Foto: Stephanie Füssenich

Kathrin Hartmann: „Grünes und nachhaltiges Wachstum ist eine Illusion“

Die Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann rechnet in ihrem neuen Buch mit all jenen ab, die mit ihrer Botschaft einer „Green Economy“ die Mittelschicht einlullen wollen.

 

Ende der Märchenstunde

Kathrin Hartmann schreibt seit Jahren über unbequeme Themen, die viele von uns gern verdrängen würden: „Ende der Märchenstunde“ hieß ihr erstes Buch und handelte davon, wie die Industrie Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt. 2012 erschien  „Wie müssen leider draußen bleiben“, eine Analyse neuer Formen der Armut in unserer Konsumgesellschaft. Nun hat sie ihr drittes Buch veröffentlicht: „Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Sie bloggt auf Ende der Märchenstunde, dort  gibt es auch ein Video zu sehen, in dem sie von den Recherchen zu ihrem neuen Buch erzählt, die sie unter anderem nach Bangladesch und Indonesien führten.

Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Kapitel 

Grünes Wachstum – Weltrettung oder „Amoklauf gegen die Natur?“

Die
nebelnassen Bäume werfen ihre letzten Blätter von den schwarzen
Ästen, ihre Kronen sind im dichten grauen Dunst verborgen. Auch der
riesige, düstere Klotz hinter den Bäumen verschwindet fast im
Nebel: Die Glasfassade des Maritim-Hotels am Düsseldorfer Flughafen
wirkt stumpf und bleiern. Es ist unwirtlich und kalt an diesem
tristen Novembermorgen. Doch drinnen, im Saal Düsseldorf, wo sich
mehr als tausend Gäste versammelt haben, da wird es gleich leuchten
und strahlen.

Ram-tam-tam-ta-ram-tam-ta-ram-tam
… Eben saßen noch einige zusammengesunken auf ihren Stühlen und
versuchten, das Muster auf dem Teppichboden zu entwirren. Doch als
das beschwingte Dreizehn-Sekunden-Intro von Coldplays Superhit
„Viva La Vida“ durch d
en
Raum schallt, sind die Gäste wie auf Kommando gut gelaunt und
hellwach, sie strahlen und klatschen, als würden sie dafür
bezahlt.

Es
ist der Deutsche Nachhaltigkeitstag. Und der ist für die Industrie
wie ein vorgezogenes Weihnachtsfest. An diesem 22. November 2013 wird
in Düsseldorf zum sechsten Mal der Deutsche Nachhaltigkeitspreis
verliehen. Deutsche Unternehmen, ihre Verbände,
Forschungseinrichtungen, der Rat für nachhaltige Entwicklung und
die deutsche Bundesregierung vergeben diesen Nachhaltigkeitspreis
für, wenig überraschend, „Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit“
an, noch weniger überraschend, deutsche Unternehmen, „die
vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und
Schonung der Umwelt verbinden“, sowie an Kommunen, Forschung und
internationale Popstars.

Keine Ökos mit ungewaschenen Haaren

Stefan
Schulze-Hausmann tritt ins Rampenlicht. Der Rechtsanwalt und
ehemalige TV-Moderator („neues“, „nano“, 3Sat) hat den Preis
2008 initiiert. „Nachhaltigkeit ist ein Mega- Thema“, ruft
Schulze-Hausmann, „die Zahl der Unternehmen, die krass ignorant
sind, sinkt beständig.“ Die Gäste applaudieren begeistert. Kein
Wunder, sie applaudieren sich schließlich selbst, und sich selbst
finden sie gut.

Denn
da in Düsseldorf im Saal Düsseldorf sitzen keine Ökos mit
langen, ungewaschenen Haaren, sondern Männer in Anzügen und Frauen
in Kostümen. Viele sind Unternehmensvertreter, und sie
repräsentieren die deutsche Industrie von A bis Z: von Allianz,
Bayer, BMW, Coca- Cola, Danone, Frosta, Henkel, Lufthansa, Rewe,
Siemens und Unilever bis zur Zehnder Group, dazu Vertreter von
Verbänden wie dem Deutschen Markenverband, dem Handelsverband, dem
Gesamtverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie und dem
Deutschen Tourismusverband.

Schulze-Hausmann
schwärmt von einem „Familientreffen der Nachhaltigkeit“. Auch
für mich ist es ein Wiedersehen mit – guten? – na ja,
jedenfalls mit alten Bekannten: Einige von ihnen habe ich schon
interviewt, nämlich die Vertreter von Unternehmen, zwischen deren
proklamiertem „grünem Engagement“ und den tatsächlichen
Auswirkungen ihres Kerngeschäfts eine Lücke so groß wie der
Marianengraben klafft.

