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Zeugungsunfähig: Diagnoseschock für Männer im Kinderwunsch

Der Mann zieht sich zurück – Sie will reden. Wie geht es weiter?

 

In der Regel nehmen die Frauen zuerst eine Beratung oder Untersuchung in Anspruch, wenn es mit dem Schwangerwerden nicht so schnell klappen will.

Es scheint irgendwie in uns Frauen zu stecken, die Initiative zu ergreifen und alle Hebel in Bewegung zu setzen. Es gibt schließlich viele Gründe, die bei Frauen mit einer ungewollten Kinderlosigkeit zugrunde liegen können.

Doch ebenso viele Gründe kann es auch beim Mann geben.

Längst haben wir in unserer Gesellschaft die 50/50 Grenze erreicht – die Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit können zu gleichen Anteilen beim Mann wie auch bei der Frau liegen.

Ein kleiner Prozentsatz entfällt noch auf die idiopathische (ohne bekannte Ursache) Kinderlosigkeit.

Es ist schon in der ersten Beratung unumgänglich, nach dem Untersuchungsstatus des Mannes zu fragen. Dabei gibt es immer noch Kinderwunsch-Paare, bei denen der Partner noch nicht untersucht wurde.

Vielleicht ist der Gedanke an das „wie“ nicht der romantischste – doch die Anfangsuntersuchungen wie Spermiogramme (die Beurteilung der Zeugungsfähigkeit anhand des Ejakulats) und ein körperlicher Check-Up
sind einfach durchzuführen und sollten immer zu Beginn aller Bemühungen
stehen.

Dafür muss man nicht direkt ins Kinderwunschzentrum gehen.

Auch der Urologe vor Ort kann ein Spermiogramm durchführen. Der körperliche Check-Up ist in der Hausarztpraxis oder ganz diskret auch in kinderwunschspezialisierten naturheilkundlichen Praxen möglich.

Der nächste Step ist weniger leicht: die Wartezeit bis zum Ergebnis und das anschliessende Gespräch mit dem behandelnden Arzt.

So erging es auch Andreas, als er gemeinsam mit seiner Frau zur Besprechung ins Kinderwunschzentrum fuhr: „Ihr Spermiogramm ist auffällig. Wir haben einen möglichen Grund für Ihre ungewollte Kinderlosigkeit gefunden: Sie haben eine Azoospermie (keine Spematozoen im Ejakulat). Die Chancen auf ein eigenes Kind sind somit sehr gering.“

Andreas zog es den Boden unter den Füßen weg. Die Diagnose traf ihn wie ein Vorschlaghammer in die Magengrube. Oder doch mitten ins Herz?

Auch seine Frau saß regunglos im Stuhl und das Gesagte stand schwer im Raum. An eine gedankliche Sortierung oder gar Verarbeitung war in den folgenden Momenten nicht zu denken.

Beide Partner erlebten diesen Moment als einen Krisengipfel.

Die ungewollte Kinderlosigkeit war schon schwer genug zu ertragen.

Doch wenn nun auch noch die Aussichten auf eine medizinische Behandlung verschwindend gering sind, dann kann das ein neuer Tiefpunkt ihrer Kinderwunsch-Achterbahnfahrt sein.

Wie geht es jetzt weiter?

Aus medizinischer Sicht müssen nun Entscheidungen getroffen werden.
Welche Maßnahmen können noch ergriffen werden? Wie sehen die Chancen
aus?

Doch bis es soweit ist, passiert noch eine Menge im Inneren des Paares. Aufkommende Gefühle, Unsicherheiten, Sorgen und manchmal auch Mißverständnisse müssen bewältigt werden.

Aus der Sicht des Mannes

Die Erkenntnis: „Es liegt an mir“ trifft tief. Männer erleben den Diagnoseschock häufig ähnlich wie Frauen: Sie fühlen sich im tiefsten Kern getroffen und zweifeln ihre gefühlte Ur-Bestimmung an:

Die Zeugung eines neuen Lebens.

„Wenn ich noch nicht mal Kinder zeugen kann, dann bin ich nur ein halber Mann.“

Diese Gefühle sind nachvollziehbar, auch wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder neu sortiert werden und natürlich nicht das Mann-Sein an sich in Frage stellen.

