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Wer nicht fordert, hat verloren: Warum wir unsere Kinder im Job nicht verschweigen sollten

Die Kinder im Beruf verheimlichen? Anna Sophie Pietsch hält das für gar keine gute Idee. Denn wer sich an veraltete familienfeindliche Strukturen anpasst, braucht nicht damit rechnen, dass sich jemals etwas ändert.

 

Karriere und Kinder? Da gibt es ein Problem

Am 8. März war Weltfrauentag. Und die Frauenzeitschrift Brigitte teilte zu diesem Anlass eine Grafik, auf der steht: „Liebe Frauen: Alles Gute zum Weltfrauentag! Lieber Rest der Welt: Keine Sorge, das Welt-Männer-Jahr wird morgen planmäßig fortgesetzt!“. Das klingt lustig, ist aber vor allem tragisch, weil so wahnsinnig viel Wahres drinsteckt. Wenn wir mal alle anderen Miseren außen vor lassen und uns nur die Situation auf dem Arbeitsmarkt anschauen, dann wird schnell klar: Als Frau hat man es nicht leicht – und schon gar nicht als Frau und Mutter. Meine Bloggerkollegin Alu von Großeköpfe erzählt in „Achtung, ich bin Mutter“, wie sie mit dem Dilemma umgeht: Auf der Arbeit verheimlicht sie ihre Kinder relativ konsequent. Ich frage mich aber: Kann, oder eher darf das die Lösung sein?

Klar, irgendwie liegt die Lösung ja nahe. Wer im Beruf erfolgreich sein will, dem sei geraten, sich zunächst mal anzuschauen, wie das die anderen Erfolgreichen denn so machen. Die anderen Erfolgreichen, das sind in der Regel Männer. Sie arbeiten viel. Sie konzentrieren sich auf ihren Erfolg. Sie reden nicht über Privates. Kinder? Um die kümmert sich die Ehefrau, die ihrem Gatten zuhause „den Rücken freihält“. 

Das ist ein Klischee. Aber eines, das es noch sehr oft gibt. Und ich sage nicht, dass das schlimm ist. Viele Frauen sind sicher sehr glücklich in ihrer Rolle als „Rückenfreihalterin“. Knifflig wird es dann, wenn auch die Frau eine Karriere will. So wie Alu. Denn dann hat frau, wie sie beschreibt, ein Problem:

„Meine Kinder sind auch meine Schwachpunkte, sie könnten meine beruflichen Pläne jederzeit kippen. Ich bin jung Mutter geworden, mit 25 Jahren und mitten im Studium. Kinder verändern. Sie sind der Grund, warum man manchmal bei der Arbeit fehlt oder früher los muss. Sie sind der Grund, warum ich seit Jahren auf Teilzeit gehen will und es doch aus Angst vor dem Karrierebreak nicht tue.“ 

Der komplizierte Spagat zwischen Kind und Karriere

Was Alu da beschreibt, ist für viele Frauen Alltag: Der Spagat zwischen Kind und Karriere ist kompliziert. Frauen, die Erfolg im Beruf haben wollen, haben meistens keinen „Hausmann und Vater“ daheim, der ausnahmsweise mal der Frau den Rücken frei hält. Wo Frauen Karriere machen, entsteht eine Lücke. Diese muss gefüllt werden. Und wenn kein Geld für Kindermädchen und Reinigungshilfe da ist, zerreißen sich beide Elternteile förmlich zwischen Job, Haushalt und Kindern. 

Was Alu, genau wie die meisten anderen Eltern, in solch einer Situation tut, ist das hier: Sie redet nicht drüber. Nicht einmal mit ihren Kolleginnen, von der eine ebenfalls bald Mutter wird, spricht sie über ihr Leben als berufstätige Frau und Mutter. Über den täglichen Balanceakt. Über die Schwierigkeiten, die das manchmal mit sich bringt. Die meisten von Alus Kolleginnen wissen noch nicht mal, dass sie überhaupt Kinder hat. Alu passt sich an eine Welt an, von der sie vielleicht glaubt, dass sie sich ohnehin nicht ändern ließe. So, wie die meisten das tun. 

