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Unabhängig bleiben

Finanzielle Unabhängigkeit. Manchmal habe ich das Gefühl, das scheint das Einzige zu sein, was man für eine funktionierende Beziehung, vielleicht sogar für ein glückliches Leben braucht. Zumindest habe ich oft das Gefühl, dass man uns das weiß machen will. Wenn wir nur finanziell unabhängig sind und im Falle einer Trennung sofort und ohne Übergang finanziell auf eigenen Beinen stehen. Dann sind wir frei, dann sind wir emanzipiert, dann kann eigentlich nichts schief gehen. Super, wenn es so einfach wäre.

 

Aber, mal angenommen, es gelingt mir während der Familiengründung trotz aller Widerstände berufliches etwas aufzubauen; oder aber, die Karriere, die ich mir bereits aufgebaut habe, zu erhalten, dann hilft mir das im Falle einer Trennung herzlich wenig, wenn ich keine vernünftige Kinderbetreuung finde oder wenn die Kinder unter der Trennung derart leiden, dass ich mir mehr Zeit für sie nehmen müsste und folglich beruflich zurück stecken. Es hilft mir auch nichts, wenn ich in Folge der Trennung, der Belastung aus Alleinerziehend, Arbeiten und das alles schön unabhängig von der Hilfe anderer zu wuppen, zusammen breche und nicht mehr arbeiten kann.

Auch der Kausalschluss finanziell unabhängig gleich frei, gleichberechtigt und emanzipiert, will sich bei mir nicht einstellen. Natürlich, wenn ich finanziell abhängig bin, ist es für mich schwerer, mich aus einer unglücklichen Beziehung zu befreien und meinen Partner zu verlassen, wenn – und auch nur dann – die Gesellschaft nicht bereit ist, für meine Freiheit aufzukommen. Wäre uns die Freiheit aller Menschen und vor allem von Frauen wirklich wichtig, wären wir wirklich der Meinung, dass jeder Mensch das Recht hat, sich aus einer unglücklichen, vielleicht sogar gewalttätigen oder das Selbstwertgefühl zerstörenden Beziehung zu befreien, würden wir für einen vernünftigen Unterhalt für diese Menschen sorgen. In welcher Form auch immer. Da wir als Gesellschaft das nicht tun, scheint es uns nicht so wichtig zu sein. Natürlich soll sich jeder, rein rechtlich, trennen dürfen. Dafür, die finanziellen Möglichkeiten für diese Freiheit zu haben, soll aber bitte jeder selbst aufkommen. Oder aber für ein Leben in Armut bereit sein.

Und vor allem heißt finanziell unabhängig nicht, dass wir frei sind. Freiheit heißt, machen zu können, was ich möchte! Komplett und ohne Einschränkung. In dem Moment, in dem ich gezwungen bin, meine finanzielle Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen, bin ich nicht mehr frei. Ich verliere die Freiheit, beruflich zu machen, was ich will, wenn das, was ich machen will, zum Beispiel schlecht bezahlt wird. Ich verliere die Freiheit, mich für ein Leben jenseits des Arbeitsmarktes zu entscheiden. Die Freiheit, mich voll auf meine Familie, soziales oder politisches Engagement zu konzentrieren. Finanzielle Unabhängigkeit, wenn ich sie durch eigene Arbeitsleistung erwirtschaften muss, gibt mir natürlich gewisse Freiheiten, aber sie macht mich nicht frei. Genau genommen würde dies nur das bedingungslose Grundeinkommen oder ein lückenloses soziales Netz (im Fall der Fälle) gewährleisten. Unser aktuelles Unterhaltsrecht geht da in die genau entgegengesetzte Richtung.

Und natürlich verstehe ich, dass eine Frau, die ihren Teil zum Familieneinkommen beisteuert oder vielleicht sogar den Großteil, im ersten Moment gleichberechtigter und emanzipierter rüber kommt. Aber letztlich sagt das doch nichts über die Beziehung zwischen beiden Partnern aus. Es sagt nichts darüber aus, wer die wichtigen Entscheidungen trifft, ob beide Partner sich mit Respekt behandeln, wer den Haushalt macht usw. Es sagt nichts darüber aus, ob sie vielleicht von ihrem Mann geschlagen wird oder betrogen oder oder oder. Es sagt einfach nichts aus. Ich finde sogar, es ist Betrug. Als hätte die Wirtschaft das Emanzipationsbestreben der Frauen gekapert und ihnen verkauft, wenn ihr uns eure Arbeitskraft zur Verfügung stellt, eure Kreativität und eure Energie, dann seid ihr, wie durch Zauberhand, gleichberechtigt. Dann müsst ihr diesen eigentlich so schweren Kampf um eine gleichberechtigte Beziehung, um eine gleichberechtigte Aufgabenverteilung mit eurem Partner nicht mehr kämpfen. Macht es euch also leicht, kommt arbeiten und alles ist gut. Es ist aber gar nichts gut, wenn es letztlich nur auf eine Mehrbelastung hinaus läuft. Kinder und Haushalt, die gesamte Verantwortung bleiben in der Regel trotzdem an den Frauen hängen. Bis zum BurnOut. Danach übernimmt aber nicht etwa er zuhause mehr Aufgaben, nein, sie tritt danach beruflich kürzer, fährt ein paar Gänge runter usw. Was ist daran gerecht? Gleichberechtigung sehe ich da nicht!

