Wo die Liebe hinfällt

Die Partnersuche im Internet – und ihre Fallstricke

 

Als sich der Jüngling, der aussichtslos in die schöne, aber vergebene Lotte verliebte Titelheld in Goethes Drama „Die Leiden des jungen Werthers“, am Heiligen Abend 1772 eine Kugel in den Kopf schoss, an deren Verletzungen er wenige Stunden später dann starb, war ihm nicht mehr zu helfen. Andere Mütter haben auch schöne Töchter? Werther, der Unglückselige, dachte nicht darüber nach, konnte gar nicht darüber nachdenken, also setzte er seinem Leiden ein Ende. Vielleicht hätte er auch abgedrückt, wenn man ihm eine Gratis-Jahresmitgliedschaft bei einer Erfolg versprechenden Internetpartnerbörse geschenkt hätte, da müsste man mal den alten Goethe fragen, aber das geht bedauerlicherweise nicht mehr. 

Vielleicht wäre der gute Werther online über seine Lotte hinweggekommen, jene Lotte, deren Vorbild Charlotte Buff hieß, in die, so viel zur Authentizität des Dramas, Johann Wolfgang von Goethe eine Zeitlang recht unglücklich verknallt war. Was Goethe nicht ahnte: Seinen Werther Selbstmord begehen zu lassen, löste im ausgehenden 18. Jahrhundert eine regelrechte Flut von liebesbedingten Suiziden aus. Und heute? Kommt das schon auch noch vor, so ist es ja nicht, doch die allermeisten Frauen und Männer werfen nach einer Zeit des Alleinseins den Rechner an und gehen online auf Partnerpirsch. Was aber auch nicht immer ohne Fallstricke bleibt. 

Kein Prinz, nur Frosch

Da gibt es etwa den Fall von Adrienne. Sie war bis vor zwei Jahren in einer festen Beziehung, man hatte sich eingelebt, arrangiert, und das Arrangement war irgendwann zu festgefahren. Kurz nach ihrem 30. Geburtstag hatte Adrienne dann das Gefühl: ich muss hier raus. Und zwar für immer. Das erste halbe Jahr war eine Befreiung, das zweite okay, und im dritten Halbjahr setzte der Wunsch nach einer festen Beziehung ein – Adrienne beschloss, erst mal online zu suchen. Sie bekam eine Menge Zuschriften, Adrienne ist attraktiv, aber sie willigte in keins der zahlreich vorgeschlagenen Real-Treffen ein. Warum? Sie hatte sich im Kopf ein Bild zurechtgemalt, wie der Traummann zu sein habe. Und sie verweigerte die angetragenen Dates, weil sie Angst vor der Realität hatte. 

Fast der Hälfte aller Partnerbörsennutzerinnen und -nutzer soll es so gehen. Schuld ist die Furcht davor, statt dem erhofften Prinzen nur einem Frosch gegenüberzusitzen. Wer weiß schon, ob der Typ auf dem Foto auch der Typ ist, mit dem man seit einer Woche chattet, und wenn er’s ist, wie alt ist dann das Foto? Wie lang hat er gebraucht, um die Falten zu retuschieren oder den Bierbauch oder beides? Und: Vielleicht ist er ja gar nicht der treuherzige Liebessuchende, als der er sich ausgibt, vielleicht ist er ein Familienvater, der einen Seitensprung sucht? 

Herzklopfen, Verlieben, Friedhof

Vor einem ersten echten Treffen, die Erfahrung hat Adrienne jedenfalls gemacht, versprechen viele Männer einigen Frauen das Blaue vom Himmel. Sie hat den Braten gerochen, bevor sie ihn angeschnitten und gekostet hat, sie will besser keinen aus der Internet-Börse treffen, lieber wartet sie und bleibt allein, anstatt komplett enttäuscht zu werden. Manche wollen nicht warten und verabreden und verabreden und verabreden sich, ziellos, wahllos – aber auch schutzlos. Schutzlos gegenüber der gemeinen Welt da draußen und den komischen Typen, die online Frauen suchen. 

Zu lesen war vor einiger Zeit von einer Mittdreißigerin aus einer ostdeutschen Großstadt, deren viertes reale Treffen nun endlich den Richtigen gebracht zu haben schien. Herzklopfen, Verlieben, Romantik, das ganze Programm, dann hat er mit ihr einen Spaziergang über einen Friedhof gemacht und ihr gezeigt, wo er später mal begraben sein wolle – und zwar mit ihr zusammen. Um die Frau war?s geschehen, sowas Romantisches hatte sie noch nicht erlebt, aber dann passierte was? Genau. Ein paar Wochen später hat er ihr online mitgeteilt, dass er für eine Beziehung keine Zeit hat. So einem hätte der alte Goethe kein literarisches Denkmal gesetzt 

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