Foto: Meike Neitz privat

Vorbilder gefunden! Oder: Wie eine Schule in Namibia mein Lebensbild veränderte

Wenn man jung ist, gibt es vielerlei Arten seinen Platz in der Welt zu finden. Wie groß oder kleiner dieser Platz sein, wird, welche Spuren er hinterlassen wird; was für ein Erbe und für wen, das liegt in unserer Hand. Es entscheidet sich aber auch oft durch die Windungen und Wendungen des Lebens.

Ich habe mir, ehrlich gesagt, sehr sehr lange wenig Gedanken darübergemacht, dass ich in meiner Lebenszeit auch mehr als meine eigene Zukunft bauen könnte. Na klar, ich möchte unbedingt Kinder und wie jeder hier und da etwas Gutes stiften, doch über einen nachhaltigen „Impact“ dachte ich nicht nach. Bis zu meiner Reise nach Namibia.

 

Für mich sind Horizonterweiterungen in Form von Reisen jeder Art ein wichtiger Bestandteil in der Formung meiner Persönlichkeit, meines Wissenschatzes, Menschenkenntnis und einem mehr oder minder ausgereiftem Lebensfahrplan. So toure ich so oft ich kann um die Erdkugel und besuche neue Länder, neue Kulturen. 

 Meine letzte große Reise ging nach Namibia. Diese Reise, und vor allem die Begegnung mit einem Ehepaar, das seit 50 Jahren verheiratet ist und in Namibia lebt, veränderte mein kleines Weltbild.

Die beiden eint eine Liebesgeschichte, die aus einem Buch hätte entspringen können. Die 21-jährige britische Adlige Gillian Steel reist nach Südafrika und lernt dort den deutschen Missionar Reiner Stommel kennen. Es ist die große Liebe. Gegen den Willen ihrer Eltern entscheidet sich Gilly dem Herzen zu folgen. Sie bleibt in Afrika und heiratet den Deutschen, der dafür aus der Mission austritt. Gilly selbst wird enterbt. Was ist das Geld der Eltern wert, wenn man dafür seine große Liebe und gleichzeitig seinen besten Freund für das Leben gefunden hat? Es ist nichts wert. Die Liebe, die gemeinsame Zukunft ist alles wert. 

Fast Forward – knapp fünfzig Jahre später

Wie schön, dass ein Land so abhärten kann, seinen Bewohnern eine so raue Schale antrainiert, Zähheit und kalte Ausdauer abverlangt, aber doch das Herz ein warmer, weicher und so behüteter Ort bleibt. Von diesem tiefen Herzen aus entsprang die Entscheidung von Reiner und Gilly, ihr Leben den vielen Kindern Namibias, denen der Zugang zu guter Schulbildung oft verwehrt bleibt, zu widmen.

Das Ehepaar Stommel. (Quelle: Meike Neitz)

Die Stommels haben in Namibia gemeinsam eine ganze Welt erschaffen. Jedoch nicht nur eine Welt für sich selbst, sondern für viele, viele andere gleich mit. Wir durften für einige Tage als Besucher in dieser Welt eintauchen. 

Verliebt ineinander und in Namibia kauften Reiner und Gilly kurz nach der Hochzeit im Jahr 1970 ihr erstes Stück Farmland „Charon“ und machten sich an die Arbeit. Dies ist eine Zeit der schwierigen politischen Verhältnisse im Land: Namibia ist das letzte afrikanische Land, das seine Unabhängigkeit erlangte – im Jahre 1990. Tief hingen also zu Stommels Anfangszeit noch die Schatten der südafrikanischen Kolonial- und Apartheitspolitik über dem Land. Es gibt kein geeintes Volk, es gibt Farben. Schwarz und weiß. Reiner und Gilly ist dies egal, sie sind farbenblind. Wer hart und gut arbeitet, wer loyal ist und anständig, wird gut entlohnt. Ihren Angestellten begegnen sie -was in der Zeit leider kaum selbstverständlich war- auf Augenhöhe. Viele der treuen Begleiter aus der ersten Stunde sind noch immer für sie tätig. Seit über vierzig Jahren. Es gibt dafür keine Managementstrategie. Es gibt nur die Erkenntnis: Sei selbst der Arbeiter, den du als Chef gerne hättest. So lernten sie schon in jungen Jahren eine einfache Vorbildfunktion einzunehmen. Reiner sagt: „Ich könnte meinen Leuten zwanzig Mal sagen, dass sie ihre leeren Flaschen nicht gedankenlos neben sich schmeißen sollen. Hebe ich sie zweimal genau vor ihren Füßen auf und tue sie in den Mülleimer- dann verstehen sie.“

Fensterbilder in der Schule. (Quelle: Meike Neitz)

Neben der Farmarbeit, die jedes Jahr um Hektar und Rinder wächst, engagieren sich beide ehrenamtlich in der Mission der Gemeinde; kümmern sich um Essen und Bildung für Kinder aus der Umgebung. Die Farm gedeiht und so kann sich das Ehepaar, die sich der einfachheitshalber selbst nur mit „Stom“ ansprechen, bald einen wichtigen Umzug leisten: Sie kaufen die benachbarte, wesentlich größere Farm Otjikondo. „One single step forward“ ist ihr Motto. Schritt für Schritt für Schritt zum Ziel. Sie arbeiten hart. Sie erleben schlimme Dürren, Regenfluten, Stürme. Und Sonne; diese sengende afrikanische Sonne, die so erbarmungslos jeden Morgen aus ihrem nächtlichen Versteck kriecht und die namibischen Tage mit kräftigen Sonnenstrahlen überflutet.

