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Chancengleichheit? Die aktuellen BAföG-Sätze reichen nicht mal für die Miete

Die Suche nach bezahlbaren Wohnungen gleicht in vielen Städten der nach der Nadel im Heuhaufen. Unrealistische BAföG-Bedarfssätze erhöhen den Druck auf Studierende und könnten den Unibesuch (immer mehr) zum Luxus verkommen lassen.

 

Die Schlucht zwischen Mieten und BAföG-Bedarfssätzen

Egal an welcher Uni und in welcher Stadt, mit einem Smalltalk-Thema sichert man sich sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden: Sobald die Tücken der Wohnungssuche angesprochen werden, scheint jeder eine Horrorgeschichte beisteuern zu können. Selbst in kleineren Städten wird der Wohnraum immer teurer, erniedrigende WG-Castings und Massenbesichtigungen mit bis zu 20 anderen Menschen tun ihr Übriges. Die Wohnungssituation ist für viele Studenten ein sensibles Thema.

Eine Studie des Moses Mendelssohn Instituts hat nun ergeben, dass deutsche Studenten durchschnittlich 353 Euro Miete für ein WG-Zimmer zahlen. Ein Betrag, der so manchem Großstädter geradezu günstig vorkommen mag. Denn wer in Hamburg, Berlin oder Frankfurt studiert, zahlt im Durchschnitt gerne 400 bis 450 Euro Miete für ein Zimmer. Am schlimmsten ist die Situation übrigens in München, wo die durchschnittliche Zimmermiete bei 570 Euro liegt. So fallen einige Studienstandorte bei der Uniwahl direkt aus finanziellen Gründen weg. „Na gut“, wird vielleicht jemand sagen, dessen Leben sich seit Jahren außerhalb des Unikosmos abspielt, „wenn man das Geld nicht hat, um so viel Miete zu zahlen, beantragt man eben BAföG.“

Überholte Zahlen

Schade nur, dass die Mietbeträge mit den Bedarfssätzen des BAföG-Amts so gar nicht einhergehen. Obwohl letztes Jahr noch groß verkündet wurde, dass eine Erhöhung der BAföG-Sätze um sieben Prozent „mehr Geld für mehr Studierende“ bedeute, liegt der „Bedarf für die Unterkunft“ aktuell bei 250 Euro pro Monat. Und das auch nur für die Empfänger des BAföG-Höchstsatzes. 52 Prozent der BAfög-beziehenden Studierenden erhalten weniger. Ein geradezu ironisch niedriger Betrag, wenn man bedenkt, dass in nur fünf der 93 (!) Unistädte die Durchschnittsmiete für ein WG-Zimmer unter 250 Euro beträgt.

Man fragt sich, wie solche realitätsfernen Beträge überhaupt zustande kommen. Eigentlich sollen diese alle zwei Jahre von der Bundesregierung überprüft und justiert werden, damit die „Entwicklung der Einkommensverhältnisse und der Vermögensbildung, [die] Veränderungen der Lebenshaltungskosten sowie [die]
finanzwirtschaftlichen Entwicklung“ miteinbezogen werden können, so Paragraph 35 des BAföG. In der Realität spürt man davon wenig. Der hart umkämpfte Wohnraum in Großstädten und damit einhergehende Gentrifizierung treiben die Mieten jedes Jahr weiter in die Höhe, die vor zwei Jahren eingeführte Mietpreisbremse ändert wenig daran.

Verständnislose Eltern

Diese verschobene Wahrnehmung bezüglich der Mietsituation zeigt sich auch bei so manchen Eltern, die ihre Kinder finanziell unterstützen. „Du suchst einfach nicht genug. Das kann doch nicht wahr sein, ich habe damals 80 Mark für mein  Zimmer bezahlt!“ Ja, vor 30 Jahren. Wer die eigenen Wohnheimpreise als Referenz nimmt, um heutige Wohnungskosten zu kritisieren, walzt damit noch mehr Druck auf ohnehin schon dauergestresste Wohnungssuchende ab.

Natürlich kann man sich über die Mietpreise in Großstädten im Allgemeinen auslassen, keine Frage. Wer seinen Unmut allerdings an den Leidtragenden auslässt, hilft damit niemandem. Dem einen oder anderen sei in so einem Fall dazu geraten, sich mal wieder den Anstieg der Mieten in den vergangenen Jahren zu vergegenwärtigen. Es hat nichts mit Faulheit zu tun, wenn man in Hamburg kein WG-Zimmer für 250 Euro findet.

Studieren darf kein Luxus sein!

Dazu kommen Professoren mit tollen Ratschlägen wie: „Von einem Nebenjob parallel zum Studium würde ich Ihnen abraten. Sie sollten ihre ganze Energie ihrem Studium widmen können.“ So großartige, realitätsferne Tipps bauen zusätzlichen Druck auf: wer nebenbei jobbt, nimmt das Studium nicht ernst
und sollte sich über seine Prioritäten klarwerden. Anstatt auf Verständnis treffen Studierende auf Verwunderung, wenn sie Univeranstaltungen außerhalb der regulären Zeiten verpassen. Die Leistungen müssen stimmen, ob man parallel arbeitet ist nicht von Belang. Die Regelstudienzeit muss schließlich
eingehalten werden, sonst könnte einem nämlich das wenige BAföG auch noch
gestrichen werden.

Es gibt Studiengänge, die so aufwändig sind, dass sie keinen Nebenjob zulassen. Umso schlimmer, heißt es doch im Rückschluss, dass ein Studium zum Luxus verkommt. Nur Studenten deren Eltern sie – im Zweifelsfall zusätzlich zum BAföG – unterstützen, hätten die Möglichkeit, die Uni zu besuchen. Andere Auswege bietet höchstens ein Studentenkredit oder ein Studium aus dem eigenen Kinderzimmer.

Chancengleichheit darf nicht an der Wohnungssuche scheitern

Am härtesten treffen die unrealistischen BAföG-Sätze Studierende aus finanziell schwachen Familien, die ohnehin schon einen geringen Anteil der Immatrikulierten machen. Nur ein Viertel der Kinder aus nicht-akademischen Haushalten geht an die Uni. Je schwieriger es wird von den BAföG-Sätzen zu leben, desto weniger werden es.

Dabei ist das Ziel nicht, dass alle Schulabgänger anfangen zu studieren. Auch mit einer Lehre oder Ausbildung kann man erfolgreich sein und Karriere machen. Trotzdem dürfen nicht ausreichenden BAföG-Zahlungen und zu hohen Mieten in einer Bildungsnation wie Deutschland kein Hindernis für chancengleiche Bildung darstellen. Jede Person, unabhängig von der Herkunft oder dem Einkommen der Eltern, sollte die Möglichkeit haben, eine Universität zu besuchen, sich weiterzubilden und eine akademische Laufbahn anzustreben. Ein Gesetz, dass Bildungsgerchtigkeit garantieren soll, darf keine Hürde bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium sein.

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