – nach drei Tagen gingen Richard Karsten und das Team mit der Seite www.lasshelfen.de online. Dort lassen sich unkompliziert innerhalb weniger Minuten über ein PDF Flyer generieren, die in den Treppenhäusern aufgehängt werden können. Ebenso im Angebot: Vordrucke für Einkaufslisten und Vollmachten für die Abholung von Medikamenten in Apotheken.

Die Seite bietet aber genauso Informationen zum Corona-Virus und Tipps für alle, die helfen wollen, um sich selbst vor Ansteckung zu schützen. „Das hat der angehende Arzt in unserem Freund*innenkreis gemacht, darüber bin ich sehr froh. Wir können und wollen zwar nicht die Informationen der offiziellen Stellen ersetzen, aber uns ist wichtig, dass wir seriöse und korrekte Tipps geben können.“

Den Austausch organisieren

Mehr als 5 000 Menschen hätten innerhalb der ersten Woche auf www.lasshelfen.de zugegriffen, inzwischen seien es mehr als 10. 000 gewesen. Etwa zehn Prozent von ihnen hätten ein PDF generiert. „Wenn wir davon ausgehen, dass davon noch einmal ein Zehntel einen Flyer aufgehängt hat, sind schon eine ganze Menge Menschen erreicht worden“, fasst Richard Karsten zusammen. 

„Lasshelfen“ ist allerdings längt nicht das einzige Angebot dieser Art. Das Vorbild von Richard Karstens Aktion – die Nachbarschaftschallenge – die sich die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl ausgedacht hat, ist inzwischen viral gegangen – in vielen deutschen Städten sind Initiativen aus dem Boden geschossen, die dabei helfen, dass Menschen einander unterstützen können. Sie bringen Angebote von Helfenden und Hilfesuchenden zusammen, organisieren den Austausch.

Junge Gesunde gehen für die Angehörigen von Risikogruppen einkaufen, sie erledigen Besorgungen, teilen Wissen, Erfahrungen und muntern einander auf. Und noch mehr: Auf der Nachbarschaftsbörse nebenan.de bieten Menschen an, für andere zu kochen, auf Facebook und Telegram entstanden viele Dutzend Coronahilfe-Gruppen. Gelebte Solidarität – ein wohltuendes Gegengewicht zu den Meldungen über Hamsterkäufe und dem Klau von Desinfektionsmitteln in Kliniken und Praxen.

Neue digitale Solidarität

Für Richard Karsten ist diese Form der Hilfe eine Selbstverständlichkeit. „Die Zeit ist doch da“, sagt er, „und jeder hat doch Großeltern, die er gern davor bewahren würde, schwer krank zu werden.“ Er wünscht sich, dass die Krise schnell vorbei geht. Dann wäre es gut, so der junge Mann aus Halle, wenn etwas der neuen, digitalen Solidarität zurückbliebe. „Wir sehen hier gerade so tolle Ideen und viel Engagement. Das sollte nicht verloren gehen.“

Der Originaltext von Susanne Kailitz ist bei unserem Kooperationspartner Veto erschienen. Hier könnt ihr Veto auf Facebook folgen.

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