Wer sind eigentlich meine größten Vorbilder, frage ich mich, als ich auf Otjikondo bin. Und was macht ein Vorbild aus? Für mich ist es, eins der heutzutage in der modernen Welt ein sehr spärlich gesätes Gut: Selbstlosigkeit. Bei uns wird Ich oft großgeschrieben, du oder ihr aber eher klein.

Gilly Stommel mit Schülern ihrer Schule. (Quelle: Meike Neitz)

Das Ziel der Stommels ist nicht, zum großen Reichtum zu erlangen, sondern sich einen großen Traum zu erfüllen: Eine Schule zu errichten, in der sie den vielen talentierten aber oft mittellosen Kindern der Region Zugang zu Bildung ermöglichen. Doch sie träumen nicht nur, sie packen es an. Mithilfe von eigenem Kapital und Spenden von Freunden schaffen sie es: Sie eröffnen 1990 das Schuldorf Otjikondo. Die Kinder lernen dort nicht nur, es werden auch Essensräume, Spiel- und Sportplätze und Schlafsäle erbaut. Zunächst finden 20 Kinder plus Lehrer Platz. One single step forward. Aus zwanzig Kids werden vierzig, werden sechzig, werden hundert. Fünfundzwanzig Jahre und vier eigene Kinder später: Heute wohnen und lernen über 200 Kinder auf Otjikondo. Ein großer Schritt nach vorne, bestehend aus Tausend kleinen, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Meine Augen und mein Herz öffnen sich, als ich in Otjikondo eintreffe und die Geschichte nach und nach erfahre.

Die Autorin Meike Neitz mit Schülern. (Quelle: Meike Neitz)

Ich hatte eine Farm in Afrika…. So beginnen die berühmten Worte der dänischen Schriftstellerin, Karen Blixen, die mir an meiner Ankunft in Otjikondo durch den Kopf gehen. Ich hatte eine Schule in Afrika, wird Gilly sagen können. Gibt es eine schönere Einleitung für die eigene Geschichte?

„Do not ever forget children“ sagt sie bei der morgendlichen Ansprache, zu der auch ich mich morgens um sieben einfinde. 

„Do not forget that you can know anything, you want to know. But you have to ask. Ask otherwise no one will answer.

Do not ever forget, children. You can be anything you want to be. You just have to try. If you don’t try, you lose.“

Die Kinder, 5 bis 14 Jahre alt, singen noch ein gemeinsames Lied und dann geht es los in den Mathe-, Englisch oder Geschichtsunterricht. Das Besondere, wenn man hier hinkommt, ist: Perspektiven verschieben sich akut. Nicht nur von Nord nach Süd, wie unsere Flugstrecke Frankfurt – Windhoek, sondern überdimensional. Prioritäten erfahren Richtungswechsel, Wichtigkeit und Unwichtigkeit bekommen eine neue Bedeutung. Was ist schon wirklich wichtig im Leben? Hier in der Mitte Namibias ist es noch ein täglicher Kampf um die Substanz. Um Wasser für das Land, Nahrung für den Menschen, Futter für das Tier.  Sowohl das Wort Lebenssinn, als auch das Wort Reichtum wird gänzlich umdefiniert. Womit befassen wir uns zuhause? In der Startup Welt zum Beispiel, in der ich mich herumtreibe, geht es um Fragen der Digitalisierung, um Spielereien mit irgendwelchen Sozialen Netzwerken, die unser Ego unterfüttern, um neue Apps, die das Leben noch ein wenig bequemer machen, weil man für alles möglichst nur noch den Tastaturfinger rühren sollen muss. Ja, brauchen wir das wirklich? Ist das sinnstiftend, erfüllend? 

So viel steht fest: Mit Likes auf Facebook kann man kein Mais ernten mit dem Instafeed kein Brot backen, mit Tweets keinem Kind das Lesen und Schreiben beibringen. 

Perspektivenwechsel. Man schaut von Otjikondo auf das alte, gesättigte Europa, das schon so viel erreicht hat. Auf die Probleme, über die ich mich noch vor einer Woche gesorgt habe und die von hier aus wie Ameisenhaufen
wirken. Lächerlich klein und nichtig. Warum jammern wir eigentlich so viel? Die großen Themen, welche die Menschen hier von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beschäftigt, drehen sich um Lebensgrundlagen. Lange, über drei Jahre lang, hat es in Namibia keinen richtigen Regen mehr gegeben. Die Macht der Natur ist ungebrochen: Sie ist die Finanzaufsicht, sie ist der Markt und die Börse gleichzeitig, entscheidet über Preis, Angebot und Nachfrage, über Existenzen.

