Foto: Dainis Graveris | Unsplash

Weibliche Ejakulation: Spritzen ist politisch

Auch Frauen können beim Sex ejakulieren. Darüber spricht jedoch kaum jemand. Die Autorin Stephanie Haerdle zeigt, wie das Wissen um spritzende Vulven immer wieder vergessen wurde – und macht klar: Wir brauchen eine zweite sexuelle Revolution.

Nass spritzt es aus der Vulva einer Frau. Ein durchsichtiger Schwall ergießt sich auf ihre Schenkel, durchfeuchtet das Bettlaken. Die Frau squirtet. Der unabhängig produzierte Film Female Ejaculation & other Mysteries of the Universe (2020) von Julia Ostertag zeigt zwar eine intime Szene im Schlafzimmer, doch was dort geschieht, ist politisch. Denn man sieht einen Aspekt weiblicher Sexualität, der für viele ein Tabu ist.

Auch für die Kulturwissenschaftlerin Stephanie Haerdle ist es daher ein politischer Akt, weibliches Spritzen sichtbar zu machen, also diejenige Flüssigkeit, die bei sexueller Stimulation meist kurz vor oder während des Orgasmus und oft in größerer Menge als „normale“ Lubrikation auftritt. Medizinisch kann zwischen weiblicher Ejakulation (aus der Prostata) und dem Squirting (aus der Blase) unterschieden werden, die auch unmittelbar nacheinander oder gleichzeitig auftreten können. In ihrem Buch bezieht sich Haerdle hauptsächlich auf die Ejakulation, thematisiert aber auch das Squirting, am liebsten spreche sie jedoch von Spritzen, sagt sie.

Die verdrängte weibliche Ejakulation

Haerdle findet: Politisch sei es bereits, wenn eine einzelne Frau anfange, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen. Denn: „Unser Blick auf den Körper ist immer kulturell geprägt.“ Ein patriarchaler Blick auf weibliche Körper habe dazu geführt, dass man Frauen die Fähigkeit zu ejakulieren abgesprochen habe. In den vergangenen Jahrhunderten seien sowohl das Wissen als auch die Sichtbarkeit von weiblicher Ejakulation immer wieder verloren gegangen. Haerdle hat darüber ein Buch geschrieben: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation.

Stephanie Haerdle Foto: Barbara Dietl

Sie zeigt: Frauen spritzen immer schon, doch der gesellschaftliche Blick darauf hat sich über die Jahrhunderte massiv geändert. Wo mehr als 2000 Jahre alte Schriften aus China und 1300 Jahre alte Aufzeichnungen aus Indien den weiblichen Körper und auch die weibliche Ejakulation detailliert darstellen – und sowohl das Ejakulat der Frau, als auch das des Mannes als notwendig für die Zeugung erachteten –, rückten weibliche Lust und Befriedigung seit der Antike in den Hintergrund.

Entscheidend war etwa, dass man im 18. Jahrhundert die Zeugung eines menschlichen Embryos aus Ei- und Samenzelle besser verstand und schließlich im 19. Jahrhundert herausfand, dass es weder für den Eisprung noch für die Befruchtung eines weiblichen Orgasmus bedürfe. Weibliche Lust wurde in der Folge für unnötig erklärt, galt gar als nicht tugendhaft. Weibliche Ejakulation verschwand aus dem medizinischen Diskurs und wurde bedeutungslos.

„Die Geschichte der weiblichen Ejakulation ist auch eine Geschichte der Frau und ihrer Lust, des weiblichen Körpers, seiner Verehrung und Abwertung“, schreibt Haerdle. Denn während die Körper von Frauen und Männern – eine binäre Einteilung, die Haerdle grundsätzlich als sozial konstruiert ablehnt – lange als sehr ähnlich interpretiert wurden, erhob man im 18. Jahrhundert den männlichen Körper zur Norm, der weibliche wurde zur Abweichung – für spritzende Frauen war da kein Platz. Ihre Ejakulation passte nicht ins Konzept von weiblicher Sexualität.

Und das hat Auswirkungen bis heute. Wie viele Frauen tatsächlich spritzen, ist unklar. Die Studien, die Haerdle anführt, zeigen eine sehr große Bandbreite: Demnach spritzen zwischen 10 bis rund 70 Prozent aller Frauen beim Sex. Haerdle vermutet, dass viele gar nicht wüssten, dass sie überhaupt ejakulieren oder squirten. „Sie halten jede ihrer Sexualflüssigkeiten für Vaginalflüssigkeit und für größere Flecken im Bett ist der Mann ,verantwortlich‘“, schreibt die Autorin. „Ist sie doch ganz sicher, beim Sex Flüssigkeit verspritzt zu haben, muss es – meinen viele peinlich berührt – Urin sein.“

Verwechslung mit Urin

Diese Verwechslung ist für Haerdle besonders kritisch: „Die Gleichsetzung von Ejakulation mit unwillkürlichem Harnabgang ist eine der folgenschwersten Fehlinterpretationen der weiblichen Ejakulation.“ Im 20. Jahrhundert führte genau dieser falsche Schluss in der Wissenschaft zu einer Tabuisierung und Verdrängung der Ejakulation. Verantwortlich dafür ist auch die Arbeit des bekannten US-amerikanischen Forscherpaares William H. Masters und Virginia E. Johnson aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Zwar erkennen Masters und Johnson, dass die ejakulierte Flüssigkeit, die sie bei manchen Frauen bemerken, kein Urin ist.