„Die
Industrie versucht, sich zu engagieren, da lernen alle. Das ist ein
Prozess, den müssen wir gestalten.“ Das hat mir, obwohl solche
Formulierungen zum Standardrepertoire der Industrie gehören, ein
Nachhaltigkeitsmanager von Henkel erklärt. Der deutsche
Chemiekonzern hat als einer der ersten 2008 den Deutschen
Nachhaltigkeitspreis bekommen und ist, wie Coca Cola, Rewe, Siemens
und der Deutsche Markenverband, einer der Sponsoren des Events. Man
würde nicht sofort draufkommen, dass Henkel ein Ökounternehmen
ist. Drum braucht es auch die Teilnahme am Nachhaltigkeitspreis. Was
man dem Chemiekonzern lassen muss, der mit 2,2 Millionen
Megawattstunden so viel Energie verbraucht wie eine mittlere
Großstadt: Er kämpft wirklich engagiert. Zum Beispiel gegen den
Ausstieg aus der Atomenergie und für die Kohlekraft, Seit’ an
Seit’ mit den großen Stromkonzernen. Aber nun, man kann nicht
alles haben, und Henkel stellt ja gleichzeitig einen Kleber her, der
beim Zusammenkleben von Windturbinen eingesetzt wird, und das hält
der Konzern für einen „wichtigen Beitrag zu erneuerbaren
Energien“. Für Henkel, so erklärt Nachhaltigkeitsmanger Uwe
Bergmann später auf dem Podium, „hat Nachhaltigkeit mit Business
zu tun“. Und da hat Henkel beste Gesellschaft: auch BASF, Bayer,
C&A, General Electrics, Otto, Puma, Siemens, die Axel Springer AG
und Volkswagen sind Träger des Weltrettungspreises. Der deutsche
Supermarkt-Gigant Rewe hat ihn gleich vier Mal bekommen.

Die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen

Aber
derartige Widersprüche werden auf dem Deutschen Nachhaltigkeitstag
nicht kritisiert. Im Gegenteil: Sie werden zelebriert.
„Verantwortliches Handeln“, lautet die Parole, helfe nicht nur
dabei, „soziale und ökologische Probleme im globalen oder lokalen
Maßstab zu lösen“, sondern könne auch „Profitabilität und
Wettbewerbsfähigkeit erhöhen“.

Jetzt
zeigt Günther Bachmann, der Generalsekretär des Rats für
nachhaltige Entwicklung, ein Filmchen über das gut gelaunte
Öko-Deutschland: Windräder im Sonnenuntergang, Elektroautos und
Menschen im Supermarkt. Ein Unternehmer sagt, „Nachhaltigkeit
bedeutet, die Schere zu schließen zwischen Ökonomie und Ökologie“.
Lauter tolle Ideen werden präsentiert: Stofffasern aus Milch,
Fahrräder aus Holz, Tomaten in einem urbanen Gewächshaus, gedüngt
mit dem Abwasser aus Fischtanks, und „Wurst mit Gesicht“, für
die sich der Konsument per Mausklick im Internet selbst ein
„glückliches Schwein“ aussuchen kann, das dafür abgestochen
wird. Menschen halten Schilder mit Buchstaben in die Luft, die den
Satz „Jeder entscheidet“ ergeben.

„Mal
ehrlich, jeder von uns könnte mehr für die nachhaltige Entwicklung
tun, beim Einkaufen, beim Reisen, auch beim Geldanlegen“, sagt
Bachmann in eine Kamera. Alle, die hierhergekommen sind, wollen etwas
tun, und sei es nur, sich selbst und allen, die es hören wollen, zu
versichern, wie „,Sustainability made in Germany’ erfolgreich den
Herausforderungen der Nachhaltigkeit begegnen und gleichzeitig
Wettbewerbschancen eröffnen kann“.

Na
freilich: Wenn Klima- und Umweltschutz „Wachstumsförderer“ sind,
dann sind dementsprechend klarerweise die Unternehmen selbst die
„Problemlöser“. Das sogenannte „Drei-Säulen-Modell“ der
Nachhaltigkeit, in dem wirtschaftliche, ökologische und soziale
Ansprüche gleichrangig berücksichtigt werden müssten und
einander bedingen, findet breiten Zuspruch und wird auch von der
Politik beglaubigt – obwohl es schlicht eine Erfindung der
Wirtschaft ist, genauer des Verbands der Chemischen Industrie, der
diese „Theorie“ in die Enquete-Kommission des Deutschen
Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“ eingebracht hat.

