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Warum es (fast) keine schlechten Feministinnen gibt

Eine impulsive Gedankensammlung unserer Community-Autorin Julia, ausgelöst von einem Text auf „Welt Online“: „Warum wir so schlechte Feministinnen sind“. Sie findet: Es ist nicht feministisch, immer das genaue Gegenteil von dem zu tun, was vermeintlich nur Männer gut finden.

 

Feministin sein ist leicht

Mein übliches Morgenritual besteht darin, noch im Bett ein paar Artikel zu lesen, deren Überschriften mir zu solch unorthodoxer Stunde Lust auf mehr machen. Siehe da, auf „Die Welt“ habe ich doch tatsächlich etwas gefunden, das mich aus dem morgendlichen Taumel sofort in den Meckermodus versetzt hat. Man will ja nicht auf zu hohem Niveau meckern, da schon beim betreffenden Medium die Meinungen über dieses schon sehr unterschiedlich ausfallen können – aber wenn ein sehr allgemein gefasster Text mit „Es gibt nichts Schwierigeres auf der Welt, als heute Feministin zu sein“ beginnt, schrillen dann doch meine feministischen Alarmglocken.

Ich würde sagen, das, was die Autorin mit „Was ist der härteste Kampf, den eine junge Frau heute zu führen hat?“ anteasert, war bezogen auf die als Leserschaft anzunehmende deutsche Mittzwanzigerin noch nie so leicht.

Ein buntes Liebesleben, Schimpfwörter und Selbstzweifel

Hier wird im Groben eine neue Serie („Fleabag“) vorgestellt, welche die Sorgen und Nöte einer 20-Jährigen Britin zum Thema hat, die sich sympathisch munter durch die Gegend vögelt, dabei auch mal laut das Wort „Fuck!“ verwendet und am Ende des Tages doch nur ein kleines verletzliches Mädchen bleibt, das gerne Feministin wäre, aber aufgrund ihres Lebenswandels daran zweifelt, ob sich ihr exzessiver Pornokonsum damit vereinbaren lässt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Netflix/Prime-Sucht bei mir eher unterdurchschnittlich ausgeprägt ist, verstehe ich weder Serienplot noch Ansatz der Autorin als Problem, das in seiner Tragweite die größte Sorge kritischer junger Frauen unserer Breiten sein soll.

Das impliziert vor allem, dass es zu viele junge Frauen gibt, die sich ein buntes Liebesleben, Schimpfwörter und Unangepasstheit als Problem diagnostizieren lassen – betrachtet man aber das Alter des „Rolemodels“, ist dies wenig verwunderlich: Gerade 20 geworden, lassen sich andere junge Frauen schon von zwei Kilo zu viel in eine Existenzkrise stürzen, somit würde ich behaupten, die innere Zerrissenheit hat weniger etwas mit der „Unangepasstheit“ der Protagonistin zu tun, als mit der allgemeinen Unsicherheit, die sicherlich auch Männern im selben Alter zu eigen ist (Was erklären würde, wieso sich so junge Frauen dann doch lieber einen älteren Mann suchen, der der Selbstzweifelphase schon entwachsen ist).

Damit darf ich endlich weg von dem zu Grunde liegenden Anstoß für diesen Text und hin zu dem, was ich dazu sagen möchte:

Die einzigen schlechten Feministinnen sind die, die anderen Frauen einreden wollen, was nicht feministisch ist. Diese schaden der Emanzipation von patriarchalisch und damit religiös geprägten Fesseln ebenso fundamental wie eben die stumpfen Vertreter jener verkrusteten Regeln. Gerne wird ein Weg vorgegeben, der die Individualität und Vielfalt des menschlichen Charakters verneint. Gerne wird jede zwischengeschlechtliche Harmonie, zu deren Erreichung Kompromisse nötig waren, verteufelt, das andere Geschlecht (also jetzt mal der heterosexuelle, biologische Mann) dämonisiert.

Frauen sind auch nur Menschen

Was diese Feministinnen vergessen: Frauen sind auch nur Menschen. So wie viele Männer auf Grund archaischer Züge noch heute körperliche Auseinandersetzungen suchen, wenn nicht auf dem Schlacht- dann zumindest auf dem Fußballfeld, so würden auch die Abgründe der „weiblichen“ Natur sicherlich prominenter durchschimmern, wenn diese nicht wie im Großteil dieser beklagenswerten Welt systematisch unterdrückt würden.

So einfach ist es nicht

Es bringt niemandem das große Glück, die Sprache zu gendern, das Patriarchat anzuprangern und die Sexualität bei Männern als etwas Brutales und bei Frauen pauschal als etwas schöpferisch Zärtliches zu definieren. Denn wie die im Text auf „Die Welt“ vorgestellte Serienprotagonistin zeigt: So einfach ist es nicht.

