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Wie man mit einem nackten Mann streitet

Breitbeinig zu sitzen und damit ein Maximum an Raum zu beanspruchen, ist eine männliche Neigung, die überwiegend in Bus und Bahn ausgelebt wird. Aber nicht nur dort. Über eine Begegnung unter Nackten.

 

Schwitzen kann so entspannend sein 

Zugegeben, das Sujet ist ein bisschen heikel. Und es geht unter die Gürtellinie. Ich gelobe jedoch, die Kalauerdichte möglichst niedrig zu halten.

Frage: Warum gehen Menschen in die Sauna? 

Antwort: Die häufigsten Gründe sind 1. Entspannung, 2. Entspannung, 3. Sauna ist gesund.

So auch bei mir. Sauna, das ist mein Allheilmittel gegen Stress, Müdigkeit und jegliche emotionale Schieflage. Miesepetrig komme ich in der Sauna  an, tiefenentspannt und flauschig kehre ich nach Hause zurück.

Neulich lief es anders. Schuld daran war ein Mann. Ein nackter Mann, um genau zu sein.

Kurz vor 20 Uhr steuerte ich die große Außensauna an. Dort wird zur vollen Stunde immer ein Aufguss zelebriert, der sich meist zügig füllt. Oben auf der obersten Bank entdecke ich noch eine Lücke. Links ein Mann, rechts ein Mann, die Lücke ist nicht üppig, aber ausreichend, zumal neben einem der beiden Herren noch Platz zum Rangieren ist. Die Füße sorgsam zwischen fremderleuts Handtücher setzend, erklimme ich also die obere Sitzbank. Und unverzüglich stellt sich heraus: Diese Lücke ist nun doch schmaler als gedacht.

Mein linker Nachbar belegt etwa zwei Meter Saunabankbreite. Dies bewerkstelligt er, indem er seine Beine so weit spreizt, dass ein übergewichtiger Rodeo-Bulle dazwischen Platz fände. Noch etwas ausdrucksstärker als dieser Herr hier, und eben nackt:


Manspreading gehört aufs eigene Sofa. (Foto: ibrak | Depositphotos.com)

Ach, kein Problem. An jenen Film mit Sandra Bullock denkend – „ich kann mich biegen wie eine Brezel“ – versuche ich, meine 1,83 Meter Körperlänge irgendwie geschmeidig zusammenzufalten. Ferse unter den Sitzbeinhöcker, einmal überkreuzen, irgendwie geht das. Zumindest so lange, bis mein linker Nachbar seine klaffenden Beine zuklappt und ein Stückchen rückt. Tut er sicher gleich.

Ein Trugschluss. Weder nimmt er meine Beinverschlingung wahr noch dass er Raum für zwei okkupiert. Er sitzt einfach da, Marke „mein Territorium ist abgesteckt, Punkt“.

Ich versuche es zunächst mit nonverbaler Kommunikation. Schaue in sein Gesicht und wippe ein wenig mit meinem gebrezelten Bein, nicht ohne den Blick aufmunternd auf den Freiraum links neben ihm zu lenken.

Er merkt es nicht, sein Blick geht geradeaus zu den anderen Sitzbänken, wo man bereitwillig eng an eng sitzt. Sämtliche dort aufgereihten Männer schaffen es übrigens mühelos, mit parallel gestellten Oberschenkeln den Beginn des Aufgusses zu erwarten.

Verhakte Beine, verhakte Gedanken

Gleichzeitig bin ich fast froh, meinem Nachbarn nicht gegenüber zu sitzen: Die ausladende Präsentation des Herrengedecks neben mir ist einfach extrem dominant und mackerhaft. Caveman, denke ich, so muss es wohl damals in der Höhle gewesen sein, vor Millionen von Jahren.

Noch nie, nie habe ich eine Frau so sitzen sehen. Es sei denn, sie war sehr betrunken oder gebar gerade ein Kind. Am allerwenigsten sitzen Frauen so in der Sauna; entweder berühren sich ihre Knie oder sie legen beide Hände in den Schoß. Sei es nun intuitiv oder gelerntes Verhalten, jedenfalls sorgen sie dafür, dass ihr privatester Körperbereich vor direkten Blicken geschützt ist.

Es erscheint der Saunameister mit den Insignien der finnischen Hitze: Holzeimer, Kelle und Wedelhandtuch. Wie es in diesem Haus üblich ist, beginnt er sein Tun mit der Bitte um völlige Ruhe und wünscht gute Entspannung. Liebend gern, ja! Doch sind nicht nur meine Beine unequem ineinander verhakt, sondern auch meine Gedanken. Wieso rutscht der Typ neben mir nicht nach links? Und warum macht er seine Beine nicht zusammen?