Ein Farmer nimmt uns mit raus in die Wildnis. „Riecht ihr das?“, fragt er. „Nein, was ist es?“ frage ich zurück. „Das ist der
schönste Geruch der Welt…Regen!“.

Wer bei uns zuhause riecht noch den Regen?! Gab es in Namibia einen Regentag, steht am nächsten Tag in jeder Zeitung des Landes, wie viele Millimeter es in welchem Ort geregnet hat. Dem Tagesgewinner wird gratuliert. Auf Otjikondo hat es in diesen Tagen leider nicht geregnet. Das Warten geht weiter.

Ich tauche ein in diese Welt, die anders priorisiert, anders rechnet. Geld zum Beispiel, das ist hier noch etwas zum Anfassen. „Wie viel hat das gekostet?“ Fragt der über 80 jährige Reiner nach dem Großeinkauf in der Stadt. „11.000 Namib Dollars“ die Antwort seine Frau. „Ah okay“, antwortet er, „ein Rind also.“ Währung, das ist in Namibia noch Vieh, das sind Ernten pro Jahr, das sind Hektar. Ich bin zurück in der Vergangenheit und doch ist Namibia kein rückwärts orientiertes Land.

Der L ebenssinn, den sich Reiner und Gilly gegeben haben, blickt in die Zukunft. Alles dreht sich darum, mit wie viel Geld, wie viele Kinder derzeit in der Schule unterkommen. Das Kindeswohl für so viele Kids aus dem Umkreis, zum Teil aber auch von weit her, ist für sie das höchste Gut auf Erden. Sie wissen: Nur mit dem erlernten Wissen, Weitsichtigkeit, mit ausgereiften, ausgebildeten Kraft der Kinder die in Otjikondo zu Schule gehen, kann es das Land schaffen.

Do your little bit of good where you are; it is those little bits of good put together that overwhelm the world.“ Ist einer der wohl weisesten Aphorismen von Nobelpreisträger Desmond Tutu. 

Viele Organisationen setzen mit Spendengeldern hier ein Gebäude hin, bauen dort einen Brunnen. Doch wahre Hilfe kann nur durch wahre Zeitinvestition effektiv vermittelt werden. Das Gebäude verkommt, der Brunnen verstopft. Ein Projekt jedoch, das von seinen Stiftern gleich in den Vorgarten gesetzt wurde und jeden einzelnen Tag betreut wird, das hilft. 2000 Kinder haben in den letzten Jahren in Otjikondo lesen, schreiben und rechnen gelernt. Sie sind Herero, Nama, Ovambo,
Damara, Himba – die Ethnie spielt keine Rolle. Sie spielen gemeinsam. Inzwischen kommen Delegationen der namibischen Regierung, kommen deutsche Entwicklungshelfer und Vertreter aus dem benachbarten Südafrika, um sich die Beispielschule anzuschauen. One step forward. Die Hoffnung, so Gilly, ist auch die Vorbildfunktion, die Otjikondo für viele schon existierende Schulen und noch zu erbauende, bilden soll.

Die Kinder derweil, sie lernen jetzt in der Schule ihre ersten Vorbilder kennen. Lernen über Nujoma, Mandela, Obama. Stolz zeigen sie uns, was sie lernen, wo sie leben. Jeder Haken, an denen ihr kleines Handtuch hängt, jeder Spint in dem sie ihre wenigen Habseligkeiten aufbewahren, wird uns präsentiert. Sie nehmen uns so vertrauensvoll an die Hand, führen uns durch ihre kleine Welt, die ihnen die große Welt öffnet. Ihre Freude ist energiestiftend, ihre Leichtigkeit ansteckend. Das Kinderlachen ist wohl die schönste Musik im Ohr. Einzig vielleicht ein schöner Regenschauer, wenn er auf das Farmdach
fällt, erreicht eine Äquivalenz dieser Schönheit.

Für die Kinder, deren Eltern sich selbst das Schulgeld von 240 Namibische Dollar pro Trimester (umgerechnet 15 Euro) nicht leisten können, gibt es ein Paten-Programm. Noch während meiner Reise bewerbe ich mich, um für das nächste Schuljahr daran teilzunehmen.

Ich kannte Nujoma, wusste um die Taten Mandelas, bewundere das visionäre Handeln Obamas. Doch habe auch ich auf der Reise neue Vorbilder kennen gelernt- das Ehepaar Stommel. Keine Nobelpreisträger, keine Politiker, keine Vollbringer großer Heldentaten, sondern Farmer im Herzen Namibias, die ihr Leben einer Schule gewidmet haben. Meine Welt wurde also ein neues Ziel erweitert: Selbst ein Vorbild werden.

„Hoffnungsbilder” in der Schule Otjikondo. (Quelle: Meike Neitz)

PS: Wer mehr über Otjikondo erfahren möchte, der kann sich gerne jederzeit bei mir melden, oder dem/derjenigen sei das gerade erschienene Buch „Otjikondo, Another Step on the Journey“ – 22 Erfolgsgeschichten.“ empfohlen. 

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