Foto: Christoph Varga

„Wir sollten stärker zeigen, wer wirklich alles menstruiert“

Im Interview sprechen die beiden Gründerinnen von „Nevernot“ über Period Shaming, über Softtampons beim Sex und darüber, wie sie sich gegen Periodenarmut einsetzen.

„Erdbeerwoche“, „Besuch von der roten Tante“, „auf der roten Welle surfen“, „Besuch aus Rotenburg“: Weltweit existieren knapp 5.000 Umschreibungen für etwas, das für die Hälfte der Menschheit zum Alltag gehört: Menstruation. Knapp 3,8 Milliarden Menschen haben einmal im Monat für ein paar Tage ihre Periode – und dennoch ist Menstruation noch immer ein Tabuthema, etwas Unangenehmes, etwas, über das man am liebsten nicht spricht.

Oder weshalb werden Tampons noch immer heimlich unter dem Tisch weitergereicht? Warum ist die Flüssigkeit, die in der Bindenwerbung im Fernsehen zu sehen ist, blau und nicht blutrot? Wieso werden Blutflecke im Schritt in Filmen und Serien als große Peinlichkeit dargestellt?

Bluten: So normal wie Essen und Trinken

Dabei gehört sie für viele Menschen zum Leben dazu, wie Essen, Trinken und Schlafen. Nur weniger angenehm ist sie: Viele Menstruierende haben während ihrer Periode Schmerzen und Krämpfe, jährlich erkranken rund 40.000 Personen in Deutschland an Endometriose und haben besonders starke Regelschmerzen. Und dann kommt auch noch das Schamgefühl in Form von Period Shaming hinzu.

Daran wollten Katharina Trebitsch, 29, und Anna Kössel, 31, etwas ändern. Die beiden Berlinerinnen haben ihre gut bezahlten Jobs in einem Tech-Unternehmen an den Nagel gehängt und mitten in der Corona-Pandemie ihre eigene Firma, das Start-up „Nevernot“, gegründet. Ihr erstes Produkt: Softtampons, das sind kleine Menstruationsschwämmchen aus Schaumstoff. Damit wollen sie ein Zeichen gegen Period Shaming setzen und dafür sorgen, dass Menstruationsprodukte nicht mehr als etwas Schambehaftetes, Peinliches betrachtet werden. 

Auf die Idee zu den Softtampons kam Katharina Trebitsch bei einer Recherche: Sie fragte sich, was Sexarbeiter*innen eigentlich machen, wenn sie ihre Periode haben. Und so stieß sie schließlich auf das Produkt und ihr war klar: Davon müssen alle Menstruierenden erfahren. Im Interview sprechen Katharina Trebitsch und Anna Kössel über ihre Idee, über Period Shaming, über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema und darüber, wie sie sich gegen Periodenarmut einsetzen.

Was hat Menstruation mit sexueller Freiheit und Selbstbestimmung zu tun?

Katharina: „Nevernot heißt übersetzt niemals nicht, also immer. Und das ist der Punkt: Mach was du willst, immer! Das gilt beim Ausleben der eigenen Sexualität, aber auch bei der Periode und für das ganze Leben: Lass dich nicht verbiegen, du musst dich, deine Sexualität oder deine Tage nicht verstecken. Wenn du drüber reden willst, mach es. Wenn nicht, dann nicht.“

Ihr habt vor einigen Monaten auf eurem Instagram-Kanal ein sogenanntes Belästigungsbingo gestartet, das viral ging. Worum ging es da und was habt ihr euch dabei gedacht? 

Katharina: „Die ursprünglich Idee kam gar nicht von uns, sondern von einer Frau, die anonym bleiben wollte. Dass das so erfolgreich wird, damit haben auch wir nicht gerechnet. Das zeigt, dass das Bingo einen Nerv getroffen hat. Es hat sich explizit an Frauen gerichtet und abgebildet, wie viele von uns täglich mit sexueller Belästigung konfrontiert sind. Aber auch, dass inzwischen der Mund aufgemacht wird und ein Wandel stattfindet. Trotzdem: Auch das Bingo ist nur ein Ausschnitt und bezieht beispielsweise nicht Rassismus, andere Geschlechter oder Gruppen ein, die ebenfalls diskriminiert werden.“ 

Period Shaming oder Periodenscham beschreibt das Schamgefühl, das Menstruierende aufgrund ihrer Periode empfinden: Menstruation ist noch immer ein Tabuthema. In einer Umfrage der New York Post gaben 58 Prozent aller Befragten an, sich schon mal aufgrund der Periode geschämt zu haben, 42 Prozent haben schon einmal Period Shaming erlebt, zum Beispiel in Form von unangebrachten Kommentaren ihrer Mitmenschen.

