Umarmung.

Unser Heimatort ist eine Betonwüste mit dem traurigen Glanz verlorener Jahre. Eine Butterblume steckt den Kopf durch einen Riss im Asphalt. Schon aus der Ferne habe ich Dich gesehen und gleich erkannt: am typischen Gang, an Deinen hängenden Schultern, Deinem Dreitagebart. Und Du gehst an mir vorüber und siehst mich nicht.

 

Oder willst Du mich nicht sehen?

Wie ein Häufchen Elend stehe ich inmitten der Kindheit, die ich einmal hatte und blicke Dir hinterher. Folge Dir mit meinen Augen, die sich so schwammig anfühlen, weil Tränen sie benetzen und die Erkenntnis bahnt sich ihren Weg: 

Du erkennst mich nicht wieder.

Nach all dem, was war und hätte sein können, erkennst Du mich nicht wieder. Dabei habe ich mich genauso wenig verändert, wie Du Dich. Ich bin vielleicht ein bisschen erwachsener geworden und das, was man nach außen hin „seriös“ nennen mag. Aber ich bin immer noch ich und das hättest Du erkennen müssen. 

Aber Du gehst weiter, als wäre nichts gewesen. 

Und ich möchte Dir hinterher rufen, dass Du ein Arschloch bist und ein Idiot. Dass Du doch einfach mal die Augen aufmachen solltest. Ich möchte Deinen Namen rufen, möchte, dass Du Dich umdrehst und Deinen Fehler erkennst. Ich will, dass Du dich zu mir umdrehst, mich siehst, mich wirklich siehst und lächelst. Dieses Lächeln, das uns doch früher verbunden hat. Ich will, dass Du erkennst, wen Du gerade links liegen lassen hast. Dass es Dir leid tut.

Aber ich kann das alles wünschen und wollen und fordern, doch ich stehe ja immer noch nur hier und starre Dir hinterher wie ein getretener Hund seinem Herrchen. Ich stehe noch immer hier zwischen den Betonklötzen unserer Kindheit und kann es nicht fassen.

Also umfasse ich meine Schulter, damit ich nicht zerfalle und damit ich mir einbilden kann, Du hättest mich zur Begrüßung umarmt.

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