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Time`s up für Vollidioten

Die Initiative mit dem #metoo gegen Missbrauch und Belästigung war ein wichtiges Zeichen für die Gesellschaft, in der Täter gern geschützt werden und Opfer hingegen denunziert. Und mit Time`s up folgte die richtige Antwort auf jede Form von sexuellen Übergriffen. Und dann gibt es da noch Stimmen wie die von Catherine Deneuve, die plötzlich von überzogenem Männerhass sprechen. Ja, wo fängt denn nun sexuelle Freiheit an und wo hört sie auf und mutiert sodann zum Sexismus?

 

Vielleicht sollte man beim Ergründen der Definition von sexueller Freiheit die Frage in den Vordergrund rücken, ob sich beide Parteien damit gut fühlen. Und in diesem Zusammenhang ist es sehr bedeutsam, wie fulminant oft Frauen bewertet werden, und nicht selten abwertend. Wie soll man sich denn als Frau damit gut und wohl fühlen, wenn man in allem was man tut, bewertet wird? Bevor ich aber weiter auf dem schmalen Grat der sexuellen Freiheit wandere, möchte ich vorab eins klar stellen: Ich hasse Männer nicht, im Gegenteil. Ich liebe sie, ich liebe es zu flirten, zu küssen und ich liebe es mit ihnen zu kuscheln und zu schlafen. Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass man sich von ihnen alles gefallen lassen muss. Auch nicht unter dem Deckmantel der sexuellen Freiheit. Beginnt nicht etwa der erste Schritt gedanklicher Stigmatisierung mit einer abwertenden Aussage? Sowas Flirtiges wie: „Aus Interesse. Aber Sandra, wenn du nicht auf dein Äußeres reduziert werden möchtest, auch wenn ich es scharf finde, solltest du dir eventuell Gedanken über deine Posts und Profilbilder machen. Dann auch nicht wundern über solche Kommentare. Rein freundschaftlich hätte ich gerne mal wieder was mit dir unternommen, aber so ist mir das echt etwas zu schlicht.“

Dieser nette junge Mann ist kein Vergewaltiger, hat mich nicht sexuell missbraucht und ich hasse ihn auch weiß Gott nicht, aber trotzdem ärgert es mich, dass er mich sexuell betrachtet stigmatisiert hat. Und das leider nicht mit seinem besten Stück, sondern mit seiner ungefragten Meinung. Ich meine, obliegt es der sexuellen Freiheit mir das zu sagen? Dann obliegt es wohl ebenso der sexuellen Freiheit, diesem jungen netten Mann zu entgegnen, dass neben ihm auch Männer mit mehr Verstand existieren, die Frauen nicht anhand ihrer Profilbilder sondern ihrer Seele beurteilen. Ich hörte nie wieder was von ihm. Jedenfalls ist das nur ein Beispiel von vielen Bewertungen, die man sich als Frau ständig anhören muss. Und übrigens nicht ausschließlich von Männern, sondern ebenso von Frauen und auch gerne in den Medien. Mir stellt sich daher die Frage, woher diese ungefragte Wertung gegenüber einer Frau rührt? Besonders in sexueller Hinsicht, denn da heben alle immer wieder gerne den Zeigefinger der Bewertung beziehungsweise Abwertung gegen das weibliche Geschlecht.

Suggeriert sexy gleich nimm mich?

Beim Eruieren des Ursprungs dieser Handlung kann man verschiedene Ansätze verfolgen. Fangen wir doch mal mit dem Frauenbild in unserer Gesellschaft an. Wie muss eine Frau sein? Wie darf sie sich kleiden? Wie muss sie sich verhalten, damit sie einen Mann bekommt? Mit wie vielen Männern darf sie schlafen? Wie lange sollte sie warten, bis sie mit einem Mann schläft? Wie soll ihre Figur sein? Wann sollte sie Kinder kriegen?

Einseitige Bewertung mit Selbstverständnis

Diese Liste an Fragen lässt sich unendlich fortsetzen. Das Problem in unserer Gesellschaft ist: Diese Fragen sind nur an Frauen gerichtet, Männern werden sie nicht gestellt, und somit auch nicht diskutiert. Hat irgendjemand schon mal einen Artikel darüber gelesen, dass Männer sich gefälligst jagen lassen sollen? Ich jage zum Beispiel gerne, aber nie schreibt jemand einen Artikel darüber und sagt den Männern, sie sollen sich gefälligst zieren und nicht so leichte Beute sein. Die meisten öffnen direkt ihre Hose und schlafen mit mir. Ich meine, nicht dass ich was dagegen hätte, denn ich selbst zähle meine Eminenz nicht zu den einfachen Geistern, die Menschen angesichts ihrer Lust und Leidenschaft verurteilen – nichtsdestotrotz erfüllt mich die Ignoranz eines Artikels oder mehreren mit einer Art Unverständnis. Ebenfalls stößt es mir auf, dass niemand einen Mann dazu anweist, dass er gefälligst warten soll, bis er mit einer Frau schläft, weil er sonst eine Schlampe ist. Oder nehmen wir das Thema Kleidung. Mokiert sich irgendein Mitglied unserer Gesellschaft darüber, dass ein fünfzigjähriger Bauarbeiter in einem Unterhemd arbeitet? Aber eine Frau ab fünfzig darf bitte keinen kurzen Mini mehr tragen! Und im Büro sowieso immer nur knielang, auch mit Mitte zwanzig! Jetzt mögen die Kritiker wieder schreien, ich krame ein Klischee nach dem anderen heraus, aber das Schlimme daran ist: Ich tue es, weil all das noch immer Realität ist und gleichsam allgegenwärtig. Frauen werden ständig einseitig bewertet, und zwar mit einem gruseligen Selbstverständnis.

