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Generation Beziehungsunfähig? Na danke, Michael Nast!

Der Autor Michael Nast hat den Begriff der „Generation Beziehungsunfähig“ ins Leben gerufen – und hat damit vielen aus dem Herzen gesprochen. Doch unsere Communityautorin Julia kann den Hype um diesen Mann nicht nachvollziehen.

 

Michael Nast: Wirklich ein Sprachrohr unserer Generation?

Seit gut einem Jahr geistert, nein paradiert ein Berliner „Jungautor“ mit seinem Text „Generation Beziehungsunfähig“, in dem er darüber schreibt, wie eine ganze Generation sich einfach nicht festlegen will und ständig nur um sich selbst kreist, durch soziale Medien und Hörsäle der Republik. Auch auf Partys oder beim Kaffee ist er Gegenstand lebhafter Diskussionen. Die Rede ist von Michael Nast.

Und mit seinem Text hat er ein Monster erschaffen, das muss man ihm lassen: aus der Rolle des „Sprachrohrs seiner Generation“, wie er nun allerorts bezeichnet wird, kommt er nicht mehr so schnell heraus. Aber das, wie sich mir auch angesichts seiner anderen geistigen Ergüsse aufdrängt, will er auch überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, Herr Nast, oder Michael wie ich den „Jungautor“ hier mal ganz frech und jovial nennen möchte, surft die Welle des Erfolgs souverän und wohlkalkuliert. Geradezu „kokett“ wie die häufige Verwendung von Suggestivfragen und Understatement eindrucksvoll zeigt.

Aus meiner Einleitung erkennt der geneigte Leser sicher, dass ich mich der Begeisterung um seine Person nicht ganz anschließen kann. Aber das hat auch einen ganz bestimmten Grund – denn wie gehaltvoll ist seine Idee von unserer Generation wirklich?

Ein Text der es auf den Punkt bringt?

Als ich den Text zur Generation der Liebesunfähigen zum ersten Mal las, schickte ich ihn direkt meinem Freund: „Schau mal, das stimmt eigentlich, kein Wunder, dass so viele daran scheitern“. Müde lächelten wir und waren mal wieder höchst selbstzufrieden.

Während meiner Zeit in Berlin las ich den Text jedoch noch einmal. Ich dachte nun intensiver darüber nach, was der Inhalt über die Person aussagt  – und über diejenigen, die sich damit identifizieren.

Ich erkannte darin nun nicht mehr die selbstkritische und brillante Analyse von verkorksten Beziehungen und der bitteren Süße des Singlelebens bis ins tiefe Erwachsenenalter. Stattdessen offenbarte sich die narzisstische und weit verbreitete Selbsteinschätzung des 40-jährigen „Jungautoren“, der sein Singledasein verklärte und in jedem Absatz einmal tief zu seufzen schien.

Eine trotzige Verklärung der eigenen Selbstverliebtheit

Allerdings nicht aus echter Frustration, nein er erkannte für sich, dass schlicht noch nicht „die Richtige“ dabei gewesen sei. Tenor des Textes war im Grunde nämlich schlicht folgender: „Uns wurde immer gesagt wir sind was Besonderes, deswegen erwarten wir für uns auch immer das „Besonderste“ und sind nicht bereit Kompromisse zu machen, bevor nicht das Optimum vor uns steht.“

Finde den Fehler lieber Leser, lieber Michael.

Wer davon ausgeht, dass er sich Dank seiner verkorksten Erziehung nicht ändern kann, für sich immer nur das Beste beansprucht und drunter keine Erfüllung findet, der ist mit gutem Grund allein. Wobei ich hier gerne betonen möchte, dass ein glückliches Leben mitnichten eine Beziehung braucht, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Die Erwartung mehr zu verdienen als man zu geben bereit ist

„Generation Beziehungsunfähig“ ist nichts weiter als eine melancholische Nabelschau der eigenen Bequemlichkeit und überzogener Erwartungen. Ein Grund dafür, dass die Ehen unserer Großeltern häufiger hielten als die unseren – das liegt mit Sicherheit nicht nur im ungünstigen Scheidungsrecht der damaligen Zeit.

Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass Opa und Oma früher nicht per Definition vermittelt bekamen etwas Besonderes zu sein. Im Gegenteil, in der Kriegs- und Nachkriegszeit waren Kinder einfach da und hatten ihren Beitrag zum Funktionieren der Familie zu leisten. Selbst in den wohlhabendsten Familien war der Erstgeborene nur in zweiter Linie der kleine Prinz. Er musste in der Regel am härtesten Arbeiten um seinem Status gerecht zu werden. Zuneigung und Lob? Gab es nicht umsonst, das musste sich mit außergewöhnlicher Anstrengung verdient werden.

