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Warum VollblutakademikerInnen nur mit Teilzeitrenten rechnen können

Das Gespräch kennst du bestimmt: Boah, Du bist ja Akademikerin – du musst Dir ja keine Sorgen um deine Rente machen, so gut wie Du verdienst!

Davon abgesehen, dass „Akademiker sein“ beileibe nicht gleich
„Großverdiener sein“ heißt, ist eine solche Annahme so unsäglich falsch, dass ich nicht umhin komme, in vielen der Seminaren, die ich halte, auch mal durchzurechnen, wie sich denn so eine akademische Karriere denn bezüglich der Altersrente rechnet.

 

EIN GASTBEITRAG VON ANETTE WEIß in meinem BLOG NETQUEST.Dialog

Was für einen Mann schon nicht einfach ist

Nehmen wir mal an, Du bist ein Mann. Und nehmen wir mal an, Du hast nur eine
„kleine“ Akademikerkarriere angestrebt – also ein Master-Studium und ein
 anschließendes Arbeiten in der Wirtschaft als … sagen wir mal Chemiker.
 
Bis Du ins Geldverdienen kommst, vergehen nach dem Abitur ca. 11  Semester, mit frühestens 24 Jahren darfst Du Dich also über ein Einstiegsgehalt von ca. 3.700,- € brutto freuen. Vorausgesetzt, Du machst den Job mit einer moderaten Karriere- und Gehaltssteigerung von  2% im Jahr bis zur gesetzlichen Rente von 67 Jahren, erarbeitest Du Dir einen Rentenanspruch von 1.614,- €. Das letzte Monatsgehalt beläuft sich übrigens auf 8.670,- € – nur, damit Du ein Gefühl für die Relation bekommst…

Ist für eine Frau noch ungleich komplexer

Was Dich hier wahrscheinlich schon die Augenbrauen heben lässt, ist für „große“ Wissenschaftskarrieren – gar für eine Frau, die auch noch Kinder bekommt – noch deutlich anspruchsvoller, selbst wenn wir mit Fug und Recht davon ausgehen dürfen, dass die Jobs viel besser bezahlt werden.
Rechnen wir doch mal ein weibliches Wissenschaftsleben, schauen wir mal, welchen Rentenanspruch sich so eine gute Karriere erwirbt…

Katharina ist 1983 geboren. Sie war immer schon ein
wissbegieriges Kind und nach dem Abitur war ihr sofort klar: Ich werde Wissenschaftlerin! Sie studiert also von 19 bis 24 bis zum Diplom. Da eine Wissenschaftskarriere damit ja überhaupt erstmal beginnt, hängt sie hiernach ihre Promotionszeit von 3 Jahren an: Vielleicht ist in dieser Zeit auch mal ein Jahr dabei, in dem sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Teilzeit angestellt ein wenig Gehalt bekommt (jetzt erarbeitet sie sich überhaupt erst mal einen kleinen Rentenanspruch) – aber wissenschaftlich arbeiten geht genauso gerne auch über ein nicht rentenversicherungswirksames Stipendium.
Katharina ist jetzt also Frau Doktor, 27 Jahre alt und – es fehlt der für eine
Wissenschaftskarriere unerlässlich wichtige Auslandaufenthalt. Sie geht also als Postdoktorandin per Stipendium für zwei Jahre in die USA. Gut für die Karriere, schlecht für die Rente, denn als sie dann mit knapp 30 Jahren zurückkommt, steht sie, was ihre Altersversorgung betrifft, noch immer ganz am Anfang: Um privat vorzusorgen war das Geld zu knapp, von staatlicher Seite ist noch nichts zu erwarten.

