Foto: Flickr – Metropolico.org – CC BY-SA 2.0

Warum die AfD ein Phänomen ist, das dringend eine Alternative braucht

Am kommenden Sonntag wird in drei Bundesländern gewählt. Die Werte für die AfD sind längst im zweistelligen Bereich. Und dabei ist diese Partei nur ein Beispiel für die aktuellen Bewegungen in Europa und den USA. Aber woher kommt diese plötzliche Stärke? Und wo führt sie hin?

 

Parteien, die Angst schüren

In nicht einmal einer Woche ist Superwahltag – in drei Bundesländern wird gewählt. Auch in meinem Heimat-Bundesland: Sachsen-Anhalt. Und die Prognosen lassen mein Herz erstarren: 20 Prozent sind möglich für die AfD. „Alternative für Deutschland“ nennt sich diese Partei.  Doch was für eine Alternative soll das sein? Rassismus, Menschenhass, Polemik ohne Lösungsansatz. Von Politik ist ohnehin nicht zu sprechen, denn die AfD und Gruppierungen wie Pegida haben nur eines im Blick: die Angst der Bevölkerung. War es im letzten Jahr vor allem die Griechenlandkrise, die Sorge um geplünderte Bankkonten und wirtschaftliche Einbrüche, so geht es jetzt um die vermeintliche Sicherheit im eigenen Land. Ein Trend, der leider nicht nur in Deutschland greift.

Gerade erst hat Donald Trump, Milliardär und Präsidentschaftskandidat in den USA, am Super Tuesday die meisten Bundesstaaten für sich gewinnen können. Nun ist ein Video aufgetaucht, in dem er seine Anhängerschaft in Florida auffordert, ihren rechten Arm in die Höhe zu strecken und einen Eid auf auf ihn, seine Ideologie und seinen Wahlerfolg zu schwören. Szenen, die man sich nach 1945 nicht mehr vorstellen wollte, werden plötzlich wieder Realität. Warum passiert so etwas? Warum haben solche Bewegungen wieder eine Chance? Sie haben eine Chance, weil wir Angst haben. Vor allem, dass nicht zu einhundert Prozent uns selbst entspricht, vor allem, was wir gerade nicht greifen können.

Vor wenigen Tagen war ich in meiner Heimat Halle an der Saale. Man läuft über den vollen Marktplatz, Stände mit Früchten und Gemüse, Fisch, Fleisch, Blumen – bedient wird man von Deutschen, Türken, Asiaten. Ich treffe alte Schulfreunde, die hier geblieben sind, die ihre Kinder hier aufziehen und die das junge Gesicht dieser Stadt sind. Wie selbstverständlich mischt sich hier alles. Menschen wirken gelassen. Und doch werden sich vermutlich 20 Prozent von ihnen am Sonntag für die AfD entscheiden. Ohne darüber nachzudenken, was kommen wird. Denn was folgt nach der Hetze auf Griechenland, nach dem Hass gegen Syrer und Muslime? Noch mehr Hass? Zum Beispiel gegen die besserverdienenden Deutschen, gegen Menschen, die mehr als ein Kind haben wie es lange Zeit in China üblich war, gegen Katzenliebhaber, um die Verachtung von einzelnen Personengruppen auf die Spitze zu treiben.

Wie sieht die Antwort aus?

Erst gestern fragte mich ein Freund in der Debatte um AfD und Trump: „Wenn du einen roten Knopf hättest und damit Donald Trump auslöschen könntest, würdest du ihn drücken?“ Tatsächlich fällt mir – einer Pazifistin wie aus dem Bilderbuch, die Gewalt verabscheut und sich selbst bei den leichtesten verbalen Entgleisungen Vorwürfe macht – die Antwort nicht ganz leicht. Man denke an Stauffenberg: Heute wird er gefeiert als mutiger Held, der versucht hat, Hitler zu stoppen. Ein Held, der alles dafür gegeben hat, das Übel an der vermeintlichen Wurzel zu packen. Und dennoch würde ich mich jederzeit gegen die Todesstrafe stellen und das Recht einer anderen Person das Leben zu nehmen. Denn wer bin ich, darüber zu richten. Und sind einzelne Personen das Übel oder sind wir es nicht vielmehr selbst, als Gesellschaft?

Eines steht fest: Das Potenzial für Gewalt steckt in jedem von uns. Angestachelt durch das Gefühl der Ungerechtigkeit gegen sich selbst oder andere handeln wir irrational. Und gerade jetzt scheint diese Stimmung extremer denn je. In alle Richtungen – für und gegen Pegida, Flüchtlinge, Europa. In Deutschland, Frankreich, Ungarn. Dabei sollten wir keine Angst vor Menschen wie Donald Trump oder Frauke Petry haben, aber wir sollten vehementer aufstehen, gegen Ideologien, die uns alle einschränken werden, um den Raum für die zu verkleinern, die die Freiheit und Menschenrechte in Gefahr bringen.

Wir haben diesen Menschenhass doch hinter uns: In Jerusalem hängen sechs große Davidsterne für die sechs Millionen ermordeten Juden im zweiten Weltkrieg als Mahnung. Ich möchte in 30 Jahren keine sechs Sichelmonde mit Stern in Mekka hängen sehen. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die sich bewusst ist, dass das Drücken eines roten Knopfes nichts bringen wird, nein, sogar nicht einmal als Gedankenspiel herhalten darf, weil es immer Gruppen geben wird, die ihr eigenes Streben nach Macht vor das Wohl aller stellen. Ich will in einer Gesellschaft leben, die versteht, dass alles, was wir haben, wir selbst sind. Wir können immer nur gemeinsam als Menschen – nicht als Deutsche, Syrer, Griechen oder Amerikaner, als Juden, Christen, Muslime oder Buddhisten – diese Welt gestalten.

Mein Wunsch für den kommenden Wahlsonntag: ein rasches Aufwachen. Meine Vermutung: Ein schmerzhafter Weg, der uns wieder einmal zeigen wird, dass Hass ein schlechter Kompass ist, um Menschen Freiheit, Zufriedenheit und Sicherheit zu schenken.

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