Umsonst gab es höchstens die Tracht Prügel bei schlechtem Benehmen.

Warum die Ehen der Großeltern immer noch halten

Der einzige Mensch der Opa also bedingungslos zur Seite stand war Oma, nur für den Menschen der einen liebte war man ohne Gegenleistung etwas Besonderes. Wenn ich mir vorstelle wie exklusiv dieses Gefühl gewesen sein muss, wundert es mich nicht, dass Menschen es mitunter ein halbes Jahrhundert miteinander aushalten.

Michael Nast behauptet, dies wäre heute nicht mehr möglich. Nur die „eine“ besondere Person könnte einen Unterschied machen. Aber für Menschen wie Michael wird es diese Person erst geben, wenn sie verstehen, dass etwas nicht nur gut ist, weil es einfach ist. Bedingungslos zu geben müssen die meisten Menschen unserer Generation mühsam erlernen. Das kommt auch nicht einfach so, nur weil man gerade verliebt ist. Menschen die erwarten, dass die Liebe immer leicht ist und sonst keine wäre, halten emotional betrachtet nur noch die Hand auf. Schieben das Scheitern ihrer Beziehungen auf „es hat halt nicht funktioniert“, statt auf ihre überzogenen Erwartungen. Paartherapeut Roland Weber spricht hierzu sehr anschaulich von den 5 Phasen der Liebe – und wenn man dieser Erörterung folgt, dann scheitern die Vertreter der Generation Beziehungsunfähig mit erschreckender Regelmäßigkeit an Phase 2. Doch warum eigentlich?

Auch wenn eine Beziehung Arbeit macht, kann es immer noch die wahre Liebe sein

Zunächst ist natürlich alles ganz toll und kein Problem scheint zu groß. Dann kommt die Ernüchterung und die Beziehung fängt an Arbeit zu machen. Die Anhänger der Generation Beziehungsunfähig glauben an diesem Punkt, dass es dann wohl doch keine Liebe war – schließlich sieht auf einmal alles grau aus und nicht mehr perfekt. Die Beziehung scheitert, aber es liegt nicht an der Person. Es liegt an dem Glauben wahres Glück gäbe es umsonst. Ein treffender Vergleich hierzu ist vermutlich die durchfeierte Nacht. Je unvergesslicher die Eskalation, desto schlimmer der Kater und der Gedanke „zu alt für den Scheiß“ zu sein. Normalerweise sieht die Welt eine Woche später schon wieder ganz anderes aus und der nächste Gin Tonic schmeckt genauso gut wie am Wochenende davor.

Wie wäre es also, einer Beziehung in der „Katerphase“ einfach mal eine Chance zu geben? Den Menschen richtig kennenzulernen und mit seinen Fehlern und Macken zu akzeptieren? Manchmal gibt es auch Fehler, die man höchstens erdulden kann. Wer immer noch an Disney glaubt, wird den Rest seines Lebens Harvey Specter (ein Charakter aus der Serie Suits) sein. Ein erfolgreicher Anwalt, der ernste Beziehungen einfach nicht auf die Kette kriegt. Sehen aber weder aus wie Harvey Specter, noch verfügen sie über die nötigen Kompensationsmittel.

Wer die Katerstimmung ertragen kann, ist nicht beziehungsunfähig

Aus meiner Lebenserfahrung mit zarten 24  Jahren kann ich euch etwas versprechen: Ertragt die Katerstimmung und ihr erlebt etwas, dass euch nicht nur in guten Zeiten das Leben versüßt; es rettet euch in schlechten Zeiten auch gerne mal den Arsch.

Für überzeugte Singles schlussfolgere ich aus der Sache: Es ist völlig Okay! Allein sein ist kein Makel, sondern kann ein Idealzustand für viele Lebenssituationen sein, für manche Menschen sogar für immer. Aber weint nicht rum noch nicht die Richtige gefunden zu haben, wenn ihr glaubt eine Beziehung sei Disneyland oder gar nicht.

PS: Ich wünsche Michael eine Frau auf Augenhöhe. Seinen Texten nach zu urteilen, befindet er sich gedanklich jedoch noch irgendwo in der 10. Klasse was Klischees und Frauen angeht. Aber vielleicht mag ich damit auch falsch liegen.

Dieser Text erschien zuerst auf Men’s Quality. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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