Foto: Egor Barmin/Unsplash

Warum wir Vergewaltigungsmythen entkräften müssen

Jede dritte Frau erlebt im Lauf ihres Lebens körperliche und sexualisierte Gewalt. Diese anzuzeigen oder darüber zu sprechen, ist weiterhin tabuisiert. Das liegt auch an Vergewaltigungsmythen.

Im folgenden Beitrag werden sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung thematisiert. Es ist möglich, dass du durch die folgenden Schilderungen an belastende Erfahrungen erinnert wirst. Falls du Unterstützung suchst, findest du hier Hilfe.

Wenn mir jemand erzählt hätte, was mir an dem Abend passieren würde, hätte ich es nicht geglaubt. Ausgerechnet mir, die immer so stark war. Samira*, die alles schaffte. Samira, die nichts verunsichern, nichts aus der Ruhe bringen konnte. Die ihre Zwanziger genoss und genau wusste, wo sie hinwollte. Die bewundert wurde und in allen Lebenslagen ihr Bestes gab. So etwas passiert Frauen wie mir nicht. Starken, unabhängigen Frauen. Wir sind davor sicher. Dachte ich zumindest. Ich kannte die Statistiken, ich wusste wie Sexismus aussieht – aber ich glaubte daran, dass man es provozieren würde. Und vielleicht sogar verantwortlich dafür ist, wenn man eben nicht aufpasst.

Es war ein langer Tag bei der Arbeit und wir ließen den Abend gemeinsam ausklingen. Er war ein Bekannter von mir und ich mochte ihn. Ich fühlte mich bei ihm sicher, ich vertraute ihm. Wir hatten Spaß, lachten. Ich begleitete ihn auf sein Zimmer. „Was ist schon dabei?“, dachte ich mir. Aber eigentlich dachte ich gar nichts. Warum sollte ich auch? War das naiv? Und war das, was dann geschah, meine Schuld? Ich weiß es nicht, aber ich will es rückgängig machen, ich will es loswerden. Heute bin ich wie gelähmt, wenn ich daran denke, was in dieser Nacht passierte.

Hast du Mitgefühl mit Samira? Oder denkst du gerade, wie dumm es war, einen männlichen Bekannten spätabends auf sein Zimmer zu begleiten? Ob sie in ihrer Erzählung wichtige Teile der Geschichte auslässt? Ob sie es irgendwie provoziert hat? Was sie trug, ob sie getrunken hatte? Fragst du dich gerade, ob sie es denn nicht doch wollte?

Diese oder ähnliche Fragen stellen sich viele Außenstehenden nach Vergewaltigungen. Die Fragen zeigen stereotype Einstellungen gegenüber Vergewaltigungen – sogenannte Vergewaltigungsmythen. Das sind „Überzeugungen, die sexualisierte Gewalt verharmlosen, die Täter entlasten und den Opfern eine Mitschuld zuschreiben“. Untersuchungen zeigen, dass die Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen dazu beiträgt, dass man dem Opfer die Schuld für die Vergewaltigung gibt.

Samira ist kein Einzelfall. Und die Annahme, sie sei doch vielleicht selbst schuld, ist eine gesellschaftliche Perspektive, die die Verantwortung nicht bei den Vergewaltigungstätern sucht und Opfern ihre Glaubwürdigkeit abspricht. Opferbeschuldigungen betreffen Männer wie auch Frauen, sie werden gesellschaftlich verankert und sogar gerechtfertigt. Und das ist nicht nur eine Katastrophe für die Opfer. Es sind auch diese Opferbeschuldigungen, die verhindern, dass die Zahlen von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen sinken. Und das Problem ist, dass dies vielen Menschen gar nicht bewusst ist.

„Überraschende“ Männerwelten? 

Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt im Allgemeinen sind tabuisierte Themen. Für die einen finden sie daher schlicht nicht statt, für die anderen gibt es keinen Raum und keine Möglichkeit, darüber zu sprechen. Sinnbildlich dafür sind die Reaktionen auf die Sendung Männerwelten, die kürzlich versuchte, Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt zum Thema zu machen. Ich war verwundert, dass die allgegenwärtige Diskriminierung gegenüber Frauen so viele Menschen noch immer überrascht, nachdem die #MeToo-Bewegung so lange die öffentliche Diskussion geprägt hat.  

Doch woran liegt es, dass körperliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen weltweit laut der WHO ein „epidemisches“ Ausmaß angenommen hat? Dass wir immer noch konstant „Victim Blaming“, also eine Beschuldigung der Opfer, betreiben? Dass Vergewaltigungsmythen viele Meinungen zum Thema beherrschen? Und dass wir über alle diese (psychischen) Prozesse noch immer viel zu wenig wissen? Dass Vergewaltigungen zu selten als solche wahrgenommen und auch dadurch seltener angezeigt werden?

