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72 Stunden Saudi-Arabien – Eine junge Elite auf dem Weg in die Zukunft

Unsere Community-Autorin Anne hat drei Tage in Saudi-Arabien verbracht. Zurückgereist ist sie mit einer großen Portion Bewunderung für ein Land, das im Aufbruch ist.

 

Beginn einer Reise

Um 5.35 Uhr befinden wir uns im Landeanflug auf Riad, der Hauptstadt des Königreichs Saudi-Arabien. Ein letztes Mal schwankt die Maschine hin und her, dann setzen wir auf. Jetzt gibt es kein Zurück, wir sind da. In einem Land, das ich bisher eigentlich nur aus den Medien kenne. Und über das ich schon so viel Schreckliches gelesen habe.

Ich ziehe meine Abaya an und streife mir den Hijab über den Kopf. Penibel achte ich darauf, dass auch ja keine Haarsträhne herausguckt. Fast automatisch senke ich den Blick. Jetzt bloß nicht auffallen. Mein Chef und meine (männlichen) Kollegen gucken mich amüsiert an. Ich atme tief durch, strecke den Rücken durch und steige aus dem Flugzeug.

Was würde Alice Schwarzer tun?

Zwei Wochen zuvor hatte mein Chef mich angerufen. „Wollen Sie mit nach Saudi-Arabien?“ – „Klar!“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Natürlich wollte ich mit nach Saudi-Arabien….oder vielleicht doch lieber nicht?

Interessant waren die Reaktionen meiner KollegInnen. „Wie kannst Du in so ein Land fahren? Du müsstest ein Zeichen setzen und hier bleiben“. Ach ja? Wer würde dieses Zeichen wahrnehmen? Tue ich der Frauenbewegung wirklich einen Gefallen, wenn ich bei einer so wichtigen Dienstreise zuhause bleibe? Und: Sollte ich mir so eine Erfahrung entgehen lassen? Genagt haben diese Fragen trotzdem an mir. Bis zum Schluss war ich mir unsicher, was das Richtige wäre. Was würde Alice Schwarzer tun? Seufz.

Ich entschied mich dafür, dass sie auf eine solche Gelegenheit nicht verzichten würde. Deshalb stand ich also nun hier, in der „Women Lane“ am Flughafen Riad, um Pass und Visum kontrollieren zu lassen. Und an mir vorbei rauschten Frauen ohne Kopftuch. Seid ihr verrückt?, fuhr es mir durch den Kopf. Später erfuhr ich, dass die Abaya Pflicht, das Kopftuch aber nicht zwingend ist. Wer hätte das gedacht.

Gott sei Dank dürfen Frauen bald Auto fahren

Draußen werden wir von unserem Fahrer abgeholt, der mir sofort freundlich die Hand entgegen streckt und uns im Anschluss durch den mörderischen Verkehr
Riads manövriert. Auf den Straßen herrscht ein heilloses Verkehrschaos. Man
sieht, was passiert, wenn Männer den Verkehr dominieren. Sobald Frauen ab dem nächsten Jahr Auto fahren dürfen, werden sie hoffentlich für Ordnung sorgen.

Auf der Fahrt kamen wir an unzähligen Bildern des Königs und des Kronprinzen Mohammed bin Salman vorbei. Später erfuhren wir, dass insbesondere die junge Generation dem Kronprinzen zutraut, das Land positiv zu verändern. Aber dazu später. Was ich nirgends sah: die berüchtigte Religionspolizei.

Oxford, Yale, Sorbonne…  ich war an der Uni Münster

Nach dem schnellen Check-in im Hotel geht es an die Arbeit. Leicht übermüdet zwar, aber doch voller Neugier. Ab da finden wir uns in einem Marathon von Meetings und Arbeitssessions wieder, die erst in der Nacht endeten. Gemeinsam mit jungen Saudis sprechen wir über anstehende Entscheidungen und Projekte, die im Rahmen der Reformagenda „Vision 2030“ anstehen.

Unsere Projektpartner sind junge, extrem gut ausgebildete Männer und Frauen. Ihre Studienjahre haben sie im europäischen und amerikanischen Ausland verbracht. Sie haben in Oxford, Yale und an der Sorbonne studiert und sprechen ein makelloses Englisch. Tja, ich selbst war an der WWU Münster. Mein Englisch ist okay, trotzdem komme ich mir reichlich „under-educated“ vor. Männer und Frauen gehen ungezwungen miteinander um. Man arbeitet zusammen, man scherzt zusammen und isst zusammen. Sollten wir nicht nach Geschlechtern getrennt sein? Sowas hatte ich doch gelesen.

Wie kann man so viel arbeiten?

Besonders beeindruckt bin ich von dem Durchhaltevermögen dieser jungen Saudis. Sie arbeiten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Trotzdem sind
sie hellwach, blitzgescheit und haben dabei auch noch gute Laune. „Was treibt euch an?“ Ihre Antwort ist ebenso klar wie berührend: „Wir wollen dabei mithelfen, unser Land zu verändern.“ Und dafür arbeiten sie auch gerne 24/7.

Dabei unterstützen sie einen jungen Kronprinzen, der weiß, was diese Generation will und braucht. Und der den Wandel konsequent vorantreibt, ohne
die Stabilität des Landes zu gefährden.

Saudi-Arabien ist mehr als Kopftuch und Koran

Zu diesem Zeitpunkt, als wir bereits zwei Tage non-stop mit unseren saudischen Kollegen über Projekten brüten, habe ich mein Bauchweh und meine Sorgen vollkommen vergessen. Ich war mit einem Koffer voller Vorurteile und falscher Annahmen angereist. Stück für Stück wurden mir diese abgenommen.

Saudi-Arabien hat noch einen weiten Weg vor sich. Darüber könnte ich auch schreiben. Aber das machen andere schon genug. Ich möchte stattdessen eine andere Seite Saudi-Arabiens zeigen. Denn Saudi-Arabien ist fremd, aber fröhlich. Die Menschen sind mitunter konservativ, aber eben auch klug und kreativ. Frauen sind nicht gleichberechtigt, aber sie gehen mit großen Schritten voran und erkämpfen sich ihre Rechte. Dabei sollten wir sie unterstützen. Auch wenn es nicht unser Kampf ist. 

Nach 72 Stunden gehe ich wieder an Bord unseres Fliegers. Im Gepäck diesmal eine große Portion Bewunderung für dieses Land und seine junge Elite. Zuhause angekommen falle ich ins Bett und schlafe knapp 24 Stunden am Stück. Die Reise hat mich doch müde gemacht. Während ich noch schlafe, arbeiten unsere Partner in Saudi-Arabien bereits weiter. An der Zukunft ihres Landes. 

Titelbild: Depositphotos

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