Foto: Phalinn Ooi – Flickr – CC BY-SA 2.0

Das Wearable „trackle“ soll dabei helfen, schwanger zu werden oder zu verhüten

Die Pille und Kondome sind die führenden Verhütungsmittel in Deutschland. Doch selbst die zahlreichen Alternativen sind nicht für jede Frau passend. Katrin Reuter hat einen kleinen Sensor entwickelt, der den Zyklus technologisch auswerten soll. Mit EDITION F hat sie exklusiv über „trackle“ gesprochen.

 

Welche Verhütung passt zu mir?

„Soll
ich dir mal ’nen Schaltplan zeigen?”, sagt Katrin Reuter, als ich sie frage, ob ich ihr Produkt schon sehen kann. Sie ist  nun Gründerin an der Schnittstelle von Medizin und Technologie. Dass
sie mit 39 ein E-Health-Startup gründen würde, hätte Katrin zu Beginn
ihrer Berufslaufbahn nicht gedacht, denn studiert hat sie Politikwissenschaften. Doch sie
hat schon immer techniknah gearbeitet und in den vergangenen zehn Jahren eine Webagentur aufgebaut, die bei Content-Management-Lösungen
berät und sie umsetzt.

Sie hatte also schon lange ein Auge für technische
Trends und das Bewusstsein dafür, was Technologie ermöglichen kann. Die
Geschichte ihrer Gründungsidee ist klassisch: Katrin hat ein alltägliches
Problem identifiziert, für das es die perfekte Lösung noch nicht gibt – aber
einen durchaus großen Markt: die Fruchtbarkeit von Frauen und was damit
zusammenhängt, nämlich sowohl der Wunsch zu verhüten, als auch der, schwanger
zu werden.


Katrin Reuter ist die Ideengeberin hinter „trackle“. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Bonn.

Kondome,
die Pille, Spirale, Kupferkette, Diaphragma, Sterilisation … die Liste von
Verhütungsmethoden, die immer weiter verbessert werden und für verschiedene
Lebensphasen und Beziehungsmodelle geeignet sind, ist lang. Katrin fand jedoch
zu einem bestimmten Zeitpunkt unter den zahlreichen Möglichkeiten keine, die sie wirklich
gut fand: nämlich in der Zeit zwischen ihrem ersten und ihrem zweiten Kind. 

Was das
Problem in dieser Zeit ist? Wenn eine Mutter ihr Kind noch stillt, sind nicht
alle Pillenpräparate geeignet, da die Hormone Einfluss auf die Milchbildung
haben und in die Muttermilch übergehen können. Außerdem kann es dauern, nach dem
Absetzen der Pille schwanger zu werden, so dass es den eigentlich gewünschten
Altersabstand zwischen den Kindern verändern kann. Vielleicht verträgt auch
eine Frau die Spirale oder Kupferkette nicht, und während das bei Kondomen zwar
selten der Fall ist, haben dann doch die wenigsten Paare Lust, sie auf Dauer zu
nutzen.

Es geht auch ohne Hormone

Katrin
hatte den Wunsch, ohne Hormone sicher zu verhüten, bevor sie ein zweites Mal
schwanger werden wollte und stieß bei ihrer Recherche auf die so genannte „Natürliche Familienplanung“ (NFP), zu der sich in den 80er-Jahren in
Deutschland eine Forschungsgruppe gegründet hatte: Die Wissenschaftler entwickelten ein Konzept für hormonfreie
Verhütung weiter, das auf Körperanzeichen beruht, und untermauerten es wissenschaftlich. Bei der Methode werten die Frauen ihre
Körpertemperatur, die Konsistenz des Zervixschleims und die Beschaffenheit des Muttermundes aus und können so
präzise ihre so genannten fruchtbaren Tage und den Zeitraum im Monat bestimmen,
an dem sie ohne zusätzliche Verhütungsmittel Sex haben können, ohne eventuell
schwanger zu werden. Gleichzeitig hilft die so genannte symptothermale Methode
dabei, den Eisprung zu bestimmen, wenn man die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu
werden, erhöhen möchte.