Männer schildern diese Zeit oft als Krisen-Situation, in der vieles durcheinandergewirbelt, verworfen und in Frage gestellt wird. Nicht jeder Mann leidet sehr unter dieser Diagnose. Doch die meisten Männer, die sich gemeinsam mit ihrer Partnerin ein Kind wünschen, sehen ihren Lebensentwurf zunächst einmal wackeln.

Sie sorgen sich zum einen um ihre Gesundheit und zum anderen um ihre
Partnerin: „Ich kann meiner Frau den sehnlichsten Wunsch nicht erfüllen.“ Sie befürchten, ihre Partnerin unglücklich zu machen.

Der Rückzug

Viele Männer ziehen sich in diesen Zeiten in ihre „Höhle“ zurück.

Das haben seine Vorfahren von zigtausenden Jahren auch gemacht, wenn sie erfolglos von der Jagd zurück kamen. Es waren schwarze Tage, denn in ihrem Verständnis hatten sie versagt. Sie zogen sich in ihre Höhle zurück, starrten ins Feuer und wollten alleine sein mit ihren Gedanken und Gefühlen.

Verlief diese Zeit ungestört, verließ der Mann irgendwann aus eigenen Impulsen heraus seine Höhle. Er war sortiert, wieder krafterfüllt und ging erneut auf die Jagd. Wenn es nicht dieses Mammut sein sollte, dann vielleicht ein anderes. Das Leben muss weiter gehen.

Noch heute tragen wir Menschen zwischen 1,8% und 2,6% Neandertaler-DNS (Erbgut) in uns.

Kein Wunder, dass prozentuale Anteile in uns auf (alt)bewährte Strategien zurückgreifen (Quelle: The Contribution of Neanderthals to Phenotypic Variation in Modern Humans).

Vielleicht greift auch hier ein über viele Jahrtausende bewährtes Krisenverhalten, in dem Männer im Rückzug ihre eigenen Lösungsmuster
erarbeiten und anschließend mit neuer Kraft wieder hervortreten.

Für die heutige Zeit übersetzt könnte es so aussehen:

Mit dem Diagnoseschock „Zeugungsunfähig“ zieht sich ein Mann zurück. Er ist tief getroffen und muss sich um seine schmerzende Wunde kümmern. Er möchte allein sein und nicht darüber reden. Er weiß, wie er seine Probleme mit sich selbst ausmachen kann.

Das Reden über Emotionen macht aus seiner Sicht keinen Sinn. Denn die
Tatsachen bleiben Tatsachen. Er braucht Zeit und Abstand, um in Ruhe nachdenken zu können.

Er weiß: Am Ende des Tages wird er eine Lösung parat haben.

Heutige Lösungen könnten sein:

  • „Ich kann auch ohne Kind glücklich sein, denn ich liebe Dich und unser gemeinsames Leben.“
  • „Wir nehmen auch die letzte medizinisch mögliche Behandlung in Anspruch. Ich will nichts unversucht lassen.“
  • „Wir könnten ein Kind adoptieren.“
  • „Ich kann mir den Weg einer Samenspende vorstellen.“

Manchmal kommt es auch vor, dass ein Mann seiner Frau eine Trennung
vorschlägt. Er möchte ihr den Weg zu einem anderen Mann ermöglichen –
einem Mann, der zeugungsfähig ist und ihren Herzenswunsch nach einem
eigenen Baby erfüllen kann.

Aus der Sicht der Frau

Für eine Frau, die ihren Mann liebt, ist die Diagnose fast ebenso schwer zu ertragen. Als hätte sie selbst die niederschmetternde Nachricht erhalten, schwirren auch in ihr die verschiedensten Gedanken und Gefühle herum.

Nur kurz erlebt sie das Gefühl der Erleichterung, dass bei ihr keine
Ursachen gefunden wurden. Doch direkt danach sorgt sie sich schon um
ihren geliebten Partner.

Sie sieht, wie bestürzt er ist. Sie fühlt, wie er sich zurück zieht. Sie weiß nicht, wie sie ihm helfen kann.

Auch sie greift nun zu einem – in der Frauenwelt – bewährten Verhaltensmuster zurück: Sie möchte reden.

