Foto: Heiner Thorborg

Sehr geehrter Herr Thorborg, ist das Ihr Ernst?

Deutschlands bekanntester Frauen-Unterstützer glaubt nicht an das Potenzial von Frauen. Zumindest auf Vorstandsebene. Grund genug für einen offenen Brief.

 

Sehr geehrter Herr Thorborg,

aus der Ferne betrachtet hatte ich immer Lust, Sie einmal für einen intensiven Erfahrungsaustausch zu treffen. Ich war fast enttäuscht, als Sie auf eine Mail von meiner Mitgründerin und mir nur mit einem Abwinken reagierten. 

Sie engagieren sich mit Ihrer Initiative Generation CEO für weibliche Führungskräfte, kooperieren mit Qualitätsmedien, um den Frauen eine Bühne zu geben, Sie gelten als der Experte für Female Recruiting, beraten Vorstände und Unternehmer. Und manchmal scheint es, als hätten Sie ein Meinungsmonopol gepachtet, wenn es in den Medien um die Frauenquote geht.

Mit Ihrer Personalberatung „The Female Factor“ beraten Sie weibliche Managerinnen, die in Führungspositionen möchten, und Unternehmen, die gerne mehr Frauen im Management haben wollen. Bisher hielt ich all das für unterstützenswert. Auch, wenn ich die Bildauswahl auf der Website Ihrer Personalberatung – in „Louis Vuitton“ gekleidete Schaufensterpuppen – etwas eigenartig fand. Als Headhunter 35 Prozent des Jahresgehalts seiner Klienten zu nehmen ist auch ganz schön happig. Und dass Ihnen die besten Ideen angeblich im Ferrari kommen, machte mich auch ein bisschen stutzig. Aber so weit, so gut. Gute Arbeit soll gut bezahlt werden, Kreativität möge überall dort entstehen, wo sie es eben tut und über die Ästhetik von Webseiten lohnt es sich nicht zu streiten. Ich war auf Ihrer Seite, denn mehr Frauen in Führungspositionen sind ein erstrebenswertes Ziel. 

Bis zu Ihrem Auftritt in einem Text in der ZEIT Ende November: Sie lassen sich in dem Artikel mit Aussagen zitieren, die dem Bild des totalen Frauen-Unterstützers konträr entgegenstehen. Im ersten Moment dachte ich mir: egal. Aber je länger ich darüber nachdachte, umso mehr ärgerte ich mich und umso deutlicher wurde mir, dass ich das so nicht stehen lassen will.

In der ZEIT vom 27. November 2014 sprechen Sie in dem Artikel „Frau. Vorstand. Abgehängt.“ sämtlichen Vorständinnen in Deutschland pauschal die Eignung ab. Allen Ernstes lassen Sie sich in dem Artikel so zitieren: „Wissen Sie, die Abgänge der Vorstandsfrauen haben mich überhaupt nicht überrascht. Die meisten Managerinnen waren für den Job nicht qualifiziert.“

Doch was mich wesentlich stärker irritiert, ist diese Aussage: „In den nächsten zehn Jahren wird es keinen weiblichen CEO im Dax geben.“ Ihnen würde keine einzige Frau einfallen, die einem solchen Job heute schon gewachsen sei, so geht es weiter. Auch Ihre Argumentation in einem „Cicero“-Interview hinkt, wenn Sie sagen: „Es gibt in Deutschland zurzeit keine Frau, die das Potenzial hätte, den Vorstandsvorsitz eines Dax-Konzerns zu übernehmen. Und ich sage Ihnen auch warum: Frauen, die es bis in die Vorstände schaffen, besetzen dort meist die Posten Personal und Recht. Das sind nicht die optimalen Sprungbretter, um später auf dem CEO-Posten zu landen.“ Dazu kann ich Ihnen nur sagen, dass Ihre Argumente nicht zusammen passen. Sie mögen recht haben, dass andere C-Level-Positionen nicht das beste Sprungbrett sind, allerdings sprechen Sie ja ohnehin allen Frauen in Deutschland jegliche Qulifikation ab. 

