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Was es bedeutet, erfolgreich zu sein

Überall ist von erfolgreichen Menschen die Rede – doch bedeutet der Begriff nicht für jeden von uns etwas völlig anderes?

Ein überstrapazierter Begriff

Zugegeben, mich nervt es zunehmend selbst: die Artikel über „erfolgreiche Menschen“, Tipps, um „noch erfolgreicher“ zu werden und „die Erfolgsgeheimnisse“ dieser und jener Managerin. Und ich fühlte meine Ahnung bestätigt, als auch Leserinnen anfingen zu kommentieren, warum es hier dauernd um erfolgreiche Frauen geht, und dass es Druck aufbaue. Ich selbst fühle mich eher selten schlecht, wenn ich von Karrieresprüngen anderer lese und empfinde auch nicht das Gefühl, mich optimieren zu müssen, wenn ich Strategien für effizienteres Zeitmanagement lese. Das kann zum einen daran liegen, dass ich mit einem dicken Fell ausgestattet bin, eher dickköpfig bin oder mit einem neun Monate alten Baby wenig Zeit habe, mir um diese Dinge Gedanken zu machen und aktuell mit der Herangehensweise „Joa, passt schon“ am besten zurechtkomme.

Wenn ich den Druck nicht spüre, was stört mich also dann am Begriff „erfolgreich“ so sehr? Er ist unpräzise. Und dadurch, dass er so inflationär verwendet ist, wissen wir überhaupt nicht mehr, was er bedeutet – oder was er bedeuten kann. Wenn es jedoch um Personen geht, denen in Medien Porträts gewidmet werden oder deren Lebensweise und Werdegang als nachahmenswerte Beispiele beschrieben werden, geht es meist um Personen, die hohe Posten in Unternehmen bekleiden, für diese Arbeit sehr gut bezahlt werden oder auf anderen Wegen zu einer ordentlichen Menge Geld, Immobilien, Rennpferden oder auch Fans gekommen sind. Aber bei Fans geht es neben der Bewunderung auch häufig eben um eines: Geld.

Wenn eine Tätigkeit zu einem Erfolg wird, bedeutet dies aber erst einmal nur, dass jemand ein gewünschtes Ziel erreicht hat. Daher wird das Wort auch so gern als ironisch als Füllwort gebraucht, und zum Beispiel davon gesprochen, dass jemand „erfolgreich eine Firma an die Wand gefahren habe“, „erfolgreiche eine Ehe zerstört habe“ oder „erfolgreich das Studium abgeschlossen habe“.

Es beschreibt keinen Charakter

Meine Beobachtung ist, dass wenn wir von erfolgreichen Menschen sprechen, dies oft eine sehr oberflächliche Zuschreibung ist, die wir außenstehend treffen. Denn in der Regel wissen wir nur wenig über die Menschen, vielleicht sogar die Personen in unserem Bekanntenkreis, die wie als erfolgreich beschreiben würde. Vielleicht schreckt es uns sogar ab davon, sie näher kennenzulernen, weil wir sie überschätzen und uns selbst neben ihnen klein machen. Und dann wird man plötzlich selbst von jemandem als erfolgreiche Frau beschrieben, zuckt mit den Schultern und denkt sich „Na, wenn er meint“, und wundert sich über Eigen- und Fremdwahrnehmung.

Eine Einstiegsfrage, die uns klüger machen könnte und vermutlich sogar den Gesprächspartner zunächst einmal überrascht, könnte daher sein: „Wie würdest du dich beschreiben?“ Ich bin mir sehr sicher, dass nahezu niemand darauf antworten würde: „Ich bin sehr erfolgreich“ – und das hat auch einen sehr wichtigen Grund: es ist keine Charaktereigenschaft. Menschen als erfolgreich zu beschreiben, ist die gleiche Herangehensweise, wie sie als blond, hochgewachsen oder alt zu beschreiben. Es beschreibt etwas, das wir wahrnehmen, aber das im Grunde wenig über die Person erzählen kann, gerade, wenn wir sie nur wenig kennen.

Die einzigen Menschen, die sich selbst ohne Umschweife als erfolgreich beschreiben, sind die Männer in den Kontaktanzeigen des Zeitmagazins, die mein Freund und ich uns immer am Wochenende zu Unterhaltungszwecken vorlesen. Diese Männer beschreiben sich nicht nur als „erfolgreiche Geschäftsmänner in den besten Jahren“, sondern sind meist auch noch Privatbankier, besitzen eine Werft und schreiben dazu, dass sich die Frau an ihrer Seite dann um nichts mehr sorgen müsse. Die Synonyme und Metaphern für „erfolgreich“ überladen die komplette Annonce. „Wie traurig“, denke ich dann immer, denn diese Art von Erfolg hat wohl in einen Lebensbereich nicht ausgestrahlt: die Liebe und das persönliche Glück. Und dann fällt denjenigen, die über das Leben ohne Partnerin nicht wirklich froh sind, nichts Besseres ein, als für sich selbst mit ihrem Berufsleben und Vermögen zu werben. Sorry, aber das macht euch ziemlich austauschbar, liebe „Erfolgstypen“.

