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Warum ich keine Selfies mehr poste

Im Internet bewegen wir uns wie Wildkatzen auf der Suche nach Bestätigung. Wieso vergessen wir darüber uns selbst?

 

Selfies sind überall. Frauen und Männer, die den einen Gesichtsausdruck gefunden haben, der sie ultimativ in Szene setzt. Vor ein paar Monaten habe ich begonnen jedem, der auf Instagram gehäuft Selfies postet, zu entfolgen. Ich konnte die ewige stupide Selbstdarstellung nicht mehr ertragen. Verpasst habe ich seitdem nichts. Außer vielleicht ein paar eingefrorene Gesichter und gefälschtes Lachen.

Wie sehe ich aus? Auf einer Skala von 1 bis 10

Ich möchte keine Komplimente für mein Aussehen, sondern für meine Persönlichkeit. Egal, ob #nomakeup oder Beauty-Filter. Ich möchte nicht, dass gelangweilten Schüler und Partybekanntschaften innerhalb von Sekunden meinen heutigen Gesichtsausdruck bewerten.

Wer im Internet etwas öffentlich postet, wird schnell süchtig nach Likes und Anerkennung. Bilder, die besonders wenige Likes erhalten haben werden schnell gelöscht und ausgetauscht. Wir vergleichen unsere Likezahlen mit denen unserer Freunde und Feinde, also würde die geschönte Scheinwelt irgendwas über unseren Status im normalen Leben aussagen. Als wäre die Anzahl der Freunde wichtig als die Bindung zu ihnen.

Ein Selfie unserer Persönlichkeit

Blogposts oder Tweets sind eigentlich auch nur ein Selfie unserer Persönlichkeit. Wenn ich einen Tweet abschicke, möchte ich für meinen Humor gelobt werden oder für meine pointierte Scharfsinnigkeit. Zweifelhaft, ob das Verlangen nach Anerkennung meiner Intelligenz besser ist als ein Lob für mein Aussehen.

Doch ich mag es Dinge ins Internet zu schreiben und gelungene Fotos zu posten. Manche Gedanken finde ich zu schade für mich allein, nicht immer sind Freunde um mich herum, die das Thema ebenfalls interessiert. Im Internet finden wir alle Gleichgesinnte, Kritiker und vielleicht sogar neue Freunde. Und natürlich mag ich es, wenn andere sich mit meiner Meinung identifizieren können, sie für wertvoll halten.

Warum ist ein Kompliment von anderen, sogar von Fremden, mehr Wert als unsere eigene Meinung? Warum machen wir die Liebe zu uns selbst überhaupt von anderen abhängig? Von Professoren, Arbeitgebern, Partner, Followern? Warum reicht unsere eigene Zufriedenheit nicht aus?

Ich mag mich. Ein bisschen.

Sich selbst zu mögen ist hart. Kennst du das, wenn du minutenlang vor dem Spiegel stehst, solang, bist du dich selbst grotesk hässlich findest? Plötzlich siehst du Falten, wo keine sind, ein tiefhängendes Auge, einen merkwürdigen Bauchnabel. 

Oder wir lesen einen Text von uns und finden ihn plötzlich irrelevant. Dumme Probleme einer weißen Studentin aus der Mittelschicht. Wir nehmen unsere eigenen Probleme nicht ernst, erwähnen unsere Sorgen im Gespräch mit Freunden nicht. Trösten aber stundenlang unsere Freundin, die sich sonst kaum meldet. Selbst nach der achten Trennung ihres Freundes, obwohl wir wissen, dass sie morgen ihren Status wieder auf vergeben ändern wird. 

Es klingt platt, doch am Ende des Tages zählt, ob wir uns selbst leiden können. Unser Schaffen, unser Scheiten, unser Aussehen, unser Gesamtpaket. Wir müssen lernen, nicht jede Kleinigkeit unseres Lebens mit anderen zu teilen. Ein schönes Bild oder einen schlauen Gedanken mal für uns zu behalten. Trotzdem dürfen wir uns nicht für unsere Gedanken und Ängste schämen. 

Anfangen, sich selbst zu mögen. Ganz ohne Likes und Emoji-Kommentare.

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