Es gibt in Deutschland etwa drei Millionen Frauen mit Kinderwunsch, die beim Versuch, schwanger zu werden, bereits auf das genaue Datum ihres Eisprungs achten, um ihre Chance darauf zu erhöhen. Etwa 1,4 Millionen Frauen, so lässt die Studie „Verhütungsverhalten Erwachsener 2011“ der BZgA eine Schätzung zu, haben Interesse an hormonfreier Verhütung. 

Der Pearl-Index der natürlichen Familienplanung liegt
bei 0,4 und damit in dem Bereich, den auch die Pille erreicht – doch der
Aufwand ist mit der Einnahme eines Medikaments nicht vergleichbar, wie Katrin
schnell feststellen musste. Besonders das tägliche Messen der Temperatur ist
die Herausforderung an der Methode, die sie für viele Frauen schlicht nicht anwendbar
macht, denn die Temperatur sollte möglichst zur gleichen Zeit an jedem Tag bestimmt werden und das am besten noch im Bett. Zudem kann die Temperatur am
Morgen durch Schlafmangel, Krankheiten und Alkohol beeinflusst werden – und die
ersten beiden Dinge sind regelmäßig garantiert, wenn man mit mindestens einem
Baby zusammenlebt. Katrin erzählt außerdem: „Mein kleiner Sohn stand ständig neben mir
und fragte: ,Mama, was machst du denn da mit dem Fieberthermometer?‘” Zusätzlich musste sie die Temperaturkurve auf einem Blatt Papier einzeichnen (mittlerweile gibt es auch eine App) – alles in allem war die Methode für Katrin vor allem
stressig und nicht praktikabel. 
Im Hinterkopf hatte sie aber schon zu diesem
Zeitpunkt vor ein paar Jahren, dass es doch eine einfache technische
Möglichkeit geben müsste, um die Temperatur – der Kernwert der symptothermalen
Methode – zuverlässig und ohne viel Aufwand zu messen.

Apps, um den Körper besser zu verstehen

„Seit
der Pille gab es viel zu wenig Innovation“
, sagt auch Ida Tin, CEO des Berliner
Unternehmens Biowink, das mit Clue eine extrem erfolgreiche Zyklustracking-App
entwickelt hat, mit der die Nutzerinnen lernen können, die Anzeichen ihres
Körpers zu deuten – eine Verhütungsmethode ist Clue nicht, da die App den
Eisprung nicht messen kann und dieser nicht immer am gleichen Tag des Zyklus´ stattfinden muss, dennoch helfen solche Apps, ähnlich wie die symptothermale
Methode, dabei, den Zyklus besser kennenzulernen und sich bewusst zu machen,
dass es Tage im Zyklus gibt, an denen eine Schwangerschaft wahrscheinlicher ist
als an anderen. 

Die Deutschen sind in Sachen Verhütung bislang wenig experimentierfreudig: Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung setzt etwa die Hälfte der Frauen auf die Pille, knapp 40 Prozent der
heterosexuellen Paare nutzen Kondome – zudem sprechen nur 55 Prozent der Paare
überhaupt miteinander darüber, wie sie verhüten wollen und teilen sich selten
die Kosten dafür – Verhütung ist auch 2015 noch vorrangig in der Verantwortung der Menschen, die schwanger werden können.

Katrin
Reuter hat beobachtet, dass immer mehr Frauen überall auf der Welt
Zyklustracking per App als etwas ganz Normales in ihren Alltag integriert haben
und die Debatten um moderne und hormonfreie Verhütung zuletzt wieder zugenommen
haben. 2014 begann sie intensiv zu recherchieren, wie sich die
Temperaturmethode technisch optimal umsetzen lassen könnte. Klar war: Die
Temperatur muss im Körper gemessen werden, um die niedrigste Temperatur des
Tages zu ermitteln – die so genannte Kerntemperatur, die nach dem Eisprung bei
jeder Frau messbar ansteigt.