Dennoch schieben sie es auf Stressinkontinenz und raten zu Beckenbodenübungen oder gar Operationen. „Aus einem selbstverständlichen Aspekt weiblicher Sexualität wird im 20. Jahrhundert etwas Schambesetztes und Peinliches, das Frauen mit Zusammenkneifen und Anspannen zu verhindern suchen. Oder sie verzichten gleich ganz aufs Kommen. Gesunde Frauen werden pathologisiert (Befund: Inkontinenz), schlimmstenfalls sogar operiert“, erklärt Haerdle.

Doch weder beim Squirting noch bei weiblicher Ejakulation scheiden Frauen wohl Urin aus. Das zeigt Stephanie Haerdle anhand medizinisch-wissenschaftlicher Literatur: Eine Metastudie der tschechischen Mediziner Zlatko Pastor und Roman Chmel aus dem Jahr 2018 unterscheidet weibliche Ejakulation von Squirting. Es handele sich um zwei Phänomene mit verschiedenen Mechanismen: Bei der Ejakulation sondere die weibliche Prostata, ein Drüsengewebe, das sich zwischen Harnröhre und Vaginalkanal befindet, während des Orgasmus „einige Milliliter dicke, milchige Flüssigkeit“ ab, die prostataspezifisches Antigen (PSA) enthält.

Beim Squirting wird hingegen aus der Blase ein Stoff ausgeschieden, der kein Urin ist, jedoch Harnstoff, Kreatin und Harnsäure enthält. Entsprechend ist das weibliche Ejakulat, so zeigt es auch eine  Studie aus dem Jahr 2011, biochemisch mit Bestandteilen des männlichen Ejakulats vergleichbar – im Gegensatz zur klaren und wässrigen Squirting-Flüssigkeit.

Weibliche Ejakulation und Prostata hängen also eng zusammen. Entsprechend widmet Stephanie Haerdle ihr viel Aufmerksamkeit in ihrem Buch. Denn anders als die Klitoris – von der man mittlerweile wisse, dass die länglichen Schwellkörper ihrer sogenannten Schenke, bis zu neun Zentimeter, die runderen Schwellkörper drei bis sieben Zentimeter tief in den Körper reichen und die als komplexes Organ weit mehr als die sichtbare Perle und Kapuze umfasst – habe die weibliche Prostata noch immer selten in medizinische Lehrbücher und Standardwerke Eingang gefunden.

Dabei beschrieb bereits im Jahr 1672 Reinier de Graaf detailliert diese ausgeprägte drüsige Struktur rund um die Harnröhre. „Man wusste über das Phänomen bereits im 17. Jahrhundert viel, doch die weibliche Prostata wurde immer wieder vergessen, im 18. und 19. Jahrhundert sogar mit anderen, den Bartholin-Drüsen, verwechselt – bis schließlich kein Organ mehr mit dieser Flüssigkeit verknüpft werden konnte und man sich dachte, das ist alles Quatsch, das hat sich mal jemand ausgedacht, woher soll das denn kommen?“, sagt Haerdle.

Ein weiterer Grund für das Vergessen, so schreibt sie, sei die Vielfältigkeit der weiblichen Prostata: „Sie hat unterschiedliche Formen, eine unterschiedliche Anzahl an Drüsengängen im Gewebe und kann verschiedene Abschnitte der Harnröhre umgeben. Eine Besonderheit, die die Erforschung des Organs bis heute erschwert und gleichzeitig eine Erklärung dafür, dass nicht alle Frauen ejakulieren.“

„Weibliche Prostata“

Dabei hatte das Federative International Committee for Anatomical Terminology
(FICAT) bereits 2001 den Begriff der „weiblichen Prostata“ in die Terminologia Histologica aufgenommen, in der international einheitliche medizinische Fachbegriffe festgelegt werden. Stephanie Haerdle nennt dies in ihrem Buch einen Meilenstein. Ein weiterer: A New View of a Woman’s Body.

Das Buch aus dem Jahr 1981 bezeichnet Haerdle mitunter wegen seiner detaillierten Zeichnungen und Fotografien als „wichtigste und nachhaltigste Publikation der Lesben- und Frauengesundheitsbewegung“, die sich etwa aus (Selbst-)Untersuchungen und aktivistischer Arbeit in Frauengesundheitszentren speise. Darin wird das Drüsengewebe um die Harnröhre als weibliche Prostata anerkannt und die weibliche Ejakulation erklärt. Die feministische Frauengesundheitsbewegung nennt sie „Freudenfluss“. Laura Méritt brachte das Buch 2012 in deutscher, überarbeiteter Fassung – Frauenkörper neu gesehen –  heraus.

