Foto: http://www.briefeguru.de/entschuldigung-schule/

Warum an Schulen eine Zweiklassengesellschaft befeuert wird

Schulische Auszeichnungsveranstaltungen kennt wohl jeder Schüler. Dass diese eigentlich doch so schönen kleinen Feierstunden vielen Jugendlichen aber einen Bärendienst erweisen, wird vergleichsweise selten bedacht.

 

Letzter Schultag, Zeugnisausgabe, gemeinsames Frühstück, Ferien … fast. So sah es jedenfalls an meiner Schule aus. Denn seit einigen Jahren gibt es dort eine Tradition, die sich sicherlich nicht nur auf diese eine Bildungseinrichtung beschränkt, in deren Rahmen Schüler für verschiedene Dinge ausgezeichnet werden. Da gäbe es natürlich schulische Leistungen und sportliche Errungenschaften, außerschulisches Engagement zum Schulleben wie die Partizipation im Schulclub, sowie einige wenige kreative Beiträge, die mit der Schule nicht wirklich viel zu tun haben. Während einige gefeiert werden, sitzen andere nur da, schauen zu und beklatschen ihre „besseren“ Mitschüler. Und genau da sehe ich ein gesellschaftliches Problem, das den Druck auf den „Durchschnittsschüler“ drastisch erhöht.

Bevor mir vorgeworfen wird, dass ich nur neidisch wäre auf die Preisträger, sollte ich vielleicht den wenig relevanten Fakt anbringen, dass auch ich schon das ein oder andere Mal nach vorne gebeten wurde, um eine Urkunde, einen Gutschein und eine gelbe Rose entgegenzunehmen und um von verschiedenen Lehrern, die mich nicht einmal unterrichteten und kaum kannten, über den grünen Klee hinaus gelobt zu werden. Natürlich hat mich das in diesem Moment mit Stolz erfüllt, doch auf der anderen Seite beschlich mich nach der letzten Auszeichnung im vorletzten Jahr schon kurz darauf ein etwas unwohles Gefühl.

Meine kritische Haltung zu diesen Veranstaltungen, die sich in Folge dessen herausgebildet hat, kann natürlich als übertrieben angesehen werden, warum ich sie dennoch für angebracht halte, wird vielleicht im Folgenden doch deutlich.

Der „faire sportliche Wettkampf“

Das alljährliche Sportfest war für mich immer so etwas wie ein beweglicher Ferientag, man muss nicht zur Schule erscheinen, kann länger schlafen, als normalerweise und man kann sich im fairen Wettkampf sportlich betätigen. Stopp, wieso denn eigentlich Wettkampf?
Ich persönlich hatte auf einer leistungstechnischen Ebene nichts gegen Wettbewerbe in 100m-Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen und Ähnlichem einzuwenden, Leichtathletik liegt mir ziemlich gut, da ich eine Zeit lang im Leichtathletikverein war. Auf ethischer Ebene sehe ich das jedoch komplett anders, denn was ist mit den Schülern, denen Sport nicht so leichtfällt wie mir oder noch besseren Sportlern? Oder denen, deren Sportarten in der Schule, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielen?

Die machen beim Sportfest einen wahren Spießrutenlauf durch, da sie immer an ihren „besseren“ Mitschülern gemessen und in ein festes Ergebnisraster gepresst werden, das fast schon unmenschlich-subjektiv ist und trotz aller Anstrengungen nur zu Noten im unteren Bereich führt.
Meiner Meinung nach ist eine Bewertung von Sport in der Schule ohnehin pädagogisch nicht zielführend, da der Sportunterricht eher den Spaß an der Bewegung und nicht die Angst davor fördern sollte. Das vergisst man in einer leistungsorientierten Gesellschaft leider sehr schnell.
Wenn
am letzten Schultag dann die Urkunden verliehen werden, trifft es erstens (fast) immer dieselben und zweitens werden die anderen immer und immer wieder daran erinnert, dass sie möglicherweise nicht die Voraussetzungen haben, um „sehr gute sportliche Leistungen“, wie in der Einleitung zu der Auszeichnungsrede an meiner Schule letztes Jahr gesagt wurde, zu erringen.
Kann man das noch „fairen Wettkampf“ nennen, wie es die Sportlehrer im Vorfeld immer wieder betonen?

Bessere Noten = höherer Aufwand?

Den größten Teil der Veranstaltung nehmen aber selbstverständlich andere Leistungen ein. So zum Beispiel die Auszeichnungen der Jahrgangsbesten. Nach vorne gebeten werden beispielsweise die drei besten Schüler der Schule – an meiner ehemaligen Schule grundsätzlich Schüler mit den Durchschnitten von 1,0 und 1,1. Und dann wird gepriesen was das Zeug hält, wie fleißig diejenigen doch sein müssen, wie aufopferungsvoll sie sich in ihre schulische Laufbahn knien würden. Der „gemeine Schüler“ – und wenn er auch einen grandiosen Durchschnitt von 1,4 hat – sinkt in seinem Stuhl zusammen und muss sich fragen, ob er dadurch jetzt weniger wert ist als seine Mitschüler.
Natürlich sind diese Leistungen herausragend und man sollte denjenigen Schülern auch ihre Noten gönnen; doch man könnte in der Lobpreisung wenigstens beiläufig erwähnen, dass auch viele andere sehr viel Zeit für Lernen, Referate oder Hausaufgaben investieren.
Der
Schüler, der mit immens großem Aufwand und Kampf das Schuljahr bestanden hat, weil es ihm nicht leicht fällt, kommt sich vor, als hätte er nicht genug investiert, als wäre sein hart erarbeiteter Erfolg weniger wert, als eine 1,0 eines Schülers, dem es wesentlich leichter fällt und der weniger tun muss.

Mein
Opa sagte einmal so schön: „Eine hart erarbeitete Vier ist mehr wert als eine zugefallene Zwei.“ Und er wusste, was er sagte: In den 50er Jahren machte er sein Abitur auf der Abendschule, ohne die Klassen 9 und 10 besucht zu haben. Im Selbststudium holte er den Stoff von zwei Schuljahren auf, während er nebenbei arbeitete und sich um seine Familie kümmerte. Leicht fiel es ihm nicht, er erzählte mir, dass er über jeden Punkt stolz war, der ihn näher zur Vier brachte. Er bestand sein Abitur mit „gut“ und wurde Ingenieur.
Natürlich
waren die Bedingungen seinerzeit anders, doch was ich damit sagen will ist, dass harte Arbeit immer etwas Besonderes ist und nicht nur, wenn sie in einer 1,0 mündet.

Hier muss man aber auch anbringen, dass das Privatleben nicht unter Dauerstress leiden sollte, die Burnout-Rate bei Schülern ist verdammt hoch und auch ich musste in einer heißen Phase in der 11. Klasse psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Dann habe ich das Jahr wiederholt und bin mit einer etwas veränderten Einstellung heran gegangen – und plötzlich lief es richtig gut. So gut, dass mich mein Abiturschnitt dieses Jahr regelrecht überraschte.
Aber
zurück zum Thema:

Die Spreu wird vom Weizen getrennt

Durch die Auszeichnungen für die Jahrgangsbesten wird außerdem eine gewisse Arroganz den „anderen“ gegenüber befeuert. Dies hängt natürlich erst einmal vom Charakter des Schülers oder der Schülerin ab, aber wenn einem dauernd gesagt wird, wie großartig man doch sei und wie gut man dem Ruf der Schule tun würde, dann kann es durchaus vorkommen, dass Jugendliche abheben und sich über andere stellen.
Dafür können die Schüler im Endeffekt also nur bedingt etwas, wenn man immer zur Elite gemacht wird, glaubt man das vielleicht irgendwann auch, besonders wenn man sich noch in der persönlichen Entwicklung befindet.

Wer den Großteil seiner Zeit als Schüler, mit Lernen verbringt, der bekommt neben einer ordentlichen Portion Stress sicherlich enorme fachliche, aber wenig soziale Kompetenz, die an Schulen normalerweise auch gelehrt werden sollte. Wer sagt, dass diese Leute später genauso erfolgreich dastehen, wie in der Schule? Und überhaupt: wer sagt, dass sie das erfüllt?

Noch verrückter wird es, wenn die Landesbesten im Landtag für ihre Leistungen ausgezeichnet werden. Ein Durchschnitt von 1,0 als Politikum: „Schaut her, wir haben die klügsten Schüler!“ Diese Verleihung ist praktisch bildungspolitischer Druck en masse für Leistungsschwächere. Die „Generation Y“ wird in Spreu und Weizen aufgeteilt und dann wird die Spreu vom Weizen getrennt: „Schaut her, die sind besser als ihr!“
Zu anderen
Problemen kommen also noch hausgemachte und praktisch unnötige Nebenkriegsschauplätze hinzu. Steht denn nicht im ersten Absatz des ersten Artikels des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“? Gilt das für Hauptschüler nicht? Gilt das für Abiturienten mit einem Dreierdurchschnitt, der ja durchaus auch har erarbeitet sein kann, etwa auch nicht?

Alle Menschen sind gleich gut und gleich wichtig, der Bauarbeiter ist genauso wichtig wie der Diplomjurist, die Reinigungskraft ist genauso wichtig wie die Ärztin und ein Kassierer ist gleichwertig einer Lehrerin. Wir alle bauen unsere Gesellschaft auf und wir lehren unsere Kinder, hier zu leben. Dafür brauchen wir Menschen, die sich nicht für besser halten, als andere.
Welcher
Lehrer hatte eine 1,0 auf seinem Abiturzeugnis stehen und welcher eine 2,1? Und wäre ein Lehrer mit der erstgenannten Leistung ein besserer Lehrer nur wegen seines Durchschnitts? Was wäre, wenn der andere besser erklären könnte? Was wäre, wenn der andere im Umgang mit Kindern und jungen Erwachsenen deutlich besser wäre?

Lasst uns den Blick für die wirklich relevanten Dinge schärfen!

Keine Auszeichnungen erhielten in den letzten beiden Jahren übrigens die Initiatoren von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, die Schüler, die sich mit einem enormen Aufwand einen Schnitt von 3,2 erkämpft haben, die Schülerin, die sich zuhause mit um die schwer kranke Mutter kümmert und trotzdem fast immer gute Laune versprüht, der Schüler, der sich für soziale Projekte in der Stadt aufopfert sowie viele andere Jugendliche, die sich auf die verschiedensten Arten und Weisen engagieren und ihre Freizeit dafür nutzen, etwas Gutes zu tun.
Dass
solche Verleihungen praktisch nur einen schulischen Wettbewerb darstellen und verschiedene Schüler dabei komplett zurückfallen, wird entweder billigend in Kauf genommen oder ignoriert, um die Schule nach außen hin zu repräsentieren. Das ist sowohl sehr schade für die, die leer ausgehen, als auch pädagogisch ungünstig gewählt, da soziale Kompetenz zu selten im Mittelpunkt steht. Daraus resultiert eine Spaltung der Schülerschaft, welche eine Zweiklassengesellschaft befeuert, da die Schüler genau das in solchen Veranstaltungen vorgelebt bekommen.

Sollte nicht aber die Schule gerade dafür sorgen, dass wir auch eine gewisse menschliche Verantwortung tragen können? Muss das „Schneller, höher, weiter“ der modernen Leistungsgesellschaft schon auf die nachfolgenden Generationen übertragen werden? Wieso nicht sozialen Ungerechtigkeiten mit in der Schule erworbener sozialer Kompetenz entgegentreten?
Vielleicht
sollte ein Schüler, der einen Preis für besondere schulische Leistungen erhält, einfach einmal mit dem wunderschönen Satz Marcel Reich-Ranickis antworten: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“

Ich hatte in meinem letzten Schuljahr leider nicht mehr die Möglichkeit dazu, doch ich hoffe, dass solche Veranstaltungen nach meinem Lehramtsstudium vielleicht etwas verändert oder gar ganz abgeschafft sind. Auf jeden Fall möchte ich dann mit meinen Schülern über genau dieses Thema reden und vielleicht schärfen wir dann alle unseren Blick für die wirklich relevanten Dinge in der Schule.

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