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Wir sind ja noch jung

Der 30. Geburstag wurde als eine Art Wende- und Nachdenkpunkt von der Gesellschaft auserkoren. Wieso eigentlich?

 

Der 30. Geburtstag

„Wir sind ja noch jung“, ruft Sofia mir schwankend vom Dachrand aus zu, und für einen Moment fürchte ich, dass das ihre letzten Worte sein werden. Wir sind ja noch jung. Gibt schlimmere letzte Worte. Zum Beispiel: „Nein, das ist bruchsicheres Glas.“ Oder: „Und das Seil hält mich wirklich?“ Solche Dinge eben. Aber hey, was sollen die Todesgedanken? Unter uns tobt das Leben.

Eine fulminante Party zu Sofias Ehren. Sofia ist gerade 30 geworden, also heute. Sie hat im Vorhinein versucht, nicht zu viel in ihren 30. Geburtstag hineinzuinterpretieren, aber das ist schwierig, wenn man im Supermarkt regelmäßig an Grußkarten vorbeiläuft, auf denen (apropos Todesgedanken) Dinge stehen wie: „30! (K)ein Grund, von der Klippe zu springen!“ Oder: „30 Jahre … deine Torte ähnelt einem Fackelzug … sich von einer Party zu erholen, dauert immer länger … beim Joggen pfeift dir keiner mehr hinterher.“ Oder auch: „30. Jetzt ist Schluss mit lustig! Am besten du lässt dich einbuddeln!“ Oder schlichtweg, aber fast am schlimmsten: „Gut drauf mit 30.“ „Gut drauf mit 30“ impliziert, dass das eine Leistung ist. Wie? Du bist 30 und noch gut drauf? Hut ab! Respekt! Wie machst du das nur? Denn mit 30 sollte man docheigentlich deprimiert sein oder wenigstens irgendwo unzufrieden und verbittert in einer Ecke stehen. Weil man kein Baby hat. Oder die Karriere nicht da angekommen ist, wo sie jetzt sein sollte. Weil man immer noch die Eltern anpumpen muss, wenn man einen neuen Laptop kaufen will. Und vor allem, weil einem beim Joggen niemand mehr hinterherpfeift! Weil man faltig, alt und/oder bierbäuchig ist. Und, das Schlimmste, weil man erwachsen genug ist, all diese Dinge zu erkennen.

30 Gründe aufgezählt, warum es toll ist, 30 zu werden?

Sofia scheint die fiesen Geburtstagskarten wie einen schlechten Kalauer des politischen Aschermittwochs abgeschüttelt zu haben. Zumindest sieht sie in ihrem apricotfarbenen Plisséerock und der dunkelblauen Schluppenbluse so wundervoll aus wie nie zuvor.

Sie schwankt vom Dachrand auf mich zu. Natürlich ist sie nicht mehr ganz nüchtern, aber das hat nichts mit ihrem 30. zu tun. Sofia ist auf keiner Party ganz nüchtern, es sei denn, es handelt sich um eine extrem schlechte Party, auf der es nur extrem billigen Alkohol gibt. „Ich habe gestern diesen französischen Film gesehen, und auf einmal wurde mir klar, dass ich noch jung bin. Und der ganze Stress ist von mir abgefallen.“ Diese Theorie überrascht mich nun doch. Ich frage nach. Sofia rollt die Augen und erklärt, wie immer lebhaft mit ihren langen, schmalen Fingern gestikulierend, was sie meint: In dem Film „Die schönen Tage“ geht die Mittsechzigerin Fanny Ardant erst in Rente und dann mit einem verkifften, sehr viel jüngeren Computerkurs-Lehrer ins Bett. „Und wie sie da so mit ihrem jungen Typen im Bett liegt, sieht sie total sexy und gar nicht unnatürlich aus. Nicht faltig oder eklig, sondern einfach richtig.« Manchmal kann es so einfach sein. So wie die Szene in Woody Allens „Matchpoint“, wo Scarlett Johanssons Speckröllchen wohl Tausende Frauen beruhigt haben, dass es okay ist, nicht wie Gisele Bündchen auszusehen.

Das ist ja sehr oberflächlich, mag mancher Leser jetzt denken. Vielleicht, aber egal ob Schlankheitswahn oder Bindungsdruck, im Endeffekt werden wir durch das, was man uns als richtig und gut präsentiert, unter Druck gesetzt. Warum glauben Frauen, dass Heiratsanträge ihnen Tränen in die Augen treiben müssen? Hollywood! Und warum glauben Männer, dass sie große, protzige Kisten fahren müssen? Hollywood.

Mit 30 denken wir übers Leben nach

Und die Welt hat den 30. zu dem Zeitpunkt auserkoren, an dem überprüft werden muss, wie man sich im Vergleich zu den Hauptfiguren von „Schlaflos in Seattle“ und den in der Persil-Werbung aufgebauten Erwartungen schlägt. Der 30. ist so ein Meilenstein, zu dem alle und jeder eine Meinung haben. Da werden in Frauenzeitschriften 30 Gründe aufgezählt, warum es toll ist, 30 zu werden (wie wäre es mal mit 20 Gründen, warum es nicht toll ist, 20 zu sein?), und ganze Lieder und Filme werden dem mit Stirnrunzeln erwarteten Ereignis gewidmet.

