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Tausche Scham gegen Schuld

Wenn wir etwas Falsches tun, sollten wir unsere Scham besser gegen Schuld eintauschen. Das ist mir heute mal wieder klar geworden. Denn heute habe ich mich geschämt. Weil ich etwas Falsches getan habe. Aber statt zu denken „ich bin falsch“, und meinen Selbstwert in Frage zu stellen, sollte ich besser zu mir sagen „ich habe etwas Falsches getan“. Denn Scham isoliert und sperrt uns ein in unserem Gefängnis aus Unzulänglichkeit. Das Eingeständnis von Schuld lässt uns wachsen. Und es beim nächsten Mal besser machen.

 

Ich schäme mich. 

Ich habe heute etwas gemacht, oder besser etwas gelassen, für das ich am liebsten im Erdboden versinken möchte.

Der Tag war von Anfang an ein trauriger. Manchmal ist einfach der Wurm drin. PMS, schiefe Planeten, Chaos im Universum, Brei im Kopf und Traurigkeit im Herzen. Außer heulen ging nicht viel, am liebsten hätte ich mich unter dem Bett verkrochen und wäre bis morgen nicht mehr raus gekommen. Scheiß Welt, heute wird das nichts mit uns beiden. Tschüß.

Weil mir dieser Deprizustand aber auch keinen Spaß macht, und ich weiß, was am Besten hilft, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen, bin ich spazieren gegangen. Habe mich in den Park gesetzt, auf die Bank ganz hinten, die so schön versteckt zwischen riesigen alten Bäumen steht, wo sich fast nie jemand hin verirrt und wo man Schatten und Sonne hat. Der perfekte Platz. Puh. Durchatmen, Luft holen. Runter und klar kommen.

Die Depristimmung ging nicht weg, aber das Heulen hörte auf. Ok, keine Scheißwelt mehr, aber Freunde werden wir heute keine mehr. Ist ok.

Auf dem Weg zurück nach Hause kam mir kurz hinter dem Parkausgang ein kleiner Junge entgegen, der bitterlich weinte. Er hatte ein ganz rotes Gesicht, über das nur so die Tränen kullerten, die wilden Haarsträhnen klebten im Gesicht, er wischte sie energisch weg. Er war vielleicht Sieben oder Acht, hatte einen Rucksack auf dem Rücken und eine gelbe Brotdose in der Hand. Mit einer Mischung aus Wut und Flucht stapfte er den Gehweg entlang. Er schluchzte laut, wie Kinder das eben auch draußen tun, egal ob sie dabei gesehen werden oder nicht. Es hat mir fast das Herz zerrissen, auch in Anbetracht dessen, dass ich vor nicht gerade mal 2 Stunden genau so aufgelöst auf meinem Bett saß.

Einen kurzen Moment sah ich mich selbst vor meinem geistigen Auge hinknien und hörte mich sagen „Hey Großer, was is’n los?“
Und dann setzte ein kurzes Zögern ein – ich stockte innerlich – und ließ ihn vorbeilaufen. Unsere Augen trafen sich kurz, und ich konnte den ganzen Schmerz in seinen sehen, der sich auf so herzzerreißende Weise seinen Weg nach draußen bahnte.

Ich stockte – und schwieg. Ich stolperte kurz in dem Impuls, anzuhalten. Aber ich schwieg. Und ging weiter. Innerlich erstarrt.

Im gleichen Moment, in dem er an mir vorbei war, schwappte die Scham heißkalt und kübelweise über mich. Meine Wangen wurden heiß, mein Kopf wurde rot, mein Herz blieb kurz stehen, um mir danach mit aller Wucht wie im stillen Protest gegen die Brust zu hämmern.

Ich hätte ihn anhalten sollen.
Ich hätte mich hinknien, ihm die Hand auf die Schulter legen und fragen sollen „Hey Großer, was is’n los?“

In Moment des Schamschauers wurde mir schlagartig klar, wieso ich nichts gesagt hatte – ich hatte eine Heidenangst, dass dieser kleine Junge mich abweist, vielleicht sogar anschreit ich solle weggehen. Dass andere das sehen und vielleicht denken, ich hätte ihm was getan. Ich merke wie mein Herz sich resigniert verstolpert.

Ich habe ihm nicht die Hand gereicht, weil ich Angst hatte, zurückgewiesen und mit meinen eigenen Gefühlen der Unzulänglichkeit konfrontiert zu werden.