Sexismus beginnt mit Wertung

Sexuelle Freiheit und Flirten fühlt sich nur gut an, wenn es ohne Wertung und vor allem Abwertung erfolgt. Ich meine, wir haben doch schon so viel Fortschritt gemacht, wenngleich ich an dieser Stelle die Ernennung eines frauenfeindlichen Präsidenten in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und den Einzug von Rechtspopulisten in den deutschen Bundestag gerne ausklammern möchte. Jedenfalls läuft ja nicht immer alles nur in eine falsche Richtung, sondern so vieles auch schon in eine richtige. Gleichgeschlechtliche Paare sind zum Beispiel endlich gleichgestellt, wieso stellen wir dann nicht im selben Zug Mann und Frau einmal gleich?

Frauen sind kein Obst und Gemüse

Frauen sind keine Ware im Supermarkt und nur weil wir vielleicht lecker aussehen und schmecken, heißt das nicht, dass wir gegessen werden wollen. Liebe Männer und Freunde der sexuellen Freiheit, bitte überdenkt einmal innig und sinnig euer existentes Frauenbild. Es gibt nämlich nicht die schlampigen Huren und die Heiligen. Auch gibt es nicht die Frauen, die es nicht wert sind, verletzt zu werden und die, bei denen man rücksichtslos das Seelenmesser herausholen darf. Es gibt nicht die Frauen, die sich nur zum Ficken eignen und auf der anderen Seite die heiligen Prinzessinnen, die zum Verlieben taugen. Es gibt keinen Grund, Frauen ohne Kenntnisnahme ihrer Persönlichkeit auf ihren Körper zu reduzieren und somit zu einem Objekt zu sexualisieren. Mir hat mal ein Mann geschrieben: „Also auf dem Foto gefällst du mir ja wieder.“ Man könnte ja drüber lachen, wenn das eine Internet-Bekanntschaft gewesen wäre, die krampfhaft versucht, sich anhand meiner Bilder ein Bild von mir zu machen, aber das war mein Nachbar in Form eines bösen Regenschauers, der mich jeden Tag sieht und dem ich seither jeden Tag die Fußmatte verrutschte. 

Frauen sind doch keine Wesen, die bloß nur schön zu sein haben! Sie sind viel mehr, und mit dieser vorschnellen Verurteilung anhand im Kopf gestrickter Stigmata wird man schneller vom Menschen zum Objekt als man bis drei zählen kann. Schublade auf und rein damit. Liebe Freunde der sexuellen Freiheit, wahrt Vorsicht, uns anzumachen, wenn ihr nicht verliebt in uns seid. Sexuelle Begierde und auch stumpfer Triebabbau ist kein Freifahrschein für despektierliches Benehmen – nicht verbal und auch nicht körperlich. Körperliche Übergriffe sind eine widerliche Folgeerscheinung gedanklicher Stigmatisierung, gern ausgeübt von Männern mit „Macht“, die scheinbar schon als Kind „Game of Thrones“ geschaut haben und denken sie wären Geoffrey höchstpersönlich – immerhin wissen wir alle, was mit dem kleinen Tyrann irgendwann passiert ist, als er denn einmal den falschen Wein kostete. 

Sexuelle Begierde und somit desgleichen sexuelle Freiheit muss auf Gegenseitigkeit beruhen, denn wir wollen nicht von jedem begehrt werden. Und schon gar nicht benutzt, belästigt und missbraucht. Selbst dann nicht, wenn wir die ganze Zeit nackt herumlaufen würden. Und wir wollen auch nicht mit einem Bild, dass im Kopf entsteht, sexuell stigmatisiert werden. Wir wollen nicht zum „Fick-“ oder „Sex-Stück“ mutieren und somit gleichzeitig zum Objekt deklariert werden. Liebe Freunde der sexuellen Freiheit, begreift endlich, dass KEINE Frau ein Stück ist. Sie ist keine Ware, die ihr zu eurem Zweck oder eurer Befriedigung benutzen könnt. Eine Frau hat Gefühle und diesen solltet ihr mit der gleichen Achtung entgegentreten wie euren eigenen.

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