Das könnte man eigentlich fast unkommentiert so stehen lassen, denn Ihre Aussagen sind fernab jeder Sinnhaftigkeit, dafür umso chauvinistischer und mit einer Borniertheit versehen, die jeden individuellen Karriereweg als Gedanken gar nicht erst zulässt. Wieso sich überhaupt eine Frau von einem Mann beraten lassen sollte, der so über sie denkt, ist mir ein großes Rätsel. Denn echte Unterstützung sieht anders aus. Oder war „The Female Factor“ nur ein unternehmerischer Schachzug, Herr Thorborg?

Wenn Menschen wie Sie als Experten zur Frauenquote befragt werden und von Vorständen zur Beratung hinzugezogen werden, wenn es um die Verbesserung der Frauenquote im eigenen Unternehmen geht, dann stehen uns schlechte Zeiten bevor. Denn wenn einer der wichtigsten Personalberater für weibliche Führungskräfte in Deutschland wirklich glaubt, es gebe keine ausreichend qualifizierten Frauen und sich dieser Meinung nicht nur sicher ist, sondern sie auch voller Leidenschaft öffentlich vertritt, dann ist eine gesetzlich vorgeschriebene Quote vielleicht doch der einzige Weg.

In Ihrem offenen Brief zur Frauenquote aus dem Jahr 2011 haben Sie geschrieben: „Meine Herren, lassen Sie sich in Ihrem Handlungsspielraum nicht ohne Widerstand einschränken. Kein Vorstandsvorsitzender kann eine gesetzliche Regelung wollen, die ihm vorschreibt, wie künftig sein wichtigstes Führungsteam auszusehen hat. Außerdem scheint es nahezu unmöglich, innerhalb von fünf Jahren genug ausreichend qualifiziertes weibliches Potenzial für die fraglichen Vorstandspositionen zu finden.“ Die Empfehlung, die Sie den Herren im Folgetext geben, in den eigenen Reihen nach Talenten zu sehen, scheint nach der Aussage des fehlendes Potentials fast wie Hohn. 

Alle Argumente gegen die Quote könnte ich gelten lassen. Dass sie nicht weit genug geht, weil sie nur die Aufsichtsräte betrifft und diese keinen operativen Einfluss auf die Wirtschaft haben oder nur auf das Geschlecht Rücksicht nimmt, nicht aber auf die Herkunft oder das Alter oder andere Merkmale. Dass sie der falsche Weg ist, weil wir andere Mechanismen brauchen, um Frauen und Unternehmen zu fördern. Weil es um die Qualifikation gehen sollte und nicht um das Geschlecht.

Die Fragen, die sich stellen sind: Warum kritisieren Sie eigentlich nur und klagen das mangelnde weibliche Potenzial an, statt einmal konstruktive Vorschläge zur Frauenförderung zu machen, denn Sie wollen Frauen doch fördern, oder? Und sorgen Sie sich wirklich vor zu wenig qualifizierten Frauen und der Angst, weibliche Vorstände könnten der Wirtschaft schaden? Ich persönlich muss Sie wirklich fragen: Ist das Ihr Ernst?

Die 30-Prozent-Regelung betrifft nur die Aufsichtsräte von 108 großen Unternehmen mit Börsennotierung und voller Mitbestimmung. Auch sechs Konzerne, die europarechtlich organisiert sind, fallen darunter. Sollte die Quote verfehlt werden, müssen Aufsichtsratsposten zur Strafe unbesetzt bleiben. Von den 30 Dax-Konzernen erfüllen derzeit zehn die Vorgaben. Unternehmen mittlerer Größe müssen 2015 eigene Zielvorgaben für die Vergabe von Posten an Frauen im Aufsichtsrat, im Vorstand und im Management aufstellen und 2017 erstmals über die Umsetzung öffentlich berichten. Sanktionen bei einem Verfehlen der Ziele sind nicht vorgesehen. Alles kein Drama.

Aber eine Frage hätte ich noch: Glauben Sie wirklich, dass jeder Vorstands-Mann wirklich nur aufgrund seiner Qualifikation auf dem Chefposten sitzt? 

Über eine Antwort von Ihnen würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Nora-Vanessa Wohlert

 

Zur Antwort von Heiner Thorborg geht es hier.

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