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Warum ich kein „wir“ bin

Stellung beziehen und eigene Meinung kundtun? Fehlanzeige, in den digitalen Medien boomen Verallgemeinerungen.

 

Im Internet gibt es auf fast jede Frage eine Antwort. Wie hoch ist der Eiffelturm, wie koche ich ein 3-Gänge-Menü, was haben Kerzen und Sterne miteinander zu tun (Tipp: Schnuppe)? Ich muss weder nach Paris reisen,  noch mir die Finger verbrennen, um die Antwort zu bekommen. Was es aber auch gibt im Internet: Massenhaft Menschen, die – so scheint es mir zumindest – nicht mehr in der Lage sind, „ich“ zu sagen, und stattdessen von einer mehr oder weniger undefinierten Menschenmasse sprechen. Zum Beispiel auf zwei zur Zeit ziemlich beliebten Websites: Da lese ich, dass wir immer den falschen Partner wählen, ständig unglücklich sind und jede Menge darüber, was Paare auf jeden Fall machen müssen oder Singles auf keinen Fall und überhaupt scheinen da draußen verdammt viele Leute zu sein, die alles über mich und auch alle anderen wissen. Von der Liebe zu Killerwörtern wie „immer“, „ständig“ und „nie“ fange ich an dieser Stelle gar nicht an, aber jetzt mal ehrlich, was soll denn dieser Unsinn? Entweder, liebe/r Autor/in, hast du, genau du, dieses Problem und willst jetzt deine Erfahrung als allgemeingültige Weisheit präsentieren. Kannst du machen, aber schreib doch einfach: Mir ist das passiert, und deshalb rate ich Leuten, denen es auch so geht, zu diesem. Oder du hast wen interviewt, der dazu forscht oder philosophiert – und auch dann kannst du dessen Meinung auf diese Weise ausdrücken, ohne permanent die ganze Weltbevölkerung oder von mir aus auch nur die westlich-europäische über einen Kamm zu scheren. 

Umso allgemeiner die Aussage, umso eher fühlt sich jemand angesprochen?

Sicher, umso allgemeiner und nichtssagender man die „Fakten“ präsentiert, umso größer die Summe deren, auf die das irgendwie so ähnlich zutrifft oder zutreffen wird oder auch schon zugetroffen hat. Bestimmte Erfahrungen macht eben die Mehrzahl der Menschen mal, Liebeskummer zum Beispiel oder Unzufriedenheit im Job. Und vielleicht fühlen sich manche Leute wohler, wenn sie sehen, dass es anderen auch so geht. Aber es gibt sicher auch Leute wie mich, denen derart unklare Sprache gehörig auf den Zeiger geht. Manchmal wird diese „Wir“-Masse doch vermeintlich genauer definiert: Durch Generationenbenennung. Manchmal einfach als Benennung eines Faktes, der viele betrifft (Generation Praktikum, Generation Alleinerziehend,…), das ist dann nicht ganz ernst gemeint und für mich noch ok, aber noch häufiger lese ich von den Generationen X, Y und Z. 

Wem nützen diese Unterscheidungen?

Ich halte es durchaus für möglich, dass es soziologisch betrachtet und vielleicht sogar für den Arbeitsmarkt wichtige, durch den gesellschaftlichen und vor allem technologischen Wandel basierte Unterschiede zwischen Menschengruppen gibt. Aber: In den digitalen Medien geht es fast nie darum. Da werde ich von Behauptungen überrollt, die oft einfach nur albern sind. Ich gehöre der Generation Y an (ab 1980 Geborene). Wann die Generation Z beginnt, wird unterschiedlich definiert, z. B. 1995, ’97 oder auch erst ab 2000. Für die, die aktuell 17 oder 22 sind, wird das einen gewaltigen Unterschied machen, fest steht, dass diese Generation doch wohl kaum lange genug im Arbeitsmarkt ist, um irgendwelche Thesen über ihr Verhalten diesbezüglich beweisen zu können. Doch zurück zur Generation Y. Die ersten von ihnen werden dieses Jahr 37. Wahrscheinlich haben sie ihre Hausaufgaben noch in der Bibliothek und handschriftlich gemacht (selbst ich habe das den Großteil meines Schullebens gemacht). Und „wir“ sind die Digital Natives, ehrlich? Weil manche von uns Gameboys hatten (ich übrigens nicht), oder was? Okay… Lasse ich mal so stehen, mag ja sein, dass das stimmt. 