Jede dritte Frau weltweit erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche und sexualisierte Gewalt. Allein 2018 wurden in Deutschland über 9.000 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexueller Übergriffe erfasst, 24 am Tag. 95 Prozent der Opfer waren Frauen wir reden also nicht von Einzelfällen. Und das sind nur die erfassten Fälle: Insbesondere bei sexualisierter Gewalt ist die Dunkelziffer hoch. 

„Wir lagen nebeneinander, er legte seinen Arm um mich. Er kam mir näher. Ich merkte, dass ich es nicht wollte. Er nahm mir meinen Raum. Ich erschrak, suchte Distanz. Warum ist er mir plötzlich so nah? Er merkte es und fragte, ob das okay wäre. Ich sagte nein, aber er machte weiter. Auf einmal war ich kraftlos, hatte Angst, war wie gelähmt. Ihm schien es egal zu sein, wie ich mich fühlte. Meine Gefühle spielten jetzt auch keine Rolle, und mir war es plötzlich irgendwie auch egal. Alles, was zählte, waren sein Wille, seine Dominanz, er war mir überlegen. Und er zog mich aus und drang in mich ein. Ich lag da, konnte mich nicht bewegen, bereute, dass ich nicht entschlossener war. Mich nicht wehrte. Es zuließ. Zuließ, dass er etwas tat, was ich nicht wollte. Zuließ, dass er meine Grenzen übertrat und mich verletzte. Ein Scheißgefühl.

Ich hasste die Unsicherheit, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Ich spürte, wie ich kurz wütend wurde und diese Wut wieder verpuffte und durch Angst ersetzt wurde. Diesen Moment erlebte ich wie im Film. Warum sagte ich nicht noch einmal, dass ich all das nicht wollte? Warum passierte mir das alles? Leere. Und plötzlich Scham. Scham und Ekel vor meinem eigenen Körper, meiner Situation. War das meine Schuld? Hätte ich es vermeiden können?“

„Selbst schuld?!“ – Vergewaltigungsmythen und ihre Folgen

Wir haben es mit typischen Vergewaltigungsmythen zu tun, wenn wir denken, dass Opfer lügen oder Vergewaltigungen nur bestimmte („sexuell freizügige“) Frauen treffen. Sie verharmlosen oder rechtfertigen sexualisierte Gewalt von Männern gegen Frauen**.  Aber auch der Täter wird mit Vermutungen, dass er „es nicht so gemeint hat“ oder „nicht der Typ Mann wäre, der so etwas macht“ entlastet. Und traurigerweise glaubt selbst ein Teil der professionellen Helfer*innen und Betroffenen diese Mythen.

Je mehr den Vergewaltigungsmythen zugestimmt wird, desto eher wird auch der Täter entlastet und dem Opfer selbst die Schuld für die erfahrene Vergewaltigung gegeben. Es wird sich also auf die Mythen verlassen und neue Informationen, beispielsweise Alkoholkonsum vor der Vergewaltigung oder das vermeintliche Interesse des Opfers an dem Vergewaltiger, werden auf Basis der Akzeptanz der Vergewaltigungsmythen zum Nachteil des Opfers verarbeitet und interpretiert. Und Vergewaltigungsmythen haben nicht nur einen Einfluss darauf, wie bereits geschehene Vergewaltigungen beispielsweise auch durch die Polizei oder im Verlauf der Gerichtsverhandlung bewertet werden. Vielmehr erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, selbst zu einer Vergewaltigung zu neigen.

Vergewaltigungen sind keine individuellen Probleme der Vergewaltigungsopfer – sie sind das Problem der ganzen Gesellschaft. Dabei spielt auch unsere Sprache eine große Rolle. Indem wir sagen, dass Frauen „begehrt werden“, „sich rar machen“, oder „es doch eigentlich auch wollen“ erschaffen wir die Eroberungsnarrative, die patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufrechterhalten. Sexualisierte Gewalt wird begünstigt, Scham und Tabuisierung verhindern Anzeigen und Prävention. 

Nur ein Ja ist ein Ja 

Jetzt ist es schon fast ein halbes Jahr her und ich habe noch immer kaum darüber gesprochen. Ich habe Angst vor Vorwürfen. Angst davor, dass man mich verurteilt. Und Angst davor anzuerkennen, dass ich Vergewaltigung erfahren habe. Obwohl, habe ich sie überhaupt erfahren? Gehöre ich jetzt zu den Opfern?