Ram-tam-tam-ta-ram-tam-ta-ram-tam
… Nach jedem Auftritt fegt das Intro der Stadionhymne von Coldplay
über die Bühne, als wäre wieder ein Tor für Umwelt und Klima
gefallen. Deutschland – ein Spätherbstmärchen der Nachhaltigkeit.
Ich warte nur darauf, dass der freundliche grüne Riese aus der
RWE-Werbung kommt, den Unternehmern Windrädchen auf den Kopf steckt
und ihnen ein grünes Mäntelchen aus Rollrasen umhängt.

„I
used to rule the world. Seas would rise when I gave the word“: sehr
im Kontrast zur freundlich beschwingten Melodie handelt der
Coldplay-Song von einem paranoiden Herrscher, der seine Macht
verloren hat. Genauso verbirgt sich hinter dem dick aufgetragenen
Optimismus, dem dröhnenden Hurra-Patriotismus, der
„Macher“-Inszenierung samt ihrer abgeschmackten Hauruck-Parolen,
wie sich „Deutschland im globalen grünen Wettrennen bewähren“
soll, eigentlich nur die tiefe Sorge der deutschen Wirtschaft, dass
ihre Profite und ihr grenzenloser Wachstumsdrang durch so etwas
unangenehmes wie Klimaschutz gebremst werden könnten. Lieber eignet
man sich die Kritik an, schreibt sich selbst dick „Umweltschutz“
auf die Fahnen und produziert ordentlich Wind, damit diese Fahnen
auch schön flattern. Es passt, dass ausgerechnet die
„Klimakanzlerin“ Angela Merkel gleich drei Mal Schirmherrin
dieser Veranstaltung war.

Neue Kohlekraftwerke trotz Energiewende

„Once
you’re gone you’re gone, there was never, never an honest word.
And that was when I ruled the world.“ Tatsächlich sieht die Bilanz
des „Vorreiters“ in Sachen „Nachhaltigkeitsexzellenz “ so
aus: Zwischen 2004 und 2012 hat Deutschland den Transport von Waren
mit dem Flugzeug, dem mit Abstand klimaschädlichsten
Fortbewegungsmittel, um mehr als 50 Prozent gesteigert. Der Export
der deutschen Industrie ist zwischen 2007 und 2013 von 35 auf 43
Prozent gestiegen, parallel dazu natürlich auch der CO2-Ausstoß.
Zugleich importiert Deutschland Agrarprodukte und andere
Verbrauchsgüter, deren Herstellung mit knapp 80 Millionen Hektar
mehr als das Doppelte der gesamten Fläche Deutschlands benötigen.
Die Deutschen essen mit 60 Kilo pro Kopf und Jahr
überdurchschnittlich viel Fleisch. Trotz Energiewende werden
weitere Kohlekraftwerke gebaut, die die CO2-Einsparung durch
erneuerbare Energie zunichte machen. Niemand in Europa hat so viele
Autos wie wir Deutschen: Auf 1.000 Einwohner kommen 530 PKW, jeder
fünfte neu angemeldete ist ein SUV. Kein Land trennt so besessen
seinen Abfall wie wir – was nichts daran ändert, dass wir auch mit
am meisten Müll in Europa produzieren, nämlich 453 Kilo pro Kopf
und Jahr. Außerdem steigen immer mehr Deutsche ins Flugzeug, und die
meisten Vielflieger finden sich, welche Ironie: ausgerechnet unter
den Wählern der Grünen.

Doch
mit der hässlichen Realität hält sich der Deutsche
Nachhaltigkeitstag nicht auf. Er schaut in eine grüne Zukunft, in
der der brummende Motor der Konjunktur auch noch gut sein soll für
Umwelt und Klima. Die Zauberformel heißt: Green Economy.

Hinter
dem Schlagwort verbirgt sich die Idee, Wachstum und Naturverbrauch
mit Hilfe neuer Technologien zu „entkoppeln“ – und die Theorie,
dass dieses Entkoppeln so funktioniert, als wären die guten und die
schlechten Effekte des Kapitalismus wie Lokomotive und Waggon, die
man mit den richtigen Handgriffen einfach voneinander trennen könnte.
Diese „dritte industrielle Revolution“ soll Schäden aber nicht
nur vermeiden, sondern sogar beheben – mit Elektroautos, Solar- und
Windkraftanlagen, Pflanzentreibstoffen, effizienten Kraftwerken,
CO2-Speicherung, Landwirtschaft auf Hochhausdächern,
Nachhaltigkeitszertifikaten für Problemrohstoffe, Aufforstung von
Schutzgebieten, Emissionshandel, Biotechnologie und Grüner
Gentechnik.