Wer es nicht schafft, steigt aus

Als ich Mutter wurde und in der Folge viel mehr mit anderen Müttern in Berührung kam, stieß ich auf ein Phänomen, das mir zuvor nicht bewusst war: Unter Müttern gibt es eine enorm hohe Zahl an Aussteigerinnen. Damit meine ich Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder auf etwas ganz anderes umsatteln: Die gut bezahlte Unternehmensberaterin eröffnet ein Café. Die erfolgreiche Personalerin wird Coach für besondere Lebenslagen. Und die kompetente Ingenieurin lässt sich zur Doula und Trageberaterin ausbilden. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es super, immer mal etwas Neues zu machen und bestimmt finden viele dieser Frauen in ihren neuen Jobs viel Freude und Erfüllung. 

Ich frage mich nur, ob ebenso viele von ihnen umgesattelt hätten, wenn die Bedingungen in ihren alten Jobs sich nur ein bisschen an ihre neue Doppelbelastung als Berufstätige und Mutter angepasst hätten. Die Frauen, die in ihren alten Jobs durchhalten, sind Frauen wie Alu, die sich an die Gegebenheiten anpassen. Dass das nicht besonders viele Frauen sind, beschreibt auch Alu: 

„Es hat an diesem Tisch voller kluger, gebildeter Frauen mit Karriereambitionen keiner Kinder – außer mir. Ich gehöre zu einer Minderheit. […] Wenn man ehrlich ist, dann wird Frauen der Fakt, Kinder zu haben, im Berufsleben heute immer noch von vielen als Schwäche ausgelegt. Und genau deswegen sind sie für viele Frauen gar kein Thema. Oder erst zu spät.“

Gerade der letzte Satz macht mich traurig: Alu selbst ist mit 25 Jahren Mutter geworden. Für mich ist sie ein großes Vorbild, denn auch ich wurde mit 25 Jahren schwanger. Sie wuppt Kinder, Karriere und ihren fabelhaften Blog, den sie gemeinsam mit ihrem Mann schreibt – denn die beiden sind obendrein noch ein Paradebeispiel für eine gleichberechtigte Beziehung. Bin ich naiv, wenn ich denke, dass es einiges bewirken könnte, wenn eine Frau wie Alu auch auf der Arbeit und im speziellen mit ihren kinderlosen Kolleginnen über ihr Leben zwischen Kind und Karriere sprechen würde? 

Wo kein Kläger, da kein Richter!

Denken wir mal groß: Was würde wohl geschehen, wenn alle Frauen eines Unternehmens familienfreundlichere Strukturen fordern würden? Wenn sich sogar auch alle Männer anschließen würden, denn in Beziehungen, in denen beide Elternteile eine Karriere anstreben, ist schließlich auch der Vater von der Doppelbelastung betroffen. Vom Sich-Anpassen und Stillhalten hat sich nämlich dummerweise noch nie etwas geändert. 

Es kann doch nicht sein, dass alle Frauen, die die Doppelbelastung nicht mehr ertragen, Esoterik-Coach oder Stillberaterin werden und jene, die weiterhin Karriere machen wollen, die Zähne zusammenbeißen und sich unter familienunfreundlichen Bedingungen im Beruf aufreiben. Da muss es doch auch etwas dazwischen geben! Teilzeitarbeit für Männer und Frauen zum Beispiel – und zwar ohne dass jegliche Karriereperspektive dann stillschweigend begraben würde. Mehr feste Stellen – und weniger befristete. Betriebskitas und Notfallbabysitter für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Und Elternzeit für alle – ganz ohne Gemecker vom Chef. 

Aber wo kein Kläger, da kein Richter: Wenn wir uns weiterhin an veraltete Strukturen anpassen, müssen wir uns leider nicht wundern, dass sich nichts ändert. Und reiben uns weiterhin zwischen Kind und Karriere auf. Solange, bis einer aussteigt, um dem anderen den Rücken freizuhalten. 



Anna Sophie Pietsch ist ebenfalls Mutter und berufstätig und muss zugeben, selbst umgesattelt zu haben. Anstatt angestellt in Vollzeit schreibt sie nun freiberuflich: Manchmal bezahlt und manchmal „so Hobby“ – auf ihrem Blog.


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