Foto: Adobe Stock

Zum Thema Liebe

Mutterliebe – Väterliebe. Wenn man mit kinderlosen Frauen über Mütter spricht, kommt das Thema oft auf die Frage: „Warum macht sie das?“ „Warum verkauft sie sich beruflich so unter wert?“ „Warum lässt sie sich das von ihrem Mann bieten?“ „Warum gibt sie sich so auf?“ „Was ist nur aus ihr geworden?“

 

Ja, ich weiß, es ist hart. Zuzugucken, wie die selbstbewusste, intelligente, zuvor so starke und emanzipierte Freundin plötzlich dem Mann aufs Land hinterher zieht, den Job aufgibt, um erstmal zuhause bei den Kindern zu sein, Spaß am Haushalt entwickelt, anfängt zu nähen und schließlich für ein paar Stunden unter ihrem Niveau arbeitet, einfach, damit sie mal wieder raus kommt!

„Es ist nicht gleichberechtigt!“, schimpfen die kinderlosen Freundinnen, „Es ist nicht emanzipiert!“ „Moment“, wird die junge Mutter sagen, „was heißt schon gleichberechtigt? Was heißt schon emanzipiert? Heißt emanzipiert nicht, dass ich selbst entscheiden darf, wie ich leben will? Egal, was am Ende dabei herauskommt? Heißt es nicht, dass ich mich aus vorgegebenen Rollen lösen darf und damit auch aus euren? Heißt es nicht einfach nur, dass mein Partner und ich auf Augenhöhe entscheiden, wer was macht und die Offenheit behalten, dieses Modell jederzeit zu überdenken?“

Mir ist natürlich klar, dass dieses Gespräch auf Augenhöhe eine Illusion ist. Denn wenn es um das „richtige Leben“ als Familie geht, spielen unsere Erziehung, verinnerlichte patriarchale Werte und gesellschaftliche Strukturen eine große Rolle. Natürlich ist die individuelle Entscheidung, er geht arbeiten, sie bleibt erstmal zuhause und steigt dann in Teilzeit wieder ein, keine individuelle Entscheidung, es ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Die Entscheidung einer Gesellschaft und einer Politik, die dies für das beste, das lebenswerteste Modell hält und entsprechend durchsetzt. In dem dieses Modell am meisten politisch gefördert wird, in dem uns gesellschaftlich gespiegelt wird, dass dieses Modell am anerkanntesten ist, weil ich mich für dieses Modell nicht rechtfertigen und nichts erklären muss und weil Mann und Frau eingeredet wird, dass dieses Modell sie am glücklichsten macht. Natürlich muss das überwunden werden. Natürlich muss wirkliche Handlungsfreiheit hergestellt werden. Natürlich muss eine Situation geschaffen werden, in der Mann und Frau wirklich frei entscheiden können, wie sie leben wollen, welches Modell sie als Familie fahren wollen und ob sie überhaupt irgendein Modell leben wollen oder einfach nur ihren eigenen, diesmal wirklich individuellen Weg gehen.

Aber solange das nicht Realität ist, liebe Frauen, vor allem alle Frauen ohne Kinder, hört auf Mütter zu bewerten, sie unter Druck zu setzen, über sie zu reden, dass sie ihr Potential, ihre Werte, ihr ganzes Sein verraten. Denn ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwer es ist, sich mit Kindern gegen die gängigen Erwartungen zu stemmen. In dem Moment, in dem der kleine Wurm auf die Welt kommt, ist erstmal alles andere egal, die Emanzipation ist egal, man selbst ist egal, alles ist egal – das einzige, was noch wichtig ist, ist dieses Kind, dieses wundervolle Wesen, dieses Wunder, dass unter Schmerzen geboren wurde, es soll immer glücklich sein, es soll ihm an nichts fehlen, man will es beschützen, behüten, lieben. Jeden Tag seines Lebens soll es sich gewiss sein, dass es wundervoll ist, geliebt wird, dass es niemanden gibt, der wertvoller ist als er oder sie!

Diese Gefühle finde ich natürlich und schön. Was damit gemacht wird, ist schlimm. Denn diese natürliche Mutter- und natürlich auch Vaterliebe, die alles übersteigt, was es jemals gegeben hat, was man jemals gefühlt hat, dieses stärkste aller Gefühle wird missbraucht. Es wird von den Menschen missbraucht, die ihre eigenen Ideologie von der perfekten Gesellschaft umsetzen wollen, es wird von der Wirtschaft missbraucht, es wird selbst von Ärzten und Pädagogen missbraucht.