Aber vielleicht gibt es da ja, sagen wir … körperliche Hürden. Während sich die ersten Dampfschwaden in der Sauna verteilen, luge ich diskret nach links-unten-Mitte. Was hat er da zwischen den Beinen, eine Wassermelone? Die Glocken von Notre Dame? Ein Gemächt von der Größe eines VW Beetle??

Hat er nicht.

Der Sinn der Breitbeinigkeit

Warum also diese Haltung? Im Eiltempo rufe ich nun sämtliche Erklärungen ab, die ich jemals im Zusammenhang mit der besonders im ÖPNV gängigen männlichen Praxis des Breitsitzens gelesen habe:

1. Die bewusste Partie wird auf diese Weise kühl gehalten, denn
Überhitzung schadet der Fortpflanzung.

Nun ja. „Kühlung“ eignet sich in einer auf 85 Grad erhitzten und eigens deswegen aufgesuchten Schwitzhütte nur bedingt als Begründung.

2. Männer müssen so sitzen, weil sie sonst aufgrund ihres Körperbaus – das Becken ist schmaler als die Schultern – das Gleichgewicht nicht halten können und folglich umkippen, wenn sie die Beine nicht spreizen. Ergo: biologischer Zwang

Nö. Wenn ich Alltagsempirie zu Rate ziehe, kann das nicht sein. Denn es befinden sich in meinem Freundes- und Kollegenkreis etliche Männer, darüber hinaus habe ich zwei erwachsene Söhne. Glaubt mir, keiner von ihnen ist in den vergangenen 20 Jahren im Sitzen umgefallen.

3. Die überweite Beinöffnung ist nicht nur bequem, sondern notwendig, um testikuläres Kleben, Klemmen, Quetschen und nachfolgende Schmerzzustände zu verhindern.

Och nö!! Insbesondere mein Ex-Mann bevorzugte es, mit übereinandergeschlagenen Beinen zu sitzen. Von genitalen Hitzeschäden oder Quetschungen ist nichts überliefert, vielmehr zeugte er drei prachtvolle Kinder.

Caveman rührt sich nicht 

Was jetzt? Während des Aufgusses ist, der allgemeinen Komplettentspannung wegen, auch Flüstern tabu. Aber bitte, ich MUSS jetzt flüstern. Mein rechtes Hüftgelenk ist anatomisch nicht als Brezelkurve angelegt und zwickt. „Können Sie ein bisschen Platz machen?“, sage ich also ganz leise. 

Und links ereignet sich: nichts. Keine Reaktion, null, nada. Caveman blickt stur geradeaus.

Aha? Es passiert nun, was mir in solchen Situationen häufig passiert: Mein Gehirn ordnet das Geschehen unter „Slapstick“ ein. So eine Szene kann man ja eigentlich nur mit Christian Ulmen in der weiblichen Hauptrolle verfilmen. Eventuell wäre jetzt ein humoristischer Wortbeitrag angebracht, so in der Art von „Das ist mein Tanzbereich und das ist deiner“. Oder lieber ein bisschen Schiller? („Geben Sie Beinfreiheit, Sire!“)

Unglücklicherweise versemmeln unverhüllt ausgebreitete Geschlechtsteile jede anvisierte Konfliktlösung unweigerlich ins Loriothafte. („Herr Müller-Lüdenscheidt! Die Beine bleiben zusammen!“ – „Frau Dr. Kloebner! Die Entscheidung darüber, ob ich meine Beine spreize oder nicht, lasse ich mir von niemandem aufdrängen.”) 

Alles, bloß kein Körperkontakt! 

Ich weiß schlicht nicht weiter. Während der Saunameister die dritte Schöpfkelle mit Ingwer-Basilikum-Sud aufgießt und handtuchwedelnd feuchtheiße Luftmassen durch das Holzhaus treibt, schläft mein rechter Fuß ein. Und meine Position zu verändern, ist ausgeschlossen – denn dann käme es unweigerlich zu Körperkontakt mit Cavemans nacktem Schenkel. Urgs. Also was jetzt??

Blick nach vorn: 50 Menschen schwitzen genussvoll vor sich hin, allenfalls dass gelegentlich ein wohliger Seufzer durch den Raum schwebt.

Blick nach links: keine Veränderung. Wiewohl nackt, macht das flegelnde Ärgernis neben mir einen auf dicke Hose. Mann, so sitzt nicht mal Putin, wenn er gerade neue Marschflugkörper bestellt!

Aber woher kommt das? Wer hat diesen Männern beigebracht und erlaubt, dass ihnen wie selbstverständlich jeder Raum zusteht, den sie sich aneignen? Oder andersherum: Wer hat es ihnen irgendwann mal nicht abgewöhnt? Passiert das, wenn sie noch kleine Jungs sind? Oder in der Pubertät, wenn das Testosteron einschießt?