Bei Amazon findet man sogar einen „Ü-30-Krankheiten“-Ratgeber. Die Zwanziger, da zweifelt niemand dran, sind die spaßigen Zeiten angenehmer Verantwortungslosigkeit. Die zehn Jahre, in denen einem alle Türen offen stehen und man selbst, wenn man mal durch die falsche Pforte gegangen ist, fest davon ausgehen kann, dass dahinter noch tausend weitere Türen warten. Die Vierziger und alles, was folgt, sind Zeiten, in denen man sich dann schon gefunden hat. In denen man weiß, wer man ist und was man will. Die Kinder sind bekommen, und die Karriere plätschert wie ein zufriedener Schokobrunnen vor sich hin.´

Entscheiden die 30er alles?

Aber die Dreißiger. Oh, die Dreißiger. Diese zehn Jahre, in denen sich alles entscheidet. In denen falsch durchschrittene Pforten zu Belastungen werden, die sich nicht so einfach abwerfen lassen. Diese Jahre, in denen man jetzt aber wirklich mal was reißen muss, beruflich und privat, weil kaum jemand einen 45-Jährigen ernst nimmt, der sich noch einmal neu erfinden will. Zu gegeben, es gibt genügend Studien, die belegen, dass Frauen angeblich schon mit 29 anfangen, sich alt zu fühlen, während dieses Gefühl bei Männern erst eintritt, wenn sie tatsächlich älter und so um die 60 sind.

Die physische Komponente ist bei Frauen einfach stärker ausgeprägt, sei es aufgrund von Tradition, Erziehung, Interessen oder sonst was. Und während man es Männern lange Zeit durchgehen lässt, sich wie kleine Jungs zu benehmen, wird von Frauen ab einem gewissen Alter Vernunft und vor allem Contenance erwartet. Aber vielleicht liegt genau da das Problem beider Geschlechter: Wir lassen uns zu sehr von Erwartungen beirren. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir unser Mindset, also unsere Einstellungen, Methoden und schlussendlich auch Verhaltensweisen, einfach nicht an die 30 anpassen? Wenn wir weiterhin glauben, dass alles möglich ist und uns alle Türen offen stehen? Dass alles immer besser wird und das ganze Leben noch vor uns liegt (was es ja mit30 de facto noch tut, wenn man sich die Lebenserwartung anschaut, mit der wir gesegnet oder verflucht sind)?

Wer will mit 30 schon wirklich irgendwo angekommen?

Shirli hat mir neulich ihre Theorie über den beruflichen Erfolg israelischer Männer nahegebracht. Sie glaubt, die meisten israelischen Männer hätten wegen ihrer besonderen Lebensläufe – mindestens drei Jahre Militär, dann ein Jahr Reisen, dann Studium, dann beruflicher Findungsprozess – erst mit Mitte 40 überhaupt eine reelle Chance auf beruflichen Erfolg. Irgendwie macht das für uns alle Sinn. Es dürfte ja unbestritten sein, dass das Erwachsenwerden bei uns alles etwas länger dauert. Egal ob in Israel oder nicht. Das Studium und dann die Jahre der unverbindlichen Arbeitsverhältnisse, die Abhängigkeit von den Eltern und der echte, tiefe Wunsch nach Bindung – das Erwachsenwerden passiert nicht mehr von 16 bis 20.

Warum also sollte immer noch diese antiquierte 30er-Marke als Meilenstein gelten? Die meisten von uns haben das instinktiv schon begriffen. Deswegen wird der 30. Geburtstag wie der 25. gefeiert. In Clubs, Bars und nicht mit einem Brunch in den eigenen, hochdekorierten Wänden. Sofia zum Beispiel hat eigentlich alles richtig gemacht. Sie gab nicht sonderlich viel aus, weil ihr Konto wieder mal im tiefroten Minus war, sondern lud in eine hippe Bar ein. Auf ihrer Party trafen ganze sieben Exfreunde und Liebschaften aufeinander, und gegen zwei Uhr nachts waren alle rotzbesoffen.

Wer will mit 30 schon wirklich irgendwo angekommen sein? Wo geht man dann noch hin, wenn man ankommt? Nein, wir stellen einfach unsere eigenen Regeln auf und leben nach neuen Maßstäben. Vielleicht sind wir nicht die Bilderbucherwachsenen. Diejenigen, die vor Verantwortungsbewusstsein und Planungsstreben nur so strotzen. Und wir wissen vielleicht auch nicht immer, wo es genau langgeht, aber wir haben längst begriffen, dass der Weg das Ziel ist. Und wir glauben fest daran, dass wir da schon irgendwie hinkommen. Und so lange tanzen wir einfach weiter.

„Einfach weitertanzen“ – das Buch

Auszug aus dem Buch: Einfach weitertanzen. Von der Kunst, erwachsen zu werden von Katharina Höftmann. Das E-Book gibt es hier.

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