Uns wird vermittelt, dass wichtigste für ein Kind ist die enge Bindung zur Mutter. Soweit gehe ich ja noch mit, klar ist das in den ersten Tagen das wichtigste, der Säugling war ja neun Monate in ihrem Bauch, im Gegensatz zum Vater kennt er sie schon. Soweit gehe ich mit, in den ersten Tagen gehört der Säugling mehrheitlich auf ihren Arm, um ihren Herzschlag zu fühlen, ihren Atem zu spüren, den Rhythmus ihres Körpers, den es schon so gut kennt und der ihm die Sicherheit gibt, dass es auf dieser komischen, kalten, lauten Welt einen Ort der Ruhe und der Erholung gibt. Aber das heißt natürlich nicht, dass der Vater das Kind nicht kennenlernen soll, das heißt natürlich nicht, dass er es nicht beruhigen kann, das heißt nicht, dass der Vater in den ersten Wochen nichts machen kann, dass der Vater zuhause nicht wichtig wäre und das heißt ganz besonders nicht, dass die Mutter ein-zwei-drei Jahre zuhause bleiben muss, während der Vater nach maximal zwei Monaten Elternzeit wieder Vollzeit arbeitet.

Uns wird eingeredet, was unsere Kinder alles an materiellen Dingen brauchen, um glücklich zu sein. Uns wird eingeredet, dass Kinder in einem Haus aufwachsen müssen, mit Garten, um glücklich zu sein. Natürlich wollen wir, das unser Kind glücklich wird, also kaufen wir, je nach Typ, mehr oder weniger von dem, was Kinder anscheinend brauchen. Das kostet Geld! Geld muss verdient werden. Da das Kind die Mutter ja so dringend braucht, geht der Vater arbeiten, und da Kinder unglaublich viel brauchen, muss er mehr arbeiten, als er das vielleicht wollte, ja sogar mehr, als er vorher gearbeitet hat. Aber die Trennung von dem Baby, fünf Tage die Woche, 8-10 oder sogar 12 Stunden am Tag, das schmerzt, das tut unglaublich weh. Es bricht einem das Herz, es ist ein Verlust, der einen derart peinigt, dass man ihn nicht aushält, also muss man sich emotional abgrenzen. Abgrenzen von diesem kleinen Wurm, den man doch für alle Zeit lieben wollte, mit ganzem Herzen.

Das Kind spürt die Distanz vom Vater sofort, es kriegt Panik, ohne die Liebe der Eltern kann es nicht überleben, es schreit, es schreit stundenlang. Der Vater macht, was er immer gemacht hat, er trägt das Kind, er singt, er flüstert ihm beruhigende Worte ins Ohr, nur die Distanz kann er nicht abstellen, denn morgen, in nur 10 Stunden, muss er den kleinen Wurm wieder verlassen, dann muss er leistungsstark sein, da kann er nicht schwach sein. So bleibt ihm nichts anderes übrig, er gibt das Kind zur Mutter, nur sie kann es beruhigen, nur sie hat noch diese enge Bindung zum Kind, nur sie kann die Symbiose zulassen, auf die der kleine Säugling so angewiesen ist.

Der Mann erkennt, er kann nicht viel tun, er kann emotional für das Kind nicht da sein. Es ist, wie alle es ihm gesagt haben, so wie ihm sein Vater seine eigene Abwesenheit erklärt hat, so wie es überall steht, es stimmt anscheinend. Nur die Mutter hat die emotionale Bindung, das Kind möchte nur die Mutter. Er hatte gehofft, es würde nicht stimmen, er wollte ein besserer Vater sein als sein eigener Vater, er wollte nachts aufstehen, er wollte das Kind halten, er wollte alles tun. Aber er erkennt, das einzige, was er tun kann, ist die Familie, die er sich doch so gewünscht hat, die er so liebt, finanziell zu unterstützen. Und er beschließt, ihnen allen so seine Liebe zu zeigen, in dem er ihnen alles ermöglicht, was sie sich wünschen, was sie brauchen. Er wird hart arbeiten, er wird es zu etwas bringen, er wird ihnen alles ermöglichen. Und damit er leistungsfähig ist, damit das klappt, ist er, nur vorübergehend, aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen, damit er nachts vom aufwachenden Baby nicht gestört wird. Gestern hatte er es nur einmal auf dem Arm, zum Wickeln, es hat ihn angelächelt, Engelslächeln nur, aber wen interessiert das? Er hat es nicht gesehen, er war gedanklich bei der Arbeit, Geld verdienen, für seine Liebsten! Für ein Baby, das gar nicht weiß, was das ist, ein Baby, das doch nur seine Liebe braucht, aber nicht kriegt, weil den Männern eingeredet wird, ihre Liebe wäre nichts wert!

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.