Strategien für nachhaltige Entwicklung? Alle gescheitert

2008,
im selben Jahr, als der Deutsche Nachhaltigkeitspreis gegründet
wurde, veröffentlichte das Umweltprogramm der Vereinten Nation
(UNEP) den „Green Economy Report“. Demgemäß soll durch eine
grüne Wirtschaft „das menschliche Wohlergehen gesteigert und
soziale Gleichheit sichergestellt“ werden, „während gleichzeitig
Umweltrisiken und die Knappheit ökologischer Ressourcen
berücksichtigt werden“. Dieser Gedanke wurde 2012 auch auf der
Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung in
Rio verhandelt, nachdem schon alle Strategien nachhaltiger
Entwicklung gescheitert waren. Schließlich griff die Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das neue
Wirtschaftsparadigma auf und propagierte ein grünes Wachstum mit
neuen „grünen“ Märkten und Sektoren“. Die Europäische Union
entsann 2010 einen Plan für nachhaltiges Wachstum, und auch die
Bundesregierung hat das „Leitbild der Green Economy als
international wettbewerbsfähige, umwelt- und sozialverträgliche
Wirtschaft“ übernommen.

Glaubt
man den Aposteln der Ökotechnik, so dauert es nicht mehr lange, bis
man ohne schlechtes Gewissen zum Wochenendeinkauf nach New York
jetten kann, um dort recycelte Designerturnschuhe zu kaufen. Das Geld
dafür könnte aus Investitionen in „Klimawälder“ in armen
Ländern stammen, das Flugzeug mit nachwachsender Energie aus Algen
fliegen, und die Bezüge der Flugzeugsitze könnten essbar sein. Man
wird sie nicht mehr wegwerfen müssen, sondern kann sie zu
Industrieessen recyceln und, mit Vitaminen angereichert, zum Beispiel
den Armen servieren –
samt
gentechnisch verändertem Beilagensalat, der einen Impfstoff gegen
Tropenkrankheiten enthält. Der Armut glücklich entronnen, werden
auch die qua Geburt Unterprivilegierten endlich in der Lage sein, mit
Elektroautos aus ihren Hüttendörfern hinauszubrummen, die eh bloß
Plantagen für nachwachsende Rohstoffe den Platz wegnehmen, hinein
in die nachhaltige Wohnanlage aus Passivhäusern
mit Solarstrom.

Diese
schöne grüne Sciencefiction stammt nicht etwa aus „Daniel
Düsentriebs Geheimnotizen“.

Es sind Visionen Grüner-Technik-Apologeten wie sie etwa der
Popstar des grünen Wachstums, Michael Braungart, hat. Letzterer,
Verfahrenstechniker und Leiter des Hamburger Umweltinstituts, hat mit
dem US-amerikanischen Designer William McDonough das
„Cradle-to-Cradle“- Prinzip erfunden, demzufolge alle Produkte
wieder vollständig in den Stoffkreislauf zurückkehren sollen. 600
Produkte hat Braungart entwickelt – darunter auch die oben
genannten essbaren Flugzeugsitzbezüge.

Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft

Braungart
ist ein gern gesehener Interviewpartner und Veranstaltungsgast, denn
er verbreitet die ersehnte frohe Botschaft unter den westlichen
Mittel- und Oberschichten: Wirtschaftliches Wachstum, überbordender
Konsum und Verschwendung sind nicht nur völlig unproblematisch,
sondern sogar gut für die Welt – solange sie mittels technischer
Innovationen nur „intelligent “ gemacht sind.
„Intelligente Verschwendung. Auf dem Weg in eine neue
Überflussgesellschaft“
heißt
Braungarts jüngstes Buch.

Allerdings
ist die Green Economy kein alternatives Wirtschaftssystem, sondern
lediglich ein grün schimmernder Kapitalismus, der weiterhin
bestimmt ist von Wachstum und Wettbewerb und den Profitinteressen der
Industrie – also das ökonomische Wunderding der eierlegenden
Wollmilchsau. Aber auch ein grünes Wachstum braucht Energie und
Ressourcen. Eine „Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch“
wird es in einer Welt die ja immer noch nach thermodynamischen
Gesetzen funktioniert, genauso wenig geben wie das Perpetuum mobile:
Zerstörung der Natur, Plünderung von Ressourcen, Ausbeutung und
Armut sind unvermeidbar auch die Grundlagen des grünen Wachstums.

