Foto: Melanie Ucke // muc

Welchen Fisch darf ich eigentlich noch essen?

Die Wahl der Speisen wird mittlerweile zur Glaubensfrage – ich als Verbraucher kann eigentlich doch gar nichts mehr mit gutem Gewissen verzehren. Das ist der Nachteil, wenn das mit dem Essen eben schnell gehen soll im täglichen Gehetze, in Massen vorgehalten und auch noch immer billig angeboten wird: Die Lebensmittelbranche schachert sich derweil das große Geld in die Tasche.

 

Gerade will ich wieder mehr Fisch essen, da gibt Greenpeace plötzlich im neuesten Ratgeber vor, man könne nur noch Karpfen bedenkenlos verzehren. 

Hering und Afrikanischer Wels steht auch noch auf der Empfehlungsliste der Umweltorganisation, doch nur, wenn man nachvollziehen kann wo der Fisch herkommt.
Besonders kompliziert wird es hierbei durch die Greenpeace-Kategorie „nicht empfehlenswert mit Ausnahmen“, in die zahlreiche Fischarten eingestuft wurden. Auch hier entscheidet die regionale Herkunft oder die Zuchtmethode. So sollte das Tier nicht aus einer Aquakultur, also aus kontrollierter Fischzucht stammen.
 

Was zuviel ist, ist zuviel

Denn die Fischfarmen sind der mittlerweile am schnellsten wachsende Zweig in der globalen Ernährungswirtschaft – seit den Siebzigern gibt es sie.
Was ich daran so bedenklich finde, ist die enorme Masse: Um die 50 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte werden in Süß- und Salzwasserkulturen gezüchtet. Ein Wahnsinn, der auch noch gesteigert werden soll, denn diese Menge entspricht rund der Hälfte des weltweit konsumierten Speisefisches.
Deshalb war mein erster Verdacht, dass Greenpeace die Karpfenzüchter „nachhaltig“ unterstützen will. Denn selbst eines der ersten Mitglieder, Paul Watson, meint, Greenpeace ist ein Geschäft. Und dieses Geschäft verkaufe ein gutes Gewissen. Ihm war die Haltung von Greenpeace zu passiv und zu ineffizient: So hat er nach einigen Jahren als Vorsitzender die Organisation im Streit verlassen und die „
Sea Shepherd Conservation Society“, kurz Sea Shepherd, gegründet. Diese hat sich besonders dem Schutz der Meere und dem Kampf gegen den Walfang und die Robbenjagd sowie gegen unverhältnismäßige Fischerei verschrieben, gilt jedoch als militant. 

In die Aquakulturen kommt übrigens auch Wildfisch als Futter, ob nachhaltig oder nicht, ist oft nicht wichtig. Eine weitere Frage ist dabei bislang unter den (Meeres-) Teppich gekehrt worden: Futterreste und Fäkalien geraten durch die offenmaschigen Netze direkt in Flüsse und Meere. Der Boden unter den Zuchtbuchten ist somit oft hoch belastet mit diesen Rückständen. Den Farmern ist es im Übrigen egal, ob die Fische Schmerzen empfinden: So müssen die Tiere auf engstem Raum leben, und deshalb kommt noch eine Mischung aus Chemikalien und Antibiotika hinzu. 

Nachhaltig geht anders

Die Auswirkungen kann noch kein Experte genau abschätzen, klar ist zumindest, dass die rasant wachsenden Aquakulturen viel Fläche einnehmen und wichtige Lebensräume zerstören. So weit, so eindeutig. Zuchtfisch kaufe ich nicht.
Und es kann auch nicht immer Bio sein, denn die Siegelvergabe wird mir zunehmend suspekt. So lese ich bei Fachverbänden und bei Tier- und Umweltschutzorganisationen unterschiedliche Statements aus aktuellem Anlass. Auch das MSC-Logo (Marine Stewardship Council) soll nach zu laschen Kriterien vergeben werden. Das MSC-Logo auf Fischprodukten garantiert eigentlich, dass sie aus geprüft umwelt- und bestandsschonender Fischerei stammen. Also auch nur auf den Profit aus? Eine „Kooperation“ mit den Unternehmen? Nur deshalb gibt es seit einiger Zeit auch Fischstäbchen mit MSC-Siegel? 

Karpfen oder nicht Karpfen? 

Tja, das ist und bleibt hier die Frage. Vor allen Dingen: nicht nur Karpfen. Globalisierung stellt der Vielfalt jedoch ein Bein: Bei der Qual der Wahl – eigentlich gibt es fast zu viel Auswahl, wirklich – habe ich mich eben auf das Siegel verlassen. Doch nun bin ich als Verbraucher vollends verwirrt: Was kann ich denn noch für bare Münze nehmen? Eigentlich nichts, denn in der Lebensmittelindustrie geht es allen nur um das liebe Geld. Profite sind eben wichtiger. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was auf den Tisch kommt. Gefährdete Arten und Fische aus fernen Ländern sind für mich tabu: Pangasius, Thunfisch & Co. kaufe ich schon seit Jahren nicht mehr. So hilft mir dieser Greenpeace-Einkaufsratgeber nicht wirklich weiter, ist mir zu kompliziert und irgendwie auch realitätsfern. Ich vertraue lieber dem kleinen Fischladen meiner Wahl, der sich auf ein nachhaltiges, regionales Angebot spezialisiert hat und vom Massenfang nichts hält. Den kenne ich schon sehr lange, ist in einem kleinen Ort an der Ostsee angesiedelt. Da habe ich wenigstens noch das Gefühl, ehrlich behandelt zu werden.

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