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Vorsicht vor Geschenken – nichts ist umsonst

Schenken und beschenkt werden kann etwas Wunderbares sein und einem große Freude bereiten, aber auch viel Kummer bringen, denn Geschenke, Gefallen oder Almosen sind selten umsonst.

 

„No strings attached“

Im Englischen gibt es diesen schönen Zusatz „with no strings attached“, dessen Bedeutung sich wie so häufig nicht eins zu eins in die deutsche Sprache übertragen lässt. Vielleicht ist er noch am ehesten mit „ohne (zusätzliche) Bedingungen“ übersetzbar. Das wird bei uns aber natürlich viel seltener an Aussagen angehängt wie „no strings attached“. Das begegnet einem im Englischen ständig. Diese Überbetonung zeigt eigentlich erst, wie oft und wie selbstverständlich etwas sonst mit Bedingungen verbunden ist.

Geschenke sind nicht umsonst

Und das gilt sogar für die meisten Geschenke, wobei sie eigentlich darüber
definiert werden, dass für sie keine Gegenleistung erwartet wird. Soweit die
Theorie, aber wie sieht es in der Praxis aus? Wir brauchen uns nur einmal
selbst beobachten, ob dass, was wir anderen geben immer so selbstlos ist – sei
es materiell oder immateriell. „Da machst Du was und das ist der Dank“, hören
wir uns selbst sagen. Wir versuchen einzelnen Menschen zu helfen oder ihnen
einen Gefallen zu tun. Wir regeln mal eben schnell etwas für sie oder zücken
das Portemonnaie, um die Rechnung zu bezahlen.

Aber was steckt hinter dem Geschenk?

Wenn wir etwas verschenken, spielen unsere eigenen Bedürfnisse eine große Rolle. Vielleicht haben wir einen ausgeprägten Idealismus, wollen Gutes in die Welt tragen. Vielleicht haben wir auch einfach kein großes Bedürfnis zu sparen oder zu sammeln und fühlen uns wunderbar, wenn wir – in welcher Form auch immer – großzügig sein können. Oder wir streben nach Anerkennung. Dann fühlen wir uns gut, wenn andere uns loben für das, was wir tun. Wo auch immer unsere Motivation, etwas zu verschenken, herrührt – es kann gehörig nach hinten losgehen.

Kundengeschenke können den Umsatz senken

Nehmen wir als Beispiel die Kundengeschenke. Die Weihnachts- und Geschenkzeit steht ja schon wieder vor der Tür – auch für Kunden und Geschäfts- oder Kooperationspartner. Neben der immer wiederkehrenden Frage (um die es hier definitiv nicht geht), was wir denn besonderes schenken können, stellt sich natürlich die Frage: Wie kostspielig darf es sein? 

Wer nicht aufpasst, übertreibt und vertreibt damit so manchen Kunden. Denn es ist nicht die kleine Aufmerksamkeit, sondern das zu großzügige Geschenk, dass bei so manchem Kunden Unbehagen auslöst, weshalb er sich vielleicht nicht mehr „einfach mal so“ meldet.

Den Wert der eigenen Arbeit kennen

Viele Unternehmer verschenken im Voraus auch zu viel. Das schadet der Geschäftsbeziehung, öfter als uns bewusst ist. Bei mir löst es direkt Misstrauen aus, wenn mir bereits in dem ersten Verhandlungsgespräch 20 Prozent in Aussicht gestellt werden. Hat mein Gegenüber es so nötig? Ist das Produkt schlecht?

Wer nicht nur ein „Häppchen“, sondern gleich die ganze „Packung“ gibt, wird
sich wundern. Im Coaching höre ich dann oft Sätze wie: „Meine Kunden
bekommen schon so viel und trotzdem reicht es nie!“ Die Aufträge bleiben
aus. Die Kunden fühlen sich sogar so unwohl, dass sie zu Werbeveranstaltungen
nicht mehr kommen. Klar, bis auf die Wenigen, die immer kommen, aber nie
was kaufen. Seien wir doch noch ehrlicher mit uns und unseren Kunden. 

Zwischen unserem „Produkt und dem „Verkauf“ (egal, ob Ware oder
Dienstleistung) liegt das Vertrauen. Dieses gilt es gut und klug zu
pflegen. Manchmal ist weniger einfach mehr. 

Hilfe Verweigern hat nichts mit Egoismus zu tun

Ich will gar nicht behaupten, dass es immer so leicht ist, sich von Gepflogenheiten oder Erwartungen zu lösen. „Im Leben ist Geben seliger denn Nehmen“ – Uns wird schon in der Bibel gelehrt, dass es prima und angesehen ist, wenn wir spenden und teilen. Wer etwas für sich nimmt oder es ablehnt zu spenden wird schnell in die „Egoismus-Ecke“ gesteckt.

Dabei ist das eher Ausdruck einer Klarheit, die gar nicht so verkehrt ist. Wenn wir Menschen helfen und ihnen direkt geben, was sie bedürfen – sei es nun Geld, Materielles oder eine Tat – nehmen wir ihnen die Freiheit. Ja, richtig gelesen: Es nimmt Menschen die Freiheit, es selbst zu schaffen und eine eigene Lösung zu finden.