Alle
Versuche, destruktive Techniken und Rohstoffe durch „nachhaltigere“
zu ersetzen, sind aber, wie ich in diesem Buch an mehreren Beispielen
zeigen werde, krachend gescheitert oder haben die Probleme sogar noch
verschärft: Die Herstellung von Elektroautos, von Windrädern und
Solarzellen benötigt riesige Mengen Seltener Erden und
Konfliktrohstoffe, die aus Kriegsgebieten beschafft werden oder
Indigenen das Land rauben, weil sie sich unter ihrer regenbewaldeten
Erde befinden. Die fatale Idee, Lebensmittel zur Energiegewinnung zu
verbrennen, hat den Hunger noch verschärft. Für die nächste Idee,
„Energiepflanzen“ wie beispielsweise Ölpalmen zu kultivieren,
ist in Südostasien der Regenwald gigantischen Palmölplantagen
gewichen. Die „zweite Generation“ nachhaltiger Kraftstoffe, zum
Beispiel aus künstlicher Photosynthese, auf der jetzt die große
neue Hoffnung liegt, befindet sich im Laborstadium. Welche Folgen ihr
Einsatz haben wird, wird man ebenfalls erst feststellen, wenn Schäden
bereits entstanden sind. Aber dann wird den Menschen wieder etwas
Neues, noch Tolleres einfallen. Davon jedenfalls sind die grünen
Technikoptimisten fest überzeugt.

Ist nicht Wachstum selbst das Problem?

Berlin,
das Büro von Ralf Fücks. Der Vorstand der Heinrich- Böll-Stiftung
war einer der ersten „Realos“ der Grünen und gilt als Vordenker
einer rot-grünen Regierung. Und er ist, im Gegensatz zu anderen
Vertretern der Heinrich-Böll-Stiftung, ein glühender Anhänger der
Green Economy.
„Intelligent wachsen. Die Grüne Revolution“ he
ißt
sein Werk, in dem er der „autoritären Tugendherrschaft“ der
Umweltschützer etwas entgegensetzen will: nämlich die positive
„ökologische Transformation des Kapitalismus“ mittels
Technologie und Effizienz. Fücks vertritt die Theorie des
Anthropozäns, jenes Zeitabschnitts also, in dem der Mensch zum
wichtigsten Einflussfaktor der biologischen, geologischen und
atmosphärischen Prozesse auf der Erde wurde, weswegen er auch fähig
sei, die daraus resultierenden Probleme mit neuer Technik in den
Griff bekommen. „Das hat die Zivilisation trotz aller Katastrophen
getragen“, schwärmt Fücks. Auf meinen Einwand, dass dies aber
immer wieder zu neuen Problem führt, sagt er leicht gereizt:
„Niemand kann garantieren, dass Innovationen auch funktionieren.
Man muss Fehlentwicklungen möglichst rasch korrigieren und aus
Erfahrungen lernen. “ Aber sollte man nicht viel eher aus der
Erfahrung lernen, dass Wachstum selbst das Problem ist, und dazu
Alternativen finden? Zack, fährt der „Öko-Optimist“ aus der
Haut: „Wie wollen Sie denn einen globalen Wachstumsstopp
implementieren? Das halte ich für so was von menschenfeindlich! Die
Menschen würden Ihnen den Vogel zeigen und sagen, ihr habt die
Party hundert Jahre gefeiert, und wir sollen jetzt auf die Segnungen
des Fortschritts verzichten?“

Dieses
Argument habe ich auf meiner Reise durch die Green Economy in den
Ländern des Südens nie gehört, jedenfalls nicht von den
Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Merkwürdig, dass auf einmal
Konsumexzesse nach westlichem Vorbild in sogenannten Schwellen- und
Entwicklungsländern als Menschenrecht verteidigt werden, während es
weiter hingenommen wird, dass verbriefte Menschenrechte dort zu jeder
Sekunde mit Füßen getreten werden: Der Zugang zu
überlebenswichtigen Ressourcen wird den Menschen im Süden genauso
vorenthalten wie die Realisierung ihrer Vorstellung von einem guten
und gerechten Leben. Denn in Wahrheit ist es ja genau andersherum:
Mit unserem westlichen Wachstums- und Wohlstandsmodell schreiben wir
ihnen exakt vor, wie sie zu leben haben, weil sie nämlich die Folgen
unseres Handelns ausbaden müssen. Ethik und Verantwortung werden
mit der Utopie des grünen Wachstums in ihr Gegenteil verkehrt. Denn
es gibt eben kein Recht auf einen Lebensstil, der anderen schadet.

Aus: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren“, Blessing Verlag, 31. August 2015, 448 Seiten, 18,99 Euro.

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