Was uns eint, ist, dass wir uns unterscheiden 

Ich nehme jetzt mal die goldene Mitte als Grenze, das bedeutet, alle unter 20 fallen in die nächste Generation. Da steh ich grade ziemlich in der Mitte und wenn ich mir so meine Freunde angucke, viele in meinem Alter, durch Arbeit, Studium und Zufall sind auch jede Menge Enddreißiger und einige Anfang 20 dabei, sehe ich vor allem eins: Unterschiede.
Manche seit Jahren im Job, manche suchend, manche bauen Häuser, manche kriegen Kinder, manche tanzen gerne, manche reisen um die Welt, manche nehmen Drogen, manche sind glücklich. Einige streben nach Work-Life-Balance, einige leben für ihren Job, mancher würde lieber gar nicht arbeiten müssen. Und denkt nicht, dass das Häuserkriegen und Kinderbauen – nein, andersrum – grade nur bei den 30ern Thema ist, im Gegenteil, all diese Dinge sind wild gemischt. Was uns eint, ist, dass „wir“ durch neue Technologien andere Möglichkeiten haben als unsere Großeltern. Die Welt ist kleiner geworden, vernetzter, offener. Ich darf reisen, fast überall hin, ich kann studieren und versuchen meine beruflichen Träume zu erfüllen. Ich werde nicht eingeschränkt, wie noch meine Eltern zu DDR-Zeiten. Natürlich gibt es noch Schranken, Geschlecht, Gehalt, Leistungsfähigkeit – Chancengleichheit in der Bildung wäre auch mal was -, aber ja, ich habe mehr Möglichkeiten als früher und was ich daraus mache, liegt an mir. 

Lasst die Jugend Jugend sein

Warum sollte ich mich denn mit Leuten vergleichen, die 17, 18, 19 sind, und wie? Welchen Sinn hat das denn bitte, welchen Gehalt? Viele von diesen Texten, die mich so nerven, machen das aber. Da werden Dinge plötzlich als Merkmale proklamiert, die in Wahrheit nur an einer einzigen Sache liegen: Alter. Mensch, lasst doch die Jugend mal bitte jugendlich sein, pubertär und allwissend, verliebt, traurig, lebendig. In dieser Phase waren „wir“ doch alle mal, und ich weiß, dass sich da noch alles Mögliche verändern kann. Und ich hätte mit 20 auch keinen 30-Jährigen gewollt, der mir seine Lebensweisheiten aufdrücken will, wozu auch, Ich hätte vermutlich gesagt: ich kann meine Erfahrungen selbst machen und brauche kein Besserwissertum, was logisches Denken als Errungenschaft und eigene Charakterschwäche als allgemeingültige jugendliche Dummheit präsentiert, danke. 

Gemeinsamkeiten lassen sich nicht in Generationsgrenzen zwängen

Wie oben geschrieben, scheinen mir auch Verallgemeinerungen über meine Generation meist unsinnig, weil „wir“ alle so verschieden sind. Selbst meine Schwester, grade mal vier Jahre älter, scheint mir manchmal von einem anderen Stern – aber hey, dafür hat man doch eine große Schwester, zum Nacheifern, Anhimmeln und Abnabeln, oder? Und wir sollen die gleiche Generation sein? Sie mit zwei Kindern und ich, die auf den nächsten Teil von Last of Us wartet? Sie wird mir immer ganz nah sein und immer auch ein stückweit „die große Schwester“ in der Ferne. Hingegen kenne ich den einen oder anderen Menschen im Bereich Anfang bis Mitte 20 (auch wir laut Definition die gleiche Generation), bei denen ich klar sehe, dass sie noch ganz viel (er-)leben müssen, bis wir z. B. emotional auf einer Ebene sind (womit ich nicht meine, dass meine Ebene besser wäre, sondern eben anders), und die ganz fundamental andere Werte vertreten als ich. Das gibt es auch mit Leuten, die genau mein Alter haben: Mit manchen bin ich auf einer Wellenlänge, andere leben ein völlig anderes Leben. Zusammenfassend: Kein übergreifender Konsens in Bezug auf Arbeit, Liebe, Materialismus, Politik usw. innerhalb all der Menschen, die ich in „meiner“ Generation kenne. 

 Grenzen sperren aus und schränken ein  

Und jetzt habe ich mich genug aufgeregt über all den Nonsens. Was ich mir stattdessen wünsche? Authentische Berichte statt Verallgemeinerungsflüssen, Empathie statt Urteilen, Gemeinsamkeiten entdecken statt Grenzen aufziehen, generationenübergreifende Weltrettungsbemühungen, sich gegenseitig unterstützen und supporten, konstruktiv kritisieren, wachsen lassen und auffangen, zusammen versuchen, uns nicht unterkriegen zu lassen, lasst uns jede*r ein „ich“ sein und, wenn möglich, glücklich werden. 

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