Wann kann ich schwanger werden?

Ein
deutsches Unternehmen hat bereits Ende 2012 ein Produkt auf den Markt gebracht,
das die Kerntemperatur in der Scheide misst: Der Ovula-Ring wurde von der VivoSensMedical
GmbH in Leipzig entwickelt, bekam Startkapital vom Technologiegründerfonds und
hat zudem 2014 über ein Crowdfunding 300.000 Euro eingesammelt. Der Ovula-Ring
wird den gesamten Zyklus über getragen, die Daten per Lesegerät ausgelesen und
dann in einer Web-Anwendung ausgewertet – der Hersteller vermarktet den Ring vor allem als Hilfe beim Kinderwunsch, um die fruchtbaren Tage im
Zyklus genau bestimmen zu können.

Das
Messgerät, das Katrin gemeinsam mit ihrem Mann Maxim Loick und dem Entrepreneur Stephan Noller entwickelt, ist technisch schon einen Schritt weiter.  Als Katrin bei einem Weihnachtsessen von ihrer
Idee erzählte, machte Stephan – ein begeisterter Anhänger des Maker-Movements – ihr klar, dass die Umsetzung viel einfacher sein
könnte, als sie bis dahin gedacht hatte: „Stephan hatte in seinem Bastelkeller
Platinen, die das konnten, was ich brauchte, und seither haben wir dort
zusammen darüber nachgedacht und entwickelt.“„Trackle“, so der Name des Produkts, soll die Daten
drahtlos an eine Station übertragen, wird nur nachts getragen und wertet die
Temperatur per App aus – „Trackle soll einem Internet-of-things-Anspruch folgen“, erzählt Katrin. Der Sensor misst die Temperatur in regelmäßigen
Abständen, um den niedrigsten Wert zu ermitteln und überträgt die Daten
kontinuierlich zu einem Gateway, von dem die Daten wiederum an den Server
gehen, der sie auswertet. Über die App kann dann der Zeitpunkt des Eisprungs
bestimmt werden, per Hand können außerdem alle zyklusrelevanten Parameter eingegeben werden, die die Nutzerin tracken möchte, und das System damit
intelligenter machen. Nach sechs Zyklen, so Katrin, sind sogar ausreichend
Daten gesammelt worden, um mit ihnen Vorhersagen für kommende Zyklen zu
treffen.


Ein Prototyp des Sensors, der später mit medizinischem Silikon überzogen sein wird. (Foto: trackle GmbH – CC-SA 4.0)

Trackle
soll die Form und Größe eines Tampons haben und mit einer diskreten und
ansprechend gestalteten Box vertrieben werden, die außerdem das Gateway sein
soll. Ganz wichtig war Katrin: „Es wird nicht pink sein.“
Was
sie überrascht hat: „Ich habe relativ schnell festgestellt, dass vieles dafür sprach, das Produkt wirklich zu machen, denn wir bekamen enorm viel Feedback auf die Idee – der Bedarf ist da.“ Von der Risikoklasse wird „Trackle“
eingestuft wie ein Fieberthermometer, die Zulassung sei trotzdem „nicht ganz trivial“,
erzählt Katrin. 

Ein paar Monate später ist die
Platine für den Sensor nun entwickelt, die GmbH ist gegründet, Businessplan und
Pitchdeck stehen – auf Katrin und ihr Team wartet jetzt sehr viel Arbeit, damit „Trackle“ irgendwann erhältlich sein wird. Ein guter Nebeneffekt des Geräts: Will ein Paar es zur Verhütung einsetzen, müssen die beiden miteinander darüber sprechen, wann ungeschützter Sex für sie möglich ist – und wann nicht. Verhütung muss eben nicht nur Frauensache sein, sondern vielleicht bald für mehr Menschen die gemeinsame Sache einer Frau, eines Mannes und eines kleinen Geräts.



Titelbild: Phalinn Ooi – Flickr – CC BY-SA 2.0

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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