Méritt, feministische Sexologin, Betreiberin des feministischen Sexshops Sexclusivitäten und Mitbegründerin der PorYes-Bewegung führt in praktischen Workshops Frauen und ihre Partner*innen an die weibliche Ejakulation heran. In ihrem dreistündigen Workshop zu weiblicher Ejakulation und G-Fläche mit dem kampfeslustigen Titel „Wir spritzen zurück!“ lernen 10 bis 15 Frauen entweder allein oder mit Partner*innen zunächst mehr über Anatomie und betrachten dann gegenseitig ihre Vulven (sofern sie dies möchten, versteht sich).

Während die Frauen schließlich auf Handtüchern und Decken auf dem Boden liegen, gibt Méritt ihnen Ratschläge wie „Verändere doch mal den Winkel, fühl weiter rechts. Wie fühlt sich das jetzt an, wenn du weiter nach hinten gehst?“ Von einer Anleitung zum Ejakulieren möchte sie nicht sprechen. „Jede Person hat ihren eigenen Zugang.“ Denn Méritt ist überzeugt: Jede*r kann ejakulieren. Lachend betont sie jedoch auch: „Ich gebe keine Spritz-Garantie.“ Denn viele Frauen setzen sich selbst unter Druck, spritzen zu müssen. „Dann klappt das natürlich meistens nicht, denn es hat auch viel mit Loslassen zu tun.“

Popularität von Squirting-Videos

Dieser Druck entspringe unter anderem dem Einfluss der Mainstream-Pornos. Lange fanden sich Bilder von spritzenden Frauen hauptsächlich dort, sagt Méritt. Sie kritisiert, dass Wissen darüber anderswo unterdrückt wurde und sexpositive Aufklärung noch immer recht schwer zugänglich sei und nicht staatlich unterstützt würde. Tatsächlich floriert Squirting in der Porno-Industrie. Das zeigen Zahlen von November 2017 von Pornhub, eine der weltweit größten Pornowebsites. Demnach hat die Popularität von Squirting-Videos zwischen 2013 und 2015 stark zugenommen. Vor allem jüngere Frauen suchten nach solchen Pornos.

Häufig werde in solchen Mainstream-Pornos ein sehr normiertes Bild von weiblicher Lust und eben Ejakulation gezeigt, kritisiert Méritt. Perfekte Körper, schnelles Spritzen in großen Mengen, zum Gefallen des Mannes. Mit ihrem Einsatz für feministische, diverse Pornografie und auch mit ihren Workshops will sie das ändern. Auch Stephanie Haerdle sieht das so und bezieht sich auf die Arbeit der feministischen Autorin Laurie Penny: „Wir erwarten von Frauenkörpern besondere Dinge. Wir sollen unsere Körper kontrollieren, sie sollen sauber sein. Die Gesellschaft und eben auch die Frauen selbst sind sehr streng mit ihren Körpern. Das Ejakulieren und Spritzen wird als unkontrollierbar erlebt.“

„Ganz schön wild“

Die Gesellschaft sei somit sehr streng mit Flüssigkeiten, sei es Menstruationsblut, Schweiß, Urin oder eben Ejakulat. „Ejakulieren passt nicht in unser Weiblichkeitskonzept, das eher ein kontrolliertes, trockenes, fettfreies und klinisches ist. Denn Ejakulieren kann ganz schön wild sein – und nass.“ Auch für Haerdle ist Pornografie zweischneidig. Einerseits könne sie aufklären, andererseits vermittele sie falsche Erwartungen, denn wenn Frauen Flüssigkeit aus der Prostata ejakulierten, seien die Mengen um einiges geringer als beim Squirting aus der Blase.

„Manche Frauen ejakulieren ganz kleine Mengen, nur ein paar Tropfen. Wenn sie die Mengen im Porno sehen, kann das enttäuschen und irritieren. Das kann auch bei Männern falsche Erwartungen wecken.“ Außerdem würde mitunter Fake-Ejakulat eingesetzt. Eine urologische Studie von 2013, die Haerdle in ihrem Buch anführt, macht jedoch auch Hoffnung: 78,8 Prozent der Frauen und 90 Prozent ihrer Partner*innen sagen demnach, dass sie die Ejakulation „als Bereicherung ihres Sexuallebens“ empfinden.

Dennoch ist Haerdle überzeugt: „Bei uns steht noch einmal eine sexuelle Revolution an.“ Die Kulturwissenschaftlerin plädiert neben genaueren Informationen und besserer Aufklärung auch für mehr Neugier, Humor und Entspanntheit: „Ich möchte keine neuen Standards, die sagen, dass es besserer Sex ist, wenn Frauen ejakulieren. Aber ich möchte, dass keine Frau, die spritzt, mehr denkt, dass sie pinkelt oder dass das unnormal oder komisch ist. Spritzen kann ein Aspekt weiblicher Lust sein.“

Dieser Text von Astrid Ehrenhauser ist zuerst bei unserem Kooperationspartner enorm erschienen.

Zum Buch: Stephanie Haerdle: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation, Edition Nautilus 2020, 18 Euro

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