So sehr man das vielleicht verstehen kann, und ich glaube ALLE von uns kennen dieses Gefühl der Angst vor der Zurückweisung – ich bin die Erwachsene, ich kann das ab. Diesem kleinen Jungen hätte es vielleicht den Tag oder noch mehr gerettet, wenn ihm in seiner durch was auch immer ausgelösten Traurigkeit jemand die Hand gereicht hätte. Und wenn nicht, wäre es einen Versuch wert gewesen.

Ich gehe weiter, langsamer, zögerlich, drehe mich noch mal um. Der kleine Junge stapft in einem Affenzahn die Straße rauf. Er will nur noch weg, heim. Unaufhörlich hämmert es in meinem Kopf „Hey Großer, was is’n los?“

Ihm jetzt noch hinterherzugehen traue ich mich erst recht nicht. Was, wenn er Angst bekommt? Ich hätte als Kind wahrscheinlich Angst bekommen. Der Moment ist vorbei. Ich lasse ihn ziehen und schäme mich in Grund und Boden. „Bitte, bitte lass ihn gleich zu Hause sein und liebe Eltern haben…“ denke ich, während ich meine eigenen Füße beim Davonstolpern beobachte.

Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nach der Schule vom Bus völlig in Tränen aufgelöst und verzweifelt nach Hause läuft. Weil irgendwas passiert ist, weil die anderen Kinder einen bis auf die Knochen gedemütigt haben. Ich selber bin ungezählte Nachmittage so nach Hause gelaufen. Was oder wer auch immer es war, das ihn zum Weinen brachte, ich habe seinen Schmerz förmlich gefühlt, und ich habe nicht gestoppt. „Hey Großer, was is’n los?“ verhallt in endloser Leere. Ich schäme mich und fluche leise vor mich hin, mich selbst verurteilend. „Ich bin so schlecht!“ hämmert es in meinem Kopf. Ich schäme mich vor mir selbst.

Ich bin falsch versus ich habe etwas Falsches getan

Das Problem: wer sich schämt, versteckt sich, bleibt verborgen, weil Scham essentiell an den eigenen Selbstwert geht – das Grundgefühl von Scham ist „ich bin falsch“. Im Gegensatz dazu grenzt sich das Schuldgefühl ab: „Ich habe etwas Falsches getan.“ – es bezieht sich auf unser Verhalten, Schuld stellt den eigenen Selbstwert nicht in Frage. Im Gegenteil, die Reflektion über eine falsche Tat, während wir fest in unserem Selbstwert stehen und diese falsche Tat gegen unsere Werte verorten, lässt uns wachsen, auch wenn es unangenehm ist. 

Offensichtlich habe ich hier noch Lernbedarf, vor allem an so einem Jammertag wie heute.

Scham überlebt nur wenn wir nicht über sie reden. Also rede ich jetzt darüber. Schreibe auf, wie ich mich gefühlt habe, mache es öffentlich.

Ich will kein gutes Zureden und ich will auch kein Verständnis – was ich gemacht oder eben gerade nicht gemacht habe, war falsch. Es war falsch, nicht stehen zu bleiben. Dann hätte er mich eben abgewiesen. Na und. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte es ihm den Tag gerettet, dass ihm jemand auf Augenhöhe begegnet, ihm seine Taschentücher überlässt und ihm sagt, dass alles gut wird. Ich hoffe, er hat tolle Eltern. 

Der Grund, diese Geschichte zu teilen, ist einerseits Selbsttherapie – wenn ich meine Scham auf die Bühne zerre, verschwindet sie irgendwann. Tatsächlich merke ich, dass ich kein schlechter Mensch bin. Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich bin mir dessen bewusst, weil es völlig konträr zu meinen Werten läuft,  und ich werde es beim nächsten Mal anders machen. Wenn ich wieder einen fremden Menschen leiden sehe, werde ich ihn oder sie fragen, was los ist. Und wenn sie mich abweisen, werde ich das überleben.

Ich möchte mich nicht falsch fühlen, sondern einfach eingestehen können, ich habe etwas Falsches getan.

Andererseits möchte ich auch allen anderen sagen: wenn euch das nächste Mal jemand begegnet, dem es offensichtlich nicht gut geht, geht das Risiko ein, abgewiesen zu werden, und fragt diesen Menschen, ob ihr helfen könnt.  

Vielleicht rettet ihr diesem Menschen den Tag. Vielleicht auch noch sehr viel mehr.

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