Ich beginne, ihn in Schutz zu nehmen: War es denn wirklich so schlimm? Wollte ich es vielleicht nicht doch? Hat er es böse gemeint? Kann ich mich überhaupt noch richtig daran erinnern, was vorgefallen ist? Und muss ich ihn anzeigen? Ich weiß, dass der Übergriff falsch war, aber würde ich mit einer Anzeige nicht übertreiben und sein Leben ruinieren? Und wieder taucht die Furcht auf. Ich fürchte mich davor, dass so etwas noch einmal passiert. Dass ich immer wieder daran denken muss oder es noch einmal erlebe. Und ich weiß nicht, ob ich jemals wieder Sex haben werde, ohne daran zu denken. 

Die psychischen Folgen für Vergewaltigungsopfer sind vielfältig. Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben, entwickeln im Vergleich zu denen, die keine sexualisierte Gewalterfahrung machen, eher eine Alkohol- oder Drogensucht, Depressionen, eine posttraumatische Belastungsstörung, Selbstmordgedanken und -handlungen oder auch Angststörungen.

Wir brauchen Aufmerksamkeit für zielgerichtete Prävention zu sexualisierter Gewalt und gesellschaftliche Sensibilisierung, und zwar sofort. Und dabei geht es vor allem um Aktion und Prävention, und zwar auf der Seite der potenziellen Täter. Aber statt Männer in der aktiven Aufarbeitungsrolle zu sehen, sind es aktuell – mal wieder – die Frauen, die dafür sorgen sollen, dass sie gar nicht erst Vergewaltigungsopfer werden

Die pure Gegenwart der Frau ist keine Einladung dafür, K.O.-Tropfen in ihr Getränk zu schütten, ihr Nein nicht zu akzeptieren oder gegen ihren Willen in sie einzudringen. Die Gegenwart der Frau ist auch für andere Formen von Belästigung und Sexismus keine Einladung. Und zur Klarstellung: Wir reden auch dann von Sexismus und Belästigung, wenn eine Frau ungefragt angefasst, als Schlampe bezeichnet wird oder anstößige Nachrichten erhält. 

Samiras Geschichte ist kein Einzelfall. Lasst uns über Vergewaltigungen reden und Mythen aus der Welt schaffen, denn sie sind für viele Menschen erlebte Realitäten.

Nein, nicht alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger. Aber jeder Vergewaltiger ist einer zu viel. Es ist Zeit, aus dem Verantwortungsbereich der Frauenwelten (Status quo) den Verantwortungsbereich der Männerwelten zu machen. Aus der gegenwärtig vorherrschenden „Schlüssel-in-der-Hand“– und „So-wirst-du-nicht vergewaltigt“-eine „Wie-werde-ich-nicht-zum-Vergewaltiger“-Mentalität zu erschaffen. Und die gesellschaftliche Perspektive auf weibliche Betroffene zu verändern. Das klingt krass, aber krasser sind die Lebenswelten, in denen wir uns gerade befinden. 

*Name von der Redaktion geändert

**In diesem Beitrag wird aufgrund der Statistiken zu erfasster Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen explizit von männlichen „Tätern“ und weiblichen „Opfern“ gesprochen. 

Hilfe bei sexualisierter Gewalt gibt es beim Hilfetelefon, beim Hilfeportal Sexueller Missbrauch, beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen und bei Wildwasser – gegen sexuelle Gewalt.

+ posts

Anahita Sattarian, Jahrgang 1995, studiert im Master Psychologie und arbeitet in der Flüchtlingsambulanz der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Sie ist Stipendiatin der Stiftung der deutschen Wirtschaft und der Deutschlandstiftung Integration und engagierte sich ehrenamtlich u.a. bei einem Sorgentelefon und als Geflüchtetenlotsin. Zuvor schrieb sie für den Tagesspiegel und das Hamburger Abendblatt. Ihre Beiträge drehen sich rund um das Thema der Psychischen Gesundheit.

  1. Nicht jeder Mann ist ein Vergewaltiger. Nich jede Frau ein Opfer. Trotzdem frage ich mich bei diesen Zahlen (jede dritte Frau) schon immer über welchen Anteil offenbar gewaltbereiter und übergriffiger Männer in unserer Gesellschaft wir reden. Ist es ein kleiner Anteil von Männern, der aber als „Serientäter“ agiert? Oder handelt es sich ebenfalls um ungefähr ein Drittel? Was ja erschreckend wäre.
    Ich beispielsweise habe in meinem Leben mehrfach sexuelle Gewalt erlebt. Ich zähle also als eine von dreien, würde aber mindestens 3 Täter mit unterschiedlichen Übergriffen benennen. Und da zählen noch nicht diejenigen zu, deren Hände sich einfach mal so an meinen Hintern verirrt haben …

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.