Sie möchte über Gefühle reden. Sie möchte wissen, was in ihrem Mann
vorgeht. Er soll sich nicht alleine fühlen, soll wissen, dass sie an
seiner Seite ist.

Auch er soll sich aussprechen können, seiner Traurigkeit Ausdruck verleihen und sich den Schmerz von der Seele reden.

Doch er tut es nicht.

Das verunsichert sie zunehmend. Sie fühlt sich von seiner Welt ausgeschlossen. Wieso redet er nicht mit ihr? Hat er Geheminisse? Was geht in ihm vor? Sie sorgt sich und bekommt Angst:

„Entfernen wir uns voneinander?“

Wie es weiter geht

Die allermeisten Paare entfernen sich nicht grundlegend voneinander.
Sie leben ihre Krisenmomente nur anders aus, um anschliessend wieder
aufeinander zuzugehen und den weiteren Weg miteinander beschreiten zu
können.

Die Liebe kommt selten abhanden – es scheint eher das Gegenteil zu sein. Viele Paare berichten später: „Die Krise hat uns zusammengeschweisst“.

In der Kinderwunschzeit trennen sich prozentual nicht mehr Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch, als Paare mit einem erfüllten Kinderwunsch.

Frauen trennen sich in der Regel nicht von ihrem Mann, weil er
zeugungsunfähig ist. Ebenso wenig trennen sich Männer von Frauen, wenn
sie nicht empfangen können.

Dafür braucht es andere Gründe, die neu hinzukommen und die Beziehung schwer belasten. Oder sie waren vorher schon existent und zeigen sich nun in vollem Ausmaß.

Es gibt keine Schuld

Es gibt keine Schuld und es macht ebenso wenig Sinn, die Schuldfrage im Falle einer Kinderlosigkeit zu diskutieren.

Sei es die Sitzheizung im Auto, die unter Verruf geraten ist. Oder das Feierabend-Bier, die Zigaretten, die Radtouren, die Fehlernährung, die Handystrahlung, Saunagänge oder der Stress im Allgemeinen.

Wir wissen um die schädlichen Einflüsse im Leben und es macht sicherlich Sinn, diese Frage generell einmal für sich zu beleuchten. Denn sie hat für das gesamte Leben Relevanz.

Sie „nur“ auf den Kinderwunsch zu reduzieren, bringt keinen Schritt weiter und führt auch zu keiner endgültigen Antwort.

Empfehlung

So schwierig es im ersten Moment auch erscheinen mag: Wer die
Verhaltensweisen des Partners versteht, kann leichter mit ihnen umgehen.

Es ist in der Tat ein Balance-Akt heraus zu finden, wann man auf jemanden zugehen sollte und wann man sich besser zurück hält.

Am einfachsten ist es, mit ehrlichem Interesse zu fragen:

„Was brauchst Du im Moment?“

Es ist wichtig, die nun folgende Antwort und vielleicht auch den Wunsch nach Rückzug zu respektieren. Es geht hier um das vertrauensvolle Aushalten der Situation.

Es gibt Frauen, die können diese Situation aber kaum aushalten. Auch das ist völlig normal und verständlich.

In diesem Fall sollte eine dritte Person ins Vertrauen gezogen werden. Das könnte ein nahe stehendes Familienmitglied sein, eine sehr gute Freundin oder eine ganz neutrale Person.

Eine neutrale Person könnte jemand sein, der eine gezielte Gesprächsberatung
anbietet und sich mit der Thematik auskennt. So muss man nicht erst lange erklären, sondern kann zügig und effizient in die Beratung einsteigen.

Dafür bedarf es nicht unbedingt einer 10-stündigen Therapiesitzung – oftmals reichen wenige Termine aus, um die Gefühls- und Gedankenwelt soweit zu stabilisieren, dass man alleine weiter gehen kann.

Wichtig ist es, sich selbst nicht im Strudel zu verlieren und vorwärts zu schauen.

So kann aus einer Diagnose eine Prognose werden: Für ein liebevolles und kraftvolles gemeinsames Leben.

Dieser Beitrag ist bereits auf Ilkas Blog erschienen.

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