Woher kommt Period Shaming eigentlich? Und warum ist das ein Problem?

Katharina: „Period Shaming ist ein weltweites Problem, äußert sich aber je nach Land und Kulturkreis sehr unterschiedlich. In Indien zum Beispiel gelten Mädchen während ihrer Tage als ,schmutzig‘. Wenn sie überhaupt Zugang zu Bildung haben, dann wird ihnen der Unterricht während ihrer Monatsblutung oftmals komplett verwehrt. Aber auch bei uns sprechen Eltern mit ihren Kindern nicht immer offen über die Periode und können sie nicht richtig abholen, wenn die Regel das erste Mal einsetzt. In manchen Kulturkreisen, auch in Deutschland, dürfen Mädchen noch immer keine Tampons verwenden, damit ihre angebliche Jungfräulichkeit (die es gar nicht gibt) bestehen bleibt.“

Anna: „Im Berufsleben ist das nichts anderes. Nicht nur Menstruierende, die unter Endometriose leiden, haben starke Beschwerden im gesamten Zyklus. Eine Freistellung von der Arbeit aufgrund von Menstruationsbeschwerden ist zwar möglich, erfordert aber jedes Mal eine Krankschreibung. Für Menstruierende, die jeden Monat daran leiden, ist das ein Hindernis. Die meisten Arbeitgeber*innen geben ihren Mitarbeiter*innen immer noch nicht die Möglichkeit, sich aufgrund ihrer Periode frei zu nehmen oder zumindest von zu Hause aus zu arbeiten.“

Habt ihr auch schon mal Period Shaming erlebt? In welchem Zusammenhang?

Katharina: „Ja, bei einem anderen Arbeitgeber war das ganz extrem. Das ist allerdings schon lange her. Ein vorwiegend männliches Team, sobald eine Frau oder Menstruierende etwas gesagt hat, was nicht gepasst hat, kam immer wieder der Spruch: ,Die hat doch ihre Tage.‘ Gleichzeitig hatten sie absolute Berührungsängste mit dem Thema. Wenn ich mit Krankschreibung zu Hause war, hat das niemanden interessiert. Die Anrufe, Mails und Tasks kamen rein wie sonst auch immer. Als ich einmal um Homeoffice gebeten habe, weil ich Periodenschmerzen hatte, hat sich zwei Tage niemand bei mir gemeldet.“

Anna: „Ich habe das auch schon im Beruf erlebt von Arbeitskollegen. Da ging es dann eher um die Menstruation der Freundin und wie anstrengend und nervig die dann wohl sei.“

Warum denkt ihr, ist Menstruation auch 2021 noch immer ein ziemliches Tabuthema?

Anna: „Die Menstruation sollte Teil sexueller Aufklärung sein, die meist in der Familie beginnt, häufig aber eben leider nicht. Eltern müssen selber einen entspannten und selbstbewussten Umgang mit ihrer Sexualität und Periode haben, damit sie das an ihre Kinder weitergeben können. Das ist nicht immer der Fall. Glücklicherweise gibt es immer mehr Vorbilder und Firmen, die das Thema auf Social Media enttabuisieren und aufgreifen, und hier sind junge Menschen unterwegs. Auch in Schulen verbessert sich die Aufklärungsarbeit, aber der Weg ist noch lang.“

War Menstruation für euch beide früher auch ein Tabuthema? 

Anna: „Mir hat zwar nie jemand gesagt, dass man darüber nicht reden soll, aber ich hab mich selber nicht wohl damit gefühlt. Wahrscheinlich ist das auch etwas, was man oft non-verbal oder aus dem Kontext so mitbekommt.“

Katharina: „Ich kann mich da sehr glücklich schätzen, meine Familie ist da immer entspannt gewesen und meine Mutter hat mich gut aufgeklärt. Insofern habe ich das für mich selber nie so wahrgenommen. Aber natürlich habe ich als Teenager erlebt, dass das nicht in allen Familien so ist. Ich erinnere mich noch an einen Moment, da habe ich – ohne meine Periode überhaupt schon gehabt zu haben – meiner Freundin in der Schule erklärt, wie sie einen Tampon verwendet und ihn auch für sie gekauft. Weil sie zu schüchtern war und ihre Eltern ihr sagten, dass sie das selber rausfinden muss. Je älter ich geworden bin, desto öfters habe ich gesehen, für wie viele Menschen Periode ein Tabuthema ist.“ 

Wie ist es für euch, öffentlich über das Thema zu sprechen? Welche Reaktionen bekommt ihr darauf?