Man nennt es „Manspreading“


Die Verkehrsbetriebe in Istanbul fordern ihre Fahrgäste auf, sich nicht breit zu machen (Quelle: Metro Istanbul)

Es gibt ein Wort für das, was Caveman praktiziert: „Manspreading“. Das bedeutet so viel wie „Männerspreizen“, also die männliche Neigung, in Bussen und Bahnen mehr als einen Platz zu beanspruchen. Die Causa führte 2015 erst zu feministischen Debatten und im Anschluss zu offiziellen Kampagnen in den U-Bahnen von Madrid, New York, Barcelona, Seattle und Istanbul. Seit 2017 heißt es auf den U-Bahn-Stickern in Seattle ganz pragmatisch: „One seat, one body“.

Das heißt aber auch, ich befinde mich gerade – nackend und bei 85 Grad – mitten in einer feministisch kritischen Situation: Einer (männlich) macht sich breit und erzwingt damit, dass ich (weiblich) mich auf eingeengtem Raum ungewollt kleinzumachen habe.

Wobei auch Frauen sich breitmachen – nur auf ihre Weise. Sie verteilen zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Taschen und Tüten gern auf mehrere Sitze. Das nennt sich dann „She-Bagging“; ich praktiziere das übrigens intensiv und häufig, wenn der Zug leer ist.

Dilemma deluxe, und das bei 85 Grad

Caveman wirkt äußerst breitenentspannt. Am liebsten würde ich flammend nach links raunzen: MACH PLATZ, MANN! Setz dich hin, wie du willst, mach mit deinen Beinen, was du willst, spreize sie meinetwegen, bis deine Adduktoren wimmern, ist voll okay – vorausgesetzt, du bist allein im Abteil oder auf der Saunabank. Sobald es andere Menschen betrifft: MACH PLATZ, MANN!

Aber allein unter schweigend schwitzenden Nackten, das verändert – siehe oben – die Lage grundlegend. Und nun meldet sich auch noch der kleine Ethik-Coach in mir zu Wort: Rund 50 Menschen geht es hier um Ruhe und Regeneration. Wenn ich jetzt cholerisch lostobe, ist für 49 andere Menschen jede Entspannung dahin. Und zweifelsfrei würde man mich dafür expressiv hassen. Da sitze ich nun, mit taubem Bein und in einem 24-karätigem Dilemma: Die Rücksicht, die ich haben will, bekomme ich nur durch eigene Rücksichtslosigkeit.

Ach. Ein Leichtes zu behaupten, der noble kleine Ethik-Coach habe gewonnen und die Interessen der Gruppe über die Interessen meines rechten Beines gestellt. Die Wahrheit ist jedoch eher glanzlos: Ich kneife. Stocksauer, schwitzend und stumm. Bitte alles, nur nicht NOCH mehr Stress!

Schweigend harre ich die letzten Aufgussminuten aus, lasse Caveman kommentarlos entkommen, humpele aus dem Schwitzhaus und lösche die erste Empörungsglut mit einem längeren Aufenthalt im Tauchbecken. Und ärgere mich. Rücksichtnahme, das Wort ist ja eigentlich widersinnig. Wer handelnd Rücksicht nimmt, der nimmt nichts, sondern gibt etwas: Er achtet andere und deren Interessen oder Gefühle, er zeigt Respekt. Rücksichtgabe, so könnte es heißen.

Rücksicht, dieser freundliche Zauberstaub

Erfreulicherweise war es ein nackter Mann, der meine Welt wieder in Ordnung brachte. Vorgestern in der Sauna, ähnlich viel Betrieb, als Déjà-vu war nur noch der gleiche Platz frei wie letztens. Ich turnte hoch auf die obere Bank, kam neben dem besagten Mann zu sitzen. Und er dreht sich zu mir, lächelt und sagt: „Reicht der Platz?“

Ich hätte ihn aus dem Stand herzen wollen. Drei Wörter, und alles war wieder gut! Unhöflichkeit oder freundliches Benehmen – nichts davon ist geschlechtsspezifisch, das können Frauen und Männer gleichermaßen schlecht oder gut. Wie viel Platz man sich nimmt, ist eine rein menschliche Frage, bei der es um soziales Verhalten geht, um Respekt, um den Blick auf andere. Und Rücksichtnahme, diese große Kleinigkeit, dazu ein Lächeln – gibt es freundlicheren Zauberstaub unter uns Menschen? Mir will keiner einfallen.

Zurück zu meiner Eingangsfrage. Wie streitet man denn nun mit einem nackten Mann?

Die Antwort ist nicht ganz eindeutig. Wenn du den Herrn kennst, sich allein mit ihm in einem geschlossenen Raum befindest und überdies noch Aussicht auf guten Sex besteht: Dann mach doch einfach drauflos. Außerhalb des Schafzimmers jedoch habe ich leider nicht die geringste Ahnung.

Dieser Text erschien zuerst auf Karen Hartigs Blog „Her mit dem guten Leben!“. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können. 

Titebild: stetsik | Depositphotos.com

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