Wann bin ich zufrieden?

Doch was bedeutet Erfolg eigentlich für mich? Kann ich selbst messen, welche Fortschritte ich mache? Alex Hipwell, die ich kürzlich porträtiert habe und die mich so sehr inspirierte sagte den wichtigen Satz: „Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Denn dann ist das Scheitern vorprammiert.“ Daran versuche ich mich zu orientieren und frage mich: Was empfinde ich als ganz persönlich als erfolgreich? Wann bin ich zufrieden? Wann  glücklich? Das vermutlich Schwierigste daran ist, vor mir selbst eine Haltung zu haben und dazu zu stehen, was mir wichtig ist. Dass ich mich dem gängigen Verständnis von Erfolg nicht beuge, und ihn vielleicht ganz anders verstehe. Dann muss ich es aushalten können, wenn die Erwartungen meines Umfelds an mich ganz anders sind, und kommunizieren, was ich denke und was ich will. Die feministische Aktivistin Laurie Penny formulierte eben diese Frage in ihrem jüngsten Buch

„Work, beauty and romance, then marriage, mortgage and kids: that definition of total freedom has been allowed to conquer our imaginations, leaving no space for any other lives. But what if you want something else? Is that still allowed?“

Für mich gibt es keinen größeren persönlichen Erfolg, als zu wissen, was ich möchte – und nehmt euch doch kurz einen Moment Zeit und fragt euch selbst diese beiden Fragen:

– Was möchte ich für mich persönlich?

– Was möchte ich, weil andere von mir erwarten, dass ich es will?

Es ist wichtig sich ab und an bewusst zu machen, wie sehr die Erwartungen anderer Menschen und gesellschaftliche Normen das bestimmen, was wir vielleicht sogar als eigene Wünsche wahrnehmen.

Lasst euch überraschen

Und auch das sei gesagt: Die eigenen Wünsche und Ziele dürfen sich ändern, denn ich werde nur klüger, wenn ich immer wieder neue Dinge entdecke, die mein Leben reicher machen, ich Perspektiven ändere und ich mich weiterentwickeln möchte. Ich fände eher schade, wenn ich heute sagen kann, was ich in fünf Jahren mache, und genau das
eintrifft. Ich hoffe sehr auf Zufälle, Begegnungen und Ideen, die ich nicht voraussehen kann und mich überraschen.

Für mich ist Erfolg immer wieder neu zu wissen, was mich zufrieden und glücklich macht und im Einklang mit meinen Ideen, Träumen und Werten dann leben zu können und Momente mit Bedeutung zu füllen, auf die ich irgendwann gern zurückblicke und die ich vielleicht mit meinen Kindern und Enkelkindern teilen möchte. Ich glaube kaum, dass diese Geschichten davon handeln werden, wie ich einmal ein Bewerbungsgespräch gerockt habe oder ein höheres Gehalt verhandelt habe.

Von daher wünsche ich euch, liebe Leserinnen und Leser, dass ihr euch nicht unter Druck gesetzt fühlt, wenn ihr wieder einmal von erfolgreichen Frauen lest, sondern ein wenig Zeit und Neugierde mitbringt, um hinter diese Personen zu blicken und zu schauen, wovon ihr vielleicht lernen möchtet und wovon nicht, und sie euch vor allem inspirieren, euren eigenen Wünschen zu folgen. Auch wenn das bedeutet, dass sich Freunde, Eltern oder ehemalige Kollegen wundern, warum ihr keine Ambitionen habt erfolgreich zu sein. Ihr seid es ja schon. Aber eben vor allem für euch selbst.

Was bedeutet für euch Erfolg?

Wir teilen hier in den kommenden Wochen verschiedene Perspektiven von Menschen, die etwas zu sagen haben. Ihr gehört dazu. Wir freuen uns sehr, wenn ihr Communityartikel schreibt zum Thema „Was ist für mich Erfolg?“ Wir sind sehr gespannt auf viele unterschiedliche Antworten und Denkanstöße von euch. Wie ihr eigene Texte schreiben könnt, erklären wir hier.

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Teresa Bücker arbeitet, schreibt und spricht zu gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart und Zukunft. Auf Konferenzen, im Fernsehen und in Workshops diskutiert sie über den Wandel der Arbeitswelt (New Work, Leadership, Diversity), digitale Strategien für Journalismus und Politik, über Partizipation und Aktivismus, Gerechtigkeit, Repräsentation, Macht und sexuelle Selbstbestimmung. Immer aus einer feministischen Perspektive. Immer mit Blick auf Gestaltungsmöglichkeiten und Lust auf Veränderung. Für ihre Arbeit als Chefredakteurin für Edition F wurde sie 2017 als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Seit Juni 2019 arbeitet sie als freie Journalistin und Beraterin.

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