Katharina: „Auf beruflicher und privater Ebene war das nie ein Problem. Und obwohl wir erst seit dreieinhalb Monaten online sind, hat das alles natürlich viel früher angefangen und gehört für uns zur Normalität. Bei Nevernot sprechen wir aber über mehr als nur die Periode, gerade das Thema Sex behandeln wir ebenfalls intensiv. Als ich dann angefangen habe, Instagram-Storys zu machen und im Internet mit fremden Leuten zu kommunizieren, war mir vorher ganz schön mulmig zumute. Das hat sich aber inzwischen gelegt.“ 

Anna: „Mir geht es da eigentlich wie Katha. Aber da ich unter anderem für die Produktentwicklung und -beschaffung zuständig bin, kommuniziere ich auch viel mit Leuten, die nicht in unserer Berliner Bubble leben. Mittelständige Unternehmen, die oft in ländlichen Regionen sind. Das ist immer wieder lehrreich, wie dort die Reaktionen sind. Von trocken und abweisend hin zu wahnsinnig neugierig. Allerdings muss ich sagen, sind die Berührungsängste nicht so groß wie erwartet. Ein Kontakt hat sogar mal die Perioden-App seiner Frau auf den Tisch gelegt. Er sagte, dass sie die App benutzen, um die Babyplanung zu steuern. Da kommen ganz schön intime Gespräche zustande.“ 

Periodenarmut oder auch Period Poverty beschreibt eine Situation, in der sich mindestens 500 Millionen Menstruierende weltweit befinden: Sie können sich Menstruationsprodukte nicht leisten, haben zu wenig Geld für Tampons, Binden oder Ähnliches und müssen mit Klopapier oder Stoffen improvisieren. Denn die Menstruation ist teuer: Laut Berechnungen geben Menstruierende im Laufe ihres Lebens etwa 20.000 Euro für Menstruationsprodukte aus. In diese Berechnung fließen auch Produkte, die nicht direkt mit der Blutung zu tun haben, z. B. Schmerztabletten, Wärmflaschen o. Ä. mit ein, welche die Periode erleichtern. Besonders Menschen ohne festen Wohnsitz sind von Periodenarmut betroffen.

Wieso ist Periodenarmut ein wichtiges Thema?

Anna: „Periodenarmut ist kein Problem, das nur abseits der westlichen Welt existiert, sondern eins, das mehr als akut in Deutschland ist. Einen ersten Schritt haben die Aktivistinnen Yasemin Kotra und Nanna-Josephine Roloff gemacht, auch Dank ihnen wurde die sogenannte Tamponsteuer zu Januar 2020 gesenkt. Dennoch haben wir noch immer keinen Zugang zu Produkten in Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen. In Schottland und seit Kurzem auch in Neuseeland ist das anders.“

Wie macht ihr euch gegen Periodenarmut stark?

Katharina: „Wir bringen bald ein Produkt-Bundle auf den Markt, mit dem wir als Firma gemeinsam mit unseren Kund*innen den Verein und die Arbeit von Social Period e.V. finanziell unterstützen. Dabei wird es aber nicht bleiben. Wir haben, genau wie alle anderen Firmen, die in diesem Segment unterwegs sind, die Verantwortung, etwas zurückzugeben. Leider machen das bisher eher die kleinen Startups und nicht die Big Player, für die es eine Leichtigkeit wäre.“

Ihr sprecht mit eurem Produkt Menstruierende an. Warum denkt ihr, ist vielen noch nicht klar, dass nicht nur Frauen ihre Periode haben?

Katharina: „Das stimmt und das machen wir nicht nur in unserer schriftlichen Kommunikation. Viele andere Firmen kommunizieren für Menstruierende, zeigen auf ihren Bildern aber weiterhin nur Frauen. In unserer Launch-Kampagne ist ein Motiv ein trans Mann, er trägt ein Shirt mit der Aufschrift: I am menstruating, too.“

Anna: „Und hier liegt auch der Fehler im System: Solange in Werbeanzeigen nicht gezeigt wird, wer wirklich alles menstruiert, wird das auch nicht in den Köpfen der Menschen ankommen. In den USA und in Großbritannien sind die Firmen da schon deutlich weiter – wie so oft.“

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Ole schreibt, dreht und konzipiert am liebsten online. Am liebsten beschäftigt er sich mit Pop-Kultur und außergewöhnlichen Geschichten und Perspektiven.

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