Nach den Kindern geht es erst richtig los

Jetzt also geht es endlich ans Geld verdienen, ans Leben, ans Vorsorgen… bis das Kinderkriegen seinen Tribut fordert. Katharina arbeitet bis 35 als Nachwuchsgruppenleiterin im öffentlichen Dienst mit einen Grundgehalt von ca. 4.300 €. Diese 4.300,- monatlich auf 5 Jahre – das macht mal gerade einen Rentenanspruch von 240,- €. Nach dem Kind, dessen Geburt ja immerhin auch 3 Rentenpunkte beschwert kommt in der Regel erst mal ein paar Jahre Teilzeitarbeit, eventuell noch ein zweites Kind – sagen wir mal, es dauert bis Katharina 42 ist, dass sie wieder Vollzeit als Gruppenleiterin arbeiten kann und beide Kinder „aus dem Gröbsten“ raus sind. In den 7 Jahren Kinder- und Teilzeitarbeit hat sie sich immerhin trotzdem bei einer durchschnittlich gerechneten 25% Stelle insgesamt 2,5 Rentenpunkte plus 6 Kinderpunkte erdient – das sind zusätzliche 275,- Rente (ihr müsst Euch die Zahlen nicht merken, ich rechne es Euch am Schluss nochmal zusammen).

Jetzt also, mit 42 Jahre, geht es für Katharinas Altersvorsorge erst richtig los: jetzt erntet sie die Früchte ihres vielen Wissens und arbeitet für ein regelmäßig schön steigendes Grundgehalt von gut 5.100,- € bis zum gesetzlichen Rentenalter von 67 (falls es bis dahin nicht auf 69 hochgesetzt wurde).
In diesen noch verbleibenden 25 Jahren, erarbeitet sie sich also einen weiteren Rentenanspruch von ca. 48 Rentenpunkten.

Alles in allem kann sie damit rechnen, dass auf ihrer imaginären Renteninformation in diesem Jahr draufstehen würde: Liebe Frau Katharina, sie erhalten von uns eine gesetzliche Rente im Jahre 2050 von 2.052,- €. Wir können Ihnen aber heute auch schon mitteilen, dass wir die Rente natürlich auch zwischendurch anheben werden, Sie können also mit einer tatsächlichen Summe von 2.631,55 € rechnen.

Zeit frisst Geld. Und die Steuer isst auch noch mit.

Fairerweise müssen wir aber auch darauf hinweisen, dass diese Rente natürlich nicht dem Kaufwert des heutigen Geldes entspricht, das heißt, wenn wir auch nur eine sehr moderate Inflation von 1,5% berechnen, so können Sie sich
von ihrer Rente Dinge kaufen, die in heutigen Preisen ca. 1.800,- Euro
wert sind. Außerdem müssen wir Ihnen noch mitteilen, dass es sich um eine Bruttorente handelt – es gehen also – je nach der bis dahin gültigen Steuer- und Krankenversicherungssituation – auch noch Abgaben ab, wer vorsichtig sein will, zieht also nochmal pauschal 20% ab.

Den Kopf nicht zum in den Sand stecken benutzen, sondern zum Rechnen: Es gibt immer (mindestens) eine Lösung!

So also könnte Katharinas Renteninformation aussehen. Es ist frustrierend, ich weiß. Ach übrigens: Die Rente des Chemikers von oben erhöht sich übrigens trotz des deutlich niedrigeren Gehaltslevels auf tatsächliche 3.061,-€ – er steht also trotz weniger Ausbildung allein schon wegen des früheren Beginnalters und der fehlenden Teilzeitarbeit ein gutes Stück besser da.

Es scheint ungerecht, aber es ist eben so. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, Katharinas – oder Deine – Situation deutlich zu verbessern. Einerseits ist es wichtig, dass Du beim Planen Deiner Karriere auch ans Geld und nicht nur an die Wissenschaft und deine Berufung denkst. Und andererseits gilt es, dass Du Dich so früh als möglich finanz-schlau machst: Es mag zwar nicht Dein Fachgebiet sein, aber durch den praktischen Bezug zu Deinem Leben und zu Deinen Zielen entbehrt diese neue Disziplin nicht eines eigenen Charmes.

 

Danke, liebe Anette für diese erhellende Rechnung und Veröffentlichung auf meinem BLOG.

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