Aber eigentlich war ich ja beim Thema Abhängigkeit und dass das per se was schlimmes wäre. Mal hier mein ganz naiver Gedanke: Sind in einer Beziehung und vor allem in einer Familie nicht alle voneinander abhängig? Ist das nicht das Grundprinzip dieses Konstrukts? Zwei Erwachsene begeben sich freiwillig in eine wechselseitige Abhängigkeit, um gemeinsam einen Weg zu gehen, der alleine nicht möglich ist und setzen mehr oder weniger viele weitere abhängige Wesen in die Welt. Die jedoch, da sie diese Abhängigkeit nicht freiwillig eingegangen sind, sich nach und nach aus dieser Abhängigkeit befreien und lösen werden, dies aber letztlich nie ganz schaffen werden.

Und Abhängigkeit ist doch eh mehr, als die finanzielle Situation. Letztlich ist doch jede Beziehung, auch die ohne Kinder, immer von irgendeiner Form von Abhängigkeit geprägt. Zum Beispiel habe ich mit einer kinderlosen Freundin, die mit beiden Beinen fest im Beruf steht und mit ihrem Partner bisher noch nicht mal zusammenlebt, über Eifersucht und Selbstbewusstsein in der Beziehung gesprochen. Mein Gedanke war, dass sie halt weniger abhängig ist und dadurch in ihrer Beziehung stärker auftreten kann und deswegen zum Beispiel auch nicht eifersüchtig ist. Sie sah das ganz anders. Denn auch sie ist sich nicht sicher, ob sie eine Trennung so ohne weiteres verkraften würde. Obwohl sie also finanziell unabhängig ist, ihr eigenes Leben mit einem eigenen Freundeskreis hat, fühlt sie sich trotzdem auf die Liebe ihres Partners angewiesen. Jedem kann eine Trennung emotional den Boden unter den Füssen weg ziehen und damit unter anderem auch die wirtschaftliche Existenz, zumindest für eine Zeit, bedrohen. Wie soll eine Beziehung aussehen, in der ich nicht auf der einen oder anderen Ebene von meinem Partner, seiner Liebe, seiner Zuwendung angewiesen, also abhängig bin?

Das eigene Streben nach permanenter Unabhängigkeit hat noch einen Begleiteffekt. Viele Eltern erleben die Verantwortung für ein vollkommen abhängiges Wesen als Schock. Manche Eltern verleugnen diese Abhängigkeit und erwarten schon von ihren Kleinstkindern Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit. Nur keine Abhängigkeit!

Aber warum nicht? Kann die Abhängigkeit von einem mir wohl gesonnenem Menschen, der mich liebt und sich letztlich ebenfalls in Abhängigkeit zu mir befindet, nicht auch Sicherheit und Geborgenheit bieten. In einem Bereich des Lebens, das ja eh schon komplex genug ist, auch mal die Verantwortung abgeben zu können? Zu spüren, da ist jemand, jemand ist für mich da, er oder sie kümmert sich um mich, ich werde gehalten, getragen, ich darf mich fallen lassen, ich darf schwach sein. Ich bin nicht allein!

Natürlich kann Abhängigkeit auch etwas schlechtes sein, ja sogar etwas gefährliches. Zum Beispiel, wenn sie einseitig ist, oder wenn ich von jemandem abhängig bin, der nicht mein Wohl, sondern egoistische Ziele verfolgt. Oder aber, wenn die Abhängigkeit des anderen etwas Forderndes bekommt. Sich eigentlich auf dem Niveau eines Kindes bewegt, das nimmt-nimmt-nimmt, unersättlich ist und nichts zum Zurückgeben hat. Kinder dürfen das. Wir müssen ihren Speicher ja erst auffüllen, damit sie als Erwachsene auch was zum Geben haben. Erwachsene dürfen das nicht mehr, denn dann laugen sie ihren Partner aus und lassen ihn zerstört zurück.

Aber all die anderen Menschen, die in einem ausreichenden Maße in der Lage sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen und Liebe und Wärme zu geben, warum sollen die nicht in der einen oder anderen Form voneinander abhängig sein?

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