Almosen rauben dem anderen die Freiheit

Denn wir sind ja keine Tiere, die nur existieren. Wir sind Menschen und wollen uns weiterentwickeln. Zugegeben, mal mehr, mal weniger. Deshalb ist es auch kein guter Weg, unseren Kindern alles zu geben oder ihnen etwas „ersparen“ zu
wollen. Eine Klientin erzählte mir von ihrem Sohn (18), der mit ihr und ihrem
Mann schon viele kostspielige Reisen geboten bekommen hat. Als sie in Afrika
waren sagte sie zu ihm: 

„Wie schön, dass wir das zusammen erleben. Als nächstes reisen wir nach Amerika.“ Er: „Danke Mama, das ist lieb, doch ich will auch noch etwas alleine entdecken.“ Die Mutter denkt im ersten Moment natürlich „wie undankbar“, dabei ist klar und gesund, was sich dahinter verbirgt: Er will Freiheit. Und bei allem, was er durch seine Eltern genießt, steht er in der Schuld. 

Bei unseren Kindern ist es bis zu einem gewissen Grad okay, doch jeder kennt sicher die Familienkonstrukte, in denen es genau um diese „hab’ ich nicht alles für Dich getan“-Themen geht.

Bei Geld hört die Freundschaft auf

Ärger oder zumindest Unbehagen ist auch vorprogrammiert, wenn Eltern ihren Kindern beispielsweise Geld für die Firmengründung oder den Hauskauf schenken oder leihen. Es ist schon so manche Familie und Freundschaft an diesem Thema zerbrochen. Ein Geschenk geht oft mit einer Erwartung einher. Es ist daher sinnvoll, sich die jeweilige Situation genau anzuschauen und abzuwägen wie groß der Nutzen wirklich ist. Vielleicht ist ein Kredit bei der Bank doch die bessere Alternative.

Geschenke machen klein

Dabei ist der Geber Schuld, dass der Nehmer sich schuldig fühlt. Diese Prozesse
laufen in unserem Unterbewusstsein ab. Während der eine sich denkt wie toll es ist, dass er helfen kann, ist der andere in seiner Schuld vielleicht objektiv
um die notwendigen Euro reicher, doch die Schuld macht ihn klein. Schon die
Einräumung einer Ratenzahlung schafft ein Ungleichgewicht und schadet der
Geschäftsbeziehung. Diese fehlende „Augenhöhe“ führt oft dazu, dass Menschen aggressiv werden. Ja, das Wort „lat. aggressiv“ bedeutet im weitesten Sinne: „Raum nehmen“. Menschen nehmen sich wieder Raum. Das gibt es by the way auch in Liebesbeziehungen:

„Deine Liebe klebt“

Der Song von Herbert Grönemeyer beschreibt so gut wie es ist, wenn jemand es gut meint, es sich dann aber wie das Gegenteil anfühlt. Der Satz: „Ich würde alles für Dich tun“ kann schon so manchen freiheitsliebenden Menschen in die Enge treiben. Schnell kommt der Gedanke in den Sinn: „Wie soll ich das je wieder gut machen?“

Es ist schön, wenn wir Menschen Geschenke machen, ob in der Liebe, in der Tat oder im Portemonnaie. Wir sollten uns dann aber nicht wundern, wenn unser Gegenüber mal anfängt zu knurren oder sogar spuckt und schreit. Manche wenden sich auch  einfach aus Schuld und Scham von uns ab.

Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul

Aber auch, wenn es nicht so weit geht, kann allein schon die Dankbarkeit, die von uns bei Geschenken erwartet wird, anstrengend und sehr stressig sein. Wir
bekommen als Kind beigebracht: An einem Geschenk sollte man eben nicht herummäkeln – auch wenn es schwerfällt. „Bedanke Dich artig!“ Kein Wunder, dass viele Familien, Paare und Freunde irgendwann beschließen, sich nichts mehr zu schenken und lieber etwas gemeinsam zu unternehmen.

Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“

Ein Kunde erzählte mir, dass seine Oma früher immer einen legendären
Schoko-Keks-Kuchen für ihn gebacken hat. Als Kind liebte er das Zeug. Als
Erwachsener konnte er darüber nur noch den Kopf schütteln und lachen. Seine Oma kommandierte aber im hohen Alter noch seine Mutter in die Küche, um für ihn den Kuchen nach ihrem Rezept zu backen. Der Ärger war perfekt, denn die Mutter wusste genau, dass ihr Sohn den Kuchen gar nicht essen wird. Trotzdem haben Mutter und Sohn das ganze Spiel jahrelang mitgemacht statt einmal auf die eigenen Bedürfnisse hinzuweisen.

Warum Weihnachten viele so stresst

An Weihnachten kommen die ganzen Dilemmata dann zusammen: Alle kommen zu Mama nach Hause (weil Mama sich ja so freut). Und Mama kocht (weil die Kinder die Braten ja so gern essen und sich freuen). Bei ehrlicher Betrachtung schildern viele Mütter, sie würden es gern einmal anders machen und haben wirklich keine Lust, Stunden in der Küche zu stehen. Und die erwachsenen Kinder wollen mit ihrer eigenen Familie gern einmal allein Daheim feiern ohne Oma und Opa zu kränken. So stecken wir in Abhängigkeiten und geben und nehmen immer wieder „Geschenke“, die keiner will. Jeder tut etwas für den anderen und es kostet Kraft, Zeit und Geld – welches wir sinnvoller verwenden könnten, wenn wir ehrlicher mit uns selbst und anderen sind.

Manchmal gibt es dem Gegenüber mehr, ihm nichts zu geben.

Der Artikel ist in ähnlicher Form zuerst erschienen in meinem Blog: www.christina-kropp.de/meer-geht-immer

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