Sicher ist, viele soziale Normen, die aus der Notwendigkeit zum Überleben in
grauer Vorzeit entstanden sind, können wir getrost über Bord werfen. Doch dazu gehört auch, dass wir hinnehmen, dass die Welt nicht in Gut und Böse teilbar ist. Teile der feministischen Bewegung neigen dazu, das Weibliche zu verklären und pauschal über das Männliche zu stellen – doch fürchte ich, dass es so einfach nicht ist.

Zugehörigkeitsfragen als alles entscheidende Frage

Feminismus ist nicht mal nur für Frauen da. Von einer Gesellschaft, die jedem Menschen ungeachtet des Geschlechts eine Wahl lässt, wie er oder sie sein Leben gestalten möchte, sind wir leider noch ein wenig entfernt, aber sicherlich weiter als große Teile der Welt, weswegen mich Sätze wütend machen, die irgendwelche „Zugehörigkeitsfragen“ zu einer Gesinnung zur alles entscheidenden Frage machen. Was Feminismus für jede und jeden sein kann, lässt sich unmöglich von einzelnen Strömungen beanspruchen und sollte niemals dazu führen, dass sich Menschen in einen ideologischen Käfig zurückziehen. Sozusagen vom Regen in die Traufe.

Da das Thema „Sex“ in der erwähnten Serie maßgeblich zu sein scheint, will ich gerne dabei bleiben, um zu zeigen, was alles Feminismus sein kann.

Ich bin Feministin, wenn ich ungeschminkt und im Schlabberlook aus dem Haus gehe, weil mir die Bewertung an Tagen, an denen ich schlecht geschlafen habe, herzlich egal ist. Ich bin aber auch Feministin, wenn meine Kleidung an einem anderen Tag gerade so die Grenze des Erlaubten kratzt und die Reize, die einem mit Mitte 20 so zu eigen sind, großzügig präsentiert.  An diesem Punkt erfülle ich für einige „Feministinnen“ schon ein Feindbild, denn ich mache mich damit in ihren Augen zum Objekt.

Wenn das Feminismus sein soll, haben wir schlechte Karten

Na, das will ich doch hoffen! Das ist ja gerade der Punkt! Ich bin Frau, ich bin Mensch und Männer sind auch nur Menschen, und wer sagt, dass mein reizender Hüftschwung nicht die männlichen Bewunderer zu meinen Objekten macht?  Sind visuelle Schlüsselreize jetzt schon ein Affront gegen die
Gleichberechtigung? Will ich mich als Feministin jetzt nur noch mit Frauen
umgeben, die meinen Intellekt preisen, meine Schminkutensilien verbrennen und mich für meine unconcealten Augenringe beglückwünschen? Wenn das Feminismus sein soll, haben wir schlechte Karten.

Männer sind Jäger, Frauen die Beute?

Was sollen die komischen Schemata, Männer seien Jäger, Frauen die Beute? Ist das nicht eine Sache des einzelnen Falles? Dürfen wir uns im Feminismus nicht mehr an der Körperlichkeit erfreuen, weil gerade erst Jahrhunderte der körperlichen Unterdrückung hinter uns liegen? Darf ich nur noch „feministische“ Pornos mit behaarten Körpern, ohne Penetration und mit
Cellulite ansehen? Komischerweise spiegelt das weder die Realität meines noch
die des Liebeslebens meiner Freundinnen wieder. Und wir sind da ganz froh
drüber. Stundenlanges Vorspiel als neues Must-Have der sexuellen Vereinigung?
Der eigene Orgasmus als Hauptsache, aber der des Partners als unnötiges Beiwerk – wenn das die neue Form des Liebesspiels mit Prädikat feministisch wertvoll sein soll, dann sind viele Frauen aus der Nummer raus.

Neulich zeigten mir Freundinnen Bilder mit Spuren besonders aufregender Liebesnächte. Das sah nicht aus wie Streichelzoo. Amüsiert erzählte mir eine vom Entsetzen einer Freundin angesichts der Bilder: „Oh mein Gott wie kann dir das gefallen haben, du wurdest misshandelt und musst das anzeigen“. Was haben wir herzlich gelacht.

Feminismus soll allen Frauen die Wahl ermöglichen

Es ist nicht feministisch, immer das genaue Gegenteil von dem zu tun, was vermeintlich nur Männer gut finden. Es ist auch nicht feministisch, alle Frauen über einen Kamm zu scheren und dann laut „So isses!“ zu schreien. Feministisch ist ein ehrlicher, ungeschönter Blick auf die Stärken und Schwächen, die mit einer ungleichen Verteilung von Chromosomen einhergehen.  

Denn wie sagen wir im Rheinland: „Jeder Jeck is anders“ und damit sind Frauen wie Männer gemeint.

Die Frage sollte also nicht sein „Wie werde ich eine gute Feministin?“, sondern „Wie lebe ich so, dass es mir guttut, ohne anderen zu schaden?“. Der Feminismus sollte dabei das Mittel zu dem Zweck sein, dass alle Frauen diese Entscheidungen frei treffen können, nicht um neue Verhaltensnormen für das Individuum aufzustellen. Jeder Mensch, der das lebt und andere darin unterstützt